Willkommen in der neuen KlassikWoche,

auch wir kommen nicht am Zoff in Dresden vorbei, schicken einem Intendanten eine Flasche Rotwein und veröffentlichen exklusiv die aktuellen Forderungen von aufstehenfuerdiekunst.de. 

DER KRACH VON DRESDEN 

Intendant Peter Theiler und der Dirigent Christian Thielemann

Abonnenten dieses Newsletters haben in den letzten Monaten immer wieder (zum Teil auch sehr kritisch mit mir) die Berichterstattung über Christian Thielemann verfolgt. Wischen wir mal den Schaum vom Mund und fragen aus einer Mischung aus Besorgnis und Mitleid: „Herr Thielemann, warum engagieren Sie nicht einfach mal einen Berater? Einen Emotions-Puffer, der Sie vor den nächsten Schritten der Selbst-Dekonstruktion schützt?“ Das Schema ist ja immer das Gleiche: Wutausbruch, Selbstüberschätzung und Frontalangriff – dann die krachende Niederlage und verbrannte Erde. Berlin, München und letztes Jahr bei den Salzburger Osterfestspielen: Thielemann sorgte mit Pauken, Angriffs-Trompeten und falscher Einschätzung seines Rückhalts dafür, dass Nikolaus Bachler sich als Intendant durchsetzte.

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Nicht nur der Dirigent, sondern auch seine Kapelle haben so den lukrativen Standort Salzburg verloren (etwas lustig, dass Thielemann im mdr-Interview jetzt jeden Streit mit Bachler leugnet). Und in Bayreuth deuten inzwischen sogar Wagner-Verbände Thielemanns Verhalten als selbstzerstörerisch. Seine Streitereien mit Dirigenten-Kollegen, seine Kommentare in Zeiten der Führungslosigkeit der Festspiele – all das führte dazu, dass er den Posten des Musikdirektors derzeit nicht mehr innehat. Und Katharina Wagner bleibt auch eher vage und unkonkret, wenn sie sagt, dass die Festspiele weiterhin mit Thielemann zusammenarbeiten wollen. Monika Beer spekuliert im „Fränkischen Tag“ (Print-Ausgabe) bereits, wann das Parkplatz-Schild für den Musikdirektor von den Festspielhaus-Mauern abgeschraubt wird. 

Und nun hat Thielemann auch noch Das Desaster von Dresden“ (Manuel Brug) vom Zaun gebrochen, einen Frontal-Angriff auf seinen Intimfeind, den Intendanten Peter Theiler. Thielemann will unbedingt Strauss’ Heldenleben spielen, Theiler hat angeboten: „Vielleicht ein Stück mit kleinerer Besetzung?“ Aber der Dirigent bestand auf dem Heldenleben, und Theiler verbot kurzerhand die Proben. Er argumentierte, 100 Menschen im Orchester könne er den Leuten in Sachsen, die unter Homeoffice und Homeschooling im Lockdown leiden, nicht erklären. Inzwischen ist der Scherbenhaufen auch in Dresden perfekt: Einige Orchestermusiker der Staatskapelle wollen ihr Recht auf Arbeit vor Gericht einklagen, das Tischtuch zwischen Chefdirigent und Intendant ist zerschnitten, und der politische Rückhalt für Thielemann bröckelt. Überall nur Verlierer! Mensch, Thielemann – don’t pretend to be cool, be endlich mal cool!

INTENDANTEN ZWISCHEN AfD UND ROTWEIN   

Intendant Michael Börgerding

Die Frage ist ja legitim: Muss es denn in diesen Tagen UNBEDINGT das Heldenleben sein? Gäbe es keinen Kompromiss? Hat Theiler (und das schreibe ich nicht leichtfüßig!) nicht Recht, wenn er befürchtet, dass Dirigent und Orchester sich in Gefahr begeben, von Pegida und Corona-Protestlern vereinnahmt zu werden? Genau das ist in Wiesbaden gerade passiert. Hier will Intendant Kevin-Kai Laufenberg (Sie wissen schon!) unbedingt sofort den „Ring“ von Wagner aufführen – gegen den Willen von Orchester, Chefdirigent und Politik. Das Ergebnis: Kevin-Kai hat einen neuen „Kultur-Freund“. Ausgerechnet AfD-Mann Frank Grobe unterstützt den Intendanten und schreibt auf Facebook: „Der ‚Ring‘ und die Aufführung (…) sind zentrale Bestandteile der deutschen Kultur, deshalb ist die Position des Intendanten Laufenberg für mich absolut nachvollziehbar.“ Na dann mal: „Heil Wagner!“ Die Nerven liegen blank, Kompromisse scheinen kompliziert, aber vielleicht sind sie gerade in diesen Tagen der beste Weg zur Lösung! 

Nur eines ist für mich persönlich noch viel schlimmer als die Dickköpfigkeit von Thielemann und Laufenberg: die Haltung von Bremens Intendant Micheal Börgerding, der auf Instagram wissen ließ: „Ich denke, auch wir als Theatermenschen (…) sollten uns an den Gedanken gewöhnen, dass es im Augenblick größere Fragestellungen gibt als die Frage, wann wir wieder die Häuser öffnen.“ Übersetzt heißt das ungefähr: „Leute, mir geht es zu Hause mit meinem Rotwein ziemlich gut. So bequem wie gerade war mein Job noch nie! Und jetzt lasst mich endlich in Ruhe.“ Ich weiß, lieber Jan Böhmermann, mit dieser Haltung werde ich kein Bremen-Influencer, aber vielleicht steht der Intendant ja auch nicht für das echte feelbremen.com“. Ich möchte auf jeden Fall mal wissen, was die Leute von aufstehenfuerdiekunst.de dazu sagen würden (siehe unten). 

WIE SOLL RADIO KLINGEN?

Auch die Zukunft des Musikjournalismus war an dieser Stelle oft Thema. Diese Woche hat Frederik Hanssen einen lesenswerten Text im Tagesspiegel über die neue Seichtheit im öffentlich-rechtlichen Radio veröffentlicht. Vor allen Dingen über das Programm-Schema beim rbb und den Vormarsch der New Klassik, der Hanssen dieses Bonmot widmet: „New Classics sind das Äquivalent zum Veggieburger. Was nach Klassik klingt oder sich im Mund wie Fleisch anfühlt, ist weder das eine noch das andere. Kann aber trotzdem glücklich machen.“ Die Debatte ging sofort los, unter anderem auch (und das ist sehr anregend) bei Betroffenen. Einer unserer Lieblings-Radio-Männer, Claus Fischer, schreib auf Facebook: „Was für ein unguter polemischer Artikel, der zum Teil auch von blanker Unkenntnis des Programms geprägt ist! Erstens heißt die Welle schon seit über einem Jahr „rbb Kultur“ und nicht mehr ‚Kulturradio vom rbb’. Zweitens sind jeden Tag weiterhin sechs Stunden des Programms tagsüber rein klassisch! ‚Klassik bis zwei‘ von 10–14 Uhr ist filmmusikfreie Zone, dafür sorge auch ich mit (!) und auch „Meine Musik“ von 14–16 Uhr ist täglich rein klassisch. Dazu kommen abends nach 20 Uhr die Konzertübertragungen bzw ‑aufnahmen! Die Mischung am Morgen und Abend ist als Klassikjournalist und ‑moderator auch nicht mein Fall. Aber wem das nicht passt, der hat zu diesen Zeiten in der deutschen Radiolandschaft zwei sehr gute Ausweichmöglichkeiten, nämlich MDR Klassik und BR Klassik!

PERSONALIEN DER WOCHE

Schock in Mailand – nach der Salome-Probe fühlte sich Dirigent Zubin Mehta unwohl und wurde ins Krankenhaus gebracht, dort soll er mindestens bis Montag unter Beobachtung stehen. Alles Gute, Maestro! +++ Letzte Woche haben wir an dieser Stelle ausführlich über die Reaktionen von Musikern auf die Politik Russlands berichtet (danke für die sehr kontroversen Briefe zu diesem Thema!). Diese Woche sprach sich u.a. der Pianist Evgeny Kissin für die sofortige Freilassung von Alexei Nawalny aus. +++ Nicole Kidman hatte die Sydney-Opera mit ihrer Mutter und ihrem Mann besucht und war begeistert von der „Lustigen Witwe“. Die Familie beteiligte sich an den „standing ovations“ am Ende der Vorstellung, was einem Zuschauer hinter Kidman missfiel. Es kam zu Handgreiflichkeiten. +++ Dieser Newsletter hatte es als erstes berichtet: Ulrich Jagels wird neuer Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele – nun gab er dem Nordbayerischen Kurier ein erstes Interview und sagte: „Da musste ich nicht lange überlegen.“ Jagels ist überzeugt, dass Bayreuth 2022 wieder zum „normalen Spielbetrieb“ zurückfinden wird. +++ Der Tenor Charles Castronovo, der sich bei den Proben zu Carmen in der Wiener Staatsoper mit dem Corona-Virus angesteckt hatte, ist nach dem Krankenhausaufenthalt auf dem Wege der Besserung, schrieb seine Frau in Social-Media Kanälen. Auch die Oper wünschte ihm gute Besserung in ihrer Presseerklärung. Die Carmen wird nun am 21.2. um 20:15 auf der Seite der Staatsoper gestreamt (Piotr Beczała ist der Einspringer). +++ Letzten Samstag gab es zwei Opern-Live-Streams zur gleichen Zeit. Hier sind sie zum Nachschauen: Ein – nun ja – okayer Freischütz aus München (demnächst verfügbar) mit einer großartigen Golda Schultz (100 Minuten Podcast mit ihr hier) und einer wunderbaren Anna Prohaska (100 Minuten Podcast mit ihr hier), außerdem eine Weltklasse-Jenůfa mit Camilla Nylund (100 Minuten Podcast mit ihr hier) und einem sehr engagierten Simon Rattle aus Berlin. +++ Chick Corea ist tot. Eine Legende. Punkt. 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei Franziska Pietsch, Stephan Graf von Bothmer und Thomas Guggeis 

ANSTECKUNGSZAHLEN IN DER OPER

Diese Woche sorgten die Rechen-Modelle der TU Berlin für Aufsehen. Die Uni untersuchte die Corona-Ansteckungsraten in verschiedenen Räumen. Besonders gut schnitten dabei Theater, Opern und Museen mit einer 30-prozentigen Belegung ab. Dort liegt der Quotient der „maximal ansteckbaren Personen“ bei nur 0,5. Zum Vergleich: Im Supermarkt liegt die Zahl bei 1,0, im Fitnessstudio (30 Prozent belegt) bei 1,4, in der Schule (50 Prozent belegt) bei 2,9 und in einem großen, zu 50 Prozent ausgelasteten Büro bei 8,0. Die Risiken, sich in geschlossenen Räumen anzustecken, variieren je nach Ort sehr stark. Zahlen, die uns direkt zum nächsten Thema führen.

EXKLUSIV: AUFSTEHEN FÜR DIE KUNST – EILANTRAG VOR EINSENDUNG

Ich freue mich, dass unser kleiner Newsletter inzwischen immer öfter zum Forum für Debatten wird. Diese Woche wurde ich von den Initiatoren der Initiative aufstehenfuerdiekunst.de, von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Hansjörg Albrecht, Christian Gerhaher und Kevin Conners, angesprochen: Sie sind wütend über den Umgang der Politik mit der Kultur, über die neuen Corona-Regelungen. An dieser Stelle formulieren sie exklusiv ihre Forderungen und drohen damit, ihren Eilantrag gegen die Schließung der Kulturinstitutionen beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof einzureichen. Hier ihre Forderungen im Wortlaut:

Wir sind sehr enttäuscht von den Beschlüssen der letzten Ministerpräsident*innen-Konferenz, die keine klaren Perspektiven für die Öffnungen der Konzert- und Opernhäuser aufzeigen, obwohl mehrere wissenschaftlich begleitete Pilot-Testprojekte vorliegen, sowie aktuell das vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) erstellte »Manifest Restart«, ein praxisorientiertes, hochdifferenziertes und deutschlandweit einheitliches Konzept zur stufenweisen Öffnung der Konzertsäle und Opernhäuser – diese richtungsweisenden Studien scheinen überhaupt nicht berücksichtigt zu werden.

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Wir akzeptieren keine Koppelung der Darstellenden Künste an den Einzelhandel oder die Gastronomie, weil sie nicht ihrer verfassungsrechtlichen Stellung entsprechen. Vor allem sehen die Planungen für die Musik und Theater sogar nur Öffnungs-Szenarien nach dem Einzelhandel vor, was wir wegen des Verfassungsrangs der Künste nicht akzeptieren können. Wir fordern stattdessen konkrete Konzepte auf Basis der bestehenden wissenschaftlichen Risikoanalysen und Hygienekonzepte – statt willkürlicher, durch keinerlei wissenschaftliche Studien begründete Staffelungen, die die Darstellenden Künste zum wiederholten Male in ihrer Substanz benachteiligen. Die auf gleicher Ebene geschützten Gotteshäuser waren währenddessen durchgehend geöffnet (mit nur 1,5 m Abstand als einziger Besucherbegrenzung). Derzeit wird von der Politik der Verankerung der Kunstfreiheit im Grundgesetz nicht ausreichend Rechnung getragen. Es ist zwar zu begrüßen, daß die Kulturminister*innenkonferenz in Ihrem Papier ausdrücklich die Wiederherstellung der Kunstfreiheit gefordert hat, konkrete und das Grundgesetz berücksichtigende Handlungsvorschläge gibt es aber dessen ungeachtet nicht. Zudem wird die Bedeutung von Kunst und Kunstfreiheit in Deutschland (als speziell im Bereich der Darstellenden Künste weltweit führendem Kulturland) noch immer nicht von der Politik erkannt bzw. gewürdigt.

Der von uns gemeinsam mit der Kanzlei Raue formulierte Eilantrag beinhaltet die rechtliche Überprüfung der pauschalen Schließungen. Diesen werden wir zeitnah an den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof überstellen, falls die Politik weiterhin die Kulturinstitutionen im Vergleich zu Wirtschaft und Einzelhandel schlechter stellen sollte.“

UND WO BLEIBT DAS GUTE, HERR BRÜGGEMANN?

Hier! Diesen Link hat mir diese Woche ein Dirigent per WhatsApp geschickt – dirigieren per Fingertipp… ein wenig Spaß auch in schweren Zeiten!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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