Klassik-Woche 9/2019Kleine Männer, böse Nippel

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Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

dieses Mal geht es um ein neues Opernhaus in Düsseldorf, um Daniel Barenboim, wir feiern Bernard Haitink – und leider ist schon wieder von nackten Tatsachen die Rede, dieses Mal in München.

Zunächst aber ein etwas anderer Blick auf die Lage in Venezuela. Der Dirigent Gustavo Dudamel schafft es seit Monaten nicht, sich zu positionieren. Um kritischen Fragen zu entkommen, bedient er sich einer erstaunlichen Strategie: Angeblich hat er seine Meinung über Venezuela bereits exklusiv einem Filmprojekt versprochen – das aber lässt auf sich warten. Ich habe mal nachgeforscht, was es mit dieser Taktik auf sich hat.

Was ist?

Nippel des Anstoßes: Tannhäuser an der Bayerischen Staatsoper

Was ist eigentlich los mit unserer Klassik? Letzte Woche ging es um den, na, Sie wissen schon, Dödel von Teodor Currentzis (hier zu sehen im neuen Currentzis-Lab). Diese Woche sind es die Busen der Bayerischen Staatsoper! Genauer gesagt: die Nippel der Tannhäuser-Tänzerinnen. Facebook hat einen Ausschnitt aus der Inszenierung von Regisseur Romeo Castellucci wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gesperrt. Dabei war Castelluccis Inszenierung eigentlich ziemlich langweiliger Kitsch, aber Facebook scheint zum Medium des älteren, wutbürgerlichen Abo-Publikums zu werden. Gehen wir lieber weiter zu Twitter!

Dass Soprane nicht nur singen, sondern auch gut aussehen sollen, wissen wir schon lange. Jetzt gibt es so etwas wie Negativ-Gleichberechtigung: Der Sänger Khachatur Badalyan wurde von der Oper in Tatarstan gefeuert, weil er mit 1,70 Metern zu klein für seine Rolle in Madame Butterfly sei. Könnte Gleichberechtigung nicht auch bedeuten, dass sowohl bei Männern als auch bei Frauen zunächst einmal das A und O der Stimme zählt und nicht der BMI? 

Etwas weiter geschrumpft ist in der letzten Woche Daniel Barenboim. Nach anonymen Vorwürfen im VAN-Magazin haben sich beim BR nun erstmals Opfer seines Führungsstils gemeldet. Martin Reinhardt, heute Bassposaunist in Kopenhagen, sagt: „Ich habe die besten musikalischen Erlebnisse (…) mit Barenboim gehabt (…). Aber manchmal ist der Preis, den man dafür zahlt, einfach zu hoch.“ Der Solo-Paukist Willi Hilgers erhebt Vorwürfe, dass seine Gesundheit unter Barenboims Führungsstil gelitten hätte, und Solo-Paukist Frank Zschäbitz kritisiert, dass Barenboim es immer wieder auf einzelne Musiker abgesehen hätte: „Das ist reines Bloßstellen, da geht es mehr um die Sache, sich selbst darzustellen. Barenboim hat sich inzwischen zu den Vorwürfen geäußert und ortet eine Kampagne, durch die seine Wiederwahl in Berlin verhindert werden soll. Gegenüber dem Deutschlandfunk entschuldigt er sich mit seinem „lateinamerikanischen Blut“. Zeitgleich (einen Tag vor seinem 47. Geburtstag) stellte sich ein anderer Lateinamerikaner, Rolando Villazón, in einem Tweet an die Seite des Dirigenten. Er habe Barenboim seine Karriere, einige der schönsten Musikmomente und das Verständnis für Humanität zu verdanken. Warum ausgerechnet Menschenversteher Villazón die aktuellen Vorwürfe ausblendet? Vielleicht, weil der Tenor das gleiche Management hat wie der Dirigent? Kampagne gegen Kampagne? Wie dem auch sei: hier einer der schönsten Wutanfälle eines meckernden Maestro zum Nachhören: Arturo Toscanini.

Ach ja, Franz Welser-Möst hat mir geschrieben. Ihn haben die Spekulationen der ersten Klassik-Woche amüsiert. Dort schrieb ich, dass Welser-Möst Chef des Wiener Musikvereins werden wollte. Nun ließ er mich wissen, dass ich nicht allein mit dieser Vermutung gewesen bin. „(Nikolaus) Bachler, (Helga) Rabl-Stadler, (Ioan) Holender und, und, und haben mich seit Wochen, ja Monaten darauf angesprochen“, schrieb mir der Dirigent und erklärte: „Ich habe mich nicht beworben und habe kein Interesse, das Pult gegen einen Schreibtisch einzutauschen. Das Gerücht wurde sehr stark im Restaurant ‚Sole‘ von dessen Besitzer verbreitet. Echt Wien halt.…:-)“ Ob Welser-Möst sich beworben hat oder nicht – egal. In Wien köchelt längst wieder ein neuer Name in der Gerüchteküche. Mal sehen, ob wir nun auch Post vom Chef der Alten Oper Frankfurt, von Stephan Pauly, bekommen!

Während der Architekt der Elbphilharmonie, Yasuhisa Toyota, im Hamburger Abendblatt erklärte, dass es normal sei, wenn Zuhörer sich über die Akustik eines neuen Hauses beschweren, wird in Düsseldorf um einen Neubau der Rheinoper gestritten. Wolfram Goerz setzt sich dafür ein, groß zu denken: „Wenn das Haus weiterhin jeden Abend weit mehr als 1.000 Gäste beglücken will, bräuchte es ein Gefäß, das diese Leistungen würdigt und sie adelt.“ In Berlin wird derweil – was sonst – gebaut: Die Absperrungen vor der Berliner Philharmonie werden auch in den kommenden Wochen wohl nicht verschwinden. 

Was war

„Tatort“ Festspielhaus – gestern lief „Ein Tag wie jeder andere“ in der ARD

Florian Lutz hat das Theater in Halle modernisiert: Regisseure wie Peter Konwitschny geholt und das Haus entrümpelt. Nun wird sein Vertrag nicht verlängert. Das Befremdliche: Der Druck des reaktionären Publikums, der ominöse Brief eines Orchestervorstands, die Intrigen des Geschäftsführers Stefan Rosinski und fehlender politischer Rückhalt führten zur Trennung. Ein Verlust für Halle. Und kein gutes Zeichen für die Stadttheaterlandschaft in Deutschland. Ich habe mich mit dem Journalisten Dr. Joachim Lange über die Vorgänge in Halle unterhalten: Für ihn gab es durchaus Rückhalt für Lutz in der Bevölkerung.

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Pressekonferenz an der Semperoper in Dresden: Anna Netrebko wird ihr Rollendebüt als Elisabeth in Verdis Don Carlo geben. Regie führt Vera Nemirova, Christian Thielemann wird dirigieren. Den Tenorpart übernimmt: Yusif Eyvazov. Nicht auszudenken, wenn die Netrebko mit Heino verheiratet wäre – das würde ein Opernspaß werden!

In Russland ging derweil der Prozess um den Regisseur Kirill Serebrennikow in die nächste Runde (er inszeniert gerade den Nabucco an der Hamburger Staatsoper per USB-Stick). Frank Herold beschrieb im Tagesspiegel, wie nach anderthalb Jahren Haft für den Regisseur nun alles wieder von vorn beginnen könnte. Politik und Kultur verändern sich auch in Deutschland. Sabine am Orde hat für die taz das Verhältnis der Neuen Rechten zu unseren Theatern sehr lesenswert dokumentiert. In einem klugen Interview mit dem Tagesspiegel rechnet der Schlagzeuger Martin Grubinger mit der Rechts-Regierung seiner Heimat Österreich ab, und mit  Blick auf die Europawahl hat gerade der European Music Council getagt und dazu aufgerufen, im Mai zur Europa-Wahl zu gehen, auch, um die europäische Freiheit der Kunst zu verteidigen. 

Die Bayreuther Festspiele scheinen allmählich Spaß an der TV-Soap-Opera zum haben. Nachdem die „Sendung mit der Maus“ bereits im Festspielhaus zu Gast war, kam jetzt der „Tatort“: Gestern gab es Schüsse und Mord auf dem Grünen Hügel – und eine heimliche Hommage an das fränkische Festspiel-Dorf. Keine große, aber eine anständige Krimi-Oper, nachzusehen in der ARD-Mediathek

Eines meiner ersten Interviews führte ich, damals noch für das Opernglas, mit dem Bariton Ekkehard Wlaschiha, Bayreuths genialem Alberich. Aus der verabredeten Gesprächsstunde wurde ein ganzer Tag, wir haben gemeinsam Tennis geschaut, Duett-Zigaretten geraucht, er hat von West-Gastspielen erzählt, und auf seinem Klo hing – ganz Alberich – ein Pin-up-Kalender. Nun ist dieser großartige Sänger und Mensch gestorben – gute Reise, Ekkehard Wlaschiha. Und noch eine Große ist gestorben: die Sopranistin Hilde Zadek musste vor den Nazis nach Palästina fliehen. Sie kam zurück nach Wien und gilt als eine der größten Sängerinnen des letzten Jahrhunderts. Unvergessen ihre Aida oder ihre Marschallin –besonders auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Sie starb mit 101 Jahren.

In Wiesbaden hat das Künstlerkollektiv Le Lab Salome inszeniert. Für Ursula Böhmer vom SWR nichts als „Wohlfühltheater“, für Ingrid Freiberg eine „grausame ekelerregende, aber auch spannende Inszenierung“. Jens-Daniel Herzog hat eine neue Così in Nürnberg inszeniert. Eine „Vulgärklamotte“ mit erschreckendem Frauenbild, findet Sven Riklefs auf BR Klassik, aber „wenn etwa Julia Grüter und Amira Elmadfa als Schwesternpaar Fiordiligi und Dorabella sich leichtfüßig auf Mozarts Liebespirouetten schwingen, dann bleibt einem zumindest das Eine: Zuhören.

Was lohnt

Bernard Haitink wird 90, und der BR gratuliert mit einer großartigen CD-Box

Am 4. März feiert der Dirigent Bernard Haitink seinen 90. Geburtstag. Es lohnt quasi fast jede Aufnahme dieses Musikers, der Klugheit, Tiefe und Gewissenhaftigkeit miteinander verbindet. Egal, ob mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Concertgebouw-Orchester (Mahler!) am Royal Opera House in London oder mit dem Chamber Orchestra of Europe. Einen Rundumblick auf sein Werk bekommt man vielleicht am besten auf der neuen 11-CD-Box „Bernard Haitink. Portrait“, die BR-KLASSIK nun herausgegeben hat. 1957, mit 28 Jahren, dirigierte Haitink zum ersten Mal das Orchester des BR. Seine vor Spannung berstenden Mahler- und Bruckner-Interpretationen sind legendär. Die CD-Box mit amüsanten Texten des ehemaligen Aufnahmeleiters Wolfram Graul ist ein Zeitdokument, Spiegel eines Lebenswerkes und eine  außerordentliche musikalische Reise.

Zum Weinen schön ist das neue Album des Komponisten Christian Jost. Er hat Robert Schumanns Dichterliebe neue Töne gegeben, die der Tenor Peter Lodahl nun singt (begleitet vom Horenstein-Ensemble). Der Clou: Der gesamte Zyklus um die ganz großen Fragen des Lebens, Liebe, Wut, Sehnsucht und Tod wird auf dieser DG-Aufnahme, die in Kürze erscheint, auch von Stella Doufexis gesungen, der viel zu früh verstorbenen Frau des Komponisten. Eine musikalische Hommage an die Endlichkeit und die ewige Erinnerung. 

Auch zur letzten Klassik-Woche gab es wieder zahlreiche Zuschriften –besonders zu der Frage, ob es am Publikum, an uns Journalisten oder an den Opern- und Konzerthäusern selbst liegt, dass Musik heute so oft auf Skandale – eben auf Dödel und Busen – reduziert wird. Ich bin auch diese Woche gespannt auf Ihre Reaktionen und hoffe auf eine jugendfreie nächste Ausgabe der Klassik-Woche.

Bis dahin halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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