Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

die­ses Mal geht es um ein neu­es Opern­haus in Düs­sel­dorf, um Dani­el Baren­bo­im, wir fei­ern Ber­nard Hai­tink – und lei­der ist schon wie­der von nack­ten Tat­sa­chen die Rede, die­ses Mal in Mün­chen.

Zunächst aber ein etwas ande­rer Blick auf die Lage in Vene­zue­la. Der Diri­gent Gus­ta­vo Duda­mel schafft es seit Mona­ten nicht, sich zu posi­tio­nie­ren. Um kri­ti­schen Fra­gen zu ent­kom­men, bedient er sich einer erstaun­li­chen Stra­te­gie: Angeb­lich hat er sei­ne Mei­nung über Vene­zue­la bereits exklu­siv einem Film­pro­jekt ver­spro­chen – das aber lässt auf sich war­ten. Ich habe mal nach­ge­forscht, was es mit die­ser Tak­tik auf sich hat.

Was ist?

Nip­pel des Ansto­ßes: Tann­häu­ser an der Baye­ri­schen Staats­oper

Was ist eigent­lich los mit unse­rer Klas­sik? Letz­te Woche ging es um den, na, Sie wis­sen schon, Dödel von Teo­dor Cur­r­ent­zis (hier zu sehen im neu­en Cur­r­ent­zis-Lab). Die­se Woche sind es die Busen der Baye­ri­schen Staats­oper! Genau­er gesagt: die Nip­pel der Tann­häu­ser-Tän­ze­rin­nen. Face­book hat einen Aus­schnitt aus der Insze­nie­rung von Regis­seur Romeo Castel­luc­ci wegen Erre­gung öffent­li­chen Ärger­nis­ses gesperrt. Dabei war Castel­luc­cis Insze­nie­rung eigent­lich ziem­lich lang­wei­li­ger Kitsch, aber Face­book scheint zum Medi­um des älte­ren, wut­bür­ger­li­chen Abo-Publi­kums zu wer­den. Gehen wir lie­ber wei­ter zu Twit­ter!

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Dass Sopra­ne nicht nur sin­gen, son­dern auch gut aus­se­hen sol­len, wis­sen wir schon lan­ge. Jetzt gibt es so etwas wie Nega­tiv-Gleich­be­rech­ti­gung: Der Sän­ger Khacha­tur Bada­ly­an wur­de von der Oper in Tatar­stan gefeu­ert, weil er mit 1,70 Metern zu klein für sei­ne Rol­le in Madame But­ter­fly sei. Könn­te Gleich­be­rech­ti­gung nicht auch bedeu­ten, dass sowohl bei Män­nern als auch bei Frau­en zunächst ein­mal das A und O der Stim­me zählt und nicht der BMI

Etwas wei­ter geschrumpft ist in der letz­ten Woche Dani­el Baren­bo­im. Nach anony­men Vor­wür­fen im VAN-Maga­zin haben sich beim BR nun erst­mals Opfer sei­nes Füh­rungs­stils gemel­det. Mar­tin Rein­hardt, heu­te Bass­po­sau­nist in Kopen­ha­gen, sagt: „Ich habe die bes­ten musi­ka­li­schen Erleb­nis­se (…) mit Baren­bo­im gehabt (…). Aber manch­mal ist der Preis, den man dafür zahlt, ein­fach zu hoch.“ Der Solo-Pau­kist Wil­li Hil­gers erhebt Vor­wür­fe, dass sei­ne Gesund­heit unter Baren­bo­ims Füh­rungs­stil gelit­ten hät­te, und Solo-Pau­kist Frank Zschä­bitz kri­ti­siert, dass Baren­bo­im es immer wie­der auf ein­zel­ne Musi­ker abge­se­hen hät­te: „Das ist rei­nes Bloß­stel­len, da geht es mehr um die Sache, sich selbst dar­zu­stel­len. Baren­bo­im hat sich inzwi­schen zu den Vor­wür­fen geäu­ßert und ortet eine Kam­pa­gne, durch die sei­ne Wie­der­wahl in Ber­lin ver­hin­dert wer­den soll. Gegen­über dem Deutsch­land­funk ent­schul­digt er sich mit sei­nem „latein­ame­ri­ka­ni­schen Blut“. Zeit­gleich (einen Tag vor sei­nem 47. Geburts­tag) stell­te sich ein ande­rer Latein­ame­ri­ka­ner, Rolan­do Vil­la­zón, in einem Tweet an die Sei­te des Diri­gen­ten. Er habe Baren­bo­im sei­ne Kar­rie­re, eini­ge der schöns­ten Musik­mo­men­te und das Ver­ständ­nis für Huma­ni­tät zu ver­dan­ken. War­um aus­ge­rech­net Men­schen­ver­ste­her Vil­la­zón die aktu­el­len Vor­wür­fe aus­blen­det? Viel­leicht, weil der Tenor das glei­che Manage­ment hat wie der Diri­gent? Kam­pa­gne gegen Kam­pa­gne? Wie dem auch sei: hier einer der schöns­ten Wut­an­fäl­le eines meckern­den Maes­tro zum Nach­hö­ren: Arturo Tos­ca­ni­ni.

Ach ja, Franz Wel­ser-Möst hat mir geschrie­ben. Ihn haben die Spe­ku­la­tio­nen der ers­ten Klas­sik-Woche amü­siert. Dort schrieb ich, dass Wel­ser-Möst Chef des Wie­ner Musik­ver­eins wer­den woll­te. Nun ließ er mich wis­sen, dass ich nicht allein mit die­ser Ver­mu­tung gewe­sen bin. „(Niko­laus) Bach­ler, (Hel­ga) Rabl-Stad­ler, (Ioan) Holen­der und, und, und haben mich seit Wochen, ja Mona­ten dar­auf ange­spro­chen“, schrieb mir der Diri­gent und erklär­te: „Ich habe mich nicht bewor­ben und habe kein Inter­es­se, das Pult gegen einen Schreib­tisch ein­zu­tau­schen. Das Gerücht wur­de sehr stark im Restau­rant ‚Sole‘ von des­sen Besit­zer ver­brei­tet. Echt Wien halt.…:-)“ Ob Wel­ser-Möst sich bewor­ben hat oder nicht – egal. In Wien köchelt längst wie­der ein neu­er Name in der Gerüch­te­kü­che. Mal sehen, ob wir nun auch Post vom Chef der Alten Oper Frank­furt, von Ste­phan Pau­ly, bekom­men!

Wäh­rend der Archi­tekt der Elb­phil­har­mo­nie, Yasu­hi­sa Toyo­ta, im Ham­bur­ger Abend­blatt erklär­te, dass es nor­mal sei, wenn Zuhö­rer sich über die Akus­tik eines neu­en Hau­ses beschwe­ren, wird in Düs­sel­dorf um einen Neu­bau der Rhein­oper gestrit­ten. Wolf­ram Goerz setzt sich dafür ein, groß zu den­ken: „Wenn das Haus wei­ter­hin jeden Abend weit mehr als 1.000 Gäs­te beglü­cken will, bräuch­te es ein Gefäß, das die­se Leis­tun­gen wür­digt und sie adelt.“ In Ber­lin wird der­weil – was sonst – gebaut: Die Absper­run­gen vor der Ber­li­ner Phil­har­mo­nie wer­den auch in den kom­men­den Wochen wohl nicht ver­schwin­den. 

Was war

„Tat­ort“ Fest­spiel­haus – ges­tern lief „Ein Tag wie jeder ande­re“ in der ARD

Flo­ri­an Lutz hat das Thea­ter in Hal­le moder­ni­siert: Regis­seu­re wie Peter Kon­wit­sch­ny geholt und das Haus ent­rüm­pelt. Nun wird sein Ver­trag nicht ver­län­gert. Das Befremd­li­che: Der Druck des reak­tio­nä­ren Publi­kums, der omi­nö­se Brief eines Orches­ter­vor­stands, die Intri­gen des Geschäfts­füh­rers Ste­fan Rosin­ski und feh­len­der poli­ti­scher Rück­halt führ­ten zur Tren­nung. Ein Ver­lust für Hal­le. Und kein gutes Zei­chen für die Stadt­thea­ter­land­schaft in Deutsch­land. Ich habe mich mit dem Jour­na­lis­ten Dr. Joa­chim Lan­ge über die Vor­gän­ge in Hal­le unter­hal­ten: Für ihn gab es durch­aus Rück­halt für Lutz in der Bevöl­ke­rung.

Pres­se­kon­fe­renz an der Sem­per­oper in Dres­den: Anna Netreb­ko wird ihr Rol­len­de­büt als Eli­sa­beth in Ver­dis Don Car­lo geben. Regie führt Vera Nemi­ro­va, Chris­ti­an Thie­le­mann wird diri­gie­ren. Den Tenor­part über­nimmt: Yusif Eyva­zov. Nicht aus­zu­den­ken, wenn die Netreb­ko mit Hei­no ver­hei­ra­tet wäre – das wür­de ein Opern­spaß wer­den!

In Russ­land ging der­weil der Pro­zess um den Regis­seur Kirill Serebren­ni­kow in die nächs­te Run­de (er insze­niert gera­de den Nabuc­co an der Ham­bur­ger Staats­oper per USB-Stick). Frank Herold beschrieb im Tages­spie­gel, wie nach andert­halb Jah­ren Haft für den Regis­seur nun alles wie­der von vorn begin­nen könn­te. Poli­tik und Kul­tur ver­än­dern sich auch in Deutsch­land. Sabi­ne am Orde hat für die taz das Ver­hält­nis der Neu­en Rech­ten zu unse­ren Thea­tern sehr lesens­wert doku­men­tiert. In einem klu­gen Inter­view mit dem Tages­spie­gel rech­net der Schlag­zeu­ger Mar­tin Gru­bin­ger mit der Rechts-Regie­rung sei­ner Hei­mat Öster­reich ab, und mit  Blick auf die Euro­pa­wahl hat gera­de der European Music Coun­cil getagt und dazu auf­ge­ru­fen, im Mai zur Euro­pa-Wahl zu gehen, auch, um die euro­päi­sche Frei­heit der Kunst zu ver­tei­di­gen.    

Die Bay­reu­ther Fest­spie­le schei­nen all­mäh­lich Spaß an der TV-Soap-Ope­ra zum haben. Nach­dem die „Sen­dung mit der Maus“ bereits im Fest­spiel­haus zu Gast war, kam jetzt der „Tat­ort“: Ges­tern gab es Schüs­se und Mord auf dem Grü­nen Hügel – und eine heim­li­che Hom­mage an das frän­ki­sche Fest­spiel-Dorf. Kei­ne gro­ße, aber eine anstän­di­ge Kri­mi-Oper, nach­zu­se­hen in der ARD-Media­thek

Eines mei­ner ers­ten Inter­views führ­te ich, damals noch für das Opern­glas, mit dem Bari­ton Ekke­hard Wla­schiha, Bay­reuths genia­lem Albe­rich. Aus der ver­ab­re­de­ten Gesprächs­stun­de wur­de ein gan­zer Tag, wir haben gemein­sam Ten­nis geschaut, Duett-Ziga­ret­ten geraucht, er hat von West-Gast­spie­len erzählt, und auf sei­nem Klo hing – ganz Albe­rich – ein Pin-up-Kalen­der. Nun ist die­ser groß­ar­ti­ge Sän­ger und Mensch gestor­ben – gute Rei­se, Ekke­hard Wla­schiha. Und noch eine Gro­ße ist gestor­ben: die Sopra­nis­tin Hil­de Zadek muss­te vor den Nazis nach Paläs­ti­na flie­hen. Sie kam zurück nach Wien und gilt als eine der größ­ten Sän­ge­rin­nen des letz­ten Jahr­hun­derts. Unver­ges­sen ihre Aida oder ihre Mar­schal­lin –beson­ders auf der Büh­ne der Wie­ner Staats­oper. Sie starb mit 101 Jah­ren.

In Wies­ba­den hat das Künst­ler­kol­lek­tiv Le Lab Salo­me insze­niert. Für Ursu­la Böh­mer vom SWR nichts als „Wohl­fühl­thea­ter“, für Ingrid Frei­berg eine „grau­sa­me ekel­er­re­gen­de, aber auch span­nen­de Insze­nie­rung“. Jens-Dani­el Her­zog hat eine neue Così in Nürn­berg insze­niert. Eine „Vul­gär­kla­mot­te“ mit erschre­cken­dem Frau­en­bild, fin­det Sven Rik­lefs auf BR Klas­sik, aber „wenn etwa Julia Grü­ter und Ami­ra Elmad­fa als Schwes­tern­paar Fior­di­li­gi und Dora­bel­la sich leicht­fü­ßig auf Mozarts Lie­bes­pi­rou­et­ten schwin­gen, dann bleibt einem zumin­dest das Eine: Zuhö­ren.

Was lohnt

Ber­nard Hai­tink wird 90, und der BR gra­tu­liert mit einer groß­ar­ti­gen CD-Box

Am 4. März fei­ert der Diri­gent Ber­nard Hai­tink sei­nen 90. Geburts­tag. Es lohnt qua­si fast jede Auf­nah­me die­ses Musi­kers, der Klug­heit, Tie­fe und Gewis­sen­haf­tig­keit mit­ein­an­der ver­bin­det. Egal, ob mit dem Lon­don Phil­har­mo­nic Orches­tra, dem Con­cert­ge­bouw-Orches­ter (Mah­ler!) am Roy­al Ope­ra House in Lon­don oder mit dem Cham­ber Orches­tra of Euro­pe. Einen Rund­um­blick auf sein Werk bekommt man viel­leicht am bes­ten auf der neu­en 11-CD-Box „Ber­nard Hai­tink. Por­trait“, die BR-KLASSIK nun her­aus­ge­ge­ben hat. 1957, mit 28 Jah­ren, diri­gier­te Hai­tink zum ers­ten Mal das Orches­ter des BR. Sei­ne vor Span­nung bers­ten­den Mah­ler- und Bruck­ner-Inter­pre­ta­tio­nen sind legen­där. Die CD-Box mit amü­san­ten Tex­ten des ehe­ma­li­gen Auf­nah­me­lei­ters Wolf­ram Graul ist ein Zeit­do­ku­ment, Spie­gel eines Lebens­wer­kes und eine  außer­or­dent­li­che musi­ka­li­sche Rei­se.

Zum Wei­nen schön ist das neue Album des Kom­po­nis­ten Chris­ti­an Jost. Er hat Robert Schu­manns Dich­ter­lie­be neue Töne gege­ben, die der Tenor Peter Lodahl nun singt (beglei­tet vom Horen­stein-Ensem­ble). Der Clou: Der gesam­te Zyklus um die ganz gro­ßen Fra­gen des Lebens, Lie­be, Wut, Sehn­sucht und Tod wird auf die­ser DG-Auf­nah­me, die in Kür­ze erscheint, auch von Stel­la Douf­e­xis gesun­gen, der viel zu früh ver­stor­be­nen Frau des Kom­po­nis­ten. Eine musi­ka­li­sche Hom­mage an die End­lich­keit und die ewi­ge Erin­ne­rung.    

Auch zur letz­ten Klas­sik-Woche gab es wie­der zahl­rei­che Zuschrif­ten –beson­ders zu der Fra­ge, ob es am Publi­kum, an uns Jour­na­lis­ten oder an den Opern- und Kon­zert­häu­sern selbst liegt, dass Musik heu­te so oft auf Skan­da­le – eben auf Dödel und Busen – redu­ziert wird. Ich bin auch die­se Woche gespannt auf Ihre Reak­tio­nen und hof­fe auf eine jugend­freie nächs­te Aus­ga­be der Klas­sik-Woche.

Bis dahin hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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