Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

Zu lang. Nur für Insi­der. Das muss kna­cki­ger wer­den, Brüg­ge­mann!“ – So unge­fähr hat der Her­aus­ge­ber von CRESCENDO auf die­sen News­let­ter reagiert. Also gut. Da die­se Woche eh nicht viel los war, stür­zen wir uns die­ses Mal in den Klas­sik-Bou­le­vard: gro­ße Oper bei Kai Pflau­me, Bau-Skan­dal in Bonn, Klang-Kampf um Vene­zue­la und ein Geburts­tags­ständ­chen für Avant­gar­de-Iko­ne Chris­ti­an Thie­le­mann!

Was ist

Klas­sik-Bou­le­vard: Garanča, Vogt und Pflau­me, Kauf­mann mit Kind und Netreb­ko in der „Kro­ne“

AUF DEM KLASSIK-BOULEVARD

Wir wol­len, dass die Klas­sik zu den Men­schen kommt? Bit­te schön: Elī­na Garanča und Klaus-Flo­ri­an Vogt haben sich bei Kai Pflau­me in Wer weiß denn sowas? sehr lus­tig prä­sen­tiert (und das, obwohl Garan­cas neu­es Album Sol y Vida erst nächs­ten Monat erscheint). Mit­ten in der Gesell­schaft ange­kom­men ist auch Bach, dem Goog­le zum Geburts­tag ein wun­der­ba­res Fea­ture gebas­telt hat: Jede Melo­die wird per Künst­li­cher Intel­li­genz in einen vier­stim­mi­gen Bach-Satz ver­wan­delt. Unbe­dingt aus­pro­bie­ren! Und wäh­rend die Wie­ner Staats­oper ihre gro­ße Gala zum 150. Jubi­lä­um vor­be­rei­tet, gibt aus­ge­rech­net die Kro­nen Zei­tung ein Son­der­heft her­aus. Gut, es geht dar­in haupt­säch­lich um „Mör­tel“ Lug­ner und Anna Netreb­ko, aber das ist, als wür­de BILD ein Volks-Opern-Maga­zin her­aus­ge­ben (Oper, lie­ber Juli­an Rei­chelt, das ist, was ihr eh jeden Tag macht: Poli­tik, Sex and Crime!). Ganz ohne BILD und Urhe­ber­rechts­de­bat­te zeig­te sich Jonas Kauf­mann auf Insta­gram mit Gat­tin und Baby als glück­li­cher Vater. Fehlt nur noch eines: end­lich ein Klas­sik-Talk im Fern­se­hen. Lie­ber Baye­ri­scher Rund­funk, aber bit­te nicht unter dem Titel „Gott­schalk hört Musik?“  

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KATASTROPHEN-BAUSTELLE BEETHOVENHALLE

Hei­ei­ei! 30 Ton­nen schwe­rer als bestellt war die Kli­ma­an­la­ge für die Beet­ho­ven­hal­le bei der Anlie­fe­rung. Die Kon­se­quenz: eine voll­kom­me­ne Neu­be­rech­nung der Sta­tik. Die größ­te Kata­stro­phe aber ist, dass eini­ge Bau­un­ter­neh­mer wegen des end­lo­sen Bau­stopps abge­sprun­gen sind. „Teu­rer wird es auf jeden Fall“, sagt die Spre­che­rin der Stadt Bonn lako­nisch. Kon­kret bedeu­tet das: Die Beet­ho­ven­hal­le, die eigent­lich 2018 für 61,5 Mil­lio­nen fer­tig­ge­stellt sein soll­te, wird nun frü­hes­tens zu Beet­ho­vens 252. Geburts­tag im Jah­re 2022 eröff­net und weit über 102 Mil­lio­nen Euro kos­ten. Ta-ta-ta-taaaaa!

AUTOGRAF UND WERTANLAGE

Viel­leicht soll­ten Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen auf einen neu­en Trend set­zen, wenn sie Koh­le brau­chen. Sel­ten war die Nach­fra­ge nach Kom­po­nis­ten-Auto­gra­fen so groß wie heu­te, erzählt Claus Fischer im Deutsch­land­funk. 85.000 Euro wur­den jetzt für eine Hand­schrift von Carl Maria von Weber gezahlt. Viel­leicht rei­chen die Dia­bel­li-Varia­tio­nen, die ja in Bonn lie­gen, um die Mehr­kos­ten der Beet­ho­ven­hal­le zu wup­pen?

KEINE SCHEICHS AN DER SCALA , HAUSVERBOT IN LONDON

Geld zurück gab es für die Scheichs in Sau­di-Ara­bi­en. Eigent­lich tanzt Sca­la-Inten­dant Alex­an­der Perei­ra gern auf dem Opern-Bou­le­vard, aber die­ser Tage hol­te ihn die Wirk­lich­keit ein. Ein 15-Mil­lio­nen-Deal mit den Sau­dis soll­te die Kas­se des Opern­hau­ses fül­len und sei­ne Wie­der­wahl sichern (wir haben berich­tet). Aber der poli­ti­sche Druck wur­de zu groß, und die Sca­la zahlt die drei Mil­lio­nen Euro, die sie bekom­men hat, nun zurück. Perei­ra soll im Amt blei­ben, aber sein Akti­en­kurs ist unsi­cher. Das Opern­haus Covent Gar­den sorg­te für Auf­re­gung, weil ein Besu­cher angeb­lich des Hau­ses ver­wie­sen wur­de, da er ein T-Shirt mit #Peop­les­Vo­te­Now trug, also für ein neu­es Bre­x­it-Refe­ren­dum. Seit­her tobt auf Twit­ter der Wut-Mob. 

MUSIKVERLAGE ZITTERN 

Wiki­pe­dia hat sich letz­te Woche abge­schal­tet, um gegen die EU-Urhe­ber­rechts­richt­li­nie zu demons­trie­ren, da geht der Prä­si­dent des Deut­schen Musik­ver­le­ger-Ver­ban­des, Axel Sikor­ski, eben zum Print. In der FAZ sagt er (übri­gens urhe­ber­recht­lich von einer Pay Wall geschützt), dass das Schei­tern der Richt­li­nie eine Kata­stro­phe wäre. Sikor­ski will, dass Künst­ler kon­se­quen­ter an Rech­ten von You­Tube und Co. betei­ligt wer­den: „Wer acht Stun­den am Tag arbei­ten muss, um Mie­te zu bezah­len, dem fällt es schwer, neben­bei noch Sym­pho­ni­en oder Songs zu schrei­ben.“ Schon klar, Herr Sikor­ski – aber wer ein­mal einen Film über Pro­kof­jew gemacht hat und weiß, wie viel absur­de Koh­le Ihre Bran­che jedem abver­langt, der tote Kom­po­nis­ten wür­di­gen will, der weiß so lang­sam nicht mehr, auf wel­cher Sei­te Sie wirk­lich ste­hen – auf jener der Künst­ler, oder allein auf der Ihren!

Was war  

Fei­ert am 1. April sei­nen 60. Geburts­tag: Chris­ti­an Thie­le­mann

MONTERO KÄMPFT GEGEN AUTORIN

Die­se Frau ist der Wahn­sinn, und die Geschich­te scheint sich in ihre Rich­tung zu nei­gen. Ich durf­te mit der Pia­nis­tin Gabrie­la Mon­te­ro ein­mal eine Klas­sik-Ses­si­on auf­neh­men und war begeis­tert, dass Musik für sie immer auch ein Mit­tel der Poli­tik ist. Es lohnt sich, ihren aktu­el­len Schlag­ab­tausch mit der vene­zo­la­ni­schen Autorin Gise­la Kozak Rovero auf Twit­ter nach­zu­le­sen. Dabei geht es um die Rol­le von Gus­ta­vo Duda­mel: „Duda­mel hat nicht gefol­tert, nie­man­den ent­eig­net, ist nicht für den Hun­ger ver­ant­wort­lich“, schreibt Rovero, „er ist nur ein Musi­ker.“ Die Autorin wünscht sich, dass Mon­te­ro gemein­sam mit dem Diri­gen­ten auf­tritt. Aber Mon­te­ro bleibt kom­pro­miss­los: „Duda­mel war ein Kom­pli­ze des Sys­tems. Wenn es ihm nutz­te, kuschel­te er mit der Cha­vis­ta-Eli­te und hat deren Image rein­ge­wa­schen. Sie wer­den mich nie mit einem Kom­pli­zen sehen. Wer zum Cha­vis­mus gehört und von ihm pro­fi­tiert hat, wird immer für den Schre­cken ver­ant­wort­lich sein, in dem wir leben.Duda­mel hat indes eine ganz eige­ne Form gefun­den, abzu­tau­chen. Was nur weni­ge wis­sen: Immer wie­der hat das Sis­te­ma die Auf­trit­te von Mon­te­ro in Süd­ame­ri­ka ver­hin­dert, indem das Simon Boli­var Orches­ter Ver­an­stal­tern gedroht haben soll: „Mon­te­ro oder wir.“ Um so schö­ner, dass Gabrie­la Mon­te­ro im Juni zum ers­ten Mal in der Car­ne­gie-Hall auf­tre­ten wird. Eine gro­ße, muti­ge, musi­ka­li­sche Kämp­fe­rin!  

SPIELT DIE ZAUBERIN!

Musik­kri­ti­ker sind wie der For­mel1-Zir­kus. Sie rei­sen von Ort zu Ort und erzäh­len ihre Geschich­ten. Nun waren sie alle­samt in Lyon und beju­beln, was sel­ten ist, ein­hel­lig Andriy Zholdaks Insze­nie­rung von Tschai­kow­skys Oper Die Zau­be­rin. Schwin­del­erre­gen­de Vir­tuo­si­tät“ erkennt Jan Brach­mann, Manu­el Brug (Insi­der für Stamm­le­ser: die Rau­pe Nim­mer­satt fei­er­te übri­gens gera­de Geburts­tag!) beju­belt das „glü­hen­de“ Diri­gat von Danie­le Rus­tio­ni, und Eleo­no­re Büning bejam­mert, dass es noch immer kei­ne Auf­nah­me „der bes­ten Tschai­kow­sky-Oper“ gebe. Also, deut­sche Thea­ter: Rauf damit auf Eure Spiel­plä­ne! +++ Julia Spi­no­la ist begeis­tert von der Kas­se­ler Wal­kü­re von Mar­kus Dietz mit „sen­sa­tio­nel­len Frau­en­stim­men“, beson­ders einer „vokal inten­si­ven“ Sieg­lin­de von Nad­ja Ste­fan­off und einer „sen­sa­tio­nel­len Brünn­hil­de“ von Nan­cy Weiß­bach. +++ Kommt er oder kommt er nicht? In der Gene­ral­pro­be ist noch Anna Netreb­kos Mann Yusif Eyva­zov für Jonas Kauf­mann ein­ge­sprun­gen – der aber war zur Lon­don-Pre­mie­re von Die Macht des Schick­sals wie­der fit (oder Vater?) und wur­de vom Guar­di­an beju­belt. +++ Vol­ker Blech hat den poli­tisch herr­lich unkor­rek­ten Regis­seur Tobi­as Krat­zer beob­ach­tet, der an der Deut­schen Oper gera­de Zem­lin­skys Der Zwerg probt. Und um am Ende wie­der zum Bou­le­vard zurück­zu­kehren: Krat­zer sucht gera­de einen Gebraucht­wa­gen – Ange­bo­te bit­te direkt an die Deut­sche Oper. +++ Begeis­tert war Manu­el Brug von Ste­phan Kim­migs Insze­nie­rung der Hen­ze-Oper Der Prinz von Hom­burgin Stutt­gart – sou­ve­rän diri­giert von Cor­ne­li­us Meis­ter. In Schwe­rin gerät Inten­dant Lars Tiet­je unter Beschuss. Er hat­te sei­nen Ensem­ble-Mit­glie­dern ver­bo­ten, gegen den Thea­ter-Spon­sor Nest­lé zu pro­tes­tie­ren. Die revan­chie­ren sich nun mit einem offe­nen Brief, in dem sie ihm vor­wer­fen, das Kul­tur­er­be zu zer­stö­ren. Dar­auf ein stil­les Vit­tel! +++Der Jour­na­list Joa­chim Lan­ge, der uns vor drei Wochen an die­ser Stel­le über die Abwahl von Flo­ri­an Lutz in Hal­le infor­miert hat, fasst die Ereig­nis­se im lesens- und för­de­rungs­wür­di­gen Das Blätt­chen nun noch Mal zusam­men.  

PERSONALIEN DER WOCHE

Die gro­ße Edi­ta Gru­bero­vá hat ange­kün­digt, die Opern­büh­ne für immer zu ver­las­sen – am 27. März wird sie als Eli­sa­bet­ta in Doni­zet­tis Rober­to Devereux in Mün­chen zum letz­ten Mal auf der Büh­ne ste­hen. +++ Der Kla­ri­net­tist Wolf­gang Mey­er ist gestor­ben. Der Bru­der von Sabi­ne Mey­er hat lan­ge gegen den Krebs gekämpft, und ist auf­ge­tre­ten, bis es wirk­lich nicht mehr ging. Die Anteil­nah­me sei­ner zahl­rei­chen Schü­ler ist groß. +++ Und sonst? Die Ham­bur­ge­rin Chris­ti­na Schep­pe­l­mann geht vom Liceu an die Oper nach Seat­tle, und wäh­rend Wien in den kom­men­den Jah­ren so ziem­lich alle Klas­sik-Posi­tio­nen neu beset­zen wer­den, hat das Ton­künst­ler-Orches­ter Yuta­ka Sado gera­de als Chef­di­ri­gen­ten ver­län­gert.     

THIELEMANN, DIE STILIKONE

Am 1. April fei­ert Chris­ti­an Thie­le­mann sei­nen 60. Geburts­tag. Das ist für Diri­gen­ten kein Alter, aber viel­leicht Zeit, etwas wei­ser zu wer­den. „Vie­les von dem, was ich frü­her gesagt habe, den­ke ich noch immer, wür­de es aber nicht mehr so sagen“, erzähl­te er mir in einem Gespräch, in dem er auch sei­nen Abgang in Ber­lin Revue pas­sie­ren lässt. Nein, er sei kein Ewig­gest­ri­ger: „Ich bin Avant­gar­de, mein Lie­ber!“ Hören Sie Tei­le unse­res Gesprä­ches hier – und lesen Sie das gan­ze Inter­view in der aktu­el­len Aus­ga­be von CRESCENDO.

Chris­ti­an Thie­le­mann im gro­ßen CRE­SCEN­DO-Geburts­tags-Gespräch.

BARENBOIM: FLUCHT UND KAMPF

Dass Dani­el Baren­bo­im nicht für den Ring in Bay­reuth im Gespräch ist, soll zum gro­ßen Teil auch an Thie­le­mann lie­gen. Die bei­den sind kei­ne Freun­de, und wo der eine ist, ist für den ande­ren offen­bar kein Platz. In Wien wer­den bei­de den­noch voll­kom­men kri­tik­los hofiert. So auch bei Baren­bo­ims Auf­tritt mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern. In Ber­lin ist der Diri­gent einer Pres­se­kon­fe­renz aus dem Weg gegan­gen, dafür ver­la­gert er nun das Spiel­feld und erklärt: „Ich bie­te den strei­ken­den Musi­kern in Chi­ca­go mei­ne vol­le Unter­stüt­zung an.“ War was? Ist was?   

Was lohnt

Isa­bel­le Faust erwei­tert ihre Bach-Stu­di­en mit den Vio­lin­kon­zer­ten

MEINE CD DER WOCHE

… ist die Ein­spie­lung der Bach-Vio­lin­kon­zer­te mit Isa­bel­le Faust und der Aka­de­mie für Alte Musik Ber­lin. Faust hat sechs Kon­zer­te aus­ge­wählt, die sie vier instru­men­ta­len Kan­ta­ten-Ein­lei­tungs­sät­zen, zwei bear­bei­te­ten Orgel-Trio­so­na­ten und einer Ouver­tü­ren­sui­te gegen­über­stellt. Ihre „Dornröschen“-Stradivari hat sie für die­se akri­bi­sche, spiel- und risi­ko­freu­di­ge Auf­nah­me zur Sei­te gelegt und statt­des­sen auf eine Gei­ge von Jaco­bus Stai­ner zurück­ge­grif­fen. In einem Gespräch erklär­te die Gei­ge­rin mir ein­mal, war­um das Instru­ment für sie zwar ein Werk­zeug sei, aber auch dafür sorgt, dass es über sie hin­aus­wei­se. Wie inten­siv Faust sich mit Bach beschäf­tigt hat, zei­gen auch ihre Noten. Dem Kul­tur­ra­dio sag­te sie: „Mei­ne Noten sehen wild aus“ – vie­le Stel­len sei­en mar­kiert und mit bes­se­ren Ver­sio­nen über­klebt. Und nun noch ein Häpp­chen für den Bou­le­vard: Die Zusam­men­ar­beit mit den Musi­kern sei nicht nur freund­schaft­lich gewe­sen, son­dern auch lecker. Das Ensem­ble hat regel­mä­ßig für die Solis­tin gekocht – und sie habe eini­ge Kilo „mit nach Hau­se genom­men“.  

FEIERN SIE MIT

Ach so, und was machen Sie am 10. April? Schau­en Sie doch bei unse­rer exklu­si­ven CRESCENDO Klas­sik-Lounge mit dem Schlag­zeu­ger Simo­ne Rubi­no im Prinz­re­gen­ten­thea­ter vor­bei.

Jetzt bin ich doch wie­der so lang gewor­den – aber auch der Klas­sik-Bou­le­vard erzählt eben vie­le Geschich­ten.

In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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