Gia­co­mo Mey­er­beers von ihm selbst für Paris 1865 nicht mehr fina­li­sier­ter Schwa­nen­ge­sang L’Af­ri­cai­ne ist eine ganz gro­ße Oper mit sat­ten Auf­ga­ben für Chor und Bal­lett. Seit der Chem­nit­zer Pro­duk­ti­on unter Frank Beer­mann, die alle Lücken musik­wis­sen­schaft­lich fun­diert schloss, wür­digt man die­se vier­stün­di­ge Par­ti­tur wie­der als gla­mou­rö­ses Gesamt­kunst­werk, das den Visio­nen Wag­ners kei­nes­wegs nach­steht.

Auf Sebas­ti­an Hannaks zwei­ter Raum­büh­ne Baby­lon im Opern­haus Hal­le reiht sich die­ses Wun­der ver­blüf­fend anders in die­ses phä­no­me­na­le Mehr­spar­ten-Hap­pe­ning. Man erlebt die euro­päi­sche Reprä­sen­ta­ti­ons­gat­tung Oper aus der Per­spek­ti­ve west­afri­ka­ni­scher Künst­ler von heu­te. An der Oper Hal­le dreht man den Blick auf die in der Grand opé­ra zele­brier­ten exo­ti­schen Para­die­se also ein­fach um. Das Bil­dungs­pa­ket steckt schon in der Insze­nie­rung, nicht nur in den umfang­rei­chen Begleit­pro­gram­men. Die Spiel­lei­tung Tho­mas Goer­ges in Dani­el Anger­mayrs Büh­ne und Kos­tü­men rea­li­siert etwas, was man frü­her „Kon­zert im Kos­tüm“ nann­te. Unter der Dra­ma­tur­gie Micha­el von Zur Müh­lens, die sich durch für Sub­ven­ti­ons­thea­ter bemer­kens­wer­te Offen­heit und Spon­ta­nei­tät aus­zeich­net, wird es ins­ge­samt vier immer wei­ter von der Ori­gi­nal­par­ti­tur abrü­cken­de „Über­schrei­bun­gen“ mit neu­kom­po­nier­ten Tei­len geben. Aber es geht nicht um die Visua­li­sie­rung mit heu­ti­gen Insze­nie­rungs­me­tho­den, son­dern dar­um, wie das „Sys­tem Oper“ von Men­schen erlebt wird, denen das euro­päi­sche Ritu­al des Kunst­er­leb­nis­ses durch ihre Prä­gun­gen fremd ist.

Man erlebt die euro­päi­sche Reprä­sen­ta­ti­ons­gat­tung Oper aus der Per­spek­ti­ve west­afri­ka­ni­scher Künst­ler von heu­te“

Alles steu­ert zu auf ein Fina­le, an dem das „Anar­chis­ti­sche Komi­tee zur Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung des Geis­tes“ tagt, bevor Rome­lia Lich­ten­stein in der Titel­rol­le Séli­ca durch den töd­li­chen Duft der Man­za­nil­lo-Blü­ten eigent­lich ins Jen­seits däm­mern soll­te. L’Af­ri­cai­ne ereig­net sich zwi­schen Inter­ven­tio­nen von Lio­nel Pou­ti­ai­re Somé (Text­buch, Video) und Abdoul Kader Tra­o­ré (Sound Design). In den Zuspie­lun­gen tra­gen auch Rosi­na Kale­ab und Kar­me­la Shako gan­ze Müll­ber­ge mit­tel­eu­ro­päi­scher Afri­ka-Kli­schees ab. Scha­ma­ni­sche Zei­chen ver­schmel­zen mit Mey­er­beers Oper. Der Per­spek­ti­ven­wan­del hat Sys­tem, die Ent­tar­nung der rausch­haf­ten Thea­tra­lik auch.

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Im Rah­men des Koope­ra­ti­ons­pro­jek­tes „I like Afri­ca and Afri­ca likes me – I like Euro­pe an Euro­pe likes me“ mit dem Fonds Dop­pel­pass der Kul­tur­stif­tung des Bun­des wird nach dem vier­ten Teil an der Oper Lübeck wei­ter­mo­del­liert, dort ent­steht dann unter Mit­ar­beit von Akteu­ren aus Chris­toph Schlin­gen­siefs Opern­dorf die Grund­la­ge zu der ganz neu­en Oper L‚Europienne (Arbeits­ti­tel).

Die meis­ten Solis­ten glän­zen mehr durch gene­rö­sen Kraft­ein­satz als sti­lis­ti­sche Kom­pe­tenz“

Ein gewal­ti­ges Pro­jekt also, mit dem das mit­tel­gro­ße Opern­haus Hal­le Mög­lich­kei­ten der Inter­ak­ti­on bis an die Gren­zen sei­ner Kapa­zi­tä­ten aus­schöpft und damit den Anspruch auf die Rol­le eines Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­tors ernst­zu­neh­mend legi­ti­miert. Vor allem Rome­lia Lich­ten­stein und die neue Sopra­nis­tin Liud­mi­la Loka­i­chuk als ihre Lie­bes­ri­va­lin Inès zei­gen sich den anspruchs­vol­len sän­ge­ri­schen Auf­ga­ben gewach­sen. Das Schim­mern der Par­ti­tur mit ihren Bom­bast- und Sma­ragd­klän­gen hört man aller­dings nicht aus dem Gra­ben der Staats­ka­pel­le Hal­le. Die meis­ten Solis­ten glän­zen mehr durch gene­rö­sen Kraft­ein­satz als sti­lis­ti­sche Kom­pe­tenz. Und die sonst span­nungs­in­ten­si­ven a‑cap­pel­la-Stel­len im Wech­sel mit Mey­er­beers raf­fi­nier­ten Har­mo­nie­sät­zen klaf­fen unter Micha­el Wen­de­bergs Diri­gat wie Kom­po­si­ti­ons­lü­cken. Den gedank­li­chen Her­aus­for­de­run­gen die­ser „Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ahnen“ ist es zu ver­dan­ken, dass man die­ser Kult­hand­lung die Ansät­ze zur wohl kaum geplan­ten Opern­par­odie nicht ver­übelt. Im Pan­ora­ma der Raum­büh­ne Baby­lon geht unter, dass Mey­er­beer sicher kei­ne legi­ti­mie­ren­de Fei­er der Kolo­nia­lideo­lo­gie beab­sich­tig­te, der „stu­pid white man“ in der Gefühls­käl­te die­ser Para­de­rol­le für Star­te­nor nur all­zu genau erkenn­bar ist und in der bür­ger­li­chen Oper immer genau das ver­herr­licht wird, was der herr­schen­den Kon­ven­ti­on zuwi­der lief. Einem Teil die­ser Fra­gen und Lücken stel­len sich die nächs­ten Über­schrei­bun­gen von L’Af­ri­cai­ne. Das wird span­nend.

In Hal­le fol­gen L’Af­ri­cai­ne – Teil II: Boo a San Pka­mi­né (Ver­söh­nung) am 16. und 25. Janu­ar 2019, L’Af­ri­cai­ne – Teil III: Piir a Sièn (Rei­ni­gung) am 24. und 29. März 2019, L’Af­ri­cai­ne – Teil IV: Nisalb Liè­fo (Ver­wand­lung) am 21. und 29. Juni.

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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