Das französische Alte-Musik-Ensemble Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre feiert sein 20-jähriges Jubiläum mit einem neuen Album sowie Neuauflagen zahlreicher Aufnahmen.

Das französische Alte-Musik-Ensemble Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre feiert sein 20-jähriges Jubiläum mit einem neuen Album sowie Neuauflagen zahlreicher Aufnahmen.

Gregorio Allegris Miserere war lange von einem Mysterium umgeben. Um 1630 schrieb er seine A‑cappella-Fassung des Bußpsalms 51, den auch Orlando di Lasso und Giovanni Pierluigi da Palestrina vertonten. Der Vatikan hielt das doppelchörige Werk, das nur in der Karwoche gesungen wurde, bis ins späte 18. Jahrhundert unter Verschluss. Zum 20. Gründungsjubiläum beschäftigt sich das französische Alte-Musik-Ensemble Le Poème Harmonique mit Verzierungen und Transpositionen, die im Lauf der Zeit hinzukamen.

Le Poème Harmonique (© Florian Legrand)

Auf dem Album Anamorfosi widmen sich die Musiker unter Leitung von Vincent Dumestre außerdem Komponisten aus der Renaissance und dem Barock, die weltliche Melodien für die Verwendung in der Kirche umarbeiteten. Unter der Maske des Sakralen fanden amouröse Turbulenzen, Schlachtenlärm und theatralische Auseinandersetzungen Einlass in die Gotteshäuser. Im Pianto della Madonna übertrug Claudio Monteverdi sein Lamento d’Arianna, die Klage der von Theseus verlassenen Ariadne, auf die Jungfrau Maria. Virgilio Albanese machte aus Monteverdis von Liebesschmerz erfülltem Madrigal Si dolce è’l tormento ein Loblied auf das Märtyrertum: Si dolce è ‚l martire. Auch Luigi Rossi, Marco Marazzoli und Domenico Mazzocchi schlugen Brücken zwischen der weltlichen und der geistlichen Sphäre. Bei Anamorphosen in der bildenden Kunst sind perspektivisch verzerrte Details nur mit einem Spiegel oder Prisma zu erkennen. Den Schlüssel zu den doppelbödigen Kompositionen liefert hier die Stückauswahl auf dem Album. Le Poème Harmonique hat außerdem eine hörenswerte Doppel-CD mit Airs de cour herausgebracht – Kunstlieder, die am französischen Königshof bis zu den frühen Jahren Ludwig XIV. gesungen wurden. Eine Box mit 20 CDs, auf der ältere Aufnahmen zusammengestellt sind, rundet das Jubiläumsangebot ab. 

Anamorfosi”, Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre (Alpha)
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Airs de cour français de la fin du XVIe siècle”, Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre (Alpha)
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Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre (Alpha)
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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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