Mit Tuomas Pursio in LeipzigBach, Schumann, Mahler & Wagner

Skyline von Leipzig
Foto: Michael Bader

Bach, Schumann, Mahler, Wagner: Alle durchströmten sie die Sachsen-Metropole. Zusammen mit Bassbariton Tuomas Pursio begibt sich unser Autor durch „Hypsig“, den „Kopf der Musik“.

In die­ser Kul­tur­lun­ge Deutsch­lands bin ich sehr glück­lich.“ Das ist ein bedach­tes und ehr­li­ches Wort des fin­ni­schen Bass­ba­ri­tons Tuo­mas Pur­sio. Er sagt „Lun­ge“ für pul­sie­ren­den Aus­tausch, nicht „Herz“. Zum Gespräch tref­fen wir uns an der Oper Leip­zig, nur weni­ge 100 Meter vom größ­ten Kopf­bahn­hof Deutsch­lands. Sogar an die­sem kal­ten Janu­ar­tag mit Puder­schnee herrscht hier nach der Vor­mit­tags­pro­be reges Getüm­mel. Direkt vor dem Büh­nen­ein­gang star­ten die Fern­bus­se in alle Rich­tun­gen. Ab 4. März wird Tuo­mas Pur­sio wie­der zum bösen Kas­par in Webers „Frei­schütz“, es ist bereits sei­ne vier­te Pro­duk­ti­on die­ses urro­man­ti­schen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­stücks mit­tel­deut­scher Kul­tur. Im Schat­ten des neu­en Gewand­hau­ses auf der ande­ren Sei­te des Augus­tus­plat­zes kommt das Gespräch ganz schnell auf den brei­ten Leip­zi­ger Musik­strom von Bach zu Wag­ner über Mah­ler, Men­dels­sohn, Schu­mann, Reger bis in die Gegen­wart Udo Zim­mer­manns und Stef­fen Schlei­er­ma­chers. Von der Fuß­gän­ger­zo­ne führt der Weg vor­bei an der Niko­lai­kir­che, Sym­bol der Wen­de und für Kir­chen­mu­sik bis heu­te ein akti­ver Ort eben­so wie die durch Bach berühm­te­re Tho­mas­kir­che. „Dort ist das Grab mei­nes Idols“, sagt der dun­kel­haa­ri­ge Sän­ger mit bemer­kens­wert kla­rem Deutsch ohne Dia­lekt­ak­zen­te, die er in sei­nen Gesel­len­jah­ren im Stu­dio der Oper Zürich und der Deut­schen Oper am Rhein leicht hät­te anneh­men kön­nen. Und man merkt, wie ver­wur­zelt er in der Stadt ist, wo er seit 14 Jah­ren zu den Ensem­ble­säu­len gehört – unter Ric­car­do Chail­ly, Peter Kon­wit­sch­ny und jetzt Gene­ral­inten­dant Ulf Schir­mer. Klar, dass es in unse­rem fast drei­stün­di­gen Tref­fen mehr um Musik und Thea­ter geht als um die über­all sicht­ba­ren Geschichts­spu­ren wie das Forum für Zeit­ge­schich­te oder das Muse­um Run­de Ecke zur Sta­si-Auf­ar­bei­tung.

Bachdenkmal in Leipzig
Foto: Andre­as Schmidt

Vor dem Bach-Denk­mal an der Tho­mas­kir­che setzt Tuo­mas Pur­sio eine Linie sei­ner künst­le­ri­schen Pas­sio­nen: „Ers­tens Bach, zwei­tens Wag­ner und Strauss, drit­tens Ver­di und Puc­ci­ni.“ Eins tritt der­zeit lei­der zurück, zwei steht im Zen­trum. An allen wich­ti­gen Leip­zi­ger Musi­k­or­ten – Tho­mas­kir­che, Gewand­haus, Uni­ver­si­täts­mu­si­ken und vie­len ande­ren – ist Tuo­mas Pur­sio auf­ge­tre­ten. Doch gibt es hier Zäsu­ren zwi­schen der aus­ge­präg­ten Tra­di­ti­on des oft in der Oper und gleich­zei­tig Kon­zer­te spie­len­den Gewand­haus­or­ches­ters und einer ganz stark pro­fi­lier­ten Sakral­mu­sik. Dabei war Bach der Magnet, der Tuo­mas Pur­sio schon ganz früh zur Musik zog. Als Kna­be rück­te er schnell auf in die Spit­zen­grup­pe der „Can­to­res mino­res“, dem fin­ni­schen Pen­dant zum Leip­zi­ger Tho­man­er­chor, und begeg­ne­te beim Gast­spiel der Kru­zia­ner in Hel­sin­ki 1980 bereits sei­nem Bass­kol­le­gen René Pape.

Richard ist Leip­zi­ger“

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Tuo­mas Pur­sio ver­gleicht die räum­li­che Wei­te der Leip­zi­ger Kanä­le, die gro­ßen Parks von „Klein Paris“ und das Neu­se­en­land rund­um mit sei­ner Hei­mat­stadt Hel­sin­ki. In Leip­zig wur­de er nach zwei Spiel­zei­ten von 2000 bis 2002 am Thea­ter Erfurt ganz schnell zum beken­nen­den Lip­sia­ner: „Erfurt ist wun­der­bar, doch Leip­zig liegt mir als Groß­städ­ter ein­fach mehr.“ Damals lern­te er sei­ne Frau ken­nen und lie­ben, sie ist als Musik­leh­re­rin die idea­le künst­le­ri­sche Weg­be­glei­te­rin. Und sie kann sich mit ihm dar­über freu­en, dass der­Va­ter von drei Kin­dern (zwölf, zehn und acht) an der Oper Leip­zig nach dem Rie­sen­er­folg als boden­stän­di­ger Traum­mann Man­dry­ka für Strauss’ Ara­bel­la immer mehr in das schwe­re Wag­ner-Fach hin­ein­wächst. Fami­lie und Beru­fung beein­fluss­ten natür­lich die Ent­schei­dung für das Wohn­quar­tier. Jetzt wohnt Fami­lie Pur­sio in Goh­lis, nahe am Rosen­tal-Park, dem idyl­li­schen Schlöss­chen und den beein­dru­cken­den his­to­ris­ti­schen Haus­fas­sa­den, die heu­te weit­flä­chig strah­len wie vor 1914, als Leip­zig die reichs­te Stadt Deutsch­lands war.

Richard ist Leip­zi­ger“, so setzt die Mes­se­stadt Wag­ner auf Augen­hö­he mit Bach. Wag­ners Geburts­haus am Brühl steht nicht mehr, doch der Ver­ein Leip­zi­ger Noten­spur und die akti­ve Orts­grup­pe des Richard-Wag­ner-Ver­bands balan­cie­ren die bei­den Meis­ter im Gleich­ge­wicht der Kräf­te. Und auf Pla­ka­ten wirbt das Por­trät des vor einem Jahr ver­stor­be­nen und hier ver­göt­ter­ten Gewand­haus­ka­pell­meis­ters Kurt Masur für das Men­dels­sohn-Haus.

Erfurt ist wun­der­bar, doch Leip­zig liegt mir als Groß­städ­ter ein­fach mehr“

Bassbariton Tuomas Pursio im Gespräch
Foto: Kirs­ten Nijhof

Über den Markt­platz mit dem Renais­sance-Rat­haus und den Mes­seh­ö­fen rund­um fla­nie­ren wir durch die Aus­geh­mei­le Bar­fuß­gäss­chen zwi­schen Markt und dem schö­nen Schau­spiel­haus, dort sit­zen zu jeder Jah­res­zeit Trend­set­ter und Tou­ris­ten. Ziel ist das Café-Restau­rant „Zum Ara­bi­schen Cof­fe Baum“, eines der ältes­ten Kaf­fee­häu­ser Mit­tel­eu­ro­pas und heu­te eine Filia­le des Stadt­ge­schicht­li­chen Muse­ums. Hier hul­dig­te Bach mit der „Kaf­fee-Kan­ta­te“ dem kolo­nia­len Mode­ge­tränk, hier schar­wen­zel­te Kur­fürst August der Star­ke um die schö­ne Wir­tin Johan­na Eli­sa­beth Neu­mann. Und auch hier geht es um die Musik. Tuo­mas Pur­sio ist glück­lich über die vie­len gebro­che­nen Cha­rak­te­re, die er an der Oper Leip­zig und als in sei­ner Hei­mat belieb­ter Gast an der Oper Hel­sin­ki ver­kör­pern darf: Mephis­to – gleich gegen­über von Goe­thes Ori­gi­nal­schau­platz Auer­bachs Kel­ler–, den dia­bo­li­schen Nick Shadow und nach sei­nem Rol­len­de­büt als Pro­phet Joch­a­na­an an der Oper Linz folgt „Salo­me“ in Leip­zig. Bach wird für ihn wei­ter­hin zu kurz kom­men, aber dafür gibt es sat­te Auf­ga­ben bei den Wag­ner-Tagen jedes Jahr im Mai. Damit lässt sich gut leben in Leip­zig.

Tipps, Infos & Adressen

Altes Rathaus in Leipzig am Abend
Foto: Andre­as Schmidt

Musik & Kunst

Bis Juni 2017: In den Gewand­haus-Kon­zer­ten mit dem neu­en Kapell­meis­ter Andris Nel­sons und des MDR Sin­fo­nie­or­ches­ters unter Kris­t­jan Jär­vi gibt es fast jede Woche High­lights. Die Oper Leip­zig prunkt ab 20. Mai mit Charles Goun­ods His­to­ri­en­fet­zer Cinq-Mars, Wag­ners kom­plet­tem Ring und dem Bach­fest, einem der glanz­volls­ten Barock­fes­ti­vals welt­weit. Auch die Nähe zu Wei­mar, Hal­le, Des­sau, Dres­den machen Leip­zig zum idea­len Kul­tur­ur­laubs­ort. Das Bach Muse­um ist didak­tisch bes­tens gelun­gen, das Krea­ti­vquar­tier Leip­zi­ger Wes­ten zeigt aller­neu­es­te Kunst in fri­schen Prä­sen­ta­tio­nen. Die Leip­zi­ger Buch­mes­se bie­tet einen unüber­treff­ba­ren Crash­kurs für Gegen­warts­li­te­ra­tur.

Essen & Trinken

Ein Tra­di­ti­ons­lo­kal ist die Gosen­schen­ke in Leip­zig-Goh­lis, dort sieht man auch regel­mä­ßig Künst­ler wie Roland Seiff­arth, Lehár-Exper­te und frü­her Chef­di­ri­gent der Musi­ka­li­schen Komö­die.
Mencke­stra­ße 5, 04155 Leip­zig
www.gosenschenke.de

Das Café-Restau­rant Zum Ara­bi­schen Cof­fe Baum lohnt immer den Besuch.
Klei­ne Flei­scher­gas­se 4, 04109 Leip­zig
www.coffe-baum.de

Eine pul­sie­ren­de Alter­na­ti­ve zur Fla­nier­mei­le Karl-Lieb­knecht-Stra­ße in der Süd­stadt ist die Karl-Hei­ne-Stra­ße im west­li­chen Stadt­teil Plag­witz.

Übernachten

Für Musik- und Kul­tur­lieb­ha­ber emp­foh­len sei das in unmit­tel­ba­rer von Wag­ners Geburts­platz gele­ge­ne Hotel Mar­riott. Dop­pel­zim­mer ab 126 Euro.
Am Hal­li­schen Tor 1, 04109 Leip­zig
www.marriott.de

Gleich zwi­schen Oper und Niko­lai­kir­che befin­det sich das Victor’s Resi­denz-Hotel als idea­ler Star­ter für alle Kul­turzie­le. Dop­pel­zim­mer ab 81 Euro.
Geor­gi­ring 13, 04103 Leip­zig
www.victors.de

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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