Leonard Bernstein schuf mit Mass das Musiktheaterstück der Zeit. Das Album beschert eine Wiederbegegnung mit seiner Uraufführung unter der Leitung des Komponisten selbst. 

So selten wie behauptet ist Leonard Bernsteins Mass auf Bühnen und Konzertpodien nicht. Allein in den letzten fünf Jahren gab es Inszenierungen zum Beispiel in Lübeck und Gelsenkirchen sowie Konzerte mit dem Freiburger Kammerchor und in der Tonhalle Düsseldorf. Bernstein-Anhänger können zwischen mehreren Einspielungen wählen – die jüngste kommt vom mit allen Emanationen der Moderne bestens erfahrenen ORF Radio-Symphonieorchester unter Dennis Russell Davies. Aber die Wiederveröffentlichung zur 50-jährigen Wiederkehr der Uraufführung unter der Leitung des Komponisten pustet alle nachgefolgten Interpretationen gnadenlos weg. Entstanden ist die Aufnahme dieses „Theatre Piece for Singers, Players, and Dancers“ während der Eröffnungsfeierlichkeiten für das John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, D.C 1971.

Leonard Bernstein 1971 beim Schlussapplaus
Leonard Bernstein und die Uraufführung seines Musiktheaterstücks Mass 1971 bei der Eröffnung des John F. Kennedy Centers

Genau wie in den rasanten wie detailbesessenen Einspielungen von West Side Story und Candide forderte Bernstein seine Musiker und Chöre zu über sich selbst hinauswachsenden Leistungen heraus. In jedem Akkord, jedem Gemisch von E‑Gitarre und sinfonischer Besetzung treibt es Lenny noch pointierter, transparenter, prickelnder und lustvoller als seine „ernsthafteren“ Kollegen. Auf individuelle und überzeugende Weise ist Bernstein ein Seiltänzer zwischen „crazy“ und „sophisticated“. Er, der Apologet einer „unendlichen Vielfalt der Musik“, geniert sich weitaus weniger als andere Dirigenten seiner Werke, die eigenen Eklektizismen zuzugeben. An einer Chorstelle modelliert Bernstein zum Beispiel fast exhibitionistisch, wie genau er Carmina burana studiert hat und Orffs Effekte für äußerst nachahmenswert hält. Es janáčekt und debussyt mitunter und bleibt doch immer Bernsteins originäre Lust an impulsiver Power und stilistischer Diversität. Dabei hat dieses säkulare Ritualtheater spürbar viel zu tun mit dem griffigen Sinnlichkeitsappeal von Hair und Jesus Christ Superstar. Die kleinen Vokalsoli blühen auf, die Chöre sind hochklassig. 

Reich an Höhepunkten

Höhepunkt der Aufnahme ist trotzdem die Besetzung des in eine Sinnkrise stürzenden Predigers mit dem jungen Alan Titus. Der Bariton hat Charisma in Rezitativ und Arioso. Für Gospel und Soul stellt er seine Expertise als Opernsänger in den Dienst von Bernsteins sehr kantablem Part, für den weder Belcanto-Kompetenz noch Beltstimme genug sind. Titus meistert jeden Ton und dahinter steckende Fragen packend wie eindrucksvoll. Seine Mezzopiani sind betörend und auf individuelle Weise viril. So wird die lange Epistel The Word of The Lord zum absoluten Höhepunkt dieser an Höhepunkten reichen Einspielung. Auch das Booklet mit zahlreichen Fotos von den Vorbereitungen zur Uraufführung von Mass lohnt die Anschaffung des Albums.

Leonard Bernstein: „Mass“, Alan Titus, The Norman Scribner Choir, The Birkshire Boy Choir, Leonard Bernstein (Sony)

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