Moritzburg Festival Liebe geht durch die Ohren

Sinnlicher Hochgenuss – aber bitte mit Qualität und Tiefgang. Das ist das künstlerische Erfolgsrezept für Jan Voglers Moritzburg Festival, bei dem der Cellist seit 25 Jahren ein köstliches Kammermusikprogramm serviert.

Das neobarocke Schlösschen ist das älteste und größte private Weingut Sachsens und für Jan Vogler mittlerweile ein Ort für musikalische Begegnungen von besonderer Intimität und Schönheit. Eine Russische Nacht, eine Goldberg-Nacht und eine Beethoven-Nacht mit Lieblingsspeisen des Komponisten, hat der Cellist hier im engen Austausch mit der Gutsfamilie von Georg Prinz zur Lippe und seiner Frau Alexandra Prinzessin zur Lippe im Rahmen des Festivals bereits auf die Beine gestellt. 2017 lockte nun eine „Italienische Nacht” das Publikum an den verwunschenen Ort in den Weinbergen, der für das Thema wie geschaffen war. „Italienische Komponisten sind die einzigen, die es schaffen, musikalischen Tiefgang mit übersprudelnder Virtuosität zu kombinieren”, erklärte Jan Vogler seine programmatische Entscheidung zum 25. Festivaljubiläum, für das er neben Gioacchino Rossinis Sonate Nr. 6 auch Hugo Wolfs Italienische Serenade und das Streichquartett von Giuseppe Verdi ausgewählt hatte.

19:30 Uhr, sommerliche 30 Grad. In dem kleinen Saal im Erdgeschoss von Schloss Proschwitz sitzt man dicht an dicht, tauscht kurze Gespräche und hier und da ein Bonbon – dann geht es los und man ist vor allem eines: ganz nah dran an der Musik und den Künstlern, die dort vorne jeden Ton mit größter Leidenschaft zelebrieren. In dem intimen Rahmen kommt jede Nuance in der Musik zur Geltung. Die blitzblanke Perfektion von Ning Feng, Alexander Sitkovetskys glühender, goldener Ton und die grandiose Herzhaftigkeit, mit der Dominic Sedlis tiefe Töne aus dem Kontrabass zaubert  – aber auch Details wie die linke Augenbraue des Cellisten Christian-Pierre La Marca, die beim Spielen zu den Tönen tanzt und der kugelrunde Babybauch der Geigerin Annabelle Meare, die mit ihrem Ehemann Lawrence Power längst zur Moritzburg Familie gehört. „Spielverderber sind hier fehl am Platz”, sagt Jan Vogler mit inbrünstiger Überzeugung. „Man muss sich mögen – musikalisch und menschlich. Was nicht bedeutet, dass nicht immer wieder neue Musiker eingeladen werden. Wir haben ganz offene Antennen und es ist erfrischend, immer wieder neue Gesichter nach Moritzburg einzuladen, um die Familie zu erweitern.”

Zum anschließenden Dinner in der Bel Etage, trudeln noch weitere Musiker ein, die an dem Abend im Rahmen des Festivals bereits an anderen Orten gespielt haben. Bei Vitello Tonnato, Saltimbocca, Kokos-Panna cotta und einem hauseigenen Gläschen Wein, zu dem der Prinz höchstpersönlich an jedem Tisch ein paar Worte erzählt, kommen dann alle zusammen – Publikum, Künstler und Gastgeber mischen sich bunt und unterhalten sich rege. Kombiniert man ein Konzert mit einem Dinner, besteht die Gefahr, dass die Musik im schlimmsten Fall als musikalische Beilage an den Rand gedrängt wird. Mit der „Italienischen Nacht” hat Jan Vogler unter Beweis gestellt, dass das jedoch nicht zwangsläufig so sein muss. Das Rezept dafür ist ganz einfach: Wenn die musikalische Leistung der Künstler so exquisit und durch und durch überzeugend ist, dass Leib und Seele bereits vor dem Essen komplett mit Glück erfüllt sind, dann kann das Dinner im Anschluss noch so schmackhaft sein – die Musik steht an dem Abend trotz aller kulinarischen Leckereien im Mittelpunkt und man stellt fest: Liebe kann nicht nur durch den Magen, sondern auch durch die Ohren gehen. Die „Italienische Nacht” im Schloss Proschwitz war zweifellos eine Nacht für alle Sinne – aber vor allem ganz im Sinne der Musik.

Katherina Knees
Katherina Knees infizierte sich mit sechs Jahren im Kinderchor der Städtischen Bühnen Münster nachhaltig mit einer Leidenschaft für alles, was mit Musik und Theater zu tun hat. Später studierte sie Kontrabass in Köln, wobei sie entdeckte, dass sie eines noch lieber machte, als selbst zu musizieren: mit Musikern sprechen und die Gedanken über Musik aufschreiben. So studierte sie in Düsseldorf noch Musikwissenschaften und Kunstgeschichte, drehte Filme für WDR und Arte, machte Musikreportagen und schreibt seit vielen Jahren mit Begeisterung über alles, was die Musikwelt und ihre Interpreten bewegt.

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