Orlando paladino bei den Münchner Opernfestspielen Liebe, Raserei und Popcorn-Maschine

Was für ein Gute-Laune-Fest! Axel Ranischs Inszenierung von Haydns Oper „Orlando paladino“ im Rahmen der Münchner Opernfestspiele macht vor allem eines: jede Menge Spaß!

Zu Haydns Zeiten noch ein Kassenschlager, wird Haydns „heroisch-komische“ Oper „Orlando paladino“ heute selten gespielt – zu Unrecht! Zugegeben, die Handlung rund um den rasenden Ritter Roland – Ariosts Renaissance-Bestseller war und ist eine allseits beliebte Fundgrube für Opernstoffe von Vivaldi über Händel bis heute – gestaltet sich etwas verzwirbelt: Da gibt es das Liebespaar Angelica und Medoro, die vor dem rasenden Ritter Roland auf der Flucht sind, der ebenfalls in Angelica verliebt ist. Hilfe bekommt das Paar sowohl von Barbarenkönig Rodomonte als auch von Zauberin Alcina. Als humoristischen Gegenpart zu den dramatisch Liebenden finden Schäferin Eurilla und Rolands Schildknappe Pasquale zueinander… und das alle in einem kunterbunten Reigen aus emotionsstarken, fantastischen, spannungsgeladenen und brüllend komischen Einzelszenen.

Tempo und Energie wie in der italienischen Commedia dell’arte
Filmregisseur und Operneuling Axel Ranisch findet eine überzeugende Lösung für den Umgang mit diesem handlungssprungreichen „Szenensalat“: Er siedelt die Geschichte in einem Programmkino an, indem einerseits immer wieder Szenen aus dem „sehr guten Film“ „Medoro & Angelica“ – inklusive Director’s Cut“ – gezeigt werden und in dem anderseits das Kino-Personal selbst zu Akteuren wird. Eurilla schuftet dort als Raumpflegerin, ihr Vater Licone als Hausmeister, und dann wären da noch die von Ranisch hinzuerfundenen, omnipräsenten stummen Rollen eines dicklichen Filmvorführers (Heiko Pinkowski) und seiner Frau (Gabi Herz), die Kultstatus-Potenzial bergen (manche mögen sich des Kult-Statisten Patric Seibert entsinnen, der in Castorfs Bayreuther „Ring“-Inszenierung über Jahre manch einem Sänger-Promi den Rang ablief).

Im Laufe der Oper wird das Kino in Schutt und Asche gelegt – inklusive lustvoll explodierender Popcorn-Maschine

Alle Figuren haben Geschwindigkeit und Energie wie in der italienischen Commedia dell’arte, und im Laufe der Oper wird das Kino denn auch in Schutt und Asche gelegt – inklusive lustvoll explodierender Popcorn-Maschine. Doch am Ende finden alle Töpfchen ihre Deckelchen – inklusive schwulen Coming Outs des Filmvorführers. Man fühlt sich an die temporeichen und poppigen Barockoper-Inszenierungen von David Alden an der Bayerischen Staatsoper erinnert, die die Intendanzzeit von Sir Peter Jonas entscheidend prägten.

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Paradiesische Gesangsleistungen
Die Ensembleleistung ist durchweg atemberaubend: Da ist etwa Eurilla Elena Sancho Pereg mit ihrem zum Niederknien butterweichen und vor Leben sprühend Sopran,  Tenor Dovlet Nurgeldiyev als Medoro mit einer Stimme wie zartschmelzende Vollmilchschokolade oder Don Pasquale David Portillo, der Dank Haydn in der wahnwinzigen Arie „Ecco spiano. Ecco il mio trillo“als vermeintlicher französischer Gesangsmeister ein begeisterndes Spektrum an Gesangs-Raffinessen präsentieren darf und dafür frenetisch vom Publikum gefeiert wird.

Am Pult führt Ivor Bolton ein agiles und spielfreudiges Münchner Kammerorchester. Es ist die zweite Kooperation zwischen diesem Ensemble und der Bayerischen Staatsoper, dessen eigenes Orchester in der Festspielzeit nicht alle Vorstellungen bestreiten kann.

Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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