CRESCENDO: Sie sind eine viel rei­sen­de und ver­hei­ra­te­te Musi­ke­rin und Mut­ter – wie Cla­ra Schu­mann. Was ist für Sie heu­te anders als in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts?
Bai­ba Skri­de (Foto oben: © Mar­co Borg­gre­ve): Fast alles. Im Ver­gleich zu Cla­ra Schu­mann habe ich fast nur Vor­tei­le. Dafür bin ich mei­nem Mann sehr dank­bar. Er hält in Bad Kreuz­nach unser Zuhau­se zusam­men, ver­sorgt die Kin­der und hilft mir bei der Pla­nung von allem. Das war zur Zeit Robert Schu­manns für einen Fami­li­en­va­ter nicht üblich. Aller­dings sind unse­re Kin­der bereits sie­ben und elf Jah­re alt. Mei­ne Abwe­sen­heit ist also eine ver­hält­nis­mä­ßig gerin­ge Schwie­rig­keit.
Haben Sie noch offe­ne Wün­sche?
Ein Auf­tritt mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern hat sich bis­her nicht ver­wirk­licht. Das ist ein ganz gro­ßer Wunsch für den Fall, dass ich noch eini­ge Jah­re wei­ter­ma­chen kann wie bis­her. Ich ver­su­che rea­lis­tisch zu sein: Die Kon­kur­renz ist groß. Also muss man mit den Gedan­ken immer vor­aus sein, immer an sich arbei­ten, immer wei­ter üben und das Bes­te geben. 

Baiba Skride: „Einspielungen sind ein persönliches Vermächtnis und dokumentieren
den Entwicklungsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt.“

(Foto: © Marco Borggreve)

Bedeu­tet „sich behaup­ten“ für Sie eher eine Ein­schrän­kung oder eine Ent­fal­tungs­mög­lich­keit?
Es ist immer eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, mit her­aus­ra­gen­den Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen zu arbei­ten. Im Ide­al­fall erge­ben sich lang­jäh­ri­ge Part­ner­schaf­ten. So war es bei unse­rem Kla­vier­quar­tett. Mit mei­ner Schwes­ter, deren Groß­her­zig­keit ich immer bewun­de­re, bin ich seit Beginn unse­rer Lauf­bahn auch musi­ka­lisch sehr ver­traut. Aber es ist nicht selbst­ver­ständ­lich, in einem Ensem­ble wie unse­rem Kla­vier­quar­tett Wer­ke zu erar­bei­ten und immer tie­fer zu ver­fei­nern. Ich den­ke, die anste­hen­de Aus­tra­li­en-­Tour­nee wird uns künst­le­risch noch enger zusam­men­brin­gen. Viel­leicht klappt es sogar mit einem Kom­po­si­ti­ons­auf­trag. Sie mer­ken: Es über­wiegt die Ent­fal­tungs­frei­heit.
Wie wich­tig sind für Sie Auf­nah­men?
Als musi­ka­li­sches Doku­ment hal­te ich Alben für sehr bedeut­sam – nicht als Wer­bung. Ein­spie­lun­gen sind ein per­sön­li­ches Ver­mächt­nis und doku­men­tie­ren den Ent­wick­lungs­stand zu einem bestimm­ten Zeit­punkt. Die per­sön­li­che Ent­wick­lung geht wei­ter, aber das Doku­ment – ob wert­be­stän­dig oder nicht – bleibt. Das gilt auch für mei­ne anste­hen­de Gesamt­ein­spie­lung der fünf Vio­lin­kon­zer­te von Mozart. Ich will der Welt das hin­ter­las­sen, was ich emp­fin­de. Ich ste­he zu mei­nem roman­ti­schen Stil und geste­he, dass ich mit der his­to­risch infor­mier­ten Auf­füh­rungs­pra­xis nicht so viel anzu­fan­gen weiß. Eine tie­fe Stim­mung auf 436 Hz ist für mich stel­len­wei­se sogar schmerz­haft, weil ich ein höhen­ori­en­tier­tes abso­lu­tes Gehör habe.

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Baiba Skride: „Ich liebe alles ab der Wiener Klassik.“
(Foto: © Marco Borggreve)

Was waren beson­de­re Signal­punk­te in Ihrer künst­le­ri­schen Ent­wick­lung?
Ganz beson­ders wich­tig war für mich Andris Nel­sons, als ich in Lett­land 2001 unter ihm zum ers­ten Mal das Beet­ho­ven-Vio­lin­kon­zert spiel­te. Ich bewun­de­re ihn als Sin­fo­ni­ker und bin glück­lich, dass wir uns gefun­den haben. Ein ande­rer Durch­bruch waren zwei Tage Aus­tausch mit dem Cel­lis­ten Boris Per­ga­men­schi­kow. Sein unglaub­li­ches Wis­sen, sei­ne Hin­ga­be und sei­ne Lie­be zur Musik wur­den für mich essen­zi­ell. Nach 20 Jah­ren den­ke ich immer noch dar­an.
Wo füh­len Sie sich in der Musik am wohls­ten?
Ich lie­be alles ab der Wie­ner Klas­sik. Bei Barock­mu­sik haben ande­re Künst­ler mehr zu sagen als ich. Mei­ne Favo­ri­ten sind die Vio­lin­kon­zer­te von Dmi­tri Schosta­ko­witsch und Béla Bar­tók. Ich will mich nicht fest­le­gen. Hier im Gewand­haus den­ke ich: Schu­mann ist geni­al. Aber ich habe mich auch genau­so gefreut auf die Urauf­füh­rung des Vio­lin­kon­zerts A Por­trait of a Lady by Swan Lake von Vik­to­ria Boris­so­va-Ollas mit dem Roy­al Stock­holm Phil­har­mo­nic Orches­tra im Kon­ser­t­hu­set Stock­holm im Sep­tem­ber.
Haben Sie enzy­klo­pä­di­sche Ansprü­che?
Das kommt auf die Kom­po­nis­ten an, nicht auf Trends. Bei den zehn Beet­ho­ven-Sona­ten zöge­re ich, obwohl es kei­nen bes­se­ren Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung gäbe als das Jubi­lä­ums­jahr 2020. Bei Mozart ist das anders. Die fünf Vio­lin­kon­zer­te mit dem Swe­dish Cham­ber Orches­tra kom­men gera­de im rich­ti­gen Augen­blick.

Béla Bar­tók: Vio­lin­kon­zert Nr. 2 und Rhaps­odi­en für Vio­li­ne und Orches­ter, Bai­ba Skri­de, WDR Sin­fo­nie­or­ches­ter Köln, Eivind Aad­land (Orfeo)
www.amazon.de

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Auf­tritts­ter­mi­ne: www.baiba-skride.com

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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