Im Som­mer 1816 hiel­ten sich der roman­ti­sche Schrift­stel­ler Per­cy Byss­he Shel­ley und sei­ne Part­ne­rin Mary Woll­stone­craft Shel­ley mit einem lite­ra­ri­schen Freun­des­kreis in Lord Byrons Vil­la Dio­da­ti in Colo­gny am Gen­fer­see auf. Zur Über­brü­ckung einer Rei­he von Regen­ta­gen eines Jah­res ohne Som­mer schlug der Haus­herr das Erzäh­len von Geis­ter­ge­schich­ten vor. Dabei beein­druck­te vor allem Mary Shel­ley mit ihrer fan­ta­sie­vol­len Schil­de­rung eines schau­ri­gen Mons­ters und sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te. Im Jahr dar­auf brach­te Shel­ley ihre Ein­fäl­le unter dem Titel „Fran­ken­stein oder der moder­ne Pro­me­theus“ als Roman her­aus.

Ausschnitt aus einem Gemälde von 
Richard Rothwell aus dem Jahr 1840, das
Mary Shelley, die Verfasserin des Romans
„Frankenstein“ zeigt.
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Dar­in ent­hüllt ein Nord­pol­for­scher namens Robert Walton in Form von Brie­fen und Tage­buch­auf­zeich­nun­gen die Lebens­ge­schich­te des Natur­wis­sen­schaft­lers Vik­tor Fran­ken­stein, der durch alchi­mis­ti­sche Expe­ri­men­te das Geheim­nis des Lebens zu ergrün­den ver­such­te. Beses­sen von der Idee, das Eli­xier des Lebens zu fin­den, gelingt es Fran­ken­stein, aus Men­schen­kno­chen, die er aus Bein­häu­sern zusam­men­ge­tra­gen hat, ein rie­si­ges Ske­lett zusam­men­zu­set­zen. Damit formt er einen men­schen­ähn­li­chen Kör­per und ver­leiht ihm Leben. Das häss­li­che Geschöpf begibt sich in die Welt auf der Suche nach Men­schen und Lie­be. Doch über­all stößt es auf Abscheu, und so wird es zum bösen Dämon, der tötet, weil er nicht lie­ben darf. Am Ende hetzt er den Wis­sen­schaft­ler durch vie­le Län­der, bis die­ser in der Ark­tis an Bord des Nord­pol­for­schers Robert Walton lan­det. In den Armen Waltons stirbt Fran­ken­stein, und der künst­li­che Mensch treibt ein­sam auf einer Eis­schol­le in die Polar­nacht.

Begibt sich mit seiner Musik in „das 
riesige unerforschte Delta zwischen
den Strömen der Neuen Musik und
der Populären Musik“: Jan Dvořák

Zum 200-jäh­ri­gen Jubi­lä­um von Mary Shel­leys Roman 2018 schrieb Jan Dvořák ein Musik­thea­ter­stück danach. Er stellt es in eine Rei­he mit sei­ner 2013 ent­stan­de­nen Oper „20 000 Mei­len unter dem Meer“ nach Jules Ver­nes Sci­ence-Fic­tion-Roman, mit dem er eine „Archäo­lo­gie der Moder­ne“ schaf­fen möch­te. Bei­de Autoren Shel­ley und Ver­ne sei­en Pio­nie­re der Sci­ence-Fic­tion-Lite­ra­tur, deren Visio­nen heu­te jedoch Wirk­lich­keit wür­den, erläu­tert Dvořák. Musi­ka­lisch begibt er sich mit Fran­ken­stein, die er als „Gothic Ope­ra“ bezeich­net, in „das rie­si­ge uner­forsch­te Del­ta zwi­schen den Strö­men der Neu­en Musik und der Popu­lä­ren Musik“. Selbst aus der Rock- sowie Barock-Musik kom­mend, cha­rak­te­ri­siert er sei­nen Stil als pathe­tisch und thea­tral. Zeit­ge­nös­si­scher Gesang müs­se die Revo­lu­ti­on des Sin­gens durch die Pop­mu­sik reflek­tie­ren, betont er.

Szenenfoto aus Sebastian Schwabs 
Inszenierung von Jan Dvořáks Oper
„Frankenstein“ am Musiktheater im
Revier Gelsenkirchen
(Foto: © Karl und Monika Forster)

Das von ihm selbst ver­fass­te Libret­to erzählt den Ent­wick­lungs­weg „von einem wehr­lo­sen, rie­sen­haf­ten Klein­kind zu einem lie­ben­den Außen­sei­ter und schließ­lich zum Mör­der und intel­lek­tu­ell bril­lan­ten Geg­ner Fran­ken­steins“ aus der Per­spek­ti­ve des Mons­ters nach. Es stel­le impli­zit die Fra­ge nach dem „Ande­ren“ und des­sen Aus­schluss aus der Gesell­schaft, erklärt Dvořák. Dar­über hin­aus wer­de auf einer wei­te­ren Ebe­ne zwi­schen klas­si­schem Opern­ge­sang und moder­nen Schau­spiel­tech­ni­ken ver­han­delt. Das Mons­ter singt näm­lich nicht, son­dern ist eine Sprech­rol­le. Da es etwas nicht kann, was alle ande­ren kön­nen, ist es aus­ge­schlos­sen aus der Gemein­schaft und „birgt zugleich den Keim von etwas gänz­lich Neu­em“.

Szenenfoto aus Sebastian Schwabs 
Inszenierung von Jan Dvořáks Oper
„Frankenstein“ am Musiktheater im
Revier Gelsenkirchen
(Foto: © Karl und Monika Forster)

Nach der Urauf­füh­rung in Ham­burg kommt das Stück unter der Regie von Sebas­ti­an Schwab im Musik­thea­ter im Revier Gel­sen­kir­chen erneut auf die Büh­ne. Die Dar­stel­lung des Mons­ters (Foto oben: © Björn Hick­mann), gebaut von Karin Tie­fen­see und Ingo Mewes, über­neh­men die Pup­pen­spie­le­rin­nen Evi Arnsbje­rg Bryg­mann, Bian­ka Droz­dik, Eile­en von Hoy­nin­gen Hue­ne und Ana­sta­sia Sta­ro­du­bo­va. Vik­tor Fran­ken­stein ist Pio­tr Pro­che­ra. Sei­ne Ver­lob­te Eli­sa­beth Del­a­cey wird alter­nie­rend von Bele Krum­ber­ger und Giu­lia Mon­ta­na­ri dar­ge­stellt. Die musi­ka­li­sche Lei­tung hat Giu­lia­no Bet­ta.

Wei­te­re Auf­füh­run­gen gibt es am 3., 12., 20. und 27. Okto­ber, am 1. und 16. Novem­ber, am 1. und 20. Dezem­ber 2019 sowie am 5. Janu­ar 2020.

Infor­ma­tio­nen und Kar­ten: www.musiktheater-im-revier.de

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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