Liebeserklärung: Neigung des Liebenden, das geliebte Wesen mit verhaltener Erregung und ausgiebig über seine Liebe, es selbst, ihn selbst und sie beide ins Bild zu setzen.“ (Roland Barthes)

Von A wie Abhän­gig­keit bis Z wie Zugrun­de­ge­hen beleuch­tet der Phi­lo­soph Roland Bar­t­hes in sei­nem 1977 erschie­ne­nen Werk Frag­men­te einer Spra­che der Lie­be lexi­ka­lisch Aspek­te der viel­leicht größ­ten Macht der Welt. Das Buch wur­de nun zum Aus­gangs­punkt eines unge­wöhn­li­chen Pro­jekts zwei­er Künst­ler­paa­re: Cel­list Alban Ger­hardt und Vio­li­nis­tin Ger­ga­na Ger­go­va, Bild­hau­er und Maler Alex­an­der Pol­zin und Regis­seu­rin und Cho­reo­gra­fin Som­mer Ulrick­son ent­wi­ckel­ten love in frag­ments, ein inter­dis­zi­pli­nä­res Büh­nen­stück über die Lie­be.

Die Koope­ra­ti­on ent­stand aus der Freund­schaft der Paa­re. Ger­hardt erin­nert sich: „Ich lern­te Alex­an­der Pol­zin ken­nen und war sofort begeis­tert von sei­ner Kunst. Irgend­wann waren wir dann zu einer Auf­füh­rung des Stü­ckes Fear To Go sei­ner Part­ne­rin Som­mer Ulrick­son ein­ge­la­den, und es war mit das Bes­te, was ich je an Thea­ter gese­hen habe. Da die bei­den mich und mei­ne Frau eben­falls gehört hat­ten, beschlos­sen wir, zusam­men etwas zu kre­ieren.“ In Fear To Go the­ma­ti­sier­te Ulrick­son ver­schie­de­ne Aspek­te der Angst, für das gemein­sa­me Pro­jekt muss­te ein neu­es The­ma gefun­den wer­den. Es wur­de die Lie­be: „Das bie­tet sich an bei zwei Paa­ren!“

Ein unge­wöhn­li­ches Pro­jekt zwei­er Künst­ler­paa­re“

Alex­an­der Pol­zin war es, der Roland Bar­t­hes’ Werk mit ins Spiel brach­te: „Frag­men­te einer Spra­che der Lie­be befin­det sich im Grau­be­reich zwi­schen Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie, es ist im Grun­de ein Plä­doy­er für eine roman­ti­sche Vor­stel­lung von Lie­be. Und was könn­te bes­ser geeig­net sein, um die­se roman­ti­schen Vor­stel­lun­gen zu unter­su­chen, als unter­schied­li­che Kunst­me­di­en wie Musik, Bild­haue­rei, Tanz, Lite­ra­tur und Thea­ter? Dass die­se Küns­te sich auf Augen­hö­he begeg­nen, nicht ein­an­der illus­trie­rend, son­dern beflü­gelnd, ist das gro­ße Aben­teu­er, auf das wir uns ein­las­sen.“

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Im visu­el­len Fokus steht Pol­zins Büh­nen­skulp­tur a sight for sore eyes. Die 2,40 Meter gro­ße Skulp­tur zeigt zwei nack­te, sich umar­men­de Kör­per und stell­te den Bild­hau­er vor beson­de­re Schwie­rig­kei­ten: „Sie besteht aus trans­pa­ren­tem Gieß­harz, aus dem man sonst Din­ge macht, die maxi­mal 30 bis 40 Zen­ti­me­ter groß sind.“

Für Pol­zin ist die Ver­schmel­zung von bil­den­der Kunst und Musik kein Neu­land, er arbei­te­te bereits mit gro­ßen Kom­po­nis­ten wie Györ­gy Kur­tág und Hel­mut Lachen­mann zusam­men und ent­warf Büh­nen­bil­der, unter ande­rem für den Par­si­fal der Salz­bur­ger Oster­fest­spie­le: „Mei­ne auto­no­me Arbeit als Bild­hau­er und Maler befin­det sich in einem stän­di­gen ima­gi­nä­ren oder auch kon­kre­ten Aus­tausch mit ande­ren Küns­ten, vor allen Din­gen mit Musik. Seit ich den­ken kann, war Musik bei der Arbeit und im Ate­lier prä­sent.“

Aus sei­ner eige­nen Kom­fort­zo­ne her­aus­zu­ge­hen ist wich­tig“

Die musi­ka­li­sche Aus­wahl tra­fen Alban Ger­hardt und Ger­ga­na Ger­go­va. Jörg Wid­manns Duos für Gei­ge und Cel­lo, Aus­zü­ge aus Bachs Solo­stü­cken für bei­de Instru­men­te, Tran­skrip­tio­nen sei­ner zwei­stim­mi­gen Inven­tio­nen, aber auch von den Schau­spie­lern gesun­ge­ne Pop­songs sind Teil des Pro­gramms. love in frag­ments bringt die Musi­ker in unge­wohn­te Spiel­si­tua­tio­nen. Haben Sie schon ein­mal eine im Lie­gen spie­len­de Vio­li­nis­tin gese­hen? Oder einen Cel­lis­ten, der mit einer Dame auf dem Schoß eine Bach-Sui­te inter­pre­tiert? Ger­go­va und Ger­hardt ste­hen, gehen, lie­gen und wer­den von den Cho­reo­gra­fen bewegt, wäh­rend sie nicht nur die Musik, son­dern auch die Büh­ne (be-)spielen. Die­sen Her­aus­for­de­run­gen stellt sich Alban Ger­hardt mit Humor: „Es ist auf jeden Fall nicht schlecht, auch mal im Lie­gen oder Ste­hen auf­ge­tre­ten zu sein, da weiß man, dass nichts pas­sie­ren kann, auch wenn mal ein Sta­chel weg­rutscht oder ein Stuhl zusam­men­bricht. Aus sei­ner eige­nen Kom­fort­zo­ne her­aus­zu­ge­hen ist wich­tig.“

Im Mai tra­fen sich die Künst­ler zu einer ers­ten inten­si­ven Pro­ben­pha­se in Snape Mal­tings, der alten Malz­fa­brik, die Ben­ja­min Brit­ten im eng­li­schen Städt­chen Alde­burgh für sein Fes­ti­val zum Kon­zert­saal umbau­en ließ. „Es ist wie in einem Che­mie­la­bor“, setzt Pol­zin zu einem unge­wöhn­li­chen Ver­gleich an: „Bis man anfängt zu pro­ben, ist alles Theo­rie. Man hat auf einem gro­ßen Tisch Bar­t­hes’ Text und vie­le Ergeb­nis­se von Unter­su­chun­gen und For­schung zum The­ma Lie­be. Erst wenn das Expe­ri­ment beginnt, schüt­tet man all die­se unter­schied­li­chen Zuta­ten zusam­men und schaut, wel­che Reak­tio­nen pas­sie­ren, wel­che neu­en Stof­fe ent­ste­hen.“ Für Pol­zin endet sein Anteil am Expe­ri­ment nicht mit der „Ablie­fe­rung“ der Skulp­tur: „Es han­delt sich bei der Büh­nen­skulp­tur nicht um eine nor­ma­le Form des Büh­nen­bil­des, son­dern um eine Skulp­tur, die auch unab­hän­gig ihre eige­ne Wer­tig­keit hat. So wie die Musik­stü­cke, die auch auto­nom in einem Kon­zert vor­ge­tra­gen wer­den kön­nen, kann mei­ne Skulp­tur auch auto­nom aus­ge­stellt wer­den, hat aber einen Mehr­wert im Kon­text der Auf­füh­rung. Ich habe ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, mit ihr umzu­ge­hen, sie zu behan­deln und ein­zu­be­zie­hen, in sie hin­ein­ge­dacht. Die lege ich aber nicht sofort offen. Ich bin selbst neu­gie­rig, was die Per­for­mer und Musi­ker auf der Büh­ne damit machen.“

Das ist die Idee des Gan­zen: Dass die Kunst­for­men sich gegen­sei­tig inspi­rie­ren“

Dass die Skulp­tur mehr als ein Büh­nen­bild ist, spürt auch Alban Ger­hardt deut­lich: „Neben so einer Sta­tue zu sit­zen, ist sehr berüh­rend. Sie ist wun­der­schön, auch ihre Hap­tik und die ver­schie­de­nen Beleuch­tun­gen. In die­sem Moment spielt man anders. Das ist die Idee des Gan­zen: Dass die Kunst­for­men sich gegen­sei­tig inspi­rie­ren und das Gesamt­werk vom Publi­kum so noch bes­ser ver­stan­den und auf­ge­so­gen wer­den kann. Man ver­steht die Musik teil­wei­se bes­ser, wenn man nicht nur die gan­ze Zeit Musik hört, und man ver­steht die teil­wei­se phi­lo­so­phi­schen Tex­te deut­li­cher, wenn sich das Gehirn bei Musik ent­span­nen kann oder neu her­aus­ge­for­dert wird.“

Der nächs­te Schritt vor der offi­zi­el­len Urauf­füh­rung im März 2019 in New York – und bevor das Stück hof­fent­lich auch bald in Deutsch­land zu erle­ben sein wird – ist eine zwei­te inten­si­ve Pro­ben­pha­se, in der die ver­schie­de­nen Frag­men­te in der Sym­bio­se wei­ter fokus­siert wer­den. Pol­zin hat das Wunsch­ziel der Künst­ler klar vor Augen: „Künst­le­ri­sche Medi­en kön­nen in der Lage sein, Denk­pro­zes­se anzu­schie­ben, die sonst nicht ohne Wei­te­res statt­fin­den wür­den. Die­se Pro­zes­se sind bei einer künst­le­ri­schen Umset­zung untrenn­bar mit emo­tio­na­len Vor­gän­gen ver­bun­den. In einer Auf­füh­rung kommt im bes­ten Fall nicht nur das Hirn in Bewe­gung, son­dern auch das Herz. Das ist es, was wir uns wün­schen.“

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Sina Kleinedler
Direkt nach ihrem Abi wirbelte Sina Kleinedler bereits als Praktikantin durch die crescendo-Redaktion. Ein Musikjournalismus- und Cellostudium in Dortmund und Hannover schlossen an. Heute gibt sie unter anderem regelmäßig Konzerteinführungen in der Philharmonie Köln. „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“ (Augustinus Aurelius), lautet ihre Devise.

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