Musik am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Macht, Glanz und Intrige

Wohl nie war die Geschichte eines Herrschers so eng mit der Musik verwoben wie die von Ludwig XIV. Manipuliert von seinem Haus- und Hofkomponist Jean-Baptiste Lully, wurde Musik zu einer grandiosen Inszenierung seiner königlichen Gewalt.

Da funkelte er in zartem Rosa und Silber im Glaskasten bei Christie’s in Genf und strahlte wie die Welt, die er einst repräsentierte: der 19,07 Karat schwere Diamant „Grand Mazarin“. Für schlappe zwölf Millionen Euro ging er im November 2017 über den Tisch und stach den „Raj Pink“ aus, mit 37,3 Karat immerhin doppelt so viel wert. Der „Mazarin“ aber hat eine illustre Geschichte. Er zierte Kronen und Diademe und gehörte einst dem Kardinal Mazarin, dem seinerzeit mächtigsten Mann in Frankreich, mächtiger als der König selbst. Ludwig XIII. schien schwach und naiv – so wird er jedenfalls in Alexandre Dumas’ Die drei Musketiere beschrieben. Als er 1643 stirbt, ist sein Sohn Ludwig XIV. erst vier Jahre alt. Kommissarisch übernimmt seine Mutter die Regentschaft über ein Land, das seit 13 Jahren mit Spanien Krieg führt und geschwächt ist durch die „Fronde“, die aufflackernden Aufstände des Volkes und des Hochadels. Da bietet sich Kardinal Mazarin an, als Retter der Bourbonen-Regentschaft und als Taufpate und Ersatzvater für Ludwig. Mazarins diplomatischer Kunst wird Frankreich den Westfälischen Frieden (1648) und die Versöhnung mit Spanien im Pyrenäenfrieden (1659) verdanken. „Ein Mann an der Macht beweist seine Fähigkeit, die Staatsgeschäfte zu führen, indem er die seinen florieren lässt“, sagt der „Schiedsrichter Europas“ und handelt auch so. Böse Liedchen, „Mazarinaden“, wird ihm das Volk dichten, weil er rücksichtslose Steuerpolitik betrieb und unfassbares Vermögen anhäufte.

VersaillesMazarin ist auch ein Mann der Bildung. Lange bevor General Bonaparte Kunstwerke aus Italien als Kriegsbeute nach Paris schickt, tut er es bereits. Seine Bibliothek umfasst 40.000 Bücher. Auch die Oper interessiert ihn, die italienische natürlich, und er will sie am französischen Hof etablieren. 1645 startet er den ersten Versuch. In Anwesenheit der Regentin erklingt La Finta Pazza von Francesco Sacrati im Theater Petit-Bourbon.

„Seine Bibliothek umfasst 40.000 Bücher“

Am 7. März 1661 lässt er sich Haare und Bart kräuseln und parfümieren und erwartet, in prachtvolle Staatsgewänder gehüllt, den Tod. In der Nacht vom 8. auf den 9. März ist es so weit. In Frankreichs Kirchen wird für ihn wie für einen König gebetet. Ludwig, der wahre König, ist 23 Jahre jung und bereit. Die politischen Winkelzüge hat er von Mazarin gelernt. Nur die Liebe zur italienischen Kunst teilt er nicht. Eine „Grande Nation“ braucht schließlich eine eigene Musik.

ANZEIGE

Über Nacht werden alle italienischen Musiker entlassen, auch der berühmte Francesco Cavalli, der 1660 auf Bitte von Mazarin nach Paris gekommen war, um mit einer Oper die Hochzeit Ludwigs XIV. mit Maria Teresa von Spanien 1660 zu feiern. Der alternde Mazarin kann die Sabotage von Cavallis Musik nicht verhindern. Längst hat ein anderer die Macht übernommen. Sein (italienischer) Name: Giovanni Battista Lulli. Als Lakai war der florentinische Müllersohn nach Paris gekommen. Dort hatte er sich als Geiger und Tänzer die Gunst Ludwigs, der selbst ein ausgezeichneter Tänzer war, erworben. Gemeinsam treten sie 1653 im mythologischen Ballet Royal de la Nuit auf – am Tag nach der Niederschlagung (!) der Fronde-Aufstände. Ein symbolischer Moment für das Land: Der 14-jährige Dauphin inszeniert sich als Sonne, um die alle Planeten kreisen. Sein mit edlen Steinen besetztes Kostüm als leuchtender Apollon setzt ein unmissverständliches Signal an seine Untertanen: Hier steht der Repräsentant der göttlichen Allgewalt, das Zentralgestirn Frankreichs, von dem alles Licht ausgeht. „L’état c’est moi!“ – „Der Staat bin ich!“, Worte, die er übrigens nie gesagt hat.

„Der Staat bin ich!“

Lully sonnt sich in diesem Licht. Bald wird der König nicht nur zu Lullys gravitätisch punktierten Rhythmen schreiten, sondern auch nach seiner Pfeife tanzen. Im Gegenzug liefert Lully tönende Lobpreisungen auf seinen Herrn, die sich im Prolog seiner Opern äußern und im Ballet de cour (Hofballett), in dem sich Ludwig XIV. in seinem absolutistischen Herrscherverständnis inszeniert. Ort der King(sized) Shows wird Versailles. Aus dem alten Jagdschlösschen seines Vaters draußen im Sumpf südwestlich von Paris hat er das prächtigste Schloss der Welt errichten lassen. Die Fronde, eine Serie von Aufständen und Bürgerkriegen, hatten Ludwig gelehrt, dass man niemandem trauen kann, schon gar nicht der Familie. Um die Mächtigen zu kontrollieren, lässt er sie alle in seinem Schloss wohnen, abgeschnitten vom Rest der Welt. Dort agieren sie nun, gefangen im Korsett eines starren Hofzeremoniells unter steter Beobachtung ihres Herrschers. Er wusste um ihre Eitelkeit, ihre Gier nach Geld und Ansehen, nach Luxus und Amüsement. Kostümaufmärsche, Theater, Musik, Ballette und splendide Feste sollten sie ablenken, keine Orgien, sondern minutiös arrangierte Feste, bei der der „Honnête homme“ nobles Verhalten an den Tag zu legen hatte. Der König selbst machte es vor: „Niemals ging er auch nur an der geringsten Magd vorüber, ohne den Hut zu lüften“, schrieb der scharfsinnige Chronist Herzog von Saint-Simon.

Der Rebell des Königs
Foto: Tom Schulze

Und Lully lieferte den musikalischen Stoff dazu, grandios pathetische Opern, deren gravitätisch einleitende „Französische Ouvertüren“ dem Herrscher Raum zur Inszenierung geben. Tragédie lyrique heißt die französische Nationaloper, die sich als Gegenpol zur italienischen Oper versteht. Sie orientiert sich am klassischen französischen fünfaktigen Theater, hat ausgiebige Ballett- und Chorszenen und – da man Kastraten ablehnte – einen speziellen Gesangsstil, den der komponierende Philosoph Jean-Jacques Rousseau viele Jahre später als „fortgesetztes Bellen, jedem Ohr, das nicht daran gewöhnt ist, unerträglich“ beschimpft. 16 dieser Tragédies liefert Lully, einige mit Molière, die meisten mit dem Librettisten Philippe Quinault erarbeitet, darunter Atys von 1676, an der Ludwig angeblich mitkomponierte. Fürstlich ausgestattet sind die Orchester: 24 Violons du Roi, dazu zwölf Oboen und Block- und Traversflöten. Und eine Continuogruppe mit Lauten, Gitarren, Cembalo sowie Pauken und Trompeten.

„Lullys Stern beginnt zu sinken“

Die Nähe zum König steigert Lullys Macht. 1661 steigt er zum Surintendant de la musique auf, 1672 sichert er sich die Rechte an der Académie Royale de Musique, die in einem einzigartigen, von Ludwig XIV. unterzeichneten Patentbrief dokumentiert sind: „Sehr ausdrücklich verboten ist allen Personen, von welchem Stand und welcher Anstellung sie auch sind, … einzutreten, ohne zu bezahlen. Ebenso irgendein vollständiges Stück mit Musik aufzuführen, sei es mit französischen Versen oder in einer anderen Sprache, ohne Bewilligung des besagten Sieur Lully, mit einer Buße von 10.000 Livres und der Konfiszierung von Theater, Bühnenmaschinerie, Bühnenbild, der Kostüme etc., wovon ein Drittel uns zu übergeben ist, ein Drittel dem Hospital General und ein Drittel besagtem Sieur Lully.“ Skrupellos wird Lully diese verteidigen, sich auch vermeintlicher Konkurrenten wie Molière entledigen, der mit seinen brillanten, vom König geliebten Satiren über Jahre den geistreichen Rahmen für Lullys Comédie-ballets geliefert hatte, Komödien mit Ballett- und Musikeinlagen, eine Art Musical des 16. Jahrhunderts und neben der Tragédie lyrique eine weitere typisch französische Musikgattung. Molière kommt ihm zuvor. Ausgerechnet in einer Vorstellung von Der eingebildete Kranke merken Kollegen, dass dieser sich auf der Bühne in seinem Sessel nicht mehr regt. Er stirbt 1673 mit 51 Jahren. Den Ledersessel kann man heute in der Comédie-Française in Paris besichtigen.

Cadmus und Hermione
Foto: Elizabeth Carecchio

Die Musik zum Malade imaginaire hatte übrigens – Ironie des Schicksals – nicht Lully geschrieben, sondern Marc-Antoine Charpentier, obwohl ihn der Surintendant vom Hofe fernhielt. Doch Lullys Stern beginnt zu sinken. Die frömmelnde Madame de Maintenon, die Geliebte des Königs, stört sich an seinem pädophilen Lebenswandel. 1687 stirbt Lully einen Tod, der so spektakulär wie sein Aufstieg ist. Beim Dirigieren rammt er sich den Zeremonienstab in den Fuß und stirbt an einer Blutvergiftung.

Andere übernehmen seinen Platz: Der brave Delalande, der feinsinnige Organist François Couperin und der Gambist Marin Marais. Auch der König hat sich verändert, er kränkelt, er macht sich Sorgen um sein Seelenheil. Die Party scheint vorbei, noch nicht aber die Kriege, die auch zu Charpentiers Stunde werden. 1692 zur Feier des französischen Sieges von Steenkerk wird sein Te Deum aufgeführt – durch den Gebrauch seines Präludiums als Eurovisionshymne (seit 1954) bis heute sein bekanntestes Werk.

„Die Franzosen sind und bleiben halt Eseln“

Täglich besucht Ludwig die Messe und übt sich in barocker Glaubensversenkung mit Motetten und Psalmen aus der Feder Couperins, des Lehrers seiner Kinder. Sonntags begegnet man sich in den Privatgemächern des Königs zu den „Concerts royaux“ mit Couperin am Cembalo. In Versailles findet Couperin reichlich Stoff für seine kleinen „Charakterstudien“ für Cembalo, denen er rätselhafte Titel gibt. „Die Mehrheit dieser schmeichelnden Titel gehört den liebenswürdigen Originalen …, die ich darstellen wollte“, schreibt er mit feiner Ironie, „und weniger den Kopien, die ich von ihnen machte.“ „Le Grand“, wie man ihn nannte, ist ein malender Musiker wie 200 Jahre vorher Clément Jannequin. Und 200 Jahre später Debussy.

Vom französischen musikalischen „Reinheitsgebot“ und Universalanspruch hält Couperin nichts. Glaubenskriege interessieren ihn nicht. Anders Jean-Philippe Rameau. Der Verfasser einer wegweisenden Harmonielehre und genialer Komponist von heroischen und komischen Ballettmusiken stellt sich im Buffonistenstreit – einer Auseinandersetzung um die Vorherrschaft der französischen oder der italienischen Oper – auf die französische Seite. Pragmatisch löst Christoph Willibald Gluck den Konflikt. Eine italienische und eine französische Version seines Orfeo wird er anfertigen. „Die Franzosen sind und bleiben halt Eseln“, schrieb Mozart dazu aus Paris 1778, „sie können nichts, sie müssen Zuflucht zu Fremden nehmen.“

Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here