Marlis PetersenStepptanz, Pink Floyd und die große Oper ­

Foto: Yiorgos Mavropoulos

Marlis Petersen gehört zu den großartigsten Koloratursopranistinnen unserer Zeit. Ihre Darstellung der Lulu machte sie weltberühmt. Doch ihre Karriere nahm zwischen Pop, Schulmusik und schwäbischer Bodenständigkeit ihren Anfang.

Opern­so­pra­ne sind oft Diven. Wenn die Hotel­sui­te nicht den pas­sen­den Pan­ora­ma­blick bie­tet, ras­ten sie aus, eben­so, wenn das Mine­ral­was­ser in der Künst­ler­gar­de­ro­be nicht rich­tig tem­pe­riert ist. Außer­dem läs­tern sie ger­ne über Kol­le­gin­nen und ihrer Mei­nung nach völ­lig unfä­hi­ge Diri­gen­ten. So weit das Kli­schee, das bei so man­cher Pri­ma­don­na voll ins Schwar­ze trifft.

Glück­li­cher­wei­se ist Mar­lis Peter­sen von die­sem Typus des prä­ten­tiö­sen Stars mei­len­weit ent­fernt. Die 1968 in Sin­del­fin­gen gebo­re­ne Künst­le­rin mit den flip­pig-bun­ten Sträh­nen im Haar ist boden­stän­dig, unkom­pli­ziert und for­mu­liert ihre Sät­ze im Inter­view mit unver­kenn­bar schwä­bi­scher Sprach­fär­bung. Obwohl ihre Eltern selbst kei­ne Musi­ker sind, kommt sie schon früh mit klas­si­scher Musik in Berüh­rung. Ihr ers­tes Instru­ment wird das Kla­vier, über ihren Kla­vier­leh­rer lernt sie die gan­ze Band­brei­te des Reper­toires ken­nen. Sie macht schnel­le Fort­schrit­te und nimmt regel­mä­ßig mit Erfolg an „Jugend musi­ziert“ teil. Spä­ter nimmt sie zusätz­lich Quer­flö­ten­un­ter­richt.

Mit 16 tritt sie in den Kir­chen­chor ein, und ein Jahr spä­ter darf sie schon in der Tutt­lin­ger Kir­che das Sopran-Solo in einer Schu­bert-Mes­se sin­gen – wohl­ge­merkt ohne jemals eine Stun­de Gesangs­un­ter­richt genom­men zu haben. Plötz­lich wer­den das Kla­vier und die Flö­te unwich­tig. Mar­lis hat ihr Instru­ment gefun­den: ihre eige­ne Stim­me! Schlag­ar­tig wird ihr klar, dass das Sin­gen ihre Beru­fung ist. Doch die Eltern sind skep­tisch. Das „Mäd­le“ soll doch etwas stu­die­ren, was nicht so brot­los ist wie die freie Kunst. So einigt man sich auf ein Schul­mu­sik­stu­di­um. Falls es dann für die Pri­ma­don­nen-Kar­rie­re nicht ganz rei­chen soll­te, hät­te sie als Musik­leh­re­rin ein siche­res Ein­kom­men.

Wir cover­ten die dama­li­gen Hits von Whit­ney Hous­ton bis Pink Floyd“

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Ihre Gesangs­leh­re­rin an der Stutt­gar­ter Musik­hoch­schu­le wird Syl­via Ges­zty, eine renom­mier­te unga­ri­sche Kolo­ra­turso­pra­nis­tin und gefrag­te Päd­ago­gin. Doch bevor Mar­lis Peter­sen in die hohe Kunst der vir­tuo­sen Ver­zie­run­gen ein­ge­wie­sen wird, betä­tigt sich die viel­sei­tig inter­es­sier­te Künst­le­rin erst ein­mal als Rock­sän­ge­rin. In ihrem Abitur­jahr steigt sie in die Pop­band Squa­re ein. „Wir cover­ten die dama­li­gen Hits von Whit­ney Hous­ton bis Pink Floyd“, erin­nert sich Peter­sen. „Die Näch­te waren lang, die Tage kurz, es war ein Rie­sen­spaß und eben­so eine finan­zi­el­le Hil­fe für mein Musik­stu­di­um.“

Als klar wird, dass eine Tätig­keit im Schul­dienst für sie abso­lut nicht infra­ge kommt, macht sie ein Auf­bau­stu­di­um mit den Schwer­punk­ten Oper und zeit­ge­nös­si­sche Musik, belegt Kur­se in Jazz- und Stepp­tanz. Bald ern­tet Peter­sen, die sich in so vie­len ver­schie­de­nen Berei­chen der Musik mit Ver­ve betä­tigt hat, die Früch­te ihrer Bemü­hun­gen: 1990 ersingt sie sich einen Preis beim Bun­des­wett­be­werb Gesang Ber­lin in der Spar­te Oper/Operette/Konzert, drei Jah­re spä­ter im Bereich Musical/Chanson/Song.

Heu­te gilt Mar­lis Peter­sen als eine der größ­ten deut­schen Opern­sän­ge­rin­nen. Doch das Inter­es­se fürs Musik­thea­ter ent­wi­ckel­te sie erst spät. Ihre ers­te Erfah­rung mit der Oper hat­te sie im Alter von 15 Jah­ren, als das Pforz­hei­mer Ensem­ble Rigo­let­to in Tutt­lin­gen auf­führ­te. Aller­dings habe die­se Begeg­nung „noch nichts aus­ge­löst“, erin­nert sich die Sän­ge­rin. Sie führt dies dar­auf zurück, dass sie durch ihr Eltern­haus nicht musi­ka­lisch vor­ge­prägt war und des­halb „gar kei­nen Anknüp­fungs­punkt hat­te“. Sie sei „ein abso­lu­ter Opern-Spät­zün­der“ gewe­sen, erklärt sie. Erst als sie ihr ers­tes Enga­ge­ment an der Oper Nürn­berg bekommt, ver­steht sie, welch viel­fäl­ti­ge Aus­drucks­mög­lich­kei­ten man als Opern­sän­ge­rin besitzt. Die Jah­re in Nürn­berg sind für Mar­lis Peter­sen eine prä­gen­de Zeit. „Sie haben den Grund­stein dafür gelegt, was mich heu­te als Opern­sän­ge­rin aus­macht“, da ist sich Peter­sen sicher. Unter dem pro­gres­si­ven Lei­ter der Nürn­ber­ger Oper Eber­hard Klo­ke lernt sie nicht nur neue Insze­nie­rungs­kon­zep­te ken­nen, son­dern auch aus­ge­fal­le­ne Wer­ke wie Pro­kof­jews Feu­ri­ger Engel, Schön­bergs Opern­frag­ment Moses und Aron, Rihms Erobe­rung von Mexi­ko ‒ und Bergs Lulu.

Ich lie­be Mozarts Musik und Aus­drucks­kraft, die sich trotz der klas­si­schen Form einer jeden See­le mit­tei­len kann“

Die Lulu in Bergs gleich­na­mi­ger Oper wird die Rol­le ihres Lebens. 2002 debü­tiert Mar­lis Peter­sen als Lulu an der Wie­ner Staats­oper, 2003 spielt sie die ver­füh­re­ri­sche Kind­frau an der Ham­bur­gi­schen Staats­oper in der eben­so gewag­ten wie erfolg­rei­chen Lulu-Insze­nie­rung von Peter Konwitsch­ny. Hier glänzt sie nicht nur mit stu­pend sicher dar­ge­bo­te­nen Zwölf­ton-Kolo­ra­tu­ren und einer Dar­stel­lung der Prot­ago­nis­tin jen­seits schmie­ri­ger Rot­licht-Kli­schees, son­dern unter­stützt den aus­ge­las­sen-trieb­haf­ten und selbst­be­wuss­ten Cha­rak­ter ihrer Lulu zusätz­lich durch akro­ba­ti­sche Ein­la­gen auf der Büh­ne. Die Mühe lohnt sich: Im sel­ben Jahr wird sie für die Ham­bur­ger Lulu vom Fach­blatt Opern­welt als Sän­ge­rin des Jah­res aus­ge­zeich­net. Wei­te­re Auf­füh­run­gen in die­ser Rol­le hat sie 2005 im Athe­ner Mega­ron, 2008 in Chi­ca­go und 2010 an der New Yor­ker Met.

Neben der Lulu ist Mar­lis Peter­sen auch regel­mä­ßig in Mozart-Opern zu erle­ben, etwa in der Zau­ber­flö­te als Pami­na, in der Ent­füh­rung aus dem Serail als Kon­stan­ze und in Le Noz­ze di Figa­ro in der Rol­le der Susan­na. Mozarts Wer­ke sind der Sän­ge­rin beson­ders nahe: „Ich lie­be sei­ne Musik und Aus­drucks­kraft, die sich trotz der klas­si­schen Form einer jeden See­le mit­tei­len kann.“ Für sie ist sei­ne Musik „immer wie­der ein Kor­rek­tiv, wenn ich mei­ne Stim­me nach einer Lulu, Medea oder auch Tra­via­ta wie­der zum kleins­ten Kern zurück­füh­ren möch­te“.

Auch in zeit­ge­nös­si­schen Opern und als Kon­zert­sän­ge­rin bringt sich Mar­lis Peter­sen mit Lei­den­schaft ein. Und mit einer Gat­tung beschä­figt sie sich seit eini­gen Jah­ren beson­ders inten­siv: dem Lied. So nimmt sie 2010 ein viel beach­te­tes Album mit Goe­the-Lie­dern unter­schied­li­cher Kom­po­nis­ten auf und wid­met 2015 ein wei­te­res dem Lied­schaf­fen des ­Spät­ro­man­ti­kers Wal­ter Braun­fels.

Ihr aktu­el­les Album beim Label Solo Musi­ca ist eben­falls eine Lied­plat­te und heißt „Dimen­sio­nen – Welt“ mit dem Unter­ti­tel „Mensch & Lied“. Es ist der ers­te Teil einer Tri­lo­gie, die sich mit der mensch­li­chen See­le und ver­schie­de­nen Wahr­neh­mungs­zu­stän­den befasst, die bei­den fol­gen­den Alben wer­den sich jeweils um die „Anders­welt“ und die „Innen­welt“ dre­hen. Für das aktu­el­le Album wähl­te Mar­lis Peter­sen 22 Lie­der der Roman­tik und Spät­ro­man­tik aus, da­runter Wer­ke von Schu­bert, Cla­ra und Robert Schu­mann, Brahms und Wag­ner. Man­che sind berühmt, wie Schu­manns Mond­nacht, ande­re wie­der­um kaum bekannt, wie das impo­san­te Lied Die Ber­ge oder die stim­mungs­vol­le Abend­hym­ne An die unter­ge­hen­de Son­ne von Schu­bert. Außer­dem erklin­gen auf dem Album Lie­der von zwei Kom­po­nis­ten, die heut­zu­ta­ge voll­kom­men in Ver­ges­sen­heit gera­ten sind: dem durch Schu­mann und Wag­ner beein­fluss­ten Braun­schwei­ger Hans Som­mer (1837–1922) sowie dem jung ver­stor­be­nen Schwe­den Sigurd von Koch (1879–1919).

Mar­lis Peter­sen und ihr Kla­vier­part­ner Ste­phan Mat­thi­as Lade­mann nähern sich den Lie­dern mit viel Klang­sinn und Lie­be fürs Detail. Peter­sen agiert mit gro­ßer Inten­si­tät und trifft stil­si­cher die jewei­li­gen Cha­rak­te­re, wäh­rend Lade­mann klang­farb­lich und ago­gisch dif­fe­ren­ziert einen fei­nen Begleit­tep­pich knüpft. Eine unmit­tel­bar berüh­ren­de Ein­spie­lung, die neu­gie­rig macht auf die bei­den nächs­ten Alben.

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Mario Vogt
Mario-Felix Vogt wurde 1972 geboren und wuchs in Heidelberg auf. Er studierte in Düsseldorf und Essen Klavier, Bratsche und Musikwissenschaft und lebt seit 2016 in Berlin, wo er an seinem Schreibtisch über Texten brütet, die sich zumeist um spannende Musiker – am liebsten Pianisten – und ungewöhnliche Themen drehen. Außer für crescendo ist er als Autor für das Klaviermagazin PIANIST und die Berliner Morgenpost tätig.

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