Über einem Teller Penne all’arrabiata bei seinem Lieblingsitaliener verrät Pianist Martin Stadtfeld, wie ihn Bach inspirierte und mit welchem Trick man schon als Kind Spaß an komplexen Fugen findet.

CRESCENDO: Man sagt: „Essen hält Leib und Seele zusammen.“ Brauchen Sie außer Ihrer Lieblingspasta täglich auch eine Portion Bach?

Martin Stadtfeld: Irgendwie schon. Meine Beziehung zu Bachs Musik war schon ganz früh besonders innig. Mein Klavierlehrer Hubertus Weimer und ich haben im Unterricht auf die Fugen immer ganz simple Texte gedichtet, die mir sie als Kind sofort vertraut und menschlich gemacht haben. Zum Beispiel für die Fuge in Cis-Dur: „Jetzt kann ich endlich in Cis-Dur komponier’n, hurra, hurra!“ Es fängt also einer an und freut sich darüber, dass man durch die wohltemperierte Stimmung nun auch in Cis-Dur komponieren kann, und dann steigt einer nach dem anderen ein und freut sich mit ihm. So hat mir mein Lehrer Bach beigebracht!

Was genau hat den kleinen Martin Stadtfeld an Bachs Klangwelt so in den Bann gezogen?

Als ich Hubertus Weimer zum ersten Mal das C‑Dur-Präludium von Bach vorgespielt habe, hat er gesagt „Komm, hör mal auf zu spielen, hör einfach mal zu.“ Dann hat er mir das Stück nicht mit gebrochenen Akkorden vorgespielt, sondern hat sie immer komplett angeschlagen. Diese Spannungen, die da zu hören waren, haben mich sofort total fasziniert – sie sind für mich der Inbegriff von Musik. Wenn man über seine Kindheit nachdenkt, realisiert man manchmal, dass man die Dinge heutzutage ganz anders sieht als damals. Aber Musik ist für mich nach wie vor ein Spannungsfeld von Harmonien. Einer meiner Lieblingssätze stammt von ­Kierkegaard: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“

Die Musik ist esoterisch und romantisch und fasziniert mich sehr, ist aber total schwer zu vermitteln“

Seit ein paar Jahren nehmen Sie vor allem die späten Kompositionen von Johann Sebastian Bach unter die Lupe. Was entdecken Sie darin?

Durch meine Auseinandersetzung mit Bachs Spätwerk habe ich noch mal einen ganz neuen Blick auf seine Musik gewonnen, denn seine späten Stücke sind sehr speziell. Die Goldberg-Variationen sind sozusagen der Eintritt in sein Spätwerk. Das ist ein sehr populäres Stück und für jeden noch gut nachvollziehbar. Die späteren Werke sind dann eher in der Kontemplation entstanden. Da war es ihm völlig egal, was man über ihn dachte. In dem Zustand der inneren Einsamkeit in den letzten Lebensjahren kam Bach in einen Zustand, in dem der Wunsch nach Anerkennung komplett von ihm abgefallen ist.

In welchen Werken ist das für Sie besonders deutlich zu spüren?

Das Musikalische Opfer ist zum Beispiel bis heute ein ziemlich unbeliebtes Werk. Ich habe es kürzlich mal im Konzert gespielt, und es hat ganz irritierte Reaktionen ausgelöst. Manche Leute haben gesagt: „Das ist doch kein Bach!“ – als hätte ich mit der Musik irgendetwas angestellt. Sie ist sehr komplex, diese Klangwelt, mit den kompliziertesten Kanons. Die Musik ist esoterisch und romantisch und fasziniert mich sehr, ist aber total schwer zu vermitteln. So kam ich auf meine Ideen, für das neue Album eigene Kanons zu schreiben, die ich in Bachs Zyklus eingeflochten habe.

Wie war es, das Projekt, an dem Sie so lange intensiv gefeilt haben, einzuspielen?

Die zwei Wochen vor Aufnahmebeginn sind schrecklich. Da schlafe ich total schlecht und träume nur noch davon und mache mir tausend Gedanken, eine furchtbare Zeit. Aber wenn man dann mit dem bewährten Team zusammen ist und anfängt zu arbeiten, ist alles super. Es ist so wichtig, dass man sich gut kennt und dass man sich wohlfühlt und loslässt. Früher habe ich immer gedacht, ich muss eine Aufnahme schaffen und dann kann ich danach mit mir zufrieden sein. Mittlerweile habe ich verstanden, dass es darum geht, währenddessen glücklich und mit sich im Einklang zu sein. Was dann danach mit der Aufnahme passiert und ob sie jemandem gefällt, ist völlig egal.

ANZEIGE

Ich habe mich vorher viel mit historischen Stimmungen beschäftigt und daraus eine eigene Stimmung entwickelt“

Sie komponieren nicht nur eigene „Improvisationen“ und Kadenzen, sondern spielen auch in einer eigenen Stimmung. Wie klingt die Stadtfeld-Stimmung?

Ich habe mich vorher viel mit historischen Stimmungen beschäftigt und daraus eine eigene Stimmung entwickelt, die nur drei veränderte Töne hat. Das macht aber sehr viel aus, weil man dadurch drei reinere Grundharmonien bekommt – und das hat immer einen doppelten Einfluss: Es gibt eine Harmonie, die durch die Veränderung reiner wird, und eine, die dadurch spannungsgeladener und schwebender wird. So bringt man viele neue Farben ins Spiel.

Machen Sie das immer selbst, oder lassen Sie stimmen?

Ich treffe die Stimmer immer vor dem Konzert und stimme das Instrument mit ihnen gemeinsam, damit sie wissen, warum sie machen sollen, worum ich sie bitte. Das ist oft ein sehr schöner Prozess. Als Pianist schmort man sowieso viel im eigenen Saft und hat wenig mit anderen zu tun. Deshalb empfinde ich es auch als große Bereicherung, unterwegs immer wieder neue Instrumente kennenzulernen. Durch jedes Instrument lerne ich etwas Neues, manchmal nur durch ein paar Töne. Und plötzlich denke ich: „Diese Stelle habe ich noch nie so wahrgenommen.“

Vorheriger ArtikelOrgelrevolution­
Nächster ArtikelGanz große Gefühle
Katherina Knees
Katherina Knees infizierte sich mit sechs Jahren im Kinderchor der Städtischen Bühnen Münster nachhaltig mit einer Leidenschaft für alles, was mit Musik und Theater zu tun hat. Später studierte sie Kontrabass in Köln, wobei sie entdeckte, dass sie eines noch lieber machte, als selbst zu musizieren: mit Musikern sprechen und die Gedanken über Musik aufschreiben. So studierte sie in Düsseldorf noch Musikwissenschaften und Kunstgeschichte, drehte Filme für WDR und Arte, machte Musikreportagen und schreibt seit vielen Jahren mit Begeisterung über alles, was die Musikwelt und ihre Interpreten bewegt.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here