CRESCENDO: Alte Musik ist für Sie Neu­land. Jetzt haben Sie mit dem Orches­ter l’arte del mondo Wer­ke von Bach und Mar­cel­lo ein­ge­spielt. Wie kam es dazu?
Céli­ne Moi­net (Foto oben: © Neda Navaee): Die Arbeit an einem Album beginnt nie erst vor den Mikro­fo­nen. Seit dem Beginn mei­ner Pro­fes­sur an der Hoch­schu­le 2013 erwei­tert sich mein Spek­trum inner­halb der Alten Musik. Zum Bei­spiel spie­len mei­ne Stu­die­ren­den regel­mä­ßig im Kan­ta­ten-Pro­jekt von Hans-Chris­toph Rade­mann. Die Oboe hat in Bachs Kan­ta­ten her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung. Sie singt und kom­men­tiert. Des­halb woll­te ich mich selbst aktiv mit die­sem Reper­toire aus­ein­an­der­set­zen. Wer­ner Ehr­hardt war dafür der rich­ti­ge Part­ner, weil er sich nie mit stan­dar­di­sier­ten Lösun­gen zufrie­den­gibt.

Céline Moinet: „Auf einmal wird es faszinierend, was man
aus einer einfachen Melodie herausholen
kann.“
(Foto: © Gregor Hohenberg)

Der­zeit ist das künst­le­ri­sche Ange­bot bei Bach rie­sig. Wäre da nicht eine ande­re Werk­aus­wahl nahe­lie­gen­der?
Es geht um mei­nen Klang und mei­ne Vor­stel­lun­gen auf Basis der his­to­risch infor­mier­ten Auf­füh­rungs­pra­xis. Es geht auch dar­um, mit Respekt mög­li­che Frei­hei­ten aus­zu­kos­ten. Von dem Cem­ba­lis­ten Mas­si­mi­lia­no Toni erhielt ich tol­le Anre­gun­gen. Er hat­te für das Ada­gio im d‑moll-Kon­zert und den ers­ten Satz im F‑Dur-Kon­zert ver­rück­te Ide­en, die ich mir davor nie gestat­tet hät­te. Er ermu­tig­te mich zu mehr Impro­vi­sa­tio­nen und einem indi­vi­du­el­len Umgang mit den Noten. Auf ein­mal wird es fas­zi­nie­rend, was man aus einer ein­fa­chen Melo­die wie der im zwei­ten Satz von Mar­cel­los d‑moll-Kon­zert her­aus­ho­len kann. Wir haben mit Ori­gi­nal­in­stru­men­ten gespielt, aller­dings auf 443 HZ. Im All­tag ist die moder­ne Oboe mein Instru­ment, Barock­oboe spie­le ich erst in zwei­ter Linie.

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Céline Moinet: „Das solistische Spiel fördert meine
eigene
Neugier und meine Erfahrung.“
(Foto: © Gregor Hohenberg)

Was ist denn der Unter­schied zwi­schen alten und neu­en Obo­en?
Barock­obo­en klin­gen natür­li­cher und las­sen sich ein­fa­cher spie­len. Der Anstoß bei neu­en Instru­men­ten ist gene­rell schwe­rer und auch der Druck, den man geben muss. Alte Instru­men­te sind fle­xi­bler. Ästhe­ti­sche Vor­stel­lun­gen spie­len jetzt eine grö­ße­re Rol­le. Der Klang ist heu­te, fast sage ich lei­der, viel dunk­ler als noch in den 1970er- und 1980er-Jah­ren. Damit geht eine stär­ke­re Unbe­weg­lich­keit der Mate­ria­li­en der Instru­men­te ein­her.
Wo haben Sie Frei­hei­ten zwi­schen Erwar­tungs­hal­tun­gen und Gestal­tungs­wil­len?
Ich den­ke nicht in der Kate­go­rie „Frei­heit“, son­dern „Anspruch“. Die­sen kann ich bestim­men, aber nicht mei­nen Kör­per und nicht den Eigen­klang. Sän­ger haben kaum Ein­fluss auf ihr Stimm­ma­te­ri­al, son­dern auf den Umgang damit. Ich kann mich dem Stil ver­schie­de­ner Ensem­bles oder Diri­gen­ten nur annä­hern. Das solis­ti­sche Spiel för­dert mei­ne eige­ne Neu­gier und mei­ne Erfah­rung, die ich den Stu­die­ren­den wei­ter­ge­ben will.
Wie sind Ihre Auf­ga­ben zwi­schen den Posi­tio­nen ver­teilt?
Als Solo-Obo­is­tin habe ich eine Voll­zeit­stel­le, als Pro­fes­so­rin eine hal­be. Die­se Zah­len sagen aber wenig, weil mir die Pro­fes­sur und ihre Auf­ga­ben sehr am Her­zen lie­gen. Mehr als zwei Solo­auf­trit­te im Monat sind bei guter Vor­be­rei­tung schwie­rig. Aber ich gewin­ne für Kam­mer­mu­sik oder Auf­trit­te als Solis­tin vor allem der Solo­kon­zer­te von Mozart und Strauss eine ganz ande­re Ebe­ne, weil ich die Erfah­rung des Gleich­ge­wichts mit dem Orches­ter ein­brin­gen kann.

Céline Moinet: „Als Solistin brauche ich das Gefühl des Loslassens.“
(Foto: © Gregor Hohenberg)

Die Säch­si­sche Staats­ka­pel­le hat eine gro­ße eige­ne Tra­di­ti­on. Wie neh­men Sie die­se wahr?
Als ich im Jahr 2008 mit 23 Jah­ren in Dres­den anfing, war ich erstaunt – und ich konn­te das nach mei­ner für eine Solo­kar­rie­re exzel­len­ten Aus­bil­dung am Con­ser­va­toire de Paris gar nicht wis­sen: Vor allem von älte­ren Kol­le­gen habe ich Zurück­hal­tung gelernt. Extro­ver­tier­te Kör­per­be­we­gun­gen beim Musi­zie­ren pas­sen nicht zum Stil des Hau­ses. Wir prä­sen­tie­ren uns als homo­ge­nes Kol­lek­tiv. Jede Stim­me ist wich­tig. Der als typisch emp­fun­de­ne so wei­che und run­de Klang ent­steht aus die­sem Selbst­ver­ständ­nis.
Was wäre, wenn Sie sich jetzt ent­schei­den müss­ten, wich­ti­ger: die Solis­ten­kar­rie­re oder das Orches­ter?
Als Solis­tin brau­che ich das Gefühl des Los­las­sens. Vor zehn Jah­ren nahm ich bei der Staats­ka­pel­le ein Urlaubs­jahr und hat­te wäh­rend die­ser Zeit nur Kam­mer- und Solo­auf­trit­te. Danach wuss­te ich: Ich brau­che das Orches­ter. Feh­ler sind auch bei gerin­ger Risi­ko­be­reit­schaft nir­gends aus­zu­schlie­ßen. Stress­re­sis­tenz bleibt also eine der wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten in unse­ren Beru­fen. Das ist für mich im Orches­ter­gra­ben, wenn beim Solo in der Flo­re­stan-Arie aus Fide­lio ein beson­ders lang­sa­mes Tem­po gewünscht wird, nicht anders als bei Robert Schu­mann oder im Solo­part des Obo­en­kon­zerts von Strauss. Sol­che Adre­na­lin­stö­ße beflü­geln mich immer.

Johann Sebas­ti­an Bach und Ales­san­dro Mar­cel­lo:
Obo­en­kon­zer­te, Céli­ne Moi­net, L’arte del mondo,
Wer­ner Ehr­hardt (Ber­lin Clas­sics)
www.amazon.de

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Auf­tritts­ter­mi­ne: www.celinemoinet.com

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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