Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te mal mit ein biss­chen Pri­ckeln, egal, auf was Sie ste­hen: Bern­stein, van Zweden oder Thie­le­mann … es wird vibrie­ren. Ver­spro­chen!

WAS IST 

Wie viel Vibra­to soll es denn sein?

MIT VIEL VIBRATOR, BITTE!

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Die Dame an der Gar­de­ro­be des Wie­ner Kon­zert­hau­ses war erschro­cken: Hat­te sie eine ticken­de Zeit­bom­be ange­nom­men? Ein Kof­fer, den eine Kon­zert­be­su­che­rin abge­ge­ben hat­te, begann plötz­lich zu vibrie­ren. Poli­zei, Hun­de­staf­fel – das ganz gro­ße Besteck. Am Ende stell­te sich her­aus, dass es sich um einen Vibra­tor han­del­te, der sich selbst­stän­dig gemacht hat­te. Das Kon­zert lief wei­ter. Eine Nach­richt, die mich an eine Recher­che wäh­rend der Bay­reu­ther Fest­spie­le erin­ner­te. Damals frag­te ich für SKY, wel­che Sex-Toys im Bay­reu­ther Sex­shop über den Tre­sen gehen, die ansons­ten eher schlep­pend lau­fen. Die Ant­wort: Alles aus dem „Fif­ty Shades of Grey“-Repertoire und fern­ge­steu­er­te Dil­dos, mit denen ein Part­ner dem ande­ren per Knopf­druck einen lust­vol­len Gruß wäh­rend des Wal­kü­ren­ritts über­mit­teln kann. Ob es sich in Wien eben­falls um ein fern­ge­steu­er­tes Objekt han­del­te, das sich an fal­scher Stel­le ver­selbst­stän­digt hat, ist nicht bekannt – die Poli­zei klär­te die Besit­ze­rin anschlie­ßend aller­dings über den Fund auf und schick­te sie in die Nacht.   

PERSONALIEN DER WOCHE NR. 1

Neu­lich erreich­te mich das Bedau­ern dar­über, dass die wöchent­li­che Por­ti­on Chris­ti­an Thie­le­mann in die­sem News­let­ter neu­er­dings feh­le. Also gut: In sehr naher Zukunft tritt der Auf­sichts­rat der Bay­reu­ther Fest­spie­le zusam­men und wird über die Zukunft des Diri­gen­ten ent­schei­den. Sicher ist, dass zumin­dest sei­ne Bestä­ti­gung als Musik­di­rek­tor unsi­cher ist – so hört man es jeden­falls aus dem Freun­des­kreis, wo gro­ße Skep­sis über eine Wie­der­wahl bestehen soll. +++ Und weil es so schön passt: Niko­laus Bach­ler hat der groß­ar­ti­gen Sopra­nis­tin Anja Har­te­ros die­se Woche Blu­men auf der Büh­ne der Baye­ri­schen Staats­oper über­reicht – zu ihrem 20. Jubi­lä­um. +++ Und weil auch das noch so schön passt: Andris Nel­sons hat Ali­ce Heid­ler gehei­ra­tet – heim­lich im April in Bay­ern.

EINE MILLIARDE FÜR STUTTGART?

Von fast einer Mil­li­ar­de Euro für die Sanie­rung der Staats­oper Stutt­gart ist nun die Rede, wie Ober­bür­ger­meis­ter Fritz Kuhn erklärt hat. So berich­tet es Tho­mas Braun in der Stutt­gar­ter Zei­tung: „Die Moder­ni­sie­rung des his­to­ri­schen Litt­mann-Baus sowie der Neu­bau eines Kulis­sen­ge­bäu­des ent­lang der Kon­rad-Ade­nau­er-Stra­ße schla­gen dem­nach mit 740 Mil­lio­nen bis 960 Mil­lio­nen Euro zu Buche. Hin­zu kom­men 104 Mil­lio­nen Euro für den Bau einer Ersatz­spiel­stät­te nörd­lich der Wagen­hal­len. Die Kos­ten­schät­zun­gen schwank­ten zuletzt zwi­schen 500 Mil­lio­nen und einer Mil­li­ar­de Euro. Zu Beginn der Dis­kus­si­on über die Sanie­rung der Staats­oper 2014 war man noch von mehr als 300 Mil­lio­nen Euro aus­ge­gan­gen.“ Frag­lich, ob der Stutt­gar­ter Gemein­de­rat sich traut, in die Kul­tur zu inves­tie­ren, wäh­rend der Bahn­hof noch immer nicht fer­tig­ge­stellt ist.

WAS WAR 

Musik­stadt Leip­zig: Das Gewand­haus

MUSIKSTADT LEIPZIG

Die­se Wer­bung mache ich aus vol­lem Her­zen – nicht nur, weil wir in der letz­ten Woche zum Fall der Ber­li­ner Mau­er mal wie­der sahen, wie Mstis­law Rostro­po­witsch Cel­lo spiel­te und Leo­nard Bern­stein die „Ode an die Frei­heit“ diri­gier­te. Leip­zig hat unter dem Titel „Musik­stadt Leip­zig“ eine neue Kam­pa­gne gestar­tet. Kul­tur­bür­ger­meis­te­rin Ska­di Jen­ni­cke sagt: „Die wich­tigs­te Musi­ker­per­sön­lich­keit des 19. Jahr­hun­derts – zumin­dest für die Stadt­ent­wick­lung von Leip­zig – näm­lich Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy, wer­den wir jähr­lich um den Todes­tag her­um in Koope­ra­ti­on zwi­schen Men­dels­sohn­haus und Gewand­haus ehren.“ Hin­zu kommt das jähr­li­che Bach­fest. Außer­dem gibt es künf­tig einen Wech­sel aus Opern­fest­spie­len und Gewand­haus­fest­ta­gen.

ES MAUSERT IMMER WEITER

Kei­ne Ruhe um den ehe­ma­li­gen Direk­tor der Münch­ner Musik­hoch­schu­le Sieg­fried Mau­ser, der wegen sexu­el­ler Über­grif­fe ver­ur­teilt wur­de. Die Fest­schrift zu sei­nem Geburts­tag ist wie eine Schlag ins Gesicht der Opfer. Hier wird sein „welt­um­span­nen­der Eros, der für ihn schwer­wie­gen­de recht­li­che Fol­gen hat­te“ gefei­ert. Und in einem BR-Inter­view schwa­dro­niert Die­ter Borch­mey­er über Mau­sers „über­schwäng­li­ches Wesen“, das er bewun­dert und kommt zu dem Schluss, „ein Gerichts­ur­teil ist kein Got­tes­ur­teil“. Wer hören will, wie wenig die alten, wei­ßen Män­ner ver­stan­den haben, soll­te sich das Inter­view anhö­ren – bewun­derns­wert die Coo­les von Inter­view­er Chris­toph Lei­bold.

PERSONALIEN DER WOCHE NR. 2

Eine Nach­richt, die mich per­sön­lich beson­ders freut: Egils Silins, der let­ti­sche Bass­ba­ri­ton und gefei­er­te Bay­reuth-Sän­ger, wird Chef der Let­ti­schen Natio­nal­oper – Gra­tu­la­ti­on! +++ Ich wur­de vor eini­gen Wochen zurecht gewie­sen, dass Jaap van Zweden sei­nen letz­ten Preis nicht vom Con­cert­ge­bou­wor­kest, son­dern vom Ver­an­stal­tungs­ort, dem Con­cert­ge­bouw, bekom­men hat, wes­halb der Preis kei­ner­lei Rück­schlüs­se auf ihn als zukünf­ti­gen Chef des Orches­ters zulas­se. Viel­leicht gelingt das aber, nach­dem er die „Wal­kü­re mit dem Orches­ter aus Ams­ter­dam kon­ge­ni­al diri­giert hat? +++  Das Thea­ter St. Gal­len hat einen neu­en Opern­chef: Jan Hen­ric Bogen. Und der möch­te in Zukunft Frau­en im Opern­be­trieb sicht­ba­rer machen. Außer­dem sieht er sei­ne Rol­le im Thea­ter als die eines Kunst­er­mög­li­chers – all das hat er Mar­tin Preis­ser erzählt.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Judith von Stern­burg hat die Insze­nie­rung von „Lady Mac­beth von Mzensk“ an der Oper Frank­furt für die Frank­fur­ter Rund­schau gese­hen und fei­ert beson­ders das Orches­ter: „Die zen­tra­le Hel­den­rol­le des lan­gen, gro­ßen Opern­abends, der auch ein gro­ßes Sin­fo­nie­kon­zert ist, gehört dem Orches­ter unter der Lei­tung von Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Sebas­ti­an Wei­g­le. Am hel­dischs­ten die Blä­ser­grup­pen: das Blech als strah­len­des, dis­zi­pli­nier­tes, aber auch unbarm­her­zi­ges Edel­me­tall, und die Posau­ne bekommt den komischs­ten Moment der auch an Komik nicht armen Oper.“ +++ „Faust und Mephis­to, Hit­ler und Goeb­bels: In ihrem sati­risch-bis­si­gen Dra­ma ‚Ichun­dIch‘ hat sich die Dich­te­rin Else Las­ker-Schü­ler mit dem NS-Regime aus­ein­an­der­ge­setzt. Der Kom­po­nist Johan­nes Harn­eit hat dar­aus nun eine Doku­men­tar­oper geschaf­fen – und sie in ein schil­lern­des Klang­ge­wand gehüllt.“ – Über die Ham­bur­ger Pre­mie­re berich­tet Dag­mar Pen­z­lin im Deutsch­land­funk. +++ Ich mag die tro­cke­nen Kri­ti­ken von Micha­el Ernst sehr. Die­ses Mal nimmt er Calix­to Biei­tos „Le Grand Macabre“ an der Sem­per­oper in Dres­den aus­ein­an­der: „Was Lige­ti einst pro­vo­zier­te und auch in sei­ner hier gezeig­ten revi­dier­ten Fas­sung von 1996 kaum abge­mil­dert hat, geht heu­te längst nicht mehr als Thea­ter­re­vol­te durch. Eine sol­che jedoch woll­te Regis­seur Calix­to Biei­to offen­bar auf die Büh­ne hie­ven, um gera­de­zu vor­sätz­lich die Pro­vo­ka­ti­on der Pro­vo­ka­ti­on zu pro­vo­zie­ren. Omer Meir Well­ber, den Ers­ten Gast­di­ri­gen­ten des Hau­ses, hat­te er dabei ganz auf sei­ner Sei­te. Der näm­lich nahm den schein­ba­ren Pro­test auf, wisch­te ihn bei­sei­te und tat, was Diri­gen­ten tun soll­ten.“

WAS LOHNT

Regis­seur Lucas Kazan bei Dreh­ar­bei­ten zu „The School for Lovers“, einer Por­no-Adap­ti­on von Mozarts „Così fan tut­te“

SCHWULER OPERNFÜHRER

Kevin Clar­ke ist ein gran­dio­ser Opern­fan. Ich habe ihn ein­mal bei einem Dreh in ande­rer Ange­le­gen­heit im Schwu­len Muse­um in Ber­lin ken­nen­ge­lernt, an dem er eben­falls betei­ligt ist. Nun sprach er für die „Mann­schaft“ mit Rai­ner Falk (Theo­dor-Fon­ta­ne-Archiv) und Sven Lim­beck (Her­zog August Biblio­thek Wol­fen­büt­tel), den Her­aus­ge­bern des neu­en schwu­len Opern­füh­rers „Cas­ta Diva“. Das Gruß­wort zu die­sem schil­lern­den Nach­schla­ge­werk hat Bar­rie Kos­ky ver­fasst. Der Regis­seur und Inten­dant der Komi­schen Oper in Ber­lin steht oft selbst in der Kri­tik für sei­ne „schwu­len Insze­nie­run­gen“ – beson­ders gern von Schwu­len. Ob das schon der lan­ge Schat­ten von Ador­no sei, will Clar­ke von den Her­aus­ge­bern wis­sen. Sie ant­wor­ten ihm: „Gefähr­lich dabei ist, dass vor allem im poli­ti­schen, aber zuneh­mend auch im ästhe­ti­schen Dis­kurs Gen­der, sexu­el­le Ori­en­tie­rung und ande­re Dif­fe­ren­zen zu Sym­bol­the­men wer­den: Wie tief gesun­ken ist die poli­ti­sche Kul­tur Euro­pas, wenn bei­spiels­wei­se die PiS in Polen mit einem Wahl­kampf gegen die ‚Regen­bo­gen­seu­che‘ Rie­sen­er­fol­ge ein­fährt? Das ist das Pro­blem und nicht, ob ein schwu­ler oder hete­ro­se­xu­el­ler Kri­ti­ker ein Pro­blem mit Bar­rie Kos­ky hat …

Mit den Geschlech­tern habe ich es nicht so, muss ich geste­hen, und habe letz­te Woche ver­se­hent­lich Aus­tra­li­ens Opern­in­ten­dan­ten Lyn­don Ter­ra­ci­ni von der Ope­ra Aus­tra­lia als Frau ver­kauft – Chris­ti­ne Cer­let­ti (und eini­ge ande­re) haben mich dar­auf auf­merk­sam gemacht, unter ande­rem mit einem Beweis­bild, bei dem kein Her­aus­ge­re­de hilft. Ja, Herr Ter­ra­ci­ni ist ein Mann!

In die­sem Sin­ne hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­MANN

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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