Franz LehárMeine Lippen, die küssen so heiß“

Franz Lehár
Foto: Museum der Stadt Bad ischl

Wer hätte den Titel „Operettenkönig“ mehr verdient als Franz Lehár, dessen Melodien sich schlichtweg als unzerstörbar erweisen. In Bad Ischl kann man sich heute noch auf seine Spuren begeben.

Beim Wie­ner Opern­ball 2004 gibt Anna Netreb­ko, gera­de auf dem Sprung zur Welt­kar­rie­re, ihr Debüt. Im schul­ter­frei­en Bus­tier­kleid, boden­lang mit Schlep­pe, bor­deau­x­rot mit Glit­zer. Und was singt sie? Mei­ne Lip­pen, die küs­sen so heiß, das Publi­kum ist hin und weg von so viel ero­ti­scher, las­zi­ver Sinn­lich­keit. Das liegt an der Prot­ago­nis­tin, klar, aber auch am Text und der ein­schmei­cheln­den, fast etwas schwü­len Melo­die. Das Lied ist aus der Ope­ret­te Giudit­ta, Kom­po­nist Franz Lehár. Ein Ohr­wurm, der auch 70 Jah­re nach sei­ner Urauf­füh­rung – die war 1934 in Wien an eben jener Staats­oper! – nichts an Ver­füh­rungs­kraft ver­lo­ren hat­te. Auch bis heu­te, im Jahr 2017, nicht, und er wird wei­ter und wei­ter und wei­ter gesun­gen wer­den.

Wie so vie­le ande­re Lie­der, die Lehár kom­po­nier­te. Giudit­ta war sein letz­tes gro­ßes Werk, da war er schon drei Jahr­zehn­te lang einer der Köni­ge der Ope­ret­te. Mit zahl­rei­chen Welt­erfol­gen, von Die lus­ti­ge Wit­we über Der Zare­witsch bis zu Das Land des Lächelns. Vie­le sei­ner Lie­der wur­den zu Hits, die sich jen­seits des Wer­kes ver­selbst­stän­dig­ten und quer durch alle Schich­ten gesun­gen, geflö­tet, gepfif­fen wur­den. Auch wenn man Lehár, den Urhe­ber, gar nicht kann­te, aber Da geh’ ich zu Maxim (aus der Lus­ti­gen Wit­we) geben Män­ner auf feucht-fröh­li­chen Geburts­tags­par­tys eben­so ger­ne zum Bes­ten wie Gern hab ich die Frau­en geküsst (aus Paga­ni­ni von 1925, heu­te eher sel­ten gespielt).

Ope­ret­te und Franz Lehár, das ist untrenn­bar mit­ein­an­der ver­schmol­zen. 1870 wird der zukünf­ti­ge Star am Ope­ret­ten-Him­mel im unga­ri­schen Kom­ron gebo­ren, der Vater ist Mili­tär­ka­pell­meis­ter. Dadurch lernt der Jun­ge von Kin­des­bei­nen an zahl­rei­che musi­ka­li­sche Tra­di­tio­nen ken­nen. Durch­aus ein Wun­der­kind, schon mit sechs macht er ers­te Kom­po­si­tio­nen, mit zwölf Jah­ren darf er auf das Pra­ger Kon­ser­va­to­ri­um, bekommt im Haupt­fach Gei­gen­un­ter­richt bei Anton Ben­ne­witz. Sei­ne Kom­po­si­tio­nen in die­ser Zeit erre­gen Auf­merk­sam­keit und Wohl­wol­len von Antonín Dvořák und Johan­nes Brahms. Mit einem Diplom in der Tasche ver­lässt Lehár 18-jäh­rig Prag und wird Kapell­meis­ter in Wup­per­tal. Nach einem Jahr ver­lässt er – ver­trags­wid­rig – die Stadt, wech­selt nach Wien zur Mili­tär­ka­pel­le eines Infan­te­rie-Regi­ments. Mit 20 ist er jüngs­ter öster­rei­chisch-unga­ri­scher Kapell­meis­ter der Kai­ser­lich-König­li­chen Armee, tin­gelt damit nach Istri­en, Tri­est und Buda­pest und bleibt dort bis 1902. Die­se Jah­re im Diens­te der Mili­tär­mu­sik beein­flus­sen, so urtei­len Musik­wis­sen­schaft­ler, den Stil sei­ner Kom­po­si­tio­nen. Aber noch gilt sei­ne eigent­li­che Lie­be der Oper, 1896 gibt er sei­ne ers­te Stil­pro­be in die­sem Gen­re mit Kukusch­ka in Leip­zig ab. Ein Erfolg, der jedoch ohne grö­ße­re Fol­gen für die erhoff­te Kar­rie­re als Opern­kom­po­nist bleibt.

Ope­ret­te und Franz Lehár, das ist untrenn­bar mit­ein­an­der ver­schmol­zen

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Er wird Ver­trags­kom­po­nist im Thea­ter an der Wien und sorgt dort 1902 mit den ers­ten zwei Ope­ret­ten Wie­ner Frau­en und Der Rastlbin­der end­lich für Auf­se­hen. Der ganz gro­ße Coup gelingt ihm dann 1905 (Urauf­füh­rung in Wien) mit Die lus­ti­ge Wit­we, mit den Hits Lip­pen schwei­gen, flüstern’s Gei­gen und Vil­ja, ach Vil­ja, du Wald­mäg­de­lein.

Sie kata­pul­tiert ihn in den Ope­ret­ten-Olymp. Von da an geht es Stück auf Stück, Der Graf von Luxem­burg (Wien, 1909), Fras­qui­ta (Wien, 1922), Paga­ni­ni (Wien, 1925), heu­te zwar kaum noch im Reper­toire, aber Gern hab’ ich die Frau’n geküsst hat sich als Dau­er­bren­ner-Schmalz-Hit ver­selbst­stän­digt. In Ber­lin, in den 1920er-Jah­ren das wir­beln­de Epi­zen­trum der Ope­ret­te schlecht­hin, reüs­siert der k. u. k. Kom­po­nist 1927 mit Der Zare­witsch, das herz­er­wei­chen­de Trä­nen­drü­sen-Lied Es steht ein Sol­dat am Wol­gastrand fehlt bis heu­te in kei­nem Wunsch­kon­zert. Genau­so erging es dem Herz-Schmerz-Song Dein ist mein gan­zes Herz (aus Das Land des Lächelns, Urauf­füh­rung 1929 in Ber­lin), den haben selbst im 21. Jahr­hun­dert berühm­te Star­te­nö­re wie Pláci­do Dom­in­go oder Jonas Kauf­mann ger­ne im Reper­toire, das Lied ver­fügt immer noch über enor­mes Tes­to­ste­ron-Poten­zi­al und gilt als Her­zens­bre­cher-Hit, mit­rei­ßend und ein­schmei­chelnd wie vie­le sei­ner Lie­der.

Damit wären wir bei Richard Tau­ber. Der öster­rei­chi­sche Tenor mit dem beson­de­ren Schmelz im Tim­bre galt damals als „König des Bel­can­to“. Sei­nem Freund schrieb Lehár zahl­rei­che maß­ge­schnei­der­te Tenor-Par­ti­en auf den Leib, ent­wi­ckel­te für ihn den Stil der „lyri­schen“ Ope­ret­te als Gegen­pol zur in Ber­lin boo­men­den „Revue“-Operette. Tau­ber wur­de mit Dein ist mein gan­zes Herz über Nacht welt­be­rühmt, und damit avan­cier­te Lehárs Land des Lächelns zum Welt­erfolg. Der Ope­ret­ten­kom­po­nist ver­dien­te gut, so gut, dass er sich neben einem Domi­zil in Wien auch bald ein Haus in Bad Ischl im Salz­kam­mer­gut leis­te­te. Damals der Inbe­griff für Som­mer­fri­sche, oben­drein berühmt durch Kai­ser Franz Josef und sei­ne Gat­tin Eli­sa­beth. Das Paar hat­te sich in Bad Ischl ver­lobt; wäh­rend sie spä­ter rast­los die Welt bereis­te, schätz­te er Bad Ischl  – die „Kai­ser­vil­la“ ist bis heu­te zu bestau­nen – als som­mer­li­chen Rück­zugs­ort und für die Jagd. Lehár erwarb 1910 eine geräu­mi­ge Vil­la direkt am Ufer der Traun. Mehr als 30 Wer­ke ver­fass­te er hier, notier­te: „In Ischl hat­te ich immer die bes­ten Ein­fäl­le.“ Wenn er aus dem Fens­ter schau­te, sah er vis-à-vis auf der Espla­na­de Spa­zier­gän­ger pro­me­nie­ren, genoss viel­leicht sei­nen Klei­nen Brau­nen beim Zau­ner. Die ehe­ma­li­ge k. u. k. Hof­kon­di­to­rei lockt bis heu­te als Tor­ten-Para­dies, von dort genießt man über das tief­grü­ne Was­ser hin­weg den Blick auf die Lehár-Vil­la.

Eine nost­al­gi­sche Zeit­rei­se in die Glanz­zeit der Ope­ret­te

Man soll­te sich Zeit neh­men für einen Besuch, das Haus am Lehár-Kai 8 ist gro­ße Oper! Es wur­de samt Inven­tar der Stadt Ischl ver­macht. Der Ope­ret­ten-König ver­füg­te tes­ta­men­ta­risch: „Aus der Vil­la ist ein Lehár-Muse­um zu bil­den und in gutem Zustand zu erhal­ten.“ Alles ist so belas­sen, als käme der Maes­tro der leich­ten Muse gleich die Trep­pe her­un­ter­spa­ziert. Eine nost­al­gi­sche Zeit­rei­se in die Glanz­zeit der Ope­ret­te, in eine Welt von ges­tern, sie gibt Ein­blick in Inti­mes eines gro­ßen Künst­lers. Bald wird dem Besu­cher leicht schwind­lig. Das liegt weni­ger an Lehárs Ohr­wür­mern, die in Dau­er­schlei­fe sanft im Hin­ter­grund ertö­nen. Son­dern vor allem dar­an, dass alle Stock­wer­ke, Räu­me, Trep­pen­flu­re bis auf den kleins­ten Fleck voll­ge­stopft sind. Mit vie­len wert­vol­len Kunst­wer­ken, mit Sou­ve­nirs, Geschen­ken, auch von Ver­eh­rern, Memo­ra­bi­lia, aber auch Nip­pes. Der Künst­ler und sei­ne Ehe­frau Sophie schie­nen gera­de­zu manisch zu sam­meln, so ist eine wil­de Melan­ge aus Sti­len und Epo­chen ver­eint, Gotik, Renais­sance, Barock, Roko­ko und Bie­der­mei­er. Sein Lieb­lings­ge­mäl­de, so wird bei der Füh­rung erklärt, „Der trun­ke­ne Silen“, soll ein van Dyck sein, im Spei­se­zim­mer hängt Land­schafts­ma­le­rei neben hol­län­di­scher Blu­men­ma­le­rei, Por­zel­lan­tel­ler von Mei­ßen, Sèv­res und Alt-Wien zie­ren die Wän­de. Das Arbeits­zim­mer im ers­ten Stock ist eine Gemäl­de­ga­le­rie unter­schied­lichs­ter Zei­ten und Sti­le, auf dem Schreib­tisch pran­gen zwei Empi­re-Bron­ze­leuch­ter, auf einem wei­te­ren Tisch eine Gal­lé-Vase. Unver­än­dert ist auch Lehárs Ster­be­zim­mer mit holz­ge­schnitz­tem Bett, Kamin, zahl­rei­chen Bil­dern und Fotos etli­cher Künst­ler mit hand­schrift­li­chen Hul­di­gun­gen an Lehár sowie ein Brief von Gia­co­mo Puc­ci­ni.

Zwei Tage nach Lehárs Tod am 24. Okto­ber 1948 in Bad Ischl schrieb die Wie­ner „Arbei­ter-Zei­tung“: „Vom Wal­zer­ka­pell­meis­ter­kö­nig der Habs­bur­ger­mon­ar­chie ist er der gro­ße, den Ver­fall über­tö­nen­de, ihn nicht zur Kennt­nis neh­men­de Unter­hal­tungs­mu­si­kant der bür­ger­li­chen Welt gewor­den, der poli­ti­sche Sys­te­me, Kunst­for­men und Thea­ter­kri­sen lächelnd über­dau­er­te – und Bei­fall, Lor­beer und Tan­tie­men unter jedem Regime zu Ber­gen häuf­te.“ Eine Anspie­lung auf Lehárs oft kri­ti­sier­te Nähe zum NS-Regime – Die lus­ti­ge Wit­we galt als Hit­lers Favo­rit. Da Lehár als „ari­scher“ Künst­ler unan­fecht­bar war, sei­ne Ehe­frau aber Jüdin, gab es für bei­de eine „Son­der­ge­neh­mi­gung“. Gleich­zei­tig arbei­te­te Lehár mit etli­chen jüdi­schen Libret­tis­ten, das Libret­to für Das Land des Lächelns stamm­te vom Juden Fritz Löh­ner-Beda, der 1942 in Ausch­witz starb und für den sich Lehár „nicht ein­setz­te“ (Woll­heim-Archiv).

Lehár starb weni­ge Tage nach der Ernen­nung zum Ehren­bür­ger von Bad Ischl und wur­de dort auch begra­ben. An Richard Tau­ber, der im Lon­do­ner Exil beer­digt wur­de, erin­nert dort ein Gedenk­stein. Zwei Freun­de, im Tod fast wie­der ver­eint. Unsterb­lich gewor­den ist jeder auf sei­ne Art.

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Christa Hasselhorst
Die Kulturjournalistin Christa Hasselhorst entdeckte ihre Liebe für Klassische Musik und Oper vor 25 Jahren als Pressesprecherin bei der Staatsoper Hamburg. Seitdem porträtiert sie Künstler für diverse Magazine und schreibt Kritiken für Feuilletons. Da ihre zweite Liebe der Gartenkultur gilt und Musik und Gärten gut zusammenpassen, heißt ihre Homepage www.gärtnerinausliebe.de, benannt nach der frühen Mozart-Oper „La finta giardiniera“.

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