Mariss Jansons ist kein Mensch, der gern pathetisch wird – nicht einmal dann, wenn er auf sein 76-jähriges Leben zurückblickt. Er glaubt nicht daran, dass ein Mensch sich im Laufe seines Lebens maßgeblich wandelt. „Natürlich hat die Zeit einen Einfluss auf unsere Empfindsamkeit und unsere Art, die Dinge zu sehen“, sagt er, „aber ich bin davon überzeugt, dass ein Mensch seine Meinungen innerhalb eines Lebens nicht grundlegend ändert: Er entwickelt sich, er lernt, er mildert einiges ab, verschärft anderes – aber die äußeren Einflüsse sind nicht so groß, dass sie die innere Welt grundlegend verändern.“

Tatsächlich ist Mariss Jansons sich ein Leben lang treu geblieben: Als Musiker ist er in erster Linie Mensch, und auch seine Suche innerhalb der Musik scheint stets dem gleichen Ziel zu dienen: vorzudringen zum Kern einer Komposition, die Zeitlosigkeit innerhalb der Kunst aufzustöbern, oder wie er es sagt, „hinabzutauchen, immer tiefer in eine Welt, in der unsere reale Welt immer kleiner wird – und das, was uns innerlich ausmacht, größer“.

Mariss Jansons: „Hinabzutauchen, immer tiefer in eine 
Welt, in der unsere reale Welt immer kleiner wird – und
das, was uns innerlich ausmacht, größer.“
(Foto: © Peter Meisel / BR)

In keiner seiner Interpretationen, egal ob in seinen Mahler-Sinfonien, bei Beethoven oder bei Schostakowitsch, egal mit welchem Orchester, den Osloer Philharmonikern, mit Pittsburgh oder seinem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – Jansons sucht nie nach musikalischen Moden, sondern stets nach dem wahrhaftigen Sinn, nach dem, was er „die Seele“ nennt. „Diese musikalische Seele funktioniert wie eine Blume oder ein Baum“, erklärt er. „Wenn die Pflanzen jung sind, sind sie betörend schön, strotzen vor Kraft, sind grün und wild – aber spannend werden sie besonders im Herbst oder im Alter, wenn sie knorriger werden, wenn sie eine Geschichte zu erzählen haben.“ Und diese Geschichte erzählt Mariss Jansons jedes Mal neu, wenn er musiziert. Wenn er Klang aus Weisheit und Erfahrung produziert.

Das Musizieren ist für ihn in erster Linie der „Instinkt, eine Partitur zu ordnen und im richtigen Moment richtig zu reagieren. Ein Zeichen zu geben, eine Energie freizusetzen, die das Orchester versteht. Dieser Instinkt ist vielleicht im Alter besser ausgeprägt“, gibt der Dirigent zu, „und er ist nötig, um am Ende eine Atmosphäre aus Musik zu schaffen.“

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Mariss Jansons: „Die musikalische Seele funktioniert 
wie eine Blume.“ (Foto: © Peter Meisel / BR)

Tatsächlich beschreibt das Wort „Atmosphäre“ den Klang, den ein Dirigent wie Jansons kreiert, vielleicht am besten. Klang scheint für ihn eines der geeignetsten Mittel des Ausdrucks zu sein, die höchste Form der Kommunikation – ein Dialog, der in der Ernsthaftigkeit mit sich selber beginnt und erst aus dieser Tiefe heraus zum Gegenüber spricht. Oder wie er selbst formuliert: „Ich glaube, dass die Musik uns oft gar nicht auffordert, konkrete Antworten zu finden. Musik funktioniert nicht nach dem Prinzip der Sprache oder einer Matheaufgabe, an deren Ende ein unumstößliches Ergebnis steht. Wir kennen doch alle diese Gefühle, in denen wir meinen, die Welt oder die Liebe zu verstehen, oder in denen wir an beidem zweifeln. Aber wir können diesem Gefühl in dem Moment, in dem wir es spüren, oft keine konkreten Worte geben – was bleibt, ist eine unaussprechliche Atmosphäre.“

Und diese Atmosphäre entsteht selbst ohne Musik – in jeder Begegnung mit Mariss Jansons. Seine Orchester verehren seine stille Autorität – ein Maestro, der auch andere neben sich zulässt, ja, dessen Lebenswerk auch darin besteht, Nachfolger aufzubauen wie etwa seinen Schüler Andris Nelsons. Dabei braucht sein Wesen nicht viele Worte, er ist ein Mensch der Musik. „Meine Buchstaben sind die Noten“, sagt er selbst, „sie wachsen zu einem Motiv – und aus den Motiven entsteht ein Satz. Aber anders als der Satz in der Sprache ist der Satz in der Musik nicht unbedingt sofort zu verstehen. Er braucht eine Übersetzung. Und das ist, wofür wir Interpreten die Energie und die Intuition brauchen. Unsere Aufgabe ist es, bei unserer Interpretation des musikalischen Satzes so nahe am Komponisten wie möglich zu sein und gleichzeitig müssen wir vom Orchester und vom Publikum verstanden werden. Es geht also immer darum, durch Energie eine Brücke vom Komponisten zum Publikum zu schlagen“.

Mariss Jansons: „Was bleibt, ist eine unaussprechliche 
Atmosphäre.“ (Foto: © Peter Meisel / BR)

Die Stille, die Ausgewogenheit und die Ruhe, mit der Mariss Jansons für gewöhnlich kommuniziert, ist ebenfalls eine Konstante seines Lebens, ein Teil seiner unveränderlichen DNA. Jansons’ Mutter, eine erfolgreiche Mezzosopranistin, floh, nachdem ihr Vater und ihr Bruder im Ghetto von Riga umgekommen waren, in ein Versteck, um im Januar 1943 ihren Sohn Mariss zur Welt zu bringen. „Ich war als Jugendlicher sehr schüchtern, sehr still und fand einfach nicht die Worte, um meiner inneren Welt Ausdruck zu verleihen“, sagt der Dirigent, „ich war voller Komplexe, habe mich für alles geschämt, und es fiel mir sehr schwer, mein Herz zu öffnen.“ Mit der Musik fand sein stilles Ich dann eine Möglichkeit des anderen Ausdrucks, der Expression, die für ihn einen wesentlichen Bestandteil des Musizierens darstellt. „Es geht immer darum, dem Orchester und dem Publikum die nötige Energie bereitzustellen. Dafür ist ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein einfach nötig.“ Und das hätte er sich angelernt, verrät der Dirigent – um Musik machen zu können.

Mariss Jansons: „Es geht immer darum, dem Orchester 
und dem Publikum die nötige Energie bereitzustellen.“
(Foto: © Peter Meisel / BR)

Als Mariss Jansons 2003 die Nachfolge von Lorin Maazel als Chef des BR-Symphonieorchesters antrat, ahnte niemand, was für eine Epoche da mit jenem Dirigenten anbrechen sollte, der einst am Leningrader Konservatorium studiert hatte, 1969 nach Österreich ging, um bei Hans Swarowsky und Herbert von Karajan in die Lehre zu gehen. Jansons und das Symphonieorchester des BR sind inzwischen Seelenverwandte, egal, ob durch den genialischen Beethoven- oder Mahler-Zyklus, durch die Sinfonien von Schostakowitsch, die großartige Aufnahme von Strauss’ Vier letzten Liedern mit Anja Harteros oder die letzte Rachmaninow-Aufnahme. Jansons entwickelte dieses Orchester zu einem der wichtigsten und spannendsten Klangkörper der Welt. Das Concertgebouw in Amsterdam verließ er 2015 nach elf Jahren wieder – den Münchnern aber blieb er treu.

Eigentlich braucht jemand wie Jansons keine Preise mehr. Er hat den Bayerischen Verdienstorden, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, den Ernst von Siemens Musikpreis, den Verdienstorden der Bundesrepublik, ist Ehrenmitglied der Berliner und der Wiener Philharmoniker. Vor zwei Jahren kritisierte der Sohn einer jüdischen Mutter den ECHO KLASSIK scharf, zeigte sich erschrocken über die antisemitischen Ausfälle. Dass Mariss Jansons nun den OPUS KLASSIK für sein Lebenswerk annimmt, ehrt den Preis mehr als den Preisträger.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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