Der Minnesang entwickelte sich unter dem Einfluss der französischen und provenzalischen Troubadourlyrik. Seine Blütezeit erlebte er Anfang des 13. Jahrhunderts, um in den Dichtungen Walther von der Vogelweides seinen Höhepunkt zu erreichen. 

Der Sängerkrieg auf der Wartburg
Der Sängerkrieg auf der Wartburg auf einer Miniatur im Codex Manesse, Universitätsbibliothek Heidelberg 

Ihren großen Auftritt haben berühmte Minnesänger in Richard Wagners romantischer Oper Tannhäuser. Dort eifern im zweiten Aufzug, dem Sängerkrieg auf der Wartburg, beim hitzigen Wettstreit um die Gunst Elisabeths von Thüringen (1207 – 1231): Tanhuser, der etwa von 1230 bis 1265 lebte, Wolfram von Eschenbach (um 1160/80 – nach 1220), Walther von der Vogelweide (um 1170 – 1230) und Reinmar von Zweter (um 1200 – 1248) – historisch also kaum möglich. Der als Minnesänger wenig bedeutende Wolfram wird zur Hauptfigur neben Tannhäuser. Der ist dank der lange nach seinem Tod aufgeschriebenen Legende um den skandalösen Aufenthalt im Venusberg heute weltberühmt, Walther von der Vogelweide dagegen spielt in der Oper nur eine Nebenrolle.

Wolfram von Eschenbach auf einer Miniatur im Codex Manesse, Universitätsbibliothek Heidelberg

In der Blüte des Minnesangs von 1150 bis 1300 dagegen ist er der Star, der alle überstrahlt. Sein „Ich saz ûf eime steine“ war das Vorbild für die Darstellung des Sängers auf einer berühmten mittelalterlichen Miniatur. Er singt jedoch nicht nur die „hohe Minne“, sondern wertet das „wîp“, also das nicht adelige „Weib“ gegenüber der „frowe“, der adeligen Frau bzw. Herrin auf, wie es überhaupt in den vielfältigen Schattierungen des Minnesang oft konkret um sexuelle Erfüllung ging und keineswegs immer nur um die unerreichbar „hohe Minne“. Ein Minnesänger zog von Hof zu Hof und pries Schönheit und Reize der Herrin, also ihre Minne, was keineswegs schlicht mit „Liebe“ zu übersetzen ist, sondern eine gegenseitige Verpflichtung und Ehrerbietung umfasste, die auf das Verhältnis eines Ritters zu seinem Lehnsherrn zurückgeht und auch die Beziehung zu Gott einschließt. Das Ganze war also ein raffiniertes Spiel, das an jedem Hof und bei jedem Sänger anders aussah. Besonders im Süden Frankreichs gab es sogar Minnesängerinnen wie die Trobairitz, das weibliche Pendant zum Troubadour!

Owald von Wolkenstein
Oswald von Wolkenstein in der Innsbrucker Liederhandschrift, Universitätsbibliothek Innsbruck

Noch bekannter als Walther ist heute nur noch Oswald von Wolkenstein, denn er sorgte selbst mit einer Prachthandschrift für die Überlieferung seiner Texte wie auch der Musik dazu. Er wirkte freilich erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert und hielt bereits Abstand zur höfischen Dicht- und Sangeskunst. So parodierte er etwa die sogenannten Tage-Lieder Wolframs im berühmten Anti-Tagelied: Nicht der anbrechende Tag, wenn der Liebende die Geliebte verlassen muss, wird da besungen, sondern der Mann findet sich bei Sonnenuntergang allein im Bett!

Die Literaturwissenschaft hat sich intensiv mit den zahlreich in verschiedenen Anthologien wie zum Beispiel dem berühmten Codex Manesse überlieferten Texten auseinandergesetzt, zieht die wenigen tradierten Melodien aber kaum in Betracht. Doch die Jenaer Liederhandschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert oder das Münstersche Fragment enthalten allerdings erst 130 Jahre später aufgezeichnete und damit vielleicht schon „umsungene“ Melodien, die aber immer noch etwa Walther zuzuordnen sind. Fündig wurde man auch in der Meistersingerhandschrift von Valentin Voigt, die jedoch erst Ende des 16. Jahrhunderts entstand.

Neidhart von Reuental
Neidhart auf einer Miniatur im Codex Manesse, Universitätsbibliothek Heidelberg

Immer wieder wurde der Versuch unternommen, einzelne „Töne“, also Melodiemuster, zu rekonstruieren. Denn nicht jedes Gedicht wurde separat vertont, wie wir das seit dem Barock kennen. Vielmehr dienten einfache Melodien für verschiedene Gedichte mit ähnlicher Reim-Form, Rhythmisierung und Länge der Zeilen als Modell, das variiert wurde. Manche Melodien sind unterschiedlich überliefert, so ist Wolframs „vergoldeter Ton“ als „goldener Ton“ Walthers in der Innsbrucker Liederhandschrift aus dem 14. Jahrhundert aufgezeichnet. Neidhart (um 1185 – 1240) fehlt bei Wagner, aber er zählte neben Walther zu den beliebtesten Sängern. Denn auch er setzt der „Hohen Minne“ der Ritter manchmal eine Parodie entgegen, etwa wenn er Dörper, also Dörfler oder Bauernburschen, kläglich an der Liebe zur „frowe“ scheitern lässt.

Heutige Interpreten müssen also durchaus kreativ sein, wenn sie Minnesang wirklich „singen“ wollen. Auch die übliche instrumentale Begleitung durch Harfe, Drehleier, Fidel, Dudelsack oder Laute wurde damals improvisiert und muss es heute noch. Jeder Versuch – wie historisch fragwürdig er im Einzelfall sein mag – ist also zu begrüßen, der das großartig Geschriebene wieder zu Gesungenem macht. Der zweisprachige Band Unmögliche Liebe – Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen stellt das mittelhochdeutsche Original wunderbaren Nachdichtungen von zeitgenössischen Lyrikern entgegen. Eine musikalische Deutung, die kreativ mit den Quellen umgeht, ist ein nicht minder begrüßenswertes Vorhaben, Minnesang in des Wort es eigentlicher Bedeutung wieder hörbar zu machen.

Ein Gespräch mit dem Liedsänger Christian Gerhaher finden Sie unter: CRESCENDO.DE

Ein Gespräch mit dem Liedsänger Thomas Hampson finden Sie unter: CRESCENDO.DE

Fotos: Walther von der Vogelweide im Codex Manesse, Universitätsbibliothek Heidelberg

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