Daniel BarenboimMit Debussy auf Gedankenreise

Daniel Barenboim

Für Daniel Barenboim ist Claude Debussy ein verkanntes Genie. Wir sprachen mit dem ­Pianisten und Dirigenten über Impressionismus-Klischees und mächtige Vorbilder.

crescendo: Herr Barenboim, in dieser Saison dirigieren und spielen Sie viele Werke von Debussy. Zu seinem 100. Todestag widmen Sie ihm auch ein Klavieralbum. Wann haben Sie seine Musik kennengelernt?

Dani­el Baren­bo­im: Als ich sehr jung war, spiel­te ich Children’s Cor­ner. Ein Stück über Kin­der, das eigent­lich gar nicht für Kin­der bestimmt ist. Damals habe ich mir auch einen Satz aus Estam­pes vor­ge­nom­men, näm­lich Jardins sous la plu­ie, außer­dem eini­ge Pré­ludes. Mit sei­ner Orches­ter­mu­sik wur­de ich erst spä­ter ver­traut, als ich Chef­di­ri­gent des Orches­t­re de Paris war (1975–1989, Anm. der Red.). In der Zeit habe ich häu­fig Wer­ke von Debus­sy auf­ge­führt.

Gab es dafür Vorbilder?

Durch Debus­sys eige­ne Auf­nah­men sei­ner Kla­vier­wer­ke auf Wel­te-Mignon-Rol­len habe ich als Pia­nist viel gelernt. Fas­zi­niert hat mich ins­be­son­de­re der zwei­te Satz von Estam­pes, La soi­rée dans Gre­na­de. Der Klang, die Dyna­mik und das Ruba­to­spiel sind wun­der­bar. Aber bit­te fra­gen Sie mich so etwas nicht, dann über­le­ge ich, war­um ich das über­haupt selbst auf­ge­nom­men habe? Auch Arturo Bene­detti Michel­an­ge­li und Clau­dio Arrau waren gro­ße Debus­sy-Inter­pre­ten. Und wenn Mar­tha Arge­rich Estam­pes spielt, zeigt sie eine eben­so gro­ße Krea­ti­vi­tät und musi­ka­li­sche Emp­find­sam­keit wie der Kom­po­nist selbst.

Sie kennen Martha Argerich seit Ihrer Kindheit in Buenos Aires und musizieren oft mit ihr.

Gemein­sam haben wir so ziem­lich alles gespielt, was es an Kla­vier­wer­ken von Debus­sy gibt, Ori­gi­nal­stü­cke und Bear­bei­tun­gen. Ende März tre­ten wir bei den Fest­ta­gen der Staats­oper Ber­lin wie­der zusam­men auf. Natür­lich steht Debus­sy auf dem Pro­gramm, unter ande­rem Six épi­gra­phes anti­ques und Pré­lude à l’après-midi d’un fau­ne für Kla­vier zu vier Hän­den und La mer auf zwei Kla­vie­ren.

Die Begeg­nung mit Pierre Bou­lez war mir sehr wich­tig“

Welcher Dirigent hat Sie besonders beeinflusst?

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Die Begeg­nung mit Pierre Bou­lez war mir sehr wich­tig. Er war ein ana­ly­ti­scher Den­ker und sah das Moder­ne in Debus­sys Wer­ken, ohne ihren Bezug zur Ver­gan­gen­heit aus dem Blick zu ver­lie­ren. Von den Debus­sy-Diri­gen­ten mei­ner Genera­ti­on hat mich Clau­dio Abba­do am stärks­ten beein­druckt. Für sei­ne Auf­füh­run­gen von La mer und La damo­i­sel­le élue habe ich ihn sehr bewun­dert. Der größ­te Meis­ter aber war Ser­giu Celi­bi­da­che, er schien für die­se Musik gebo­ren zu sein.

Celibidache wurde auch als Interpret von Maurice Ravel geschätzt. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen den beiden Komponisten?

Viel mehr inter­es­siert mich, was sie von­ein­an­der unter­schei­det. Ich ver­mei­de es, ihre Wer­ke in einem Pro­gramm zusam­men­zu­brin­gen, denn dann wür­den sie mir zu ähn­lich klin­gen. Man kann höchs­tens Ravels Bolé­ro mit Ibé­ria von Debus­sy ver­bin­den, aber das ist eine Aus­nah­me. Anders als Ravel war Debus­sy nicht beson­ders an Far­ben inter­es­siert.

Dabei wird Debussy oft als „Impressionist“ bezeichnet. Ist das ein unzutreffendes Klischee?

Die­ses Eti­kett ist falsch, denn in Wirk­lich­keit ließ er sich nicht von der Male­rei inspi­rie­ren. Sei­ne Fan­ta­sie wur­de durch die Lite­ra­tur und die Natur ange­regt. Er hat ein­mal einen wun­der­ba­ren Satz gesagt, den ich immer wie­der gern zitie­re: „Wenn man sich kei­ne Rei­se leis­ten kann, muss die Ima­gi­na­ti­on ein­sprin­gen.“

Ich bin ein sehr glück­li­cher Mensch, weil ich mich jetzt mona­te­lang auf Debus­sy kon­zen­trie­ren kann“

Bei Debussy erlebt man nicht nur Gärten im Regen. Auch sonst spielt das Thema „Wasser“ bei ihm eine große Rolle.

Die­ser Aspekt fas­zi­niert mich. Man braucht nur an La mer und Reflets dans l’eau aus der Samm­lung Images I zu den­ken. Was­ser oder Wind kom­men bei ihm häu­fig vor, auch in eini­gen Pré­ludes wie etwa La cathé­dra­le eng­lou­tie und Le vent dans la plai­ne.

Auf Ihrem neuen Album ist unter anderem das erste Buch der Préludes zu hören. Fiel es Ihnen schwer, eine Auswahl zu treffen?

Nein, ich möch­te schließ­lich für spä­te­re Auf­nah­men noch etwas übrig­las­sen! In einem Kon­zert habe ich kürz­lich auch Deux ara­bes­ques, zwei char­man­te frü­he Stü­cke, sowie L’isle joyeu­se gespielt. Ich bin ein sehr glück­li­cher Mensch, weil ich mich jetzt mona­te­lang auf Debus­sy kon­zen­trie­ren kann, als Pia­nist, Kam­mer­mu­si­ker und Diri­gent. Bei den Fest­ta­gen der Ber­li­ner Staats­oper füh­re ich mit Solis­ten, der Staats­ka­pel­le und dem Staats­opern­chor die Büh­nen­mu­sik zu Le mar­ty­re de Saint Sébas­ti­en auf. Im Mai und Juni diri­gie­re ich das lyri­sche Dra­ma Pel­léas und Méli­san­de. Mei­ner Ansicht nach hat Debus­sy bis­her nicht den Platz in der Musik­welt, den er ver­dient. Für die Zukunft wün­sche ich mir, dass mehr Wer­ke von ihm gespielt wer­den.

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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