Opera 4.0Mozart auf Malle

Foto: Susana Condensa

Mal ehrlich: Wer hat ausgerechnet Mallorca auf dem Schirm, wenn es um Oper geht? Hier wälzen sich wahre Touristenströme durch überfüllte historische Dörfer, saufen außer Kontrolle geratene Massen am Ballermann Sangria aus 10-Liter-Eimern und schießen die Immobilienpreise in schwindelerregende Höhen. So jedenfalls lauten die landläufigen Vorurteile gegenüber der liebsten Insel der Teutonen. Kultur und gar ein vermeintlich so elitäres Genre wie Oper dürften bei der Wahrnehmung der größten der Balearen-Inseln eine ziemlich untergeordnete Rolle spielen.

Und dennoch war die Insel nun Schauplatz einer im besten Sinne denkwürdigen Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Le Nozze die Figaro. Auch dies klingt nicht unbedingt rekordverdächtig, zählen Komponist und Werk doch zum Standartrepertoire aller Opernhäuser. Was diese Aufführung aber so besonders machte, war die Tatsache, dass sie alles andere als bloßer Standard war. Inmitten des schmucklosen Beton-Auditoriums in millionenschwerer bester Lage direkt am Hafen von Palma leitete die italienische Dirigentin Giuliana Retali eine Aufführung der Oper, von der sich manch arriviertes große deutsche Haus eine dicke Scheibe abschneiden könnte – und zwar eine ganz dicke.

Das erstaunliche dabei: fast alle der beteiligten Musiker kamen von der Insel. Die Mitglieder der Camerata Mallorquina ebenso wie der Chor, nur die Solisten wurden eingeflogen. Seit einigen Jahren arbeitet Retali bereits mit dem Orchester zusammen und hat es von einem zusammengewürfelten Haufen freier Musiker zu einem sehr homogenen Klangkörper mit einem ausgezeichneten, sehr ausgeglichenen Ensembleklang geformt. Vor allem hat sie die Mitglieder ganz auf ein Ziel fokussiert: sich in den Dienst des Gesamtkunstwerkes Oper zu stellen, den Sängern in dienender Funktion zur Seite zu stehen, ohne dabei jedoch die eigene Bedeutung zu vernachlässigen. Mustergültig hat sie dies schon in mehreren konzertanten Projekten realisiert, Mozarts Figaro war nun die erste komplette szenische Realisierung ihres “Opera 4.0” getauften Konzeptes. Das hört sich revolutionär an, zumal sich Retali explizit auf vorangegangene Opern-“Revolutionen” durch Monteverdi, Gluck oder Verdi bezieht.

Wert auf sprachliche und gesangstechnische Tugenden

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Im Grunde ist ihr Projekt aber nichts weiter als eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, auf das Drama und die Sprache als wesentliche Elemente, in deren Diensten auch die Musik steht. „Die Sänger müssen danach streben, den Sinn dessen zu erfassen, was sie zu singen haben, besonders wenn sie solo singen, damit sie dadurch, dass sie dies selbst verstehen und sich zu eigen machen, es ihren Zuhörern zum Verständnis bringen können.“ Besser als Ottavio Durante es im Jahre 1608 beschrieben hat, könnte man es auch heutzutage nicht ausdrücken. Retali legt wieder Wert auf sprachliche und gesangstechnische Tugenden, die in Zeiten riesiger Opernhäuser, wachsender Orchesterapparate und zunehmender sängerischer Eitelkeiten mehr und mehr verschüttet wurden. Das und die Tatsache, dass die Aufführung im Auditorium von Palma auch musikalisch in jeder Hinsicht ein großer Genuss war, das sind die eigentlichen Verdienste Retalis. Wahrlich keine geringer Verdienst, gerade in Zeiten, in denen Star-Besetzungen oftmals für wichtiger erachtet werden als die musikalischen Qualitäten derselben.

Die Inszenierung von Deda Christina Colonna beschränkte sich auf das Wesentliche: Bis auf ein paar Strandliegen, Sonnenschirme und einen Sessel ist die Bühne leer. Doch das reichte aus, um alles Wesentliche anzudeuten, um Räume und räumliche Verhältnisse zu verdeutlichen. Die Kulisse wird durch großformatige Projektionen gebildet, zumeist Naturaufnahmen von Mallorca, was der Aufführung auch etwas Lokalkolorit verleiht, zuweilen auch kurze Animationen. Die Kostüme sind dezent historisierend, ohne dabei jedoch zu sehr ins Detail zu gehen. Insgesamt ist das alles sehr sparsam dosiert. Man vermisste aber nichts, da jedes Detail mit Bedacht platziert ist und die Aufmerksamkeit auf das Eigentliche fokussiert wird: die Geschichte.

Bis auf ein paar Strandliegen, Sonnenschirme und einen Sessel ist die Bühne leer

Die wird von den Sängern mit außerordentlicher Eindringlichkeit erzählt: hinreißend und pointiert gespielt, mit viel Sinn für Situationskomik und eine effektvolle aber nie aufgesetzt wirkende, komische wie heikle Situationen stets dramaturgisch befeuernde Atmosphäre. Das ist in Deda Christina Colonnas Inszenierung alles wunderbar stimmig. Hinzu kam die musikalische Komponente, denn auch diesbezüglich war die Aufführung in der sängerfreundlichen Akustik des Auditoriums von Palma in jeder Hinsicht ausgezeichnet.

Herausragende Sängerleistungen gab es an diesem Abend viele: Fabio Capitanucci etwa, der als Conte über eine vokal und szenisch wahrlich außergewöhnliche Präsenz verfügte und Retalis Konzept mit seiner unglaublich präzisen sprachlichen Diktion in idealtypischer Weise umsetzte. Oder Paola Gardina, die den Cherubino mit stimmlicher und schauspielerischer Brillanz verkörperte. Aber auch Gianluca Pasolini als Don Basilio bzw. Curzio mit seiner unglaublich wandlungsfähigen Stimme, Alessandro Luongo als ebenso viriler wie lausbübischer Figaro und Maya Boog (Contessa), Juanita Lascarro (Susanna), Valentina Pennino (Barbarina), Nicolò Bartoli (Antonio), Agata Bienkowska (Marcellina) und Pablo López (Bartolo) gaben ein insgesamt erstklassiges und sehr spielfreudiges Ensemble ab.

Auch der ausgezeichnet klingende Chor Aquatreveus aus dem mallorquinischen Artà, ein Jugendchor der zum ersten Mal überhaupt auf der Opernbühne stand, erwies sich als Glücksgriff. Hier passte musikalisch und szenisch wirklich alles zusammen. Völlig egal, ob man das nun Oper 4.0 nennt oder als Revolution bezeichnet, wenn Oper mit einer solchen Leidenschaft, Brillanz und Konsequenz gemacht wird, wenn Musik, Inszenierung und darstellerische Leistung wie hier derart Hand in Hand gehen – und zwar auf einem qualitativ in jeder Hinsicht ausgezeichneten und professionellen Niveau – dann ist das schlichtweg sensationell. Leider war die Inszenierung vorerst nur eine einmalige Angelegenheit. Fortsetzung unbedingt erwünscht!

Guido Krawinkel
Guido Krawinkel schreibt über alles, was mit Musik zu tun hat. Dem Studium der Musikwissenschaften in Bonn folgten Tätigkeiten in der Tonträgerbranche, beim Radio und im Verlagswesen sowie eine Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker. Als freier Journalist arbeitet Guido Krawinkel für Zeitungen, Zeitschriften und Konzerthäuser, schreibt Rezensionen, CD-Booklets und Programmeinführungen und ist Mitglied in der Jury des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Der begeisterte Chorsänger hält es mit Loriot: Ein Leben ohne Chor ist möglich, aber sinnlos.

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