Mozarts Amazing Shadows: Catapult, eine spektakuläre Choreografie mit acht Tänzern
(c)Catapult

Rolando Villazón, der neue Intendant der Salzburger Mozartwoche, präsentiert ein Programm klangvoller Namen, spektakulärer Künstler und jeder Menge beglückender Musik.

Es war ein biss­chen wie in sei­nen Opern: Men­schen, die begeh­ren, abwei­sen, ihre Intri­gen schmie­den und Ver­wirr­spiel­chen trei­ben. Mozart lieb­te Salz­burg nicht. Und Salz­burg hat­te ihn hin­aus­kom­pli­men­tiert. Mozart aber lieb­te Mün­chen, das er als Wun­der­kind ken­nen­lern­te. Doch die Stadt erhör­te ihn nicht. Jah­re wird Mozart um eine Anstel­lung als Hof­kom­po­si­teur in Mün­chen kämp­fen, sich „unter­tä­nigst zu Füßen“ des Fürs­ten wer­fen und „Eurer Durch­laucht“ ver­si­chern, dass er „Mün­chen gewiss Ehre machen“ wer­de. Doch der will davon nichts wis­sen. „Es ist kei­ne Vaca­tur da. Wenn nur eine Vaca­tur da wäre!“ Auch sei­ne Erfol­ge mit La fin­ta giar­di­nie­ra 1775 und Ido­me­neo 1781, die bei­de in Mün­chen urauf­ge­führt wur­den, ändern nichts dar­an. Irgend­wann steht fest: Die Mozart­ku­gel wird kei­ne weiß-blaue Spe­zia­li­tät – auch wenn Mozart sie gar nicht erfun­den hat. Pech für Mün­chen. Pech für Mozart?

Nein, sagt Rolan­do Vil­la­zón, der neue Inten­dant der Salz­bur­ger Mozart­wo­che. „Mozarts Pech in Mün­chen ist unser Glück. Am Fürs­ten­hof hät­te er nur Hof­mu­sik kom­po­niert. So konn­te er viel eige­ne Musik schrei­ben.“ Aus Salz­burg sind Vil­la­zón und Ulrich Lei­sin­ger, Lei­ter der wis­sen­schaft­li­chen Abtei­lung der Stif­tung Mozar­te­um, nach Mün­chen gekom­men, um mit der ver­sam­mel­ten Pres­se auf Mozarts Spu­ren zu wan­deln und sie auf die Mozart­wo­che 2019 ein­zu­stim­men, die wie immer rund um Mozarts Geburts­tag am 27. Janu­ar statt­fin­det. Wer „Señor 100.000 Volt“ kennt, war von Vil­la­zóns Per­for­mance nicht ent­täuscht. Empha­tisch beteu­ert der 46-Jäh­ri­ge mit den schwar­zen Locken: „Mozart lebt!“

Mozarts Pech in Mün­chen ist unser Glück. Am Fürs­ten­hof hät­te er nur Hof­mu­sik kom­po­niert“

Ohne Punkt und Kom­ma schwärmt er von sei­ner Lie­be zu Mozart und der uni­ver­sa­len Kraft sei­ner Musik, „die alle Men­schen ver­bin­det … Ein Musi­ker, ein Den­ker, ein Mensch, so reif und so kin­disch, so ana­ly­tisch und so spon­tan, so kom­plex und doch prak­tisch, so fein­sin­nig und derb. Sei­ne Musik beglückt uns alle in guten und in schlech­ten Momen­ten“. Da wun­dert es fast, dass Vil­la­zón um Bedenk­zeit bat, als man ihm 2017 die Inten­danz der Mozart­wo­che für fünf Jah­re offe­rier­te. Schließ­lich sei es mit einem so belieb­ten Kom­po­nis­ten nicht ein­fach, sei­ner Geburts­stadt Salz­burg alle „Ehre zu machen“, fin­det auch Ulrich Lei­sin­ger: „Es gibt so vie­le Mozart-Fes­te auf der Welt. Wie kann man sich her­aus­he­ben?“ An der Musik schei­tert es auf alle Fäl­le nicht. 626 Wer­ke hin­ter­ließ das Genie auf acht Kilo­me­tern Noten­pa­pier, aus denen eine Aus­wahl zu tref­fen war: eine Mischung aus Orches­ter­kon­zert, Kam­mer­mu­sik und sze­ni­schem Werk, ange­rei­chert durch Tanz und Kaba­rett, sowie der Kon­zen­tra­ti­on auf bekann­te und sel­ten gespiel­te Chor­wer­ke. Über allem aber die Fra­ge: Wer war Mozart wirk­lich? War er ein Mann der Auf­klä­rung?

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Ja, fin­det Vil­la­zón, wes­halb er Mozarts kaum bekann­te Schau­spiel­mu­sik Tha­mos, König in Ägyp­ten von 1773 auf das Pro­gramm setzt. Das Werk basiert auf einem dia­lek­ti­schen Lehr­stück von Tobi­as Phil­ipp Frei­herr von Geb­ler. Damit es nicht all­zu abs­trakt und sprö­de zugeht, hat Vil­la­zón die Garan­ten für Akti­on, Schock und Spek­ta­kel mit der Insze­nie­rung beauf­tragt: Car­lus Pad­ris­sa und sei­ne kata­la­ni­sche Thea­ter­grup­pe La Fura dels Baus. Bra­chi­al, monu­men­tal und mul­ti­me­di­al ist die künst­le­ri­sche DNA der Trup­pe. Man darf sehr gespannt sein, wie explo­siv der Cock­tail sein wird, der ihnen zu dem spek­ta­ku­lä­ren Ort ein­fällt, an dem Geb­lers Dra­ma spielt: Helio­po­lis, die Son­nen­stadt, 3000 v. Chr. „Wir wer­den so tun, als leb­ten wir im Helio­po­lis die­ser Zeit“, ver­rät Pad­ris­sa, „aller­dings mit der heu­ti­gen Tech­no­lo­gie.“ Und dem Schwei­zer Mat­ter­horn, wie er schmun­zelnd hin­zu­setzt.

Mozart, das revol­tie­ren­de Natu­rell zu ent­fes­seln. Ihm sei­nen Schmutz zu belas­sen und alles Beque­me in Scher­ben zu schla­gen“

Ein Glücks­griff gelang Vil­la­zón mit dem Enga­ge­ment der „teuf­lisch guten“ Slam-Poe­tin Lisa Eck­hart. „Mozart, das revol­tie­ren­de Natu­rell zu ent­fes­seln (…). Ihm sei­nen Schmutz zu belas­sen (…) und alles Beque­me in Scher­ben zu schla­gen“, ver­spricht die 27-jäh­ri­ge Öster­rei­che­rin, deren Ver­se fast wie Musik klin­gen: kunst­voll geschlif­fen, vir­tu­os mon­tiert. Eine Meis­te­rin der schlitz­oh­rig hoch­geis­ti­gen Bos­haf­tig­keit, der bit­ter­bö­sen Rei­me, der poin­tier­ten, ger­ne mal vul­gä­ren Pro­vo­ka­ti­on. Herr­lich poli­tisch unkor­rekt und jede Erwar­tung unter­lau­fend. Das passt zu Mozart wie zu kei­nem ande­ren.

Ein­zig­ar­tig ist auch die bri­ti­sche Pan­to­mi­min Nola Rae, die seit Jahr­zehn­ten mit ihrer Mischung aus Komik, Tanz, Come­dy und Pup­pen­spiel die Welt ent­zückt. „Mozart Preposte­ro­so“ („Der absurd ver­rück­te Mozart“) heißt ihre Show, in der sie dem Wol­ferl eine rote Nase ver­passt. Ein Kas­perl­thea­ter wird es trotz­dem nicht. Selbst­ver­ständ­lich sind auch dies­mal die Berühmt­hei­ten mit von der Par­tie: Sir András Schiff, Dani­el Baren­bo­im, Ceci­lia Bar­to­li, Jani­ne Jan­sen, Phil­ip­pe Her­re­weg­he und Vil­la­zóns Neu­ent­de­ckung: Regu­la Müh­le­mann. Wei­te­res High­light: Mozarts Ora­to­ri­um La Betu­lia libe­ra­ta, eine Geschich­te von alt­tes­ta­men­ta­ri­scher Wucht mit Chris­to­phe Rous­set und Les Tal­ens Lyri­ques.

Klei­ner Trost für Mün­chen: Ein biss­chen blau ist die Mozart­ku­gel aber doch gewor­den, die übri­gens ein Salz­bur­ger Kon­di­tor im Jahr 1890 erfand.

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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