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Das Applaudieren haben Münchens Musikfans während der Pandemie nicht verlernt. Die Live-Premiere der Christoph-Marthaler-Inszenierung von Aribert Reimanns „Lear“ bedachte das Staatsopernpublikum am Pfingstsonntagabend mit Ovationen. Zurecht, denn dem gesamten Team ist eine geniale Produktion gelungen.

"Lear"

Lear“

Eingangs aus Glasvitrinen eines Ausstellungsraumes auf die Bühne entlassen, machen sich Lear, seine Töchter und (Halb-)Söhne samt Höflingen in nuancenreich fahlem Licht zwischen Formalingläsern und ausgestopften Lebewesen ans innerfamiliäre Vernichtungswerk. Der Sprechtheatermann Marthaler inszeniert vollkommen mit Reimanns Klängen und Rhythmen, verzichtet auf erwartbare Effekte und platziert Personen und Bewegungen deutlich und genau. Damit ermöglicht er den Sängern, sich auf die Rollen zu konzentrieren. Christian Gerhaher wird musikalisch als Lear Rollengeschichte schreiben, er formt jeden Ton und jede Phrase zu einem beängstigend eindrucksvollen Lear, stimmlich scheinbar grenzenlos auf der Ausdrucks-Borderline balancierend. Hanna-Elisabeth Müller als Cordelia, Angelika Denoke als Goneril und Ausrine Stundyte bilden das machtgierige Töchter-Trio, aber auch Graham Valentine als Narr mit Schauspiel-Solo prägen die Produktion.

Jukka-Pekka Saraste am Pult des Staatsorchesters beweist bei seiner ersten Premiere im Haus am Max Joseph-Platz seine Hand für wuchtige rhythmische und klangliche Strukturen, aber auch instrumentale Feinheiten. Ein anstrengend-faszinierender Musiktheaterabend, fast zu viel für von Corona angestrengte Nerven.

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