News | 23.05.2021

Münchner „Lear“: Fami­li­en­irr­sinn in Perfek­tion

von Redaktion Nachrichten

23. Mai 2021

Das Applau­dieren haben Münchens Musik­fans während der Pandemie nicht verlernt. Die Live-Première der Chris­toph-Marthaler-Insze­nie­rung von Aribert Reimanns „Lear“ bedachte das Staats­opern­pu­blikum am Pfingst­sonn­tag­abend mit Ovationen. Zurecht, denn dem gesamten Team ist eine geniale Produk­tion gelungen.

"Lear"

„Lear“

Eingangs aus Glas­vi­trinen eines Ausstel­lungs­raumes auf die Bühne entlassen, machen sich Lear, seine Töchter und (Halb-)Söhne samt Höflingen in nuan­cen­reich fahlem Licht zwischen Forma­lin­g­lä­sern und ausge­stopften Lebe­wesen ans inner­fa­mi­liäre Vernich­tungs­werk. Der Sprech­thea­ter­mann Marthaler insze­niert voll­kommen mit Reimanns Klängen und Rhythmen, verzichtet auf erwart­bare Effekte und plat­ziert Personen und Bewe­gungen deut­lich und genau. Damit ermög­licht er den Sängern, sich auf die Rollen zu konzen­trieren. wird musi­ka­lisch als Lear Rollen­ge­schichte schreiben, er formt jeden Ton und jede Phrase zu einem beängs­ti­gend eindrucks­vollen Lear, stimm­lich scheinbar gren­zenlos auf der Ausdrucks-Border­line balan­cie­rend. als Cordelia, Ange­lika Denoke als Goneril und Ausrine Stun­dyte bilden das macht­gie­rige Töchter-Trio, aber auch Graham Valen­tine als Narr mit Schau­spiel-Solo prägen die Produk­tion.

am Pult des Staats­or­ches­ters beweist bei seiner ersten Première im Haus am Max Joseph-Platz seine Hand für wuch­tige rhyth­mi­sche und klang­liche Struk­turen, aber auch instru­men­tale Fein­heiten. Ein anstren­gend-faszi­nie­render Musik­thea­ter­abend, fast zu viel für von Corona ange­strengte Nerven.

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