Musik sei kei­ne Arche, auf der man eine Sint­flut über­dau­ern kön­ne, schrieb Ber­tolt Brecht in einem – aller­dings nicht abge­schick­ten – Brief an Paul Hin­de­mith. Viel­leicht aber kann Musik den Auf­ent­halt auf der Arche erleich­tern. Kom­po­nis­ten fan­den auch in schwie­ri­gen Zei­ten die Kraft, Wer­ke zu schaf­fen.

Komponieren für die Schublade

Musik schenkt Hoffnung. Komponisten fanden auch in schwierigen Zeiten wie Kriegen oder Krankheiten die Kraft, Werke zu schaffen. Karl Amadeus Hartmann schrieb für die Schublade.

Zog sich wäh­rend der NS-Zeit in die inne­re Emi­gra­ti­on zurück und kom­po­nier­te nur für die Schub­la­de: Karl Ama­de­us Hart­mann 
(Foto: © BSB Bild­ar­chiv)

Karl Ama­de­us Hart­mann zog sich wäh­rend der NS-Zeit in die inne­re Emi­gra­ti­on zurück. Sei­ne Kom­po­si­tio­nen in die­sen Jah­ren schrieb er nur für die Schub­la­de. Sei­ne Sin­fo­nia tra­gi­ca für gro­ßes Orches­ter, die er 1940 kom­po­nier­te, wur­de erst 1989 vom Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks unter Udo Zim­mer­mann urauf­ge­führt. 
Das Foto oben zeigt ihn mit Ian­nis Xen­a­kis in Mün­chen, wo Hart­m­mann nach dem Zwei­ten Welt­krieg die musi­ca-viva-Rei­he ins Leben rief. (Foto: © BSB Bild­ar­chiv)

ANZEIGE



Komponieren im Gefangenenlager

Oli­vi­er Mes­sia­en vor dem Zwei­ten Welt­krieg 

Oli­vi­er Mes­sia­en brach­te im Gefan­ge­nen­la­ger Gör­litz 1940 sein Qua­tu­or pour la fin du temps zur Auf­füh­rung. Als er im Lager ankam, wur­den ihm wie allen Gefan­ge­nen die Klei­der aus­ge­zo­gen. „Doch nackt, wie ich war, drück­te ich mei­nen klei­nen See­sack an mich, der alle mei­ne Schät­ze ent­hielt, also eine klei­ne Biblio­thek aus Taschen­par­ti­tu­ren, die mich trös­te­ten, wenn ich unter dem Hun­ger und der Käl­te litt… Die Deut­schen stuf­ten mich als völ­lig harm­los ein…, und da sie eben­falls Musik lieb­ten, erlaub­ten sie mir nicht nur, mei­ne Par­ti­tu­ren zu behal­ten, son­dern ein Offi­zier gab mir außer­dem Blei­stif­te, Radier­gum­mis und eini­ge Noten­blät­ter.

Musik schenkt Hoffnung. Komponisten fanden auch in schwierigen Zeiten wie Kriegen oder Krankheiten die Kraft, Werke zu schaffen. Olivier Messiaen komponierte im Gefangenenlager.

Kom­po­nier­te auch bei Hun­ger und Käl­te im Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger: Oli­vi­er Mes­sia­en 

Im Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger befan­den sich auch ein Gei­ger, ein Kla­ri­net­tist und der Cel­list Éti­en­ne Pas­quier. Ich schrieb ein beschei­de­nes klei­nes Trio für sie, das sie mir in den Wasch­räu­men vor­spiel­ten, denn der Kla­ri­net­tist hat­te sein Instru­ment behal­ten, und irgend­je­mand hat­te dem Cel­lis­ten ein Cel­lo mit drei Sai­ten gege­ben. Durch die­ses ers­te Expe­ri­ment mit dem Titel Inter­mè­de ermu­tigt, füg­te ich nach und nach die übri­gen sie­ben Sät­ze hin­zu, So kam es, dass mein Qua­tu­or pour la fin du Temps ins­ge­samt aus acht Sät­zen besteht.“

Komponieren ohne Anerkennung 

Musik schenkt Hoffnung. Komponisten fanden auch in schwierigen Zeiten wie Kriegen oder Krankheiten die Kraft, Werke zu schaffen. Ivan Wyschnegradsky schrieb sein Leben Lang ohne Erfolg.

Zu sei­nen Leb­zei­ten woll­te kein Musik­ver­le­ger sei­ne Kom­po­si­tio­nen: Ivan Wyschne­gradsky

Von Ivan Wyschne­gradsky, der 1920 von St. Peters­burg nach Paris und 1922 nach Ber­lin emi­grier­te, woll­te Zeit sei­nes Lebens kein Ver­lag ein Werk dru­cken. Dies änder­te sich erst in den letz­ten bei­den Jah­ren vor sei­nem Tod 1979.

Spät erkann­te man sei­ne Bedeu­tung: Ivan Wyschne­gradsky im Jahr sei­nes Todes 1979 in Paris an sei­nem Vier­tel­ton­kla­vier

Heu­te gilt er als Visio­när und Vor­läu­fer der Mikro-Inter­val­le. Er expe­ri­men­tier­te mit Mikro­t­ö­nen und kon­zi­pier­te neue Instru­men­te. Die Töne ver­band er mit Far­ben, und so ent­warf er eine far­bi­ge Nota­ti­on. Auch befass­te er sich mit der Phi­lo­so­phie Nietz­sches. Bei­des kam in sei­ner Sin­fo­nie für vier im Vier­tel­ton­ab­stand von­ein­an­der gestimm­ten Kla­vie­re Also sprach Zara­thus­tra op. 17 aus dem Jahr 1929/30 zusam­men.

Komponieren in Kriegen

Musik schenkt Hoffnung. Komponisten fanden auch in schwierigen Zeiten wie Kriegen oder Krankheiten die Kraft, Werke zu schaffen. Darius Milhaud komponierte auch während der Weltkriege.

Der Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs warf ihn nie­der, aber er über­wand die Läh­mung: Dari­us Mil­haud
(Foto: © Cent­re de Musi­que Media­ne pour Viki­pe­dia) 

Dari­us Mil­haud schrieb 1914 in Aix-en-Pro­vence an sei­nem Streich­quar­tett Nr. 2, op. 16, als „an die­sem schwü­len August­tag die Glo­cken­schlä­ge vom Rat­haus den Krieg ohne Unter­lass ein­läu­te­ten!“ Nichts sei ihm so unver­gess­lich geblie­ben, „wie ihr eili­ges Schla­gen, das sich mit dem Schril­len der Gril­len ver­misch­te“. Als der Zwei­te Welt­krieg aus­brach, war­fen ihn Krank­heit und Ohn­machts­ge­füh­le nie­der und hin­der­ten ihn an der Fer­tig­stel­lung sei­ner Ers­ten Sin­fo­nie. Doch die Vor­stel­lung, dass „dies das ein­zi­ge fran­zö­si­sche Werk“ auf dem Pro­gramm zum 50-jäh­ri­gen Jubi­lä­um des Chi­ca­go Sym­pho­ny Orches­tra sein wür­de, sporn­te ihn an. So über­wand er die Läh­mung.

Komponieren mit schwerer Verletzung

Musik schenkt Hoffnung. Komponisten fanden auch in schwierigen Zeiten wie Kriegen oder Krankheiten die Kraft, Werke zu schaffen. Iannis Xenakis komponierte trotz Verwundung.

Kam als poli­tisch Ver­folg­ter nach Paris und schuf trotz schwe­rer Ver­wun­dung ein ein­ma­li­ges Werk: Ian­nis Xen­a­kis 
(Foto: © Adel­mann Collec­tion of Fran­çoi­se Xen­a­kis)

Ian­nis Xen­a­kis kam 1947 als poli­tisch Ver­folg­ter nach Paris. Er streb­te danach, eine voll­kom­men abs­trak­te Musik zu schaf­fen und zog mathe­ma­ti­sche Model­le für sei­ne Kom­po­si­tio­nen her­an. „Ich glau­be, durch mei­ne Ver­wun­dung bin ich so gewor­den, wie ich bin“, erklär­te er. In den 1940er-Jah­ren hat­te sich Xen­a­kis in Grie­chen­land den Wider­stands­grup­pen ange­schlos­sen. Im Febru­ar 1947 war er durch das Geschoß eines Sher­man-Pan­zers ver­letzt wor­den. Er ver­lor ein Auge und erlitt einen schwe­ren Hör­scha­den. „All dies hat dazu geführt, dass ich nicht in der Wirk­lich­keit lebe“, bekann­te er. „Es ist, als befän­de ich mich in einem Brun­nen­schacht. Mei­ner geschwäch­ten Sin­ne wegen kann ich die mich umge­ben­de Welt nicht unmit­tel­bar erfas­sen. Ich glau­be, aus die­sem Grund hat sich mein Kopf mehr und mehr dem abs­trak­ten Den­ken zuge­wandt.“ Sei­ne Kom­po­si­ti­on Achor­rip­sis für 21 Instru­men­te wur­de 1958 urauf­ge­führt.

Komponieren für Frieden 

Musik schenkt Hoffnung. Komponisten fanden auch in schwierigen Zeiten wie Kriegen oder Krankheiten die Kraft, Werke zu schaffen. Isang Yun schrieb für Frieden und Versöhnung.

Geriet ins Räder­werk der Poli­tik und rief auf zu Frie­den und Ver­söh­nung: Isang Yun 
(Foto: © Hans Pöl­kow / Boo­sey & Haw­kes)

Isang Yun geriet ins Räder­werk der Poli­tik zwi­schen Nord- und Süd­ko­rea. Zu sei­ner Musik­spra­che fand er in Deutsch­land durch die Rück­be­sin­nung auf die chi­ne­sisch-korea­ni­sche Hof­mu­sik. In sei­nen Kom­po­si­tio­nen ver­schmel­zen Ideen west­li­cher Moder­ne mit der vom Geist des Taos bestimm­ten Vor­stel­lung eines flie­ßen­den Klang­stroms und Far­ben­reich­tums. In sei­nem letz­ten Lebens­jahr­zehnt gestal­te­te er sei­ne Wer­ke als Auf­ruf zur Ver­söh­nung und Frie­den. Mit sei­nem Duo für Cel­lo und Har­fe aus dem Jahr 1984 fand er zu einem neu­en Ton lyri­scher Sang­lich­keit.

CRE­SCEN­DO-Abon­nen­ten kön­nen alle im Text genann­ten Kom­po­si­tio­nen in der NML hören: 
Karl Ama­de­us Hart­mann: Sin­fo­nia tra­gi­ca
www.nml3.naxosmusiclibrary.com/catalogue/C71112 
Oli­vi­er Mes­sia­en: Qua­tu­or pour la fin du Temps
www.nml3.naxosmusiclibrary.com/catalogue/C840121B 
Ivan Wyschne­gradsky: Also sprach Zara­thus­tra op. 17
www.nml3.naxosmusiclibrary.com/catalogue/Shiiin10
Dari­us Mil­haud: Streich­quar­tett Nr. 2, op. 16
www.nml3.naxosmusiclibrary.com/catalogue/TRO-CD01409 
Dari­us Mil­haud: Sin­fo­nie Nr. 1
www.nml3.naxosmusiclibrary.com/catalogue/999539–2 
Ian­nis Xen­a­kis: Achor­rip­sis
www.nml3.naxosmusiclibrary.com/catalogue/1C1113 
Isang Yun: Duo für Cel­lo und Har­fe
www.nml3.naxosmusiclibrary.com/catalogue/C67116

Und als Play­list auf der NML: www.nml3.naxosmusiclibrary.com/folder?category=unv

Mehr über Oli­vi­er Mes­sia­en auf crescendo.de

Weiterführende Literatur: 
Ferdinand Zehentreiter: „Komponisten im Exil. 16 Künstlerschicksale des 20. Jahrhunderts.“
Friedrich Geiger: „Musik in zwei Diktaturen, Verfolgung von Komponisten unter Hitler und Stalin.“
Vorheriger ArtikelHier können Sie die CRESCENDO-Nothilfe beantragen
Nächster ArtikelDie eigene Persönlichkeit bewahren
Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here