Über die Jahrhunderte hinweg sind Musik und bildende Kunst beständig im Gespräch. Ab dem Fin de siècle verweben sie sich immer extremer.

Anfang März 1968 reist Mar­cel Duch­amp nach Toron­to zu John Cage. Auf der Büh­ne des Ryer­son Thea­tres spie­len die bei­den Schach. Das Brett ist mit Kon­takt­mi­kro­fo­nen aus­ge­stat­tet. Sobald ein Spie­ler eine Figur bewegt, wer­den Klän­ge hör­bar, die ent­spre­chend der Bewe­gung auf dem Brett vari­ie­ren, und auf Bild­schir­men erschei­nen oszil­lo­sko­pi­sche Bil­der. „Reuni­on“ mar­kiert den Extrem­punkt einer Ver­schrän­kung von Musik und bil­den­der Kunst, die um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert an enor­mer Dyna­mik gewinnt und deren Wur­zeln weit zurück­rei­chen.

Leo­nar­do da Vin­ci wur­de berühmt als Maler der „Mona Lisa“. Sei­ne Zeit­ge­nos­sen sahen ihn mög­li­cher­wei­se anders. Denn Leo­nar­do soll auch „gött­lich“ gesun­gen und sich dabei auf der Lira da Brac­cio beglei­tet haben. Als Natur­for­scher stellt er Über­le­gun­gen an zur Aus­brei­tung des Schalls und zur Funk­ti­ons­wei­se des Gehörs. Sei­ne Notiz­bü­cher ent­hal­ten Kon­struk­ti­ons­zeich­nun­gen von Musik­ma­schi­nen und Trom­meln, die von Kut­schen­rä­dern ange­trie­ben wer­den.

Dop­pel- und Mehr­fach­be­ga­bun­gen sind kei­ne Sel­ten­heit“

Die Künst­ler der ita­lie­ni­schen Renais­sance genie­ßen hohes Anse­hen. Sie wer­den geach­tet für ihr enzy­klo­pä­di­sches Wis­sen und ihre viel­fäl­ti­gen Bega­bun­gen. Gior­gio­ne, der den Fres­ken­schmuck eini­ger Palast­fas­sa­den am Canal Gran­de in Vene­dig schafft, bevor die Pest ihn hin­weg­rafft, glänzt in Gesell­schaft als Sän­ger und Lau­ten­spie­ler. Auch der Maler Tin­to­ret­to spielt in sei­ner Jugend die Lau­te und wid­met sich der Erfin­dung neu­er Ins­trumente. Albrecht Dürer, der um jenes Anse­hen ringt, das er in Ita­li­en bei sei­nen Kol­le­gen bestaunt hat, stellt sich gern im Kreis von Musi­kern dar. Unver­ständ­li­che Auf­zeich­nun­gen aus sei­nem Nach­lass wur­den als deut­sche Orgel­ta­bu­la­tur ent­zif­fert.

ANZEIGE



Dop­pel- und Mehr­fach­be­ga­bun­gen sind kei­ne Sel­ten­heit. Zumeist bricht das Kunst­wol­len jedoch in einem Gen­re durch. Domi­ni­que Ing­res, der mit sei­nen sinn­li­chen Akt­dar­stel­lun­gen Berühmt­heit erlangt, lernt von sei­nem Vater zeich­nen und gei­gen. Wäh­rend sei­nes Kunst­stu­di­ums an der Aka­de­mie von Tou­lou­se spielt er im Sin­fo­nie­or­ches­ter der Stadt. Auch Felix Men­dels­sohn und sei­ne Schwes­ter Fan­ny beglei­tet er auf der Gei­ge. Men­dels­sohn selbst besitzt ein Talent fürs Schrei­ben, fürs Zeich­nen und fürs Musi­zie­ren. Sein Leben bestimmt die Musik. Doch nach dem plötz­li­chen Tod der Schwes­ter und kurz vor sei­nem eige­nen sucht er Trost im Zeich­nen und Aqua­rel­lie­ren.

Was sie eint, ist der Drang nach Auf­bruch“

Eugè­ne Del­a­croix, der gro­ße Meis­ter der fran­zö­si­schen Roman­tik, zeigt in sei­ner Jugend eben­falls eine Vor­lie­be für die Musik. Er ist ein guter Gei­gen­spie­ler, träumt sogar von einer Musik­erlauf­bahn und ver­kehrt in Paris in Musi­ker­krei­sen. Mit Cho­pin ver­bin­det ihn eine enge Freund­schaft. „Cho­pin hat mir Beet­ho­ven vor­ge­spielt, gött­lich schön“, schwärmt er und nennt ihn den ech­tes­ten Künst­ler, dem er je begeg­net sei. Cho­pin dage­gen ist für die ande­ren Küns­te nicht zu gewin­nen. „Sein Geist kann sich nur in Musik aus­drü­cken“, erkennt Geor­ge Sand. Aber auch Cho­pin erin­nert sich an „köst­li­che Augen­bli­cke“, die er mit Del­a­croix ver­brach­te.

Die Roman­tik strebt nach Ent­gren­zung und der Herr­schaft frei schöp­fe­ri­scher Fan­ta­sie. Aber es sind die Ange­hö­ri­gen der Avant­gar­de zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts, die sich jenem künst­le­ri­schen Zusam­men­wir­ken öff­nen, das der Musik­phi­lo­soph Theo­dor W. Ador­no als „Ver­fran­sung“ bezeich­net. Was sie eint, ist der Drang nach Auf­bruch. Neu­es wol­len sie schaf­fen, die aka­de­mi­sche Zeich­nung, den alten Ton und die abge­nutz­ten Wor­te zer­schla­gen. In Russ­land wird der Maler, Gra­fi­ker und Kom­po­nist Michail Mat­ju­schin zu einer zen­tra­len Gestalt. Er arbei­tet an einem „erwei­ter­ten Sehen“ und den Mög­lich­kei­ten der Visua­li­sie­rung von Klän­gen. 1913 kom­po­niert er die ers­te futu­ris­ti­sche Oper Sieg über die Son­ne, die in der Aus­stat­tung von Kasi­mir Male­witsch in St. Peters­burg urauf­ge­führt wird. „Die neu­en Zei­chen der Zukunft“ möch­te Mat­ju­schin schaf­fen.

In Paris wird Erik Satie zur trei­ben­den Kraft“

Das ver­bin­det ihn mit Arnold Schön­berg und der Wie­ner Avant­gar­de, die mit den Künst­lern der Seces­si­on eben­falls einen neu­en Be-griff von Kunst ver­wirk­li­chen wol­len. Im Janu­ar 1911 besucht Was­si­ly Kan­din­sky in Mün­chen ein Kon­zert von Schön­berg. Er ist so beein­druckt, dass er ihm spon­tan einen Brief schreibt: Schön­berg habe in sei­nem Werk das ver­wirk­licht, wonach er „so eine gro­ße Sehn­sucht“ habe. Auch für Schön­bergs Bil­der begeis­tert er sich und lädt ihn zur Betei­li­gung an der Aus­stel­lung des Blau­en Rei­ters ein. So wich­tig jedoch Schön­berg das Malen zu Anfang war, nach sei­ner Selbst­fin­dung als Kom­po­nist 1912 gibt er es fast gänz­lich auf.

In Paris wird Erik Satie, den Jean Coc­teau lie­be­voll als „ein selt­sa­mes, wie vom Him­mel gefal­le­nes Etwas“ betrach­tet, zur trei­ben­den Kraft. Coc­teau bringt ihn mit Pablo Picas­so zusam­men. Gemein­sam erar­bei­ten sie das Bal­lett Para­de. Satie kom­po­niert mit sei­ner Musik die Geräu­sche der Bewe­gun­gen auf einem Jahr­markt. Und Picas­so ent­wirft ein Büh­nen­bild, das „im Stück mit­spielt, anstatt nur zuzu­schau­en“. Das Bal­lett wird am 18. Mai 1917 von Ser­gei Diag­hi­levs Com­pa­gnie der Bal­lets Rus­ses urauf­ge­führt. Für das Publi­kum ist es ein „kubis­ti­scher Schock“, für den Dich­ter Guil­lau­me Apol­lin­aire der neue Geist.

Musik ent­fal­tet sich in der Zeit, das Kunst­werk im Raum“

Die Ide­en, Expe­ri­men­te und Theo­ri­en der Avant­gar­de erwei­sen sich als unend­lich frucht­bar. Sie öff­nen Räu­me und Wege mit immer neu­en Ver­zwei­gun­gen. Im Ver­lauf des 20. Jahr­hun­derts wer­den die Ver­bin­dun­gen zuneh­mend enger, und man sucht die gegen­sei­ti­ge Inspi­ra­ti­on. Als Paul Klee zum Blau­en Rei­ter nach Mün­chen kommt und sich mit Kan­din­sky anfreun­det, besucht er als begeis­ter­ter Opern­lieb­ha­ber auch die Oper. Sein Bild Das Vokal­tuch der Kam­mer­sän­ge­rin Rosa Sil­ber, das auf eine Sän­ge­rin oder auf Richard Strauss’ Rosen­ka­va­lier anspielt, inspi­riert in den 1950er-Jah­ren Hans Wer­ner Hen­ze zu sei­nem gleich­na­mi­gen Bal­lett. Hen­ze über­trägt Klees zar­te, spit­zen­ähn­li­che Dar­stel­lung in Musik. Kan­din­sky wie­der­um ver­wan­delt für eine sze­ni­sche Auf­füh­rung von Modest Mus­sorgs­kys Bil­der einer Aus­stel­lung in Des­sau 1928 des­sen musi­ka­li­sche Beschrei­bun­gen zurück in Bil­der.

Sei­ne abs­trak­ten Gemäl­de die­nen auch als Anre­gung für Anes­tis Logo­the­tis bei der Ent­wick­lung sei­ner gra­fi­schen Nota­ti­on. Logo­the­tis ent­wirft im elek­tro­ni­schen Stu­dio des WDR in Köln 1959 die Kom­po­si­ti­on „Struk­tur-Tex­tur-Spie­gel-Spiel“. Um die musi­ka­li­schen Momen­te zu ver­deut­li­chen, reicht ihm das Fünf­li­ni­en­sys­tem nicht aus, und er ent­wi­ckelt eine „Klang­cha­rak­ter­schrift“. Damit fin­den gra­fi­sche Ele­men­te Ein­gang in die Par­ti­tur, die in der Fol­ge selbst zum Kunst­werk wird. Györ­gy Lige­ti arbei­tet mit dem Gra­fi­ker Rai­ner Wehin­ger, um für sei­ne eben­falls im Köl­ner Stu­dio ent­stan­de­ne Ton­band-Col­la­ge Arti­ku­la­ti­on eine Hör­par­ti­tur zu erstel­len. Und Josef Anton Riedl schafft 1960 mit sei­nen „opti­schen Laut­ge­dich­ten“ Musik zum Sehen.

Musik ent­fal­tet sich in der Zeit, das Kunst­werk im Raum. Die­se ein­fa­che For­mel erfährt im 20. Jahr­hun­dert eine Umkeh­rung. Kom­po­nis­ten set­zen sich inten­siv mit dem Raum aus­ein­an­der, sei­nem Klang und sei­ner Wir­kung. Es öff­net sich der Weg zur Klang­kunst, der Klang­in­stal­la­ti­on und der Klang­skulp­tur. Robin Minard beginnt 1994 sei­ne Werk­rei­he Silent Music. Hun­der­te klei­ner Laut­spre­cher wach­sen mit ihren Kabeln wie Efeu an den Wän­den empor. Aus den Laut­spre­chern tönen hohe, ruhi­ge Klän­ge. Die Besu­cher sind ein­ge­la­den, in den Raum, der zum Hör-Raum wird, hin­ein­zu­lau­schen.

Vorheriger ArtikelLiebesfragmente
Nächster ArtikelHöfischer Klang
Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here