Woher kommt eigentlich...Muse = Frau und Genie = Mann?

Drag Queen
Foto: Leland Bobbé

In der Regel sind Musen weiblich. Musen treten gern in der Mehrzahl auf, Genies lieber in der Einzahl. Ein Genie ist eigentlich immer männlicher Natur. Ausnahmen bestätigen die Regel. Woher das kommt? Wer Geschichte schreibt, kann sich die Freiheit nehmen zu entscheiden, wer in der Geschichte vorkommt. Dass es zum Beispiel ein extra ausgewiesenes Komponistinnen-Lexikon geben muss, zeigt, dass Musikerinnen in einem „regulären“ Musiklexikon kaum zu finden sind.

Die Dros­te – sie hat­te eine männ­li­che Muse. Sie wer­den fra­gen: die Dros­te? Annet­te von Dros­te-Hüls­hoff? War sie nicht Dich­te­rin? Ja, war sie, aber sie war auch Musi­ke­rin und Kom­po­nis­tin. Dass Mann das nicht weiß, liegt eben auch dar­an, dass die Dros­te eine Frau war. Wäre sie „der Dros­te“ gewe­sen, hät­te man mehr ver­nom­men von ihren 70 Lie­dern und vier Opern­pro­jek­ten. Sie hat­te es schwer, weil von ihr erwar­te­tet wur­de, die zurück­hal­ten­de Rol­le einer ade­li­gen Frau im 19. Jahr­hun­dert zu spie­len. Unter­stüt­zung bekam sie vom 17 Jah­re jün­ge­ren Schrift­stel­ler Levin Schü­king. Er war ihr nicht nur Muse, Lieb­ha­ber und lite­ra­ri­scher Freund, son­dern auch ihr ers­ter Bio­graf, der viel für die Ver­brei­tung und Wert­schät­zung ihrer Arbeit getan hat.

Ihr Vater war ein pro­fi­lier­ter Vio­li­nist, und die Kom­po­si­ti­ons­lehr­bü­cher ihres Onkels ver­mit­tel­ten ihr die Tech­nik der Kunst, eige­ne Musik zu schrei­ben. Die dar­aus ent­stan­de­nen Wer­ke wur­den erst nach ihrem Tode bekannt.

Das Weib steht doch höher als die Künst­le­rin“

Auch Robert Schu­mann schätz­te ihre Gedich­te, eines, das Hir­ten­feu­er, hat er ver­tont. Für sei­ne ein­zi­ge Oper schweb­te ihm ursprüng­lich Annet­te von Dros­te-Hüls­hoff als Libret­tis­tin vor. Er frag­te beim Post­amt Müns­ter nach ihrer Anschrift und beauf­trag­te sei­ne Frau Cla­ra, ihr einen Brief mit sei­nem Wunsch zu schi­cken. Der Dros­te war aller­dings nur der Name der vir­tuo­sen Pia­nis­tin Cla­ra ein Begriff, vom Kom­po­nis­ten Robert hat­te sie nie etwas gehört. Sie lehn­te ab.

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Cla­ra Schu­mann, eigent­lich Cla­ra Wieck, oblag dem Schick­sal, mehr Muse als Genie sein zu dür­fen. Schon mit neun Jah­ren galt sie als Wun­der­kind, erneu­er­te das Kla­vier­spiel, wur­de zum gefei­er­ten Tas­ten­star und spiel­te in ganz Euro­pa vor vol­len Häu­sern. In ihrem Publi­kum saßen Genies wie Liszt und Paga­ni­ni und hör­ten ihr zu. Ihr eige­nes Werk spie­gelt, wie gut sie als Kom­po­nis­tin war. Gegen­über Robert war sie zunächst die erfolg­rei­che­re und viel ver­spre­chen­de­re. Es heißt, Robert hät­te sei­ne Frau anfangs auf ihren Tour­ne­en beglei­tet, dabei sei er gefragt wor­den: „Und Sie? Was machen Sie? Machen Sie auch etwas mit Musik?“ Sei­ne Miss­gunst brach­te er 1839 in einem Brief auf den Punkt: „Das Weib steht doch höher als die Künst­le­rin und erreich ich nur das, dass Du gar nichts mehr in der Oef­fent­lich­keit zu thun hät­test, so wäre mein innigs­ter Wunsch erreicht“. Er war es, der sein Genie zu ent­fal­ten hat­te. So prunkt sein Grab in Bonn in monu­men­ta­lem Mar­mor, und davor sitzt für die Ewig­keit in Stein gemei­ßelt, ehr­fürch­tig wie bewun­dernd nach oben schau­end – Cla­ra, sei­ne Muse.

Ich war sei­ne Muse, und er war mein Muse­rich“

Ihr Vater hat­te immer dar­auf gedrängt, dass sie sich aus­schließ­lich ihrem Talent wid­me­te. Fried­rich Wieck war Musik­päd­ago­ge, hat­te alles für ihre Aus­bil­dung in Spiel und Kom­po­si­ti­on getan und war strikt dage­gen, dass sei­ne Toch­ter sich mit sei­nem Schü­ler Robert Schu­mann liie­ren woll­te.

Anders der Vater von Fan­ny Hen­sel, Schwes­ter von Felix Men­dels­sohn, er ließ sei­ne Toch­ter bereits mit 14 Jah­ren wis­sen: „Die Musik wird für Felix viel­leicht zum Beruf, wäh­rend sie für Dich stets nur Zier­de, nie­mals Grund­bass Dei­nes Seins und Tuns wer­den kann und soll …“ Den­noch hat sie nahe­zu 400 Wer­ke geschaf­fen.

Die Geschich­te von Muse und Genie ist eine Geschich­te von Frau und Mann. Bei­spie­le gibt es vie­le. Der genia­le Bach hat­te neun Töch­ter und elf Söh­ne. Der geneig­te Leser gebe ein­fach mal „Bachs Söh­ne“ in eine Such­ma­schi­ne und wie­der­ho­le den Vor­gang mit „Bachs Töch­ter“. Bach selbst erwähn­te: „Ins­ge­samt sind sie gebo­re­ne Musi­ci u. kan ver­si­chern, dass schon eine Con­cert Voca­li­ter wie Instru­men­ta­li­ter mit mei­ner Fami­lie for­mi­ren kann, zumahln mei­ne itzi­ge Frau gar einen sau­be­ren Sopra­no sin­get, auch mei­ne ältes­te Toch­ter nicht schlimm ein­schlägt.“ Das war in Bachs Wor­ten schon ein außer­ge­wöhn­li­ches Lob. Catha­ri­na Doro­thea Bach, sei­ne ältes­te Toch­ter, muss also durch­aus begabt gewe­sen sein.

Die Zei­ten ändern sich. Per­spek­ti­ven öff­nen sich für Part­ner­schaf­ten auf Ohr- und Augen­hö­he. Eine sol­che, so scheint es, hat die Künst­le­rin Mary Bau­er­meis­ter mit dem Kom­po­nis­ten Karl­heinz Stock­hau­sen gelebt. Rück­wir­kend sagt Bau­er­meis­ter: „Ich war sei­ne Muse, und er war mein Muse­rich.“

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Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

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