Philippe Jarousskys Spiel mit Parodie und Ironie in der venezianischen Oper

Philippe Jaroussky hat sich mit seiner warmen Countertenor-Stimme ganz nach oben gesungen. Auf seinem neuen Album widmet sich der 41-jährige Künstler nun dem italienischen Frühbarock-Komponisten Francesco Cavalli und fasziniert mit einer aufregenden musikalischen Maskerade. Ein Gespräch über den kreativen Klangschöpfer, neue Formen der Männlichkeit und den Karneval in Venedig.

CRESCENDO: Sie haben das Fach des Countertenors einmal als neue Form der Männlichkeit bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Phil­ip­pe Jarouss­ky: Ich glau­be tat­säch­lich, dass der Coun­ter­te­nor für eine neue Form steht – oder bes­ser gesagt für eine neue alte Form (lacht). Die Ein­tei­lung der Stim­men in die weib­li­chen und die männ­li­chen Fächer ent­springt der roman­ti­schen Kate­go­ri­sie­rung. Die Kas­tra­ten­stim­me stach dabei immer als beson­de­re Art der Stim­me her­vor. Aller­dings haben die Kas­tra­ten durch­aus auch sehr star­ke Cha­rak­te­re inter­pre­tiert. Sie hat­ten zwar hohe Stim­men, aber das hat nicht bedeu­tet, dass sie nicht auch männ­li­che Parts über­nom­men hät­ten. Es ist sicher kein Zufall, dass nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs auf ein­mal die Coun­ter­te­nö­re wie­der eine Rol­le spiel­ten. Der Krieg war so furcht­bar gewe­sen, dass die Men­schen die­se star­ren Rol­len­bil­der des Man­nes, der in den Krieg zieht, und der Frau, die sich zu Hau­se um die Kin­der küm­mert, nicht mehr woll­ten. Die Wie­der­ent­de­ckung des Coun­ter­te­nors und über­haupt der hohen Stim­men in der Musik war ein Weg zu sagen: Auch Frau­en kön­nen stark sein und Män­ner dür­fen ihre sen­si­ble Sei­te zei­gen. Ein Mann kann wei­nen und eine Frau kann kämp­fen.

Sie haben Ihre Stimme erst relativ spät als Ihr Instrument entdeckt. Wie hat sich das angefühlt?

Als ich begon­nen habe zu sin­gen, habe ich auf ein­mal eine gro­ße Frei­heit gespürt. Ich muss­te viel weni­ger kämp­fen als an der Gei­ge, aller­dings habe ich mich am Anfang auch regel­recht nackt gefühlt. Man kann sich schließ­lich nicht hin­ter sei­nem Instru­ment ver­ste­cken. Aber ich habe hart dar­an gear­bei­tet und eine gro­ße Erfül­lung im Gesang gefun­den. Dabei woll­te ich nie sein und sin­gen wie eine Frau. Der Coun­ter­te­nor ist ein­fach die Stim­me, in der ich mich zu Hau­se füh­le.

Als ich begon­nen habe zu sin­gen, habe ich mich regel­recht nackt gefühlt“

Philippe Jaroussky im Café
Phil­ip­pe Jarouss­ky im Lieb­lingsca­fé von Paul Ver­lai­ne in Paris. Foto: Marc Ribes

Als Opernsänger taucht man immer wieder in neue Charaktere ein. Wie geht es Ihnen damit?

Wir Opern­sän­ger sind manch­mal fast ein biss­chen zu sehr damit beschäf­tigt, ganz mit einer Rol­le zu ver­schmel­zen. Für mich ist es das Wich­tigs­te, die Ver­bin­dung zur Musik zu bekom­men. Die Musik soll­te beein­flus­sen, wie ich sin­ge, und nicht umge­kehrt. Wenn ich eine neue Rol­le ler­ne, begin­ne ich mit der Par­ti­tur und las­se die Gefüh­le, die die­se Musik in mir aus­löst, in mei­ne Stim­me über­ge­hen. Das ist ein sehr intui­ti­ver Pro­zess und manch­mal ent­ste­hen dabei span­nen­de neue Din­ge: Dann bekommt eine eigent­lich sehr schnel­le Arie eine gewis­se Süße oder eine lang­sa­me Arie bekommt etwas sehr Domi­nan­tes. 

Auf Ihrem neuen Album widmen Sie sich verschiedenen Arien und Duetten von Francesco Cavalli, außerdem sind reich instrumentierte Orchesterwerke zu hören. Wie sind Sie auf diesen Komponisten gestoßen?

ANZEIGE

Mein ers­ter Kon­takt mit Barock­mu­sik in der Oper war Mon­te­ver­di. Kurz dar­auf ent­deck­te ich Caval­lis Musik und war von Beginn an fas­zi­niert von den viel­fäl­ti­gen Klang­far­ben, Kon­tras­ten und Stim­mun­gen. Dabei war auch die Zusam­men­ar­beit mit Gabri­el Gar­ri­do und René Jacobs ganz ent­schei­dend für mich. Bei ihnen habe ich unglaub­lich viel gelernt und ent­deckt, wie reich Caval­lis Musik ist. Mit nur weni­gen Noten schafft er wun­der­ba­re Melo­di­en vol­ler Charme. Die Opern von Caval­li haben gro­ßes dra­ma­ti­sches Poten­zi­al, und mit gutem Grund wer­den sie seit eini­gen Jah­ren an vie­len Opern­häu­sern wie­der inten­siv gespielt. 

Die Opern von Caval­li haben gro­ßes dra­ma­ti­sches Poten­zi­al“

Die Opern von Cavalli standen vor allem zur Karnevalszeit auf den Spielplänen in Venedig. Haben Sie den venezianischen Karneval selbst schon einmal erlebt?

Ich war oft in Vene­dig, aber nie wäh­rend des Kar­ne­vals. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob er heu­te noch wirk­lich das reprä­sen­tiert, was er ein­mal war. Aber ich woll­te auf dem Album die Kon­tras­te die­ser Zeit zei­gen. Der Kar­ne­val war einer­seits ja ein Moment des Über­flus­ses und des Luxus, gleich­zei­tig gab es aber auch dunk­le Sei­ten: Schließ­lich gab es damals viel Krank­heit, auch hef­ti­ge Epi­de­mi­en wie die Pest. Umso mehr woll­ten die Leu­te das Leben im Moment genie­ßen, weil sie nicht wuss­ten, ob sie das nächs­te Jahr erle­ben wür­den. Caval­lis Musik spie­gelt genau das wider. Bei­de Sei­ten, die hel­le und die dunk­le Mas­ke, der Reich­tum, die Armut und der Tod, fin­den sich in sei­nen Opern. Die­ses Yin und Yang woll­te ich auf dem Album haben. Der Kar­ne­val war jene Zeit im Jahr, in der die Men­schen hin­ter ihren Mas­ken alle auf einer Ebe­ne waren. Des­we­gen hat­te er auch eine gro­ße gesell­schaft­li­che Bedeu­tung. Die Rei­chen konn­ten uner­kannt blei­ben, die Armen waren ein biss­chen weni­ger arm und alle fei­er­ten zusam­men. 

Eine Leh­re von Caval­li könn­te sein: Wir soll­ten viel frei­er und muti­ger sein, uns weni­ger beschwe­ren und bekla­gen“

Cavalli war ein Schüler von Monteverdi. Wie eigenständig ist seine Musik?

Erst ein­mal kann man klar fest­stel­len: Mon­te­ver­di hat einen Stil geschaf­fen. Caval­li ändert die­sen Stil nicht, son­dern er bleibt der Schu­le Mon­te­ver­dis treu. Gleich­zei­tig hat unter Caval­li aber eine ganz ent­schei­den­de Ver­än­de­rung statt­ge­fun­den: Die ers­ten öffent­li­chen Thea­ter wur­den auf­ge­macht! Bis­lang war Oper nur etwas für die rei­chen Leu­te gewe­sen. Caval­li mach­te sie nun für jeden zugäng­lich, und das ist wohl auch der Grund, war­um der Humor und die Komik in sei­ner Musik eine so gro­ße Rol­le spie­len. Caval­li woll­te nicht nur Köni­ge und Fürs­ten por­trä­tie­ren, er woll­te den All­tag der Men­schen zei­gen und das Volk und des­sen Leben reprä­sen­tie­ren. In sei­nen Opern kom­men ver­schie­dens­te Cha­rak­te­re vor, und man kann die vene­zia­ni­sche Gesell­schaft förm­lich spü­ren. Inso­fern hat Caval­li den Stil von Mon­te­ver­di erst rich­tig popu­lär gemacht, und sei­ne ein­gän­gi­gen Melo­di­en könn­ten manch­mal fast die Pop­mu­sik von heu­te sein. Wenn man Caval­lis Opern hört, staunt man, wie frei und mutig die­se Stof­fe sind. Bei aller Tra­gik sind sie immer auch vol­ler Humor und übri­gens auch sexu­ell sehr frei­zü­gig – an einer Stel­le in einem Lie­bes­du­ett geht es unmiss­ver­ständ­lich um Sex (lacht). Das heißt, die Musik ist fast 400 Jah­re alt, aber manch­mal herrscht da mehr Frei­heit als in unse­rer heu­ti­gen Zeit. Das ist unglaub­lich span­nend. Manch­mal habe ich das Gefühl, wir wer­den immer unfrei­er. Eine Leh­re von Caval­li könn­te sein: Wir soll­ten viel frei­er und muti­ger sein, uns weni­ger beschwe­ren und bekla­gen.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here