Musikautomaten und Musikmaschinen von der Antike bis in die Gegenwart zeugen von dem Verlangen, Musik von selbst spielen zu lassen. 

Wer Musik machen will, muss singen oder ein Instrument spielen, auf jeden Fall aktiv werden. Was aber, wenn man sich nach „süßem Nichtstun” sehnt, wünscht, alle Töne, Klänge und Melodien würden sich von selbst spielen? Viel wird dafür getan, nichts zu tun. In der frühen Antike stellte man einen Kasten aus Holz mit vertikal gespannten Saiten auf. Durch einen Windtrichter brachte der Wind die Saiten zum Klingen. Da damals Äol der Herrscher der Winde war, nannte man das Instrument Äolsharfe. Keine Elektronik, kein Computerprogramm, nur das Klingen des Windes, der sich in den Saiten verfing. Noch 1725 widmete Bach dem Windgott seine Kantate BWV 205 Der zufriedengestellte Aeolus.

»Manche Gefäße sind so beschaffen, dass ein Mönch (=Vogel) singt oder pfeift, wenn man Wasser eingießt.«

Heron aus Alexandrien, schillernde Persönlichkeit der Antike, verfasste ein ganzes Buch mit Anleitungen zum Bau von Automaten, darunter auch automatischen Musikinstrumenten. Dort ist zu lesen, wie man „eine Trompete bei Öffnung von Tempeltüren ertönen lassen” kann ohne selbst hineinblasen zu müssen. Weiter heißt es: „Manche Gefäße sind so beschaffen, dass ein Mönch (=Vogel) singt oder pfeift, wenn man Wasser eingießt.” Im Mittelalter gab es Glockenspiele, die mithilfe einer Mechanik Musik machten. In der Renaissance versuchten sich Kunsthandwerker als Erfindern Musik machender Automaten. Töne eines Spinetts ließen sich von Stiften auf drehenden Walzen erzeugen.

Trompeter aus dem Deutschen Museum
Der Trompeter aus dem Deutschen Museum in München, den Vater und Sohn Kaufmann in den Jahren 1810 bis 1812 bauten, war wahrscheinlich durch den aufsehenerregenden einfacheren Trompeterautomaten des Wiener Automatenbauer Johann Nepomuk Mälzel angeregt worden.
(Foto: © Deutsches Museum)

Im Laufe der Zeit entstanden immer verrücktere und komplexere Musikautomaten, Mechaniken mit Steuerungen durch Notenrollen und vieles mehr. „Musikmaschinisten” nannte man ihre Konstrukteure. Einer von ihnen war Johann Nepomuk Mälzel, Entwickler des Metronoms, ein Tausendsassa, der neben Hörrohren für Beethoven auch einen Trompeterautomaten baute. Das genügte ihm nicht, ein ganzes Orchester, das auf Knopfdruck spielte, sollte her. Sein Panharmonikon, für das er selbst Walzer komponierte, war eine Erstausgabe der späteren Orchestrien. Haydn, Mozart, wie auch Beethoven hauchten ihnen ihren Geist ein, verfassten Werke für eine Flötenuhr. Im 18./19. Jahrhundert erlebten die konstruierten Maschinen eine wahre Blüte.

»Die Töne der Kaufmannischen Maschine sind bei weitem schöner, als die der gewöhnlichen Tanz-Orchester.«

Perfektioniert hat den Trompeterautomaten Friedrich Kaufmann. Er und sein Sohn waren mit einem Automatenvarieté auf Tournee. Carl Maria von Weber war außer sich vor Freude, als er 1812 in der Allgemeinen Musik Zeitung verlauten ließ: „Durch ihre drei neu erfundenen Maschinen von der schwierigsten und interessantesten Erfindung, von dem schönsten und kunstgerechtesten Ton nehmen sie Kopf und Herz, Gehör und Gesicht gleichsam abwechselnd in Beschlag.” Er befand sogar: „Die Töne der Kaufmannischen Maschine sind bei weitem schöner, als die der gewöhnlichen Tanz-Orchester.” Weber fand die Töne des Androiden so echt, „dass man bestimmt zwei Trompeter zu hören meint; ja sogar das tiefe a und h, an welchen bisher alle lebendige Trompeterlippen verzweifelten.”

»Dieser Automat übertrifft hierinnen alle unsere Pfeiffer, die ein solches Instrument blasen.«

Ein weiterer Musikmaschinist war der Franzose Jacques de Vaucanson. Ob mechanische Ente oder Flötenspieler, er baute alles. Wert legte auf die Nuancen, ging so weit ins Detail, dass er, „um das Weiche der natürlichen Finger nachzuahmen“ die Finger seines berühmten Flötenspielers mit Leder versah. Dieser Android, 1738 erstmals der Académie Royale des Sciences präsentiert, braucht nicht einmal Luft zu holen. Vaucanson war sicher: „Dieser Automat übertrifft hierinnen alle unsere Pfeiffer, die ein solches Instrument blasen.”

»Die Maschinenmusik ist für mich etwas Heilloses und Greuliches.«

Über diese der Kunst so fremde Künstlichkeit sinnierten 1814 Ludwig und Ferdinand, zwei musikalisch bewanderte Freunde, in der Erzählung Die Automate von E.T.A. Hoffmann. Was Weber begeisterte, ließ die beiden verzweifeln: „Ich bin von all der Maschinenmusik ordentlich durchgewalkt und durchgeknetet, dass ich es in allen Gliedern fühle und lange nicht verwinden werde. Die Maschinenmusik ist für mich etwas Heilloses und Greuliches.” Sie wussten, dass aus einem seelenlosen Automaten niemals „der vollkommene Ton dringen könne”.

»My Soul is in the Machine.«

Vielleicht wäre den beiden ein Trost gewesen, zu hören, welche Schöpfungen der amerikanische Neutöner Conlon Nancarrow aus einem elektrisch-mechanischen Klavier herausholen konnte. Seine Kompositionen für das Selbstspielklavier („Studies for Player Piano”) gelten für die Klaviermusik des 20. Jahrhundert als absolut einzigartig. Für Ligeti war es „die beste Musik eines lebenden Komponisten, die größte Entdeckung seit Webern und Ives, überaus originell, erfreulich, konstruktiv und gleichzeitig emotional”. Hier fand sich wieder, was Ludwig und Ferdinand vermissten: „My Soul is in the Machine”, verriet Nancarrow. Künstlichkeit wurde wieder Kunst.

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Foto Titelbild: Kuka-Roboter, ar