Saite Eine bewegte Geschichte

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Von „Katzendarm“ zu umsponnenem Stahl: Im Jubel um ach so gut gebaute Musikinstrumente wird oft der Teil vergessen, der sie zum Schwingen bringt: die Saite mit ihrer bewegten Geschichte.

Die Ver­wen­dung von Darm­sai­ten für Streich- oder Zupf­in­stru­men­te lässt sich bis in frü­he Hoch­kul­tu­ren zurück­ver­fol­gen. In den 1950er-Jah­ren kam eine Sai­te aus Stahl auf den Markt, die die­se alte Tra­di­ti­on ablö­sen soll­te. Im sechs­ten Wie­ner Bezirk hat­ten Gei­gen­bau­er Franz Tho­mas­tik und Inge­nieur Peter Infeld im Jahr 1919 begon­nen, an die­ser neu­en Sai­ten­art zu tüf­teln. Mitt­ler­wei­le ist Tho­mas­tik-Infeld als euro­päi­scher Markt­füh­rer und Pro­du­zent von rund 2.000 ver­schie­de­nen Sai­ten nicht mehr aus der Musik­bran­che weg­zu­den­ken.

Um Sai­ten gibt es in der Welt der Streich­in­stru­men­ta­lis­ten unheim­lich vie­le Dis­kus­sio­nen. Manch ein Musi­ker wech­selt sei­ne Sai­ten­kom­bi­na­tio­nen schein­bar öfter als sein Out­fit. Ande­re schwö­ren jahr­zehn­te­lang auf ihre „per­fek­te Kom­bi­na­ti­on“ – und kei­ne Sai­te klingt auf jedem Instru­ment gleich. Für Expe­ri­men­te mit ver­schie­dens­ten Sai­ten gibt es genü­gend Mate­ri­al, denn auf dem Markt tum­meln sich diver­se Pro­duk­te, die sich äußer­lich, bis auf unter­schied­li­che far­bi­ge Stoff­um­wick­lun­gen an bei­den Enden, kaum unter­schei­den las­sen. Erst mit einem Blick auf die Mate­ria­li­en fin­den sich Unter­schie­de. Im Ver­kauf wer­den sie mit Attri­bu­ten wie „weich“, „warm“, „strah­lend“, „kräf­tig“, „bril­lant“ beschrie­ben und unter­schie­den. Aber wie genau will man etwas so sub­jek­tiv Emp­fun­de­nes wie Klang benen­nen?

Beson­ders einig schei­nen sich vie­le Musi­ker plötz­lich zu sein, wenn es um die Qua­li­tät der Sai­ten der Fir­ma Tho­mas­tik-Infeld geht. Sie sind sozu­sa­gen ein „Klas­si­ker“ – und das lässt sich auch his­to­risch begrün­den. Sai­ten aus Pflan­zen­fa­sern oder Seh­nen wur­den schon in prä­his­to­ri­scher Zeit zum Musi­zie­ren ver­wen­det. In asia­ti­schen Hoch­kul­tu­ren setz­te man auch Ross­haar, Sei­de und Darm ein. Im Grab des Musi­kers Har­mo­sis, der um 1500 v. Chr. starb, fand man sei­ne mit Darm­sai­ten bespann­te Lau­te bei­na­he unver­sehrt vor. Das Instru­ment ist noch immer im Muse­um in Kai­ro zu bewun­dern.

In asia­ti­schen Hoch­kul­tu­ren setz­te man auch Ross­haar, Sei­de und Darm ein“

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Mit­te des 17. Jahr­hun­derts begann man, Sai­ten zusätz­lich mit dün­nem Draht zu umspin­nen. Der Kern aus Darm, auch „See­le“ genannt, wur­de durch die spi­ral­för­mi­ge Umwick­lung robus­ter. Bis zum Ers­ten Welt­krieg waren aus dem Darm von Huf­tie­ren gefer­tig­te Sai­ten Stan­dard. Die Legen­de, dass Darm­sai­ten aus Kat­zen­darm bestehen – im Eng­li­schen wird bis heu­te der Begriff „cat­gut“ ver­wen­det – ist einer sehr alten Geschich­te geschul­det. Ein ita­lie­ni­scher Sat­tel­meis­ter ent­deck­te um das Jahr 1300, dass der von ihm zum Nähen ver­wen­de­te Darm der Berg­scha­fe sich auch her­vor­ra­gend als Sai­te für Musik­in­stru­men­te eig­net, und schon bald stell­te die Sai­ten­her­stel­lung die wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le der Regi­on dar. Da das Töten von Kat­zen als unheil­brin­gend galt, erzähl­te man, es han­de­le sich bei dem neu­en Mate­ri­al um Kat­zen­darm – und schreck­te so mög­li­che Kon­kur­renz ab.

Nach dem Ers­ten Welt­krieg war Natur­darm ein knapp bemes­se­nes Mate­ri­al, da es zum Nähen der Wun­den benö­tigt wur­de. Es muss­te also eine alter­na­ti­ve Mög­lich­keit gefun­den wer­den, Sai­ten her­zu­stel­len. In Wien hat­te sich Dr. Franz Tho­mas­tik, nicht nur Gei­gen­bau­er, son­dern auch Dok­tor der Phi­lo­so­phie, gemein­sam mit dem Inge­nieur Otto Infeld bereits seit 1919 mit ande­ren Roh­stof­fen zur Sai­ten­her­stel­lung aus­ein­an­der­ge­setzt. Stahl­draht war in der Pro­duk­ti­on von Kla­vier­sai­ten schon aus­rei­chend erprobt. Bis 1926 gelang es Tho­mas­tik-Infeld, das Mate­ri­al auch in soli­de Streich­in­stru­men­ten-Sai­ten zu ver­ar­bei­ten. In den 1950er-Jah­ren gelang ihnen die wohl größ­te Inno­va­ti­on, die der Fir­ma zu welt­wei­tem Anse­hen ver­half: die Her­stel­lung einer Sai­te mit syn­the­ti­schem Kern­ma­te­ri­al und Band­um­spin­nung. Die berühm­te „Dominant“-Saite ist bis heu­te die „Refe­renz­sai­te“ für Vio­li­ne.

Der Wech­sel zu Stahl­sai­ten brach­te vie­le Vor­tei­le mit sich: Neben der grö­ße­ren Robust­heit reagie­ren sie im Ver­gleich zum Natur­pro­dukt Darm weni­ger stark auf Tem­pe­ra­tur- und Luft­feuch­tig­keits­schwan­kun­gen oder Hand­schweiß. In der his­to­ri­schen Auf­füh­rungs­pra­xis sind Darm­sai­ten, umspon­nen wie unum­spon­nen, noch immer prä­sent. Für den Kern und die Umspin­nung der Sai­te kommt mitt­ler­wei­le aber auch eine gro­ße Band­brei­te unter­schied­lichs­ter Mate­ria­li­en zum Ein­satz: moderns­te, teil­wei­se der Luft­fahrt ent­stam­men­de Kunst­stof­fe, aus denen syn­the­ti­sche Sai­ten her­ge­stellt wer­den, Kunst­stoff­sai­ten aus Nylon, Per­lon oder Poly­es­ter umspon­nen oder beschich­tet mit Alu­mi­ni­um, Wolf­ram, Chrom­stahl, Sil­ber oder Gold und auch bio­kom­pa­ti­ble Werk­stof­fe wie Titan wer­den ver­ar­bei­tet. Allein bei Tho­mas­tik-Infeld gibt es eine Aus­wahl von rund 2.000 Sai­ten, 97 Pro­zent davon gehen jähr­lich in die gan­ze Welt. Darm­sai­ten wur­den in der Wie­ner Manu­fak­tur jedoch nie her­ge­stellt, nicht nur weil die Fir­ma als Erfin­der der Stahl­sai­te und Syn­the­tik­sai­te tra­di­tio­nell nicht auf die­sem Gebiet tätig ist. Mit­ten im Wie­ner Stadt­ge­biet wäre es wohl kom­pli­ziert, zu ger­ben oder ande­re für die Her­stel­lung von Darm­sai­ten benö­tig­te Pro­zes­se aus­zu­füh­ren.

Das ist so ein leben­di­ges Gefühl unter den Fin­gern“

Natür­lich kennt die Wei­ter­ent­wick­lung der Sai­ten kein Ende. Ent­wick­ler Bern­hard Rie­ger stellt auf der Musik­mes­se Frank­furt das neus­te Tho­mas­tik-Infeld-Pro­dukt vor: die Ver­sum Solo Cel­losai­ten, die, so hofft er, ein neu­er Stan­dard wer­den könn­ten. Für die Tests wäh­rend der Ent­wick­lung hat Rie­ger selbst 100 Cel­lis­ten und Instru­men­te aus­ge­wählt und die Eigen­schaf­ten der Sai­ten so über 18 Mona­te lang in über 300 Tests immer wei­ter per­fek­tio­niert. Jetzt lie­gen sie in mint­grü­nen klei­nen Umschlä­gen in der Ver­kaufs­vi­tri­ne, und ihr Ent­wick­ler muss den Mes­se­be­su­chern und Jour­na­lis­ten Rede und Ant­wort ste­hen. Rie­ger hat selbst Kon­tra­bass stu­diert und dann – als er im Wehr­dienst von den Kol­le­gen in der Mili­tär­mu­sik ermahnt wur­de, doch bloß etwas ande­res zu ler­nen – zusätz­lich ein tech­ni­sches Stu­di­um ange­schlos­sen. Neben sei­nem Job als Sai­ten­ent­wick­ler spielt er als Gast in vie­len ver­schie­de­nen Wie­ner Orches­tern wie im RSO, der Staats­oper oder dem Wie­ner Kam­mer­or­ches­ter. Das hilft ihm auch bei der Arbeit als Inge­nieur: „Ich star­te immer mit einem Klang im Kopf! Natür­lich ist auch Mathe­ma­tik im Spiel, aber man braucht sie nur als Werk­zeug, manch­mal muss man auch tief in die Phy­sik ein­tau­chen, um intui­ti­ve Ide­en zu über­prü­fen. Es ist sehr viel Hand­werk und Erfah­rung – aber vor allem sehr viel Zuhö­ren!“

Der Weg von einer Idee bis hin zu einer fer­ti­gen neu­en Sai­te dau­ert gut und ger­ne zwei Jah­re und ist mit vie­len Tests und Mate­ri­al­ver­än­de­run­gen ver­bun­den. Die lan­ge Fir­men­ge­schich­te ist für Rie­ger dabei immer prä­sent: „Eine der inno­va­tivs­ten Ent­wick­lun­gen für mich ist rück­bli­ckend die Ent­wick­lung des Spi­ral­seils, das Spi­ro­core-Sai­ten als Kern haben, ein stark ver­dreh­tes Bün­del von Stahl­dräh­ten. Dadurch ent­steht eine hohe Elas­ti­zi­tät. Für die­se Erfin­dung bewun­de­re ich mei­ne Vor­gän­ger, was für eine ver­rück­te Idee! Die Maschi­nen, um das mög­lich zu machen haben, sie selbst ent­wi­ckelt, eini­ge die­ser Maschi­nen lau­fen noch immer in der Pro­duk­ti­on mit.“

Micha­el Veit, Solo­cel­list im Staats­or­ches­ter Darm­stadt, hat sich spon­tan bereit­erklärt, am Mes­se­stand zu spie­len und die neu­en Sai­ten vor­zu­stel­len. Andäch­tig ste­hen Tho­mas­tik-Mit­ar­bei­ter und Zuschau­er um ihn her­um und lau­schen eini­gen Sät­zen aus Bachs Cel­lo­sui­ten. Bach schrieb mit Darm­sai­ten­klang im Ohr, aber auch die­ser Klang hät­te ihm wohl gefal­len kön­nen. Veit jeden­falls scheint rest­los begeis­tert „Das ist so ein leben­di­ges Gefühl unter den Fin­gern, das ruft eine unheim­li­che Spiel­freu­de her­vor, alles Mög­li­che aus­zu­pro­bie­ren!“ Und die­se Spiel­freu­de ist es wohl, die Sai­ten­pro­du­zen­ten anspornt, immer einen Schritt wei­ter­zu­den­ken.

Aleksey Igudesman

Aleksey Igudesman; Foto: Dominik Joelsohn ProductionBei Tho­mas­tik-Infeld wer­den neue Sai­ten ent­wi­ckelt, aber auch alte ver­bes­sert. Das gefällt mir. Wie wir Musi­ker sind sie eigent­lich ein Hau­fen inspi­rier­ter Künst­ler, die Gren­zen spren­gen wol­len. Des­halb schaue ich gern dort vor­bei und tes­te die neu­es­ten Pro­duk­te. Da ist für jeden was dabei.”

Ray Chen

Ray Chen; Foto: Julian HargreavesEin Instru­ment ist wie ein schö­ner, gro­ßer Fern­se­her. Der Spie­ler ist die Elek­tri­zi­tät, die durch die Maschi­ne fließt und uns die strah­lends­ten Far­ben sehen lässt. Und die Sai­ten? Sie sind wie die Kabel, durch die die Elek­tri­zi­tät gelei­tet wird, die alles ver­bin­den. Ohne sie bleibt der Bild­schirm schwarz.“

Hilary Hahn

Hilary Hahn; Foto: Michael Patrick O`LearyIch spie­le Tho­mas­tik-Infeld-Sai­ten, seit ich 13 Jah­re alt bin. Ich muss mei­nen Sai­ten ver­trau­en, weil ich auf mei­nen welt­wei­ten Tour­ne­en sehr unter­schied­li­ches Reper­toire in unter­schied­li­chen kli­ma­ti­schen Ver­hält­nis­sen und in unter­schied­li­cher Akus­tik spie­le. Ich mag den war­men Klang die­ser Sai­ten.“

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Sina Kleinedler
Direkt nach ihrem Abi wirbelte Sina Kleinedler bereits als Praktikantin durch die crescendo-Redaktion. Ein Musikjournalismus- und Cellostudium in Dortmund und Hannover schlossen an. Heute gibt sie unter anderem regelmäßig Konzerteinführungen in der Philharmonie Köln. „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“ (Augustinus Aurelius), lautet ihre Devise.

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