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Foto: Molly Peterson
Lorin Maazel (1930-2014)

Vielleicht ist es die wissende Naivität, die Lorin Maazel ausgemacht hat, dieses kindliche Staunen über die Einfachheit einer angeblich so komplexen Welt. Das Wundern darüber, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie vom schweren Leben reden, von der komplizierten Musik oder der Schwierigkeit, Geld zu verdienen. Für Lorin Maazel schien all das selbstverständlich zu sein: große Kunst, großes Kassieren – und großes Leben!

Das letzte Mal als wir uns trafen, haben wir über die Anfänge seiner Karriere gesprochen, über den kindlichen Wundergeiger und das Dirigier-Wunderkind, das zum ersten Mal mit neun Jahren vor einem US-Orchester stand und nachahmte, was der gestrenge Fritz Reiner in Pittsburgh einst vorgemacht hatte: die Energie von Disziplin, Musikalität und Leidenschaft bis in die Fingerspitzen.

Ich wollte von Maazel wissen, wie es möglich ist, dass man weitgehend ohne Lebenserfahrung Themen wie Liebe, Verzweiflung und Tod interpretieren kann. Und ich war erstaunt, dass er meine Frage zunächst gar nicht zu verstehen schien – weil ihm die Antwort so klar war: „Diese Gefühle sind existenzielle Grundgefühle“, sagte er schließlich, „die in jedem Menschen angelegt sind, mal unbewusst, wie bei vielen Kindern, mal bewusst, wie bei Erwachsenen, die sie erlebt haben. Aber wir müssen zum Glück nicht alles erleben, was wir interpretieren, es ist trotzdem in uns – als Ur-Gefühl.“

Es ist dieses Urvertrauen in den Menschen, mit dem sich Maazel so geschmeidig wie er dirigierte durch die Welt der Musik bewegte. Zupackend und klar auf der einen Seite, mit gespreiztem, kleinen Finger auf der anderen. Maazel hat gestritten, wo man ihm die Macht verweigerte, in Berlin, an der Deutschen Oper, in Wien an der Staatsoper und mit den Berliner Philharmonikern, als sie Claudio Abbado zum Chef ernannten. Und er hat geliebt: die Bayreuther Festspiele, die er als jüngster und als erster US-Dirigent beehrte, seine New York Philharmonics, die er im stolzen Alter von 70 übernahm, und schließlich auch die Münchener Philharmoniker, die er – gegen ein stattliches Salär – nach dem Abgang von Christian Thielemann vor dem Gesichtsverlust bewahrte.

Lorin Maazel ist mit US-amerikanischer Leichtigkeit durch das Leben gegangen, mal Hand in Hand mit Pop-Klassikern wie Andrea Boccelli, dann wieder auf Entdeckungstour nach Musiknischen mit den größten Orchestern der Welt. Seine Dirigate waren immer besonders, manche werden ewig bleiben: „Porgy und Bess“ etwa, seine Mendelssohn-Symphonien mit den Berliner Philharmonikern, Ravels-Operneinakter, die er in Frankreich ausgegraben hat und natürlich sein „Otello“ mit Placido Domingo.

Nun ist Lorin Maazel mit 84 Jahren gestorben. Der Tod – wahrscheinlich ist selbst er für Lorin Maazel auch nur eine weitere Selbstverständlichkeit.

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