Axel Brüggemann über HörgewohnheitenNational – international – völlig egal?

Philharmonie Paris
Foto: William Beaucardet

Musik ist eine universelle Sprache. Richtig ist aber auch: Sie erzählt viel über nationale Eigenheiten. Was Deutschland und Frankreich voneinander lernen können …

Gern beto­nen wir die Inter­na­tio­na­li­tät der Musik, die Mög­lich­keit des Klangs, Gren­zen zu über­win­den und Men­schen zusam­men­zu­füh­ren. All das ist im Grun­de rich­tig. Gera­de in der Dur-Moll-Har­mo­nik gibt es ein kol­lek­ti­ves Ver­ste­hen, ein inter­na­tio­na­les Ver­ständ­nis über die Kate­go­ri­en von schön und häss­lich, lei­den­schaft­lich und lang­wei­lig, kon­ven­tio­nell und mutig.

Doch das ist nur ein Teil der Wahr­heit. Der ande­re geht so: Natür­lich gibt es natio­na­le Beson­der­hei­ten, regio­na­le Kul­tu­ren und Geschmä­cker – ja, zuwei­len unter­schei­den sich gar die Auf­fas­sun­gen dar­über, wel­che Rol­le die klas­si­sche Musik inner­halb einer Nati­on ein­neh­men soll, von Land zu Land.

Die Bezie­hun­gen zwi­schen Län­dern wie Frank­reich und Deutsch­land sind seit jeher kom­plex. Belas­tet durch den Gang der Geschich­te und flan­kiert von musik­historischen Mythen, die der Geschich­te ihren urei­ge­nen Sound­track ver­lie­hen haben. Einer der größ­ten die­ser deutsch-fran­zö­si­schen Mythen ist wohl die Pari­ser Tann­häu­ser-Auf­füh­rung von 1861, in der Richard Wag­ners Werk hem­mungs­los aus­ge­buht und mit Tril­ler­pfei­fen nie­der­ge­lärmt wur­de.

Hem­mungs­los aus­ge­buht und mit Tril­ler­pfei­fen nie­der­ge­lärmt“

ANZEIGE

Wag­ner selbst hat die­se Ent­täu­schung nie wirk­lich über­wun­den und sie spä­ter zur natio­na­len Gret­chen­fra­ge sti­li­siert: der deut­sche Wahl-Fran­zo­se Mey­er­beer oder er? Der ita­lie­ni­sche Super­star in Paris, Ros­si­ni, oder er? Was Wag­ner gern ver­schwieg: Natür­lich pro­fi­tier­te er von der gro­ßen fran­zö­si­schen Opern­tra­di­ti­on, ori­en­tier­te sich in sei­nen frü­hen Wer­ken an der Grand Opé­ra, wie sie eines sei­ner gro­ßen Vor­bil­der, Dani­el-FranÇois-Esprit Auber, der Kom­po­nist der Stum­men von Por­ti­ci, präg­te. Und natür­lich hät­te Wag­ner sich in jun­gen Jah­ren nichts mehr gewünscht, als in Paris gefei­ert zu wer­den, als anzu­kom­men in den gro­ßen Salons des inter­na­tio­na­len Mel­ting-Pots, in dem deut­sche, ita­lie­ni­sche und fran­zö­si­sche Musik mit­ein­an­der in Dia­log stan­den. Doch Wag­ners Werk war zu sper­rig und er begann, den „wel­schen Tand“ zu dis­kre­di­tie­ren, nahm eine natio­na­lis­ti­sche Posi­ti­on ein, selbst noch in spä­te­ren Opern wie den Meis­ter­sin­gern. Ein Natio­na­lis­mus, der im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg eben­so wie in den bei­den Welt­krie­gen dazu führ­te, Wag­ner als Ali­bi deut­scher Kul­tur­über­le­gen­heit zu sti­li­sie­ren. Als Wag­ners Werk sich schließ­lich doch in Frank­reich durch­setz­te, mach­ten sich sofort Kom­po­nis­ten wie Clau­de Debus­sy dar­an, mit Opern wie Pel­léas et Meli­san­de eine bewusst fran­zö­si­sche Ver­si­on des Tris­tan zu ver­fas­sen: mehr Melo­die, weni­ger Lei­den, mehr Inti­mi­tät statt gro­ßem Orches­ter, mehr impres­sio­nis­ti­sches Was­ser als moos­be­haf­te­ter deut­scher Wald.

Der Ver­such, den soge­nann­ten „Erb­streit“ im 19. Jahr­hun­dert auch in der Musik zu ver­an­kern, scheint his­to­risch nach­voll­zieh­bar, eben­so wie die Kon­se­quenz, dass sich die bei­den Län­der spä­tes­tens nach Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges und der neu­en, inten­si­ven deutsch-fran­zö­si­schen Freund­schaft, wie Kon­rad Ade­nau­er und Charles de Gaul­le sie ein­ge­lei­tet haben, ange­nä­hert haben soll­ten. Wenn man aber genau hin­schaut, über­wiegt in der klas­si­schen Musik tat­säch­lich noch immer das Tren­nen­de.

In Frank­reich wird sehr viel Alte Musik gehört“

Es reicht bereits ein Blick in die Klas­sik-Charts, um zu sehen, wie unter­schied­lich natio­na­le Geschmä­cker inner­halb Euro­pas noch heu­te sind. In Deutsch­land ran­gie­ren in die­sen Tagen Ceci­lia Bar­to­li und Sol Gabet­ta, Albrecht May­er, Anne-Sophie Mut­ter oder Teo­dor Cur­r­ent­zis auf den Top-Plat­zie­run­gen. Kei­ner von ihnen taucht in der ent­spre­chen­den Sta­tis­tik in Frank­reich auf, nicht ein­mal Anna Netreb­ko oder Jonas Kauf­mann, obwohl der sein neu­es Ari­en­al­bum gera­de der fran­zö­si­schen Oper gewid­met hat. Sie alle sind zunächst ein­mal Phä­no­me­ne des deut­schen Plat­ten­mark­tes.

Ein wei­te­rer Blick, etwa auf das Pro­gramm des Radio­sen­ders Fran­ce Musi­que, zeigt, dass die Stars in Frank­reich ganz ande­re Namen tra­gen. Unter ihnen Sté­pha­ne Denè­ve, Ian Bos­tridge, Nel­son Goer­ner oder Rober­to Alagna. Und auch das gespiel­te Reper­toire unter­schei­det sich erheb­lich von den in Deutsch­land belieb­ten „Klas­si­kern“. In Frank­reich wird sehr viel Alte Musik gehört, auf­fäl­lig auch die Lie­be zu sla­wi­schen Kom­po­nis­ten und in der Oper natür­lich auch zu Wer­ken von Ros­si­ni oder Janáček, dazu fran­zö­si­sche Kom­po­nis­ten wie Lul­ly, Ber­li­oz oder Bizet. Augen­fäl­lig auch, dass kei­ne ein­zi­ge der Gold­aus­zeich­nun­gen des Maga­zins Dia­pa­son in den deut­schen Klas­sik-Charts ran­giert, weder die Beet­ho­ven-Sona­ten von Richard Goo­de noch die Troy­ens mit John Nel­son oder die mit­tel­al­ter­li­chen Gesän­ge Par­le Que Veut.

Wer glaubt, dass der deut­sche und der fran­zö­si­sche Markt sich anti­po­disch ver­hal­ten, der wird über den Markt in Groß­bri­tan­ni­en stau­nen, auf dem alles noch ein­mal ganz anders geord­net ist. Unan­ge­foch­ten auf Platz eins der – wohl­ge­merkt! – Klas­sik-Charts steht hier der Star-Wars-Sound­track, dane­ben unend­lich vie­le Ein­spie­lun­gen von Ludo­vico Ein­audi, aber auch die Sin­fo­ni­en von Micha­el Tip­pett mit dem BBC Orches­tra oder die Bach-Sona­ten mit Kris­ti­an Bezu­iden­hout.

Charts in Deutsch­land sind vor­nehm­lich PR-getrie­ben“

Hin­ter die­ser Auf­lis­tung ver­ber­gen sich nicht nur indi­vi­du­el­le natio­na­le Vor­lie­ben, die auf der Hand lie­gen. Klar, dass deut­sche Künst­ler in Deutsch­land, fran­zö­si­sche in Frank­reich und bri­ti­sche Künst­ler in Eng­land die größ­ten Erfol­ge fei­ern, logisch auch, dass jede Nati­on am liebs­ten jene Musik hört, die zur Geschich­te des Lan­des gehört; Opern und Ari­en, die in der eige­nen Spra­che gesun­gen wer­den; Musik, die einen Fran­zo­sen, Deut­schen oder Eng­län­der seit der Schu­le beglei­tet. Aber etwas ande­res fällt eben­falls auf, und das ist ein eher struk­tu­rel­ler Unter­schied.

Die Charts in Deutsch­land sind vor­nehm­lich PR-getrie­ben, kaum ein klei­nes Label, das es in die Top Ten schafft. Und es sind vor­nehm­lich soge­nann­te „ernst­haf­te“ Klas­sik­künst­ler, die von den Labels vor­ge­stellt und von den Hörern gehört wer­den. Um in die Charts auf­ge­nom­men zu wer­den, müs­sen tat­säch­lich „klas­si­sche“ Titel ein­ge­spielt wer­den, anders als auf dem bri­ti­schen Markt, auf dem Film­mu­sik die Klas­sik­ver­kaufs­zah­len der Labels in die Höhe treibt (erst­mals übri­gens mit dem Tita­nic-Sound­track). Außer­dem spie­len hier Künst­ler eine grö­ße­re Rol­le, die in der Mas­se popu­lär sind, etwa Andrea Bocel­li, über den ein Jonas-Kauf­mann-Fan viel­leicht gern die Nase rümpft. Aber es geht hier nicht um ein Bes­ser oder Schlech­ter, son­dern dar­um zu ver­ste­hen: Der bri­ti­sche Markt lebt von einer brei­ten Mas­se, die nicht immer im Elfen­bein­turm der Musik sitzt, son­dern gern auch an der Gren­ze zum Popu­lä­ren tanzt – jenem Popu­lä­ren, das in Eng­land jen­seits der eta­blier­ten Opern- und Kon­zert­häu­ser und der Labels durch Medi­en wie das Radio und das Fern­se­hen als Klas­sik defi­niert wird.

Zei­chen von erreich­ter Bür­ger­lich­keit“

Und auch der Ver­gleich zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich ist erhel­lend. Wäh­rend Deutsch­land mit sei­ner ein­ma­li­gen Orches­ter- und Opern­struk­tur, die in jeder grö­ße­ren Stadt einen weit­ge­hend erschwing­li­chen Live-Zugang zur Musik ermög­licht, dar­auf setzt, dass die klas­si­sche Musik grund­sätz­lich All­ge­mein­gut und kein Dis­tink­ti­ons­merk­mal sein soll, sieht die fran­zö­si­sche Struk­tur anders aus: Orches­ter und Opern­häu­ser sind haupt­säch­lich in gro­ßen Städ­ten zu Hau­se, die Sub­ven­tio­nen wesent­lich gerin­ger als bei uns – die klas­si­sche Musik dadurch immer auch ein Ort des Bür­ger­li­chen oder zumin­dest ein Zei­chen von erreich­ter Bür­ger­lich­keit. Die­ser Zustand sagt zunächst etwas über das Selbst­ver­ständ­nis und weni­ger über die Qua­li­tät aus – im Gegen­teil.

Der Unter­schied der Erwar­tun­gen an die klas­si­sche Musik und ihre gesell­schaft­li­che Rol­le zeigt sich nir­gends so kon­zen­triert wie im deutsch-fran­zö­si­schen Fern­seh­sen­der Arte, in dem bei­de Län­der an der Pro­gramm­ge­stal­tung betei­ligt sind. So lie­fert Frank­reich auf Arte Con­cert etwa ein Pro­gramm mit der Pia­nis­tin Bea­tri­ce Rana, mit Antoi­ne Tame­s­tit, Leo­ni­das Kava­kos oder oder Daniil Trifo­nov, wäh­rend Deutsch­land Teo­dor Cur­r­ent­zis mit dem SWR, eine Mozart-Ses­si­on mit Andre­as Otten­sa­mer und Anna Pro­has­ka oder Andris Nel­sons mit dem Gewand­haus­or­ches­ter bei­steu­ert.

Grund­ver­schie­de­ne Erzähl­ar­ten von Musik“

Es ist aber nicht allein die gegen­sei­ti­ge inhalt­li­che Berei­che­rung, son­dern auch der Umgang damit, wie Klas­sik dem jewei­li­gen Publi­kum in Frank­reich und Deutsch­land ver­mit­telt wird. Wäh­rend das fran­zö­si­sche Publi­kum in ers­ter Linie sach­li­che Infor­ma­tio­nen erwar­tet, also Geschich­ten über das Leben und Werk der Kom­po­nis­ten, eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung und eine knap­pe musi­ka­li­sche Ana­ly­se, dazu eine weit­ge­hend unkri­ti­sche, in Super­la­ti­ven erzäh­len­de Beglei­tung der Kon­zer­te, scheint für einen Groß­teil des deut­schen Publi­kums eher die Indi­vi­dua­li­tät und Per­sön­lich­keit der Musi­zie­ren­den im Vor­der­grund zu ste­hen, ihre pri­va­ten Zugän­ge zur Musik und die eher kri­ti­sche Grund­fra­ge nach der gesell­schaft­li­chen Bedeu­tung eines Wer­kes. Zwei grund­ver­schie­de­ne Erzähl­ar­ten von Musik. Der fran­zö­si­sche Nar­ra­tiv mag vie­len Deut­schen zu didak­tisch wir­ken, zu ober­leh­rer­haft und unkri­tisch, der deut­sche vie­len Fran­zo­sen zu respekt­los, zu hin­ter­fra­gend, zu kri­tisch und expe­ri­men­tell.

Ein Phä­no­men, das übri­gens auch auf den Opern­büh­nen der bei­den Län­der zu sehen ist. Es gab eine Zeit, als das deut­sche Regie­thea­ter inter­na­tio­nal als „Ger­man Trash“ bezeich­net wur­de, der Ver­such, alte Stof­fe in unse­re Zeit zu über­set­zen, sich mit dem Fak­tum aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass Musik immer eine zwei­te Schöp­fung beher­bergt, immer nur im Hier und Jetzt ent­steht, die Fra­ge nach ihrer aktu­el­len Rele­vanz – all das ist in Frank­reich nur sel­ten zu sehen. Hier ist Oper oft haupt­säch­lich eine reprä­sen­ta­ti­ve Grö­ße, die den All­tag ver­schö­nern und zur Ein­kehr ein­la­den soll. Das mag auch dar­an lie­gen, dass die klas­si­sche Musik in Frank­reich eine weit­ge­hend kla­re Posi­ti­on ein­nimmt, mit der sie gut fährt: Sie ist zum einen Unter­hal­tung und Besin­nung, zum ande­ren Aus­druck bür­ger­li­cher Lebens­qua­li­tät, ein Syn­onym für Wis­sen, Erkennt­nis und Geschichts­be­wusst­sein.

Viel­leicht liegt gera­de in die­sen Unter­schie­den das eigent­li­che Span­nen­de, wenn wir über die Inter­na­tio­na­li­tät der Kunst spre­chen. Wir befin­den uns schon lan­ge nicht mehr im Zeit­al­ter der Natio­na­lis­men (auch wenn die­se gera­de eine Renais­sance zu fei­ern schei­nen), haben das 19. und das 20. Jahr­hun­dert mit all ihren natio­na­len Krie­gen über­wun­den und ste­hen vor dem gro­ßen Luxus, dem ande­ren mit Neu­gier begeg­nen zu kön­nen. Gera­de des­halb ist es erstaun­lich, wie getrennt die ein­zel­nen natio­na­len Wel­ten – beson­ders in der Inter­na­tio­na­li­tät der Klas­sik­sze­ne – noch immer sind. Und wie gering das gegen­sei­ti­ge Inter­es­se dar­an zu sein scheint, ein­an­der bes­ser ken­nen­zu­ler­nen. Dabei lohnt ein Blick auf den fran­zö­si­schen Markt durch­aus, denn hier las­sen sich schon an der Ober­flä­che Musik und Musi­ker ent­de­cken, die bei uns in Deutsch­land oft zu Unrecht im Schat­ten ste­hen.

Vorheriger ArtikelWonneschauer mit Suchtfaktor
Nächster ArtikelDie ungeahnten Kräfte des Akkordeons
Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here