Selbstverliebte Superstars und prekäre Arbeitsverhältnisse an den Stadttheatern
– es läuft etwas schief in der Welt der Klassik! Ein Kommentar zur Zweiklassengesellschaft – und einem falschen Grundgedanken.

Irgend­was läuft falsch in die­ser wun­der­schö­nen, auf­ge­reg­ten und zum Teil sehr mit sich selbst beschäf­tig­ten Welt der klas­si­schen Musik. Zum einen ganz oben, dort, wo atem­be­rau­ben­de Gagen gezahlt und Klas­sik­künst­ler als Göt­ter ver­ehrt wer­den, zum andern ganz unten, an den deut­schen Stadt­thea­tern, wo die Finanz­la­ge pre­kär ist. Die Kluft zwi­schen Super­stars, die zuwei­len nicht mehr zu wis­sen schei­nen, wer ihr Publi­kum ist und wer ihre Gagen bezahlt, und dem täg­li­chen Über­le­bens­kampf der Thea­ter in den Städ­ten ist kaum noch zu ver­ste­hen. Was bei­de Extre­me eint, ist der schlei­chen­de Rea­li­täts­ver­lust, kein Ver­ständ­nis dafür, dass einem Groß­teil der Men­schen die Klas­sik­bran­che weit­ge­hend egal ist und dass alte Pri­vi­le­gi­en end­gül­tig auf den Prüf­stand gehö­ren.

Noch vor weni­gen Jah­ren haben es vie­le Klas­sik­künst­ler als Auf­trag ver­stan­den, genau jene Men­schen als neu­es Publi­kum zu gewin­nen, die noch nicht mit dem Klas­sik­vi­rus infi­ziert waren. Wir sahen Musi­ker, die ihre Kunst erklär­ten, sie zu den Men­schen brach­ten, wir erleb­ten, wie Stadt­thea­ter ihre Türen öff­ne­ten, sich der Debat­te stell­ten und in sozia­len Netz­wer­ken aus ihrer eige­nen Bla­se tre­ten woll­ten. Inzwi­schen hat sich das ver­än­dert. Dabei hat sich das Grund­pro­blem eher ver­schärft: Vie­le Men­schen glau­ben, dass ein Leben ohne klas­si­sche Musik durch­aus auch ein Leben sein kann. Das Feuil­le­ton berich­tet kaum noch über Pre­mie­ren und Kon­zer­te, stellt kaum noch Klas­sik­künst­ler vor. Und auch im Fern­se­hen wird hart um jede Klas­sik­sen­dung gerun­gen. Jede Opern­auf­füh­rung oder Musik-Doku muss sich vor dem Tat­ort, Polit-Repor­ta­gen oder Spiel­shows legi­ti­mie­ren.

Vie­le Men­schen glau­ben, dass ein Leben ohne klas­si­sche Musik durch­aus auch ein Leben sein kann“

Mit der Klas­sik-Bericht­erstat­tung ver­hält es sich inzwi­schen so wie mit der in den sozia­len Netz­wer­ken: Sie hat sich in die Bla­se der Fach­pres­se ver­ab­schie­det und kreist dort haupt­säch­lich um sich selbst. Umso nöti­ger wäre es, dass Inten­dan­ten, Künst­ler und Jour­na­lis­ten wie­der das hoch­hal­ten, wor­um es in der Musik geht: Mensch­lich­keit, Fair­ness und Respekt.

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Aber beson­ders die gro­ßen Klas­sik­stars schei­nen von ihrer all­ge­mei­nen Bedeu­tungs­lo­sig­keit nur wenig mit­zu­be­kom­men. Wie auch? Sie wer­den für hor­ren­de Gagen durch die gan­ze Welt geflo­gen, über­nach­ten in Luxus­ho­tels, davor ste­hen eine Hand­voll Grou­pies, die sie beju­beln, und auch am Ende einer Vor­stel­lung hören sie nichts als Applaus. Rote Tep­pi­che, wohin sie gehen! Gleich­zei­tig mer­ken sie, dass so ziem­lich alle ihre For­de­run­gen von Inten­dan­ten oder Kon­zert­ver­an­stal­tern erfüllt wer­den: viet­na­me­si­sche Kokos-milch in der Gar­de­ro­be? Kein Pro­blem! Nur Fünf-Ster­ne-Hotels ohne Tep­pich­bo­den? Natür­lich, Maes­tro! Kei­ne Inter­views mit der loka­len Pres­se? Klar, das wäre ja unter ihrer Wür­de! Die Unter­wä­sche soll vor der Vor­stel­lung noch schnell gewa­schen wer­den (gibt es wirk­lich!)? Sicher doch! Ja, es gibt sogar Künst­ler, die ernst­haft erwä­gen, nur noch am Nach­mit­tag auf­zu­tre­ten, weil sie nicht wis­sen, was sie bis zum Abend einer Auf­füh­rung tun sol­len. Lie­be Leu­te, bei aller Ver­eh­rung: Geht’s noch?

Die Solis­ten schei­nen Göt­ter zu sein, und des­halb wird jeder Auf­tritt zum Got­tes­dienst“

Sicher, es wäre falsch, alle Klas­sik­stars über einen Kamm zu sche­ren. Aber die wach­sen­de Exal­tiert­heit bei gleich­zei­ti­gem Ver­schwin­den der brei­ten Auf­merk­sam­keit ist schon frap­pie­rend. Zum Teil kommt einem die­se Welt wie ein ver­zo­ge­nes Kind vor. Begrün­det wird alles damit, dass Künst­ler Hoch­leis­tungs­sport­ler sei­en, sich auf ihre Auf­trit­te fokus­sie­ren müs­sen, dass ihnen nichts zuge­mu­tet wer­den kön­ne, was den Abend gefähr­det. Vie­le Ver­an­stal­ter reagie­ren mit vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam, oft bis zur Selbst­auf­op­fe­rung, um alle noch so absur­den Wün­sche zu erfül­len. Die Solis­ten schei­nen Göt­ter zu sein, und des­halb wird jeder Auf­tritt zum Got­tes­dienst. War­um, ver­dammt, ist es aus der Mode gekom­men, den moder­nen Diven und Divos ein­fach mal zu sagen: „Nein, dann eben nicht!“?

Kaum ein Hoch­leis­tungs­sport­ler wird umgarnt wie unse­re Klas­sik­künst­ler. Leicht­ath­le­ten oder Kanu­ten bei Olym­pi­schen Spie­len waschen ihre Kla­mot­ten sehr wohl selbst, woh­nen im olym­pi­schen Dorf und wis­sen, dass sie Wer­be­fi­gu­ren für ihren Sport sind. Okay, im Fuß­ball mag das anders sein. Aber auch, wenn das Diven­tum hier eben­so nervt, ist es Fakt, dass die meis­ten Pro­fi-Kicker das Geld, das sie ver­die­nen, auch wie­der ein­spie­len. Allein die Tri­kots, die mit den Namen Ney­mar oder Ronal­do ver­kauft wer­den, zei­gen, dass die­se Sport­ler welt­wei­te Super­stars sind. Ich habe noch nie einen Klas­sik­fan mit einer Diri­gen­ten-Devo­tio­na­le oder einem Sopran-Son­nen­hut gese­hen. Die Wahr­heit ist: Den größ­ten Teil der Welt­be­völ­ke­rung inter­es­sie­ren unse­re Klas­sik­stars ein­fach nicht. Des­halb wäre ein biss­chen mehr Demut durch­aus ange­bracht.

Am Ende sind es alles Steu­er­zah­ler, die die­se Art der Kunst und ihren Star­kult mit­fi­nan­zie­ren“

Was vie­len Klas­sik­künst­lern nicht klar zu sein scheint, ist, dass auch ihre über­durch­schnitt­li­chen Gagen von 20.000 bis zu 40.000 Euro pro Abend nicht vom Publi­kum refi­nan­ziert wer­den. Selbst bei teu­ren Ein­tritts­kar­ten rei­chen die Ein­nah­men am Ende eines Abends eben nicht für Orches­ter­mu­si­ker, Diri­gen­ten, meh­re­re Solis­ten, das Haus­per­so­nal und die Tech­nik. Es gibt kaum ein Orches­ter­kon­zert – und erst recht kei­ne Opern­pro­duk­ti­on –, bei der die Super­star-Gagen refi­nan­ziert wer­den kön­nen. Die Elb­phil­har­mo­nie braucht die Stadt Ham­burg, die Salz­bur­ger Fest­spie­le das Land Salz­burg, die Ber­li­ner Phil­har­mo­nie den Bund. Nicht ein­mal durch Betei­li­gung von Radio- oder TV-Über­tra­gun­gen oder groß­zü­gi­gen Spon­so­ren las­sen sich Klas­sik­ga­las refi­nan­zie­ren.

Am Ende sind es alles Steu­er­zah­ler, die die­se Art der Kunst und ihren Star­kult mit­fi­nan­zie­ren. Wohl gemerkt: Es geht nicht dar­um, dass unse­re Künst­ler weni­ger ver­die­nen sol­len. Aber viel­leicht wäre es hilf­reich, wenn sie sich wenigs­tens dar­über bewusst wären, woher ihre Gagen eigent­lich kom­men. Da wird man ja wohl erwar­ten dür­fen, dass am Tag vor einem Kon­zert Inter­views gege­ben wer­den, dass Künst­ler sich gegen­über Mit­ar­bei­tern von Kon­zert­häu­sern und Ver­an­stal­tern weit­ge­hend nor­mal ver­hal­ten, dass sie ver­ste­hen, dass jedes Gewerk in einem Haus eben­falls viel, hart und lei­den­schaft­lich arbei­tet. Dass die Welt nicht allein um sie kreist. Ja, dass einem Groß­teil der Welt ziem­lich egal ist, was an einem Opern­abend pas­siert.

Von der typisch deut­schen Idee des Ensemble­theaters ist schon lan­ge nicht mehr viel übrig“

Trotz­dem behar­ren vie­le Künst­ler auf ihren längst über­kom­me­nen Pri­vi­le­gi­en. Auch, weil kaum einer den Mut auf­bringt, ein­fach mal Nein zu sagen. „Nein, dann suchen wir uns einen ande­ren Tenor“, „Nein, dann diri­giert ein Diri­gent, der am Ende auch mit dem Publi­kum fei­ert“, „Nein, dann dre­hen wir die Doku lie­ber mit jeman­dem, der nicht so satt ist wie Sie, der noch Lei­den­schaft hat“. Weder Ver­an­stal­ter noch Medi­en und erst recht nicht das Publi­kum müs­sen sich absur­de Gagen-For­de­run­gen, gigan­ti­schen Zicken­alarm oder Arro­ganz gefal­len las­sen. Die Klas­sik­bran­che ist groß genug, um neue Künst­ler zu ent­de­cken, statt für immer und ewig auf die sat­ten Alt­stars zu set­zen.

Der Zustand an der Klas­sik­spit­ze wird umso absur­der, je mehr man in die Nie­de­run­gen der deut­schen Stadt­thea­ter blickt. Denn hier pas­siert genau das Gegen­teil. An vie­len Häu­sern herrscht finan­zi­el­ler Not­stand. Von der typisch deut­schen Idee des Ensemble­theaters ist schon lan­ge nicht mehr viel übrig. Selbst ein Cava­ra­dos­si oder eine Tra­via­ta wer­den heu­te meist nicht mehr aus dem eige­nen Ensem­ble besetzt, son­dern mit Gäs­ten.

Und auch bei klei­ne­ren Rol­len grei­fen man­che Häu­ser inzwi­schen lie­ber auf Bil­lig­löh­ner zurück als auf eige­nes Per­so­nal. Sie enga­gie­ren Stu­den­ten – ent­we­der aus dem eige­nen Opern­stu­dio oder von der Hoch­schu­le – für Dum­ping-Gagen und ver­prel­len lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­ter. Die Nach­wuchs­künst­ler wer­den mit dem Ver­spre­chen gelockt, dass sie durch ein Enga­ge­ment Auf­merk­sam­keit bekom­men oder dass genau die­ser Auf­tritt ihr gro­ßes „Sprung­brett“ sein könn­te. Die Wahr­heit ist, dass der­ar­ti­ge Ver­pflich­tun­gen ein­fach nur bil­lig sind! Gleich­zei­tig tor­pe­die­ren sie das, was das deut­sche Stadt­thea­ter einst aus­ge­macht hat: Häu­ser, an denen Sän­ger lang­fris­tig geför­dert wur­den, an denen Stim­men sich aus­pro­bie­ren konn­ten, an denen gemein­sam mit einem Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor am rich­ti­gen Reper­toire getüf­telt wur­de.

Dabei ist die monat­li­che Gage für Sän­ger an sich schon beschä­mend gering“

Die Zustän­de sind an vie­len Häu­sern pre­kär. Dabei ist die monat­li­che Gage für Sän­ger an sich schon beschä­mend gering – weni­ger als 1.500 Euro sind kei­ne Sel­ten­heit. Im Beset­zungs­bü­ro vie­ler Häu­ser geht es zu wie auf dem Basar: Sän­ger, die lan­ge an einem Haus waren, wer­den gekün­digt, bevor ihr Ver­trag unbe­fris­tet wei­ter­lau­fen wür­de. Frei­schaf­fen­de Sän­ger wer­den in einen aggres­si­ven Preis­kampf unter­ein­an­der ver­wi­ckelt: „Ah, Sie wol­len 1.000 Euro pro Auf­tritt inklu­si­ve Pro­ben? Wir haben da eine ande­re schö­ne Stim­me, die macht es für 600 Euro.“ Auch hier wür­de es ums Nein-Sagen gehen. In die­sem Fall nicht von­sei­ten der Inten­danz, son­dern von­sei­ten der Sän­ger. Die aber schei­nen der­art unter Druck zu ste­hen, dass sie bereit sind, ihre Wür­de und ihre Exis­tenz für die Hoff­nung auf ein biss­chen Ruhm zu ver­kau­fen. Dabei ist mir kein Fall bekannt, in dem ein Ein­sprin­ger in Greifs­wald jemals für die Büh­nen die­ser Welt ent­deckt wur­de. Also, bit­te, lie­be Künst­ler: Seid soli­da­risch und sagt unter die­sen Bedin­gun­gen ein­fach Nein.

Gleich­zei­tig ist auch an vie­len städ­ti­schen Büh­nen, gera­de in der Inten­danz und Dra­ma­tur­gie, eine merk­wür­di­ge Welt­fremd­heit zu beob­ach­ten. Oft wird gar nicht mehr klar, für wen da gespielt wird. Für die Künst­ler sel­ber, die das Thea­ter – und dage­gen ist ja gar nichts zu sagen – als Raum der Frei­heit und des Expe­ri­ments ver­ste­hen? Dann aber wäre es nötig, das Publi­kum bei die­sem Expe­ri­ment mit­zu­neh­men, sich der Debat­te zu stel­len, die gan­ze Stadt zur ästhe­ti­schen Werk­statt zu ver­wan­deln. Die­ser Pro­zess aber ist nur sel­ten zu beob­ach­ten.
Statt­des­sen setzt sich immer mehr eine Atti­tü­de nach dem Mot­to „Wir sind die Künst­ler, und wenn ihr nicht ver­steht, was wir tun, seid ihr zu blö­de“ durch. Man­che Thea­ter schei­nen auch nur noch zu spie­len, um den Kul­tur­po­li­ti­kern zu gefal­len. Sie schie­len auf Aus­las­tungs­zah­len, schlie­ßen Rän­ge, ver­kau­fen ein halb vol­les Audi­to­ri­um als „aus­ver­kauft“ und ver­su­chen, jede noch so absur­de Spar­maß­nah­me umzu­set­zen. Ich glau­be, für eini­ge Inten­dan­ten geht es inzwi­schen oft nur noch dar­um, ihre eige­ne Haut zu ret­ten, nicht um die künst­le­ri­sche Qua­li­tät ihres Hau­ses.

Mich erin­nert die Klas­sik­sze­ne immer mehr an eine sich selbst bestä­ti­gen­de Bla­se, die sich immer wei­ter von jenen ver­ab­schie­det, die nicht Teil die­ser Bla­se sind. Das Pro­blem aber ist, dass wir genau auf die­se Men­schen ange­wie­sen sind, da sie den Klas­sik­be­trieb mit­fi­nan­zie­ren. Da die Klas­sik eine gesell­schaft­li­che Grö­ße ist, die von der gesam­ten Gesell­schaft – auch von jenen, die nicht in Opern und Kon­zer­te gehen – mit­ge­tra­gen wird. Und die­ser Ver­ant­wor­tung soll­ten sich alle bewusst sein und sich dar­auf besin­nen, wor­um es in der Musik eigent­lich geht: um Kom­mu­ni­ka­ti­on, einen huma­nis­ti­schen Grund­ge­dan­ken, um pro­duk­ti­ven und fai­ren Streit, um Expe­ri­men­te, Risi­ko und vor allen Din­gen um Lei­den­schaft.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

3 Kommentare

  1. Der Link zu die­sem Arti­kel kommt in mei­nen Musi­k­ord­ner. Vie­len Dank. – Es lebe das Ensem­ble-Thea­ter!

    Das Pro­blem der Bil­lig­löh­ner betrifft wohl fast alle Beru­fe. Die Eli­te sahnt ab, haut sich den Ran­zen voll, wäh­rend die Arbei­ter für Almo­sen schuf­ten. Ich hof­fe, das Sys­tem bricht bald zusam­men. Deutsch­land muss völ­lig neu auf­ge­baut und der Rat­ten­filz an der Spit­ze ent­fernt wer­den!

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