Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit der aktuellen Meldung, dass die Mailänder Scala nach den Corona-Fällen in Italien vorübergehend geschlossen wurde, mit einer Preis-Debatte an der Wiener Staatsoper und mit einem gescheiterten Twitter-Schweigegelübde.

WAS IST 

Die schönsten Twitter-Beiträge zum Wiener Opernball

NACH DEM BALL IST VOR DER PREISERHÖHUNG

Der Wiener Opernball (Foto oben: Aida Garifullina und Piotr Beczała bei der Eröffnung) ist weitgehend ohne Skandale über die Bühne gegangen. Die Übertragung des ORF wurde in den sozialen Medien fast lustiger kommentiert, als der Opernball von den ORF-Kommentatoren unter dem Opernhaus-Dach (s.o.). Österreich-Präsident Alexander Van der Bellen, der sich vor dem Ball in vollem Ornat und mit Mickey-Mouse-Lektüre fotografieren ließ, war der eindeutige Social-Media-Gewinner. Aber nun stellt sich heraus: Nach dem Ball ist vor der Preiserhöhung! Die Wiener Staatsoper, bzw. die Bundestheater-Holding, denkt laut darüber nach, eine „dynamische Preisgestaltung“ einzuführen. Auf gut Österreichisch bedeutet das: Wenn die Netrebko singt, werden die Tickets teurer! „Wir hinken da in unserem Handeln dem Markt hintennach“, sagt Holding-Chef Christian Kircher. Das Absurde ist: Selbst Top-Künstler sind nie nur durch Ticketverkäufe (schon jetzt oft mehr als 200 Euro!) zu refinanzieren – erst Recht nicht, wenn sie mit großem Orchester, Chor und Ballett auftreten. Auch die Netrebko lebt – so oder so – von Steuergeldern und nicht von den wenigen Opern-Reichen. Andersdenken tut not! Statt die Preise für das Gute zu erhöhen, könnte man auch die Gagen der Guten etwas senken. Warum nehmen wir die internationale Deckelung der Sänger-Gagen an staatlichen Häusern nicht ernst? Denn nirgends ist die Kluft für zwei gleiche Jobs so groß wie in der Oper: Der Stadttheater-Sopran verdient unter 2.000 Euro monatlich, der Staatsopern-Sopran-Gast geschätzt über 20.000 Euro an einem Abend. 

SANIfair IM LISZT-HAUS

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Nach den letzten Bayreuther Toiletten-Texten bekamen wir jetzt folgende Info zugespielt: Der Toiletten-Fimmel der Bayreuther geht weiter! Die Partei „Die Unabhängigen“ hat im Stadtrat Protest gegen die geplante Sanierung des Franz-Liszt-Museums eingelegt. Warum solle man ein Museum renovieren, in das eh keiner reingehe, war die ernsthafte Frage von Lokalpolitiker Helmut Zartner. Statt das Museum zu sanieren, solle man doch lieber Toiletten bauen: Warum werde so ein Totenkult betrieben und nichts für die Lebenden getan. Puh! Es ist wahr, dass die Beliebtheit einer Stadt an der Notdurft-Menge seiner Touristen abzulesen ist. Aber die kommen für ihr Geschäft eben nur in die Stadt, wenn hier vorher schon andere (am besten Promis!) gepinkelt haben. Wie wäre es mit einem Kompromiss? Zum Beispiel einem Extra-Zimmer im Liszt-Museum: „Hier war das Klo von Liszt, für 70 Cent können auch Sie hier Ihr Geschäft verrichten und bekommen 50 Cent Ermäßigung auf den Museumsbesuch.“ So macht man aus … na ja, Sie wissen schon: Gold!

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32 x Beethoven – Jetzt die neuen Folgen anhören!

Er wird für sein Beethoven-Spiel gefeiert. In seinem Podcast nimmt uns Igor Levit mit auf eine Reise durch die 32 Klaviersonaten.
Spontan, persönlich und mit vielen Musikbeispielen.

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HELLAU IN HALLE

Seit es diesen Newsletter gibt, begleiten wir das Hick-Hack am Theater Halle: der Rauswurf von Operndirektor Florian Lutz, Mobbing-Vorwürfe und zuletzt das frühzeitige Ende der Generalmusikdirektorin Ariane Matiakh. An allem, so heißt es aus dem Ensemble in Halle, sei der ehrgeizige Geschäftsführer Stefan Rosinski schuld – und der musste nun endlich selber den Hut nehmen. Der mdr berichtet: „Der Aufsichtsrat der TOOH entscheidet, dass der Vertrag von Geschäftsführer Stefan Rosinski nicht verlängert wird. Er läuft bis Sommer 2021. Zunächst ist unklar, ob Rosinski bis Vertragsende im Amt bleibt. Über das weitere Vorgehen will der Aufsichtsrat, dem Oberbürgermeister Bernd Wiegand vorsteht, in seiner Sitzung Ende März entscheiden.

SCHLICHTET BLÜM IN ESSEN?

Auch der Theaterstreit in Essen beschäftigt uns schon einige Wochen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Ende März soll weiter verhandelt werden, eventuell unter Leitung von Norbert Blüm und EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies, wie die WAZ berichtet: „In der Auseinandersetzung zwischen den Beschäftigten der Essener Theater und Philharmonie (TuP) und Geschäftsführer Berger Bergmann haben sich nun auch die großen Künstler-Gewerkschaften zu Wort gemeldet. In einer gemeinsamen Stellungnahme fordern die Deutsche Orchestervereinigung (DOV), die Genossenschaft Deutscher Bühnen Angehöriger (GDBA), die Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VJO) und die Gewerkschaft Verdi nun ein externes Spezialistenteam, das die von den Mitarbeitern erhobenen Vorwürfe gegen Geschäftsführer Bergmann klären soll.

WAS WAR

Haydn durfte noch ohne Visum nach London kommen – hier bei der „Wassermusik“.

MUSIKER-VISA FÜR GROßBRITANNIEN?

Wie so vieles nach dem Brexit ist auch die Frage nach Musiker-Visa bislang nicht geklärt. Die Seite politico.de berichtet, dass mit dem Ende der Freizügigkeit 2021 auch Arbeitsvisa für Musiker fällig werden könnten: „…sowohl EU als auch Nicht-EU-Künstler würden dann ein ‚tier 5 visum‘ benötigen, um im United Kingdom aufzutreten, an Wettbewerben oder Vorspielen teilzunehmen…

LEVIT ZIEHT SICH ZURÜCK – FAST

Nach dem VAN-Text über Igor Levits Öffentlichkeitsarbeit in der letzten Woche stellt sich diese Woche die Frage: Ignorieren oder kommentieren? Der Anlass ist tragisch: Nach den grauenvollen, verstörenden und rassistischen Morden in Hanau twitterte Levit spürbar geschockt, dass er sich eine Auszeit von Twitter verordnet: „Es ist heute etwas Fundamentales in mir kaputtgegangen. Gebrochen. Und irgendwie wird das Leben dazu führen, dass etwas Neues nachwächst. Bis dahin ist inneres Heilen und Sammeln essentiell. Kein Twitter, nichts.“ Das „Nichts“ dauerte allerdings keinen Tag, bis Levit – ebenfalls auf Twitter – nachschob: „Und ich hoffe so sehr, dass es uns und unserem Land gelingt, zu heilen.“ Noch am selben Tag verschickte er dann Musik auf Twitter, und keine 24 Stunden später rechnete er schnell noch mit BILD-Chef Julian Reichelt ab, um wenige Stunden später einen anderen Journalisten, Christian Bangel, zu loben. Dann teilte er noch schnell mit (hier im O‑Ton): „wichtige Gefühl, nicht allein zu sein. Nicht alleingelassen zu werden. Lest ihn, folgt ihm.“ Läuft perfekt mit der fundamentalen Twitter-Ankündigung, sich nach innen zurückzuziehen und mit dem Twittern zu pausieren. Aufmerksamkeit? Garantiert!

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LA FENICE VON FLUT BEDROHT

Die Stuttgarter Nachrichten haben einen dpa-Text über die Folgen des November-Hochwassers für das venezianische Opernhaus La Fenice veröffentlicht. Die Technik funktioniert wieder, aber die wichtigste Vorkehrungsmaßnahme ist: die Hoffnung. „ … die Technik steht nun wie vor dem Hochwasser im Keller des Hauses. Zwar wurden auch hydraulische Pumpen angeschafft – die elektrischen hatten im Hochwasser ihren Geist aufgegeben. Aber die gesamte Stadt ist für den ansteigenden Meeresspiegel durch den Klimawandel und häufigere Fluten nicht gut gerüstet. In der ‚Feniceist man bis zu einem Hochwasser von 184 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel vor Fluten geschützt, erklärt eine Sprecherin. Im November stieg das Wasser aber auf 187 Zentimeter – drei Zentimeter zu viel.“

SCHWENKOWS BEAUTYFARM

Eigentlich ist der brand-eins-Text über den Klassik-Unternehmer, den Erfinder des Klassik-Pops und den Berliner Konzertveranstalter Peter Schwenkow unter dem Titel „So bastle ich mir einen Star“ bereits 2011 erschienen. Nun wird er in der Klassik-Szene in Social-Media-Netzwerken erneut gepostet – und erfrischend lustig kommentiert: Sängerin Daniela Fally teilt den Text mit einem Ausrufezeichen, und Tenor Daniel Behle, der nicht zuletzt mit seinem Album „MozArt“ vorgemacht hat, wie man sich selber vermarktet (und wie anstrengend das ist), schreibt amüsiert: „Nicht üben… ab in die Beautyfarm.“ Peter Laudenbach erklärte in seinem Text Schwenkows Geschäftsmodell und fand nicht nur Kritisches, sondern auch Nachdenkliches daran, dass Schwenkow bereits eine neue Klassik-Vision hatte, als die Plattenfirmen noch gar nicht daran gedacht haben. Wenn man den Text neun Jahre nach der Veröffentlichung liest, könnte man – trotz des Abgesangs – denken, dass 2011 noch ein goldenes Jahr der Klassik war.

PERSONALIEN DER WOCHE

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Eine Katze bringt die Musiker bei einem Konzert in Istanbul durcheinander.

Ihre Briefe, liebe Klassik-Woche-LeserInnen haben gezeigt, dass Sie auch nicht anders ticken als andere Leser: Selten haben wir mehr Rückmeldungen als zur Playlist für Katzen gehabt, die MET-Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin herausgebracht hat. Zum Glück bringt er seine Tiere nicht mit zum Konzert – denn dann könnte so etwas passieren wie neulich bei einem Konzert in Istanbul, in dem eine Muschi die Musiker irritierte. +++ Erneute Kritik an Valery Gergiev. Eine slowakische Zeitung berichtete, dass der russische Dirigent zu wenig Zeit hatte, um Rodion Shchedrins Oper „Lolita“ einzustudieren – und so dirigierte der Dirigent der Uraufführung, Sergey Neller, die Aufführung in St. Petersburg von der Seitenbühne aus mit. +++ Es gibt inzwischen ja sehr viele Musik-Podcasts – und da ist es wie bei anderen Podcasts auch: Es wird mal besser und mal schlechter geredet, debattiert und Werbung gemacht, je nach Anbieter. Aber der Podcast von Teodor Currentzis scheint eher ein heimliches Experiment mit der Fragestellung zu sein, was passiert, wenn Musik einem das Gehirn weichgeschmolzen hat – seine SWR-„Midnight-Lounge“ mit Helmut Lachenmann erinnert jedenfalls eher an ein Neue-Musik-Happening, dem man vielleicht zehn Minuten, aber sicher keine zwei Stunden folgen kann. +++ Seinen 80. Geburtstag hat Dirigent Christoph Eschenbach am Opernball-Tag im Wiener Konzerthaus gefeiert. Zuvor gab er der FAZ ein Interview und lobte sein Vorbild Nikolaus Harnoncourt: „… und sie (die historisch informierte Aufführungspraxis Anm. d. Red.) hat mich beeinflusst! – Vor allem durch die wirklich kreativen Vertreter dieser Richtung wie Nikolaus Harnoncourt (…). Aber man sollte daraus kein Dogma machen – wie es auch Harnoncourt selbst nicht getan hat. Für mich wirkte er gerade dann beispielgebend, wenn er (…) Orchester dirigiert hat, die auf modernen Instrumenten spielen: weil da zu hören war, dass ‚Klangrede‘ eben keine Frage eines bestimmten Mediums, sondern eine der geistigen Haltung war.“ 

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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