Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

während wir seit letzter Woche nichts mehr von Bogdan Roščić gehört haben, entwickelt sich das Opernball-Desaster in Dresden zu einer unendlich peinlichen Geschichte. Außerdem: ein versteckter Professor, Diven gegen Trump und Piotr Beczała über das Regietheater. 

WAS WAR

In Dresden tappt Hans-Joachim Frey von Fettnapf in Fettnapf – in Erfurt will er „Lohengrin“ inszenieren (hier das Bühnenbild).

DAS DRESDNER DEBAKEL 

Seit wir an dieser Stelle vor zwei Wochen die Frage aufgeworfen haben, ob es nicht an der Zeit sei, dass der MDR sich vom Dresdner Opernball und seinem Veranstalter Hans-Joachim Frey verabschiedet, ist viel passiert: Nachdem Semperopern-Intendant Peter Theiler bei uns angerufen hat, um klar zu machen, dass sein Haus nichts mit dem Ball zu tun hätte, hat letzte Woche Judith Rakers als Moderatorin abgesagt, ebenso wie wenig später Mareile Höppner (sie allerdings wünscht Solo-Moderator Roland Kaiser noch „viel Kraft“). Etwas lustig: Fußball-Manager Uli Hoeneß hat sein Kommen explizit zugesagt! Derweil hat der Tagesspiegel herausgefunden, dass Sachsens Regierung die Verleihung des Ball-Ordens an Ägyptens Diktator Al-Sisi im Vorfeld wohl abgenickt hatte. Ball-Organisator Hans-Joachim Frey lässt keinen Fettnapf aus, und auch der MDR machte keine gute Figur: In einer Radio-Sendung wurde Judith Rakers zwar die Gretchenfrage gestellt, ob sie den Ball wirklich moderieren wolle – der Sender verzichtete aber darauf, seine eigenen Verantwortlichen zu befragen. Stattdessen wurstelte sich der MDR durch und wird den Ball am 7. Februar trotz aller Kritik übertragen. „Dafür ist die Fernsehunterhaltung verantwortlich“, heißt es von leicht genervten Mitarbeitern des MDR, „und die schauen eben auf die Quote.“ Die Klassik-Redaktion hat in diesem Fall eh nichts zu melden. Auch das ZDF hat Ende letzten Jahres übrigens eine investigative Reportage über den Einfluss Wladimir Putins auf die internationale Klassik-Szene (und die Rolle von Hans-Joachim Frey und Valery Gergiev) auf Grund von „Budget-“ und „Sendeplatzschwierigkeiten“ kurzerhand abgesagt.

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32 x Beethoven
– der Klavierpodcast mit Igor Levit

Er wird für sein Beethoven-Spiel gefeiert. In seinem neuen Podcast nimmt er uns mit auf eine Reise durch die 32 Klaviersonaten. Spontan, persönlich und mit vielen Musikbeispielen.

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NIE SOLLST DU FREY BEFRAGEN

Einen Tag nach dem Ball in Dresden, am 8. Februar, hat der „Lohengrin“ am Theater Erfurt Premiere – Regie führt: Hans-Joachim Frey. In seinem Newsletter bat das Theater: „Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Fragen an das Regie-Team einzusenden ([email protected] | Betreff: „Lohengrin“).“ Das habe ich natürlich sofort getan, und zwar so: „Sehr geehrte Damen und Herren, mit großer Freude habe ich gelesen, dass wir Ihnen Fragen zur Inszenierung von Hajo Frey stellen können. Mich würde – auch für meinen Newsletter – interessieren: wie ist das Verhältnis zwischen Hajo Frey und Ihrem Intendanten Guy Montavon? Konkreter: Wie oft wurde Ihr Intendant in den letzten zehn Jahren von Herrn Frey nach Russland eingeladen? Und wie konkret sah das Unterhaltungsprogramm dort aus?“ Antworten sollten eigentlich bis gestern gegeben werden – aber hey, vielleicht hat man sich’s auch anders überlegt: „Nie sollst du Frey befragen!“ Fakt ist: Jeder war zum Fragen aufgefordert, und Fragen kostet bekanntlich nix – sollten Sie noch etwas von Hans-Joachim Frey wissen wollen: Die nötige E‑Mail-Adresse haben Sie ja nun. 

MAUSER ENTZIEHT SICH DER HAFT

Zwei Jahre und neun Monate soll die Haftstrafe dauern, die der ehemalige Präsident der Münchner Musikhochschule, Siegfried Mauser, antreten muss. Doch, wie die Süddeutsche Zeitung nun berichtet, entzieht er sich dem Haftantritt seit dem 13. Januar. Die Zeitung schrieb: „Nach SZ-Informationen hat Mauser seinen Wohnsitz in München verlassen und hält sich in Salzburg auf. ‚Er wurde nicht ordnungsgemäß geladen‘, meint Anwalt Stevens. Mauser habe in Österreich seinen Hauptwohnsitz und einen österreichischen Pass – was dazu beitragen könnte, dass er seinen Haftantritt noch länger hinauszögern kann.“ Eine weitere Verhöhnung seiner Opfer. 

WAS IST 

Im neuen Video der Salzburger Osterfestspiele orientieren sich Christian Thielemann und Peter Ruzicka offensichtlich an den Bösewichtern aus den 007-Filmen.

TICHY LIEBT THIELEMANN 

Nachdem Christian Thielemann kürzlich einem deutschtümelnden Verbindungs-Magazin ein ausführliches Interview gab, wird der Dirigent nun im neokonservativen Magazin „Tichys Einblick“ gefeiert (auf einen Link wird an dieser Stelle bewusst verzichtet). Matthias Nikolaidis versucht in seinem Porträt, den konservativen Thielemann zu feiern, deutet dabei Thielemanns Ausbootung von Andris Nelsons in Bayreuth als  Beweis der „Leidenschaft für die Kunst“ und interpretiert die Aussagen des Dirigenten zu den „Meistersingern“ als modernes, konservatives Ideal: „Ein ‚Lehrstück des Benimms’ sei Wagners komisches Musikdrama, die ‚perfekte Integrationsoper‘. Was passe besser in unsere Zeit, schließt der konservativ denkende Dirigent sibyllinisch.“ Bleibt am Ende allerdings eine viel wesentlichere Frage: Warum stilisieren sich sowohl Christian Thielemann, als auch sein Salzburg-Intendant Peter Ruzicka in ihrem aktuellen Video für die Salzburger Festspiele im James-Bond-Bösewicht-Look?

DIVEN GEGEN TRUMP

Angefangen hat alles mit dem Facebook-Eintrag von Barbara Bonney. Als sich abzeichnete, dass das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump im Sande verlaufen würde, schrieb sie: „Die USA sind nun das korrupteste, oberflächlichste und verachtenswerteste Land der Welt. Ich bin nicht länger stolz, Amerikanerin zu sein. Ich bin angeekelt und schäme mich.“ Sofort stimmte Kollegin Laura Aikin ein: „So vieles am Land ist gut, es ist das System, das regiert, das so korrupt ist. (…) Die Sonne wird wieder hervorkommen. Das ist sie bislang immer.“ Darauf kommentierte auch Christine Goerke: „Mein Herz bricht, wenn ich an unser Land denke. Mein Herz bricht, wenn ich mir vorstelle, dass dieses das Erbe ist, das wir meinen Töchtern überlassen.“ Am Ende kommentiert auch der kanadische Tenor Michael Schade: „Amen, Liebste – ich befürchte, Du hast Recht. Aber ich freue mich, dass ich Dich, eine stolze, schöne Amerikanerin kenne!“  

SANTA CECILIA VERBANNT „ASIATEN“

Und noch mehr Tagespolitik in der Klassik: Eigentlich sollte man von Kulturschaffenden Ausgeruhtheit erwarten und keine Panikmache. Aber wie passt folgende Meldung dazu? Das römische Konservatorium Santa Cecilia hat per E‑Mail alle „oriental students“, also „alle Studenten aus China, Korea, Japan etc.“ wegen des Corona-Virus’ vom Unterricht ausgeschlossen. Kein Wunder, dass es bei Studenten zum Aufschrei gegen die Mails und den Direktor Roberto Giuliani persönlich kam. Der verteidigt seine Maßnahme allerdings auch weiterhin. 

FRANKFURTER THEATERDILEMMA

Wie viel ist die Kunst wert? Das fragt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und nimmt dabei die nötige Sanierung von Oper und Schauspiel der Stadt als Anlass. Sein lesenswerter Artikel beginnt mit folgender Zusammenfassung: „Seit fast vier Jahren wissen nicht nur Theatergänger, dass die Frankfurter Doppelanlage für Schauspiel und Oper sanierungsbedürftig ist. Von dreihundert Millionen war damals zunächst die Rede. Ein Jahr später, im Juni 2017, hatte sich die Summe bereits verdreifacht. Für mehr als sechs Millionen Euro hatte die Stadt eine mit stolzgeschwellter Brust vorgestellte Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die zwei Sanierungsmodelle sowie einen Entwurf für einen Neubau am alten Standort durchspielte und Planungssicherheit garantieren sollte. Alle drei Varianten würden nach heutigem Stand mehr als eine Milliarde kosten.“ 

PERSONALIEN DER WOCHE

Nachdem Ariane Matiakh ihren Vertrag als Generalmusikdirektorin in Halle erst im Herbst angetreten hatte, will sie das Haus nun vorzeitig verlassen. Grund für den Abgang von Matiakh soll mangelnde Präsenz in Halle sein, heißt es aus Aufsichtsratskreisen. Detlef Brandenburg kritisiert in einem lesenswerten Text in der Deutschen Bühne derweil die Rolle, die Matiakh bei der Entlassung von Intendant Florian Lutz gespielt habe. +++ Die Sängerin Randi Stene wird neue Chefin der Norwegischen Oper und folgt auf Annilese Miskimmon. +++ Nicht so ganz können wir die Information glauben, die Norman Lebrecht aus Amsterdam in die Welt trägt. Demnach favorisiert das Concertgebouworkest folgende Kandidaten als Nachfolger von Daniele Gatti: Andris Nelsons (der ist allerdings glücklich in Leipzig), Valery Gergiev (nicht im Ernst!) und Iván Fischer. +++ Lob für Anna Netrebko, Verrisse für ihren Gatten Yusif Eyvazov und ein Überraschungs-Fest für die Sopranistin Selene Zanetti – so lässt sich die Münchner „Turandot“-Premiere zusammenfassen. +++ Die Chemie schien nicht mehr zu stimmen: Der Chefdirigent der Südwestdeutschen Philharmonie Ari Rasilainen wird das Konstanzer Orchester zum Ende der Saison 2020/21 verlassen. +++ Er war Chefdirigent in Göttingen, Nürnberg, Dänemark und Korea – nun ist Othmar Mága im Alter von 90 Jahren gestorben. +++ Der Pianist Peter Serkin ist im Alter von 72 Jahren gestorben.

PIOTR BECZAŁA KRITISIERT REGIETHEATER

Bodenständig, nahbar, authentisch – Piotr Beczała spricht mit mir über sein Leben als Sänger.

Ich kenne keinen anderen Tenor, der so bodenständig, geradlinig und klar ist wie der Pole Piotr Beczała. Fast zwei Stunden lang haben wir miteinander über Gott und die Welt geplaudert: Wie er als polnischer Schwarzarbeiter nach Wien kam, aus Not in der Fußgängerzone sang, bevor er sein erstes Engagement in Linz bekam und zufällig in Zürich einsprang. Beczała kritisiert das Regietheater, das bewusst alles anders machen will und entscheidet sich nach viel Nachdenken eher für seinen Landsmann Papst Johannes Paul II. als für Franziskus – da man als Pole wisse, wie viel der alte Papst für den Fall des Eisernen Vorhangs getan hätte. Das gesamte Gespräch hören Sie hier

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann    

[email protected]

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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