Gehörleiden, Liebesgeschichte und Attentatspläne

Oliver Buslau

Unter dem Titel Feu­er im Ely­si­um hat Oli­ver Bus­lau einen Kri­mi­nal­ro­man zum Beet­ho­ven-Jubi­lä­um vor­ge­legt.

Wenn ein Ver­lag den „Kri­mi zum Beet­ho­ven-Jahr 2020“ in den Mas­sen­start zum Jubel­jahr um Deutsch­lands bekann­tes­ten Bon­ner schickt, ist erst mal Vor­sicht gebo­ten: Ein his­to­ri­scher Kri­mi um Beet­ho­ven? Feu­er im Ely­si­um? Und wer ist Oli­ver Bus­lau? Bus­lau hat nicht nur Musik, son­dern auch Ger­ma­nis­tik stu­diert, ist Brat­schist von eini­gem Kön­nen und arbei­te­te lan­ge als Musik­jour­na­list, bevor er Ende der 1990er-Jah­re anfing, Kri­mis zu schrei­ben.

Von den entgegengesetzten Enden des gesellschaftlichen Spektrums

Und „Feu­er im Ely­si­um“ ist, um´s vor­weg­zu­neh­men, ein enorm klu­ges Buch. An Hand­lungs­ho­ri­zont herrscht kein Man­gel: Da wer­den zwei Män­ner, Rei­ser und Kreutz, von den ent­ge­gen­ge­setz­ten Enden des gesell­schaft­li­chen Spek­trums, auf­ein­an­der zuge­führt: Rei­ser hat gera­de (unter so dra­ma­ti­schen wie ver­däch­ti­gen Umstän­den) sei­nen Pos­ten bei einem Fürs­ten ver­lo­ren und begibt sich nach Wien, um bes­ten­falls in der kai­ser­li­chen Staats­ver­wal­tung Anstel­lung zu fin­den. Kreutz dage­gen ist Stu­dent, und ihn bewe­gen poli­ti­sche Zie­le. Und zwar eben jene, die des Kai­sers hoch­wohl­ge­bo­re­nem Kanz­ler Cle­mens von Met­ter­nich ganz und gar nicht pas­sen.

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Die nationale Einigungsbewegung und die feudale Ordnung

Kreutz steht also – und das ist hier pla­ka­ti­ver aus­ge­drückt, als es im Roman geschil­dert wird – für die natio­na­le Eini­gungs­be­we­gung der dama­li­gen Zeit: Stu­den­ten- und Frei­heits­bün­de woll­ten die vie­len Fürs­ten­tü­mer abschaf­fen, um aus den deut­schen Län­dern eine Nati­on mit Volks­ver­tre­tung zu machen. Sein „Wider­part“ Rei­ser stammt zumin­dest aus der lang­sam zer­brö­seln­den Welt die­ser Fürs­ten­tü­mer: Er ist Schloss­ver­wal­ter, wie es sein Vater war. Er erkennt jedoch im Lauf des Romans mehr und mehr Unge­rech­tig­keit in der feu­da­len Ord­nung.

Wiener-Walzer-Kongress

Aller­dings ist die „alte Ord­nung“ 1824 noch bezie­hungs­wei­se wie­der in vol­ler Blü­te: Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on ist vor­bei, selbst in Frank­reich sind die Bour­bo­nen wie­der in Amt und Wür­den. Auf dem Wie­ner Kon­gress 1814/15 hat­te Met­ter­nich, der deut­sche Meis­ter­di­plo­mat in Habs­burgs Diens­ten, den Sta­tus quo ante schon befes­tigt: alles auf adli­gen Anfang, gewis­ser­ma­ßen. Als dann – mit­ten im Wie­ner Wal­zer-Kon­gress – Napo­le­on von Elba aus noch mal in Frank­reich lan­de­te, hielt das zwar Euro­pa die berühm­ten „Hun­dert Tage“ lang in Atem. Aber nach der Schlacht von Water­loo atme­ten die Adels­häu­ser end­gül­tig auf. Eif­rig ach­te­ten Spit­zel und Zen­so­ren – zu Tau­sen­den – seit­her dar­auf, dass auch nicht der kleins­te Frei­heits­fun­ken zün­de­te. Die „anci­ens régimes“ in Euro­pa beäug­ten jeden Zwei­ten miss­trau­isch.

Ausgerechnet Schiller

So gilt Beet­ho­ven, der zur Hand­lungs­zeit gera­de die Urauf­füh­rung sei­ner Neun­ten probt, den Behör­den als mög­li­cher­wei­se ver­däch­tig. Hieß die Eroi­ca nicht einst Heroi­ca und soll­te Napo­le­on hul­di­gen, dem Exege­ten der Revo­lu­ti­ons­idea­le? Außer­dem soll der ertaub­te Star des Wie­ner Musik­le­bens eine Ode von Fried­rich Schil­ler ver­to­nen, aus­ge­rech­net Schil­ler, der zumin­dest vor­über­ge­hend als Frei­heits­held taug­te. (Was Schil­lers Glo­cke der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on an Absa­ge erteil­te, haben Met­ter­nichs Kon­troll­freaks offen­bar nicht mit­ge­schnit­ten.) Sebas­ti­an Rei­ser, der Bewer­ber um ein Amt in der Staats­ver­wal­tung, wird kon­se­quen­ter­wei­se erst mal mit Schnüff­ler­diens­ten betraut. Dar­auf geht die­ser auch ein. Denn ein regel­mä­ßi­ges Ein­kom­men wür­de ihm erlau­ben, sei­ne Liebs­te zu hei­ra­ten …

Glaubhaftes Lokalkolorit

Bus­lau gelingt mit Feu­er im Ely­si­um etwas, was sel­ten ist in his­to­ri­schen Roma­nen: glaub­haf­tes Lokal­ko­lo­rit. Dass immer am Ran­de des Gesche­hens der damals eben ganz und gar nicht arri­vier­te Franz Schu­bert auf­taucht; dass Rei­ser sogar Ein­gang fin­det in Beet­ho­vens Orches­ter; die stän­dig mit aller­lei Kas­si­bern und Bil­letts hin- und her­ge­schick­ten Dienst­bo­ten; und nicht zuletzt die Spa­zier­gän­ge auf der „Bas­tei“, einer der Wehr­an­la­gen, die dem Aus­bau der Ring­stra­ße im 19. Jahr­hun­dert zum Opfer fie­len, wie in ande­ren Metro­po­len Euro­pas – all die­se Ein­zel­hei­ten bau­en das zeit­ge­nös­si­sche, stets musi­zie­ren­de Wien auf, wie es der Leser (nicht nur als Beet­ho­ven-Ver­eh­rer) ger­ne berei­sen wür­de.

Einiges aus der Musikgeschichte

Die Kri­mi­hand­lung, die um Beet­ho­vens Gehör­lei­den kreist, die Lie­bes­ge­schich­te, die Atten­tats­plä­ne der frei­heits­be­feu­er­ten Stu­den­ten­bün­de – all das ist auf eine Wei­se inein­an­der ver­wo­ben, die unge­heu­er viel Spaß macht. Und zum Ent­zü­cken sei­nes Publi­kums klärt Oli­ver Bus­lau am Ende noch auf, wel­che Ele­men­te in Feu­er im Ely­si­um nun his­to­risch sind und wel­che fik­tiv. Auf die­se Wei­se lernt der Leser nach fast 500 Sei­ten fet­zi­ger Unter­hal­tung auch noch eini­ges aus der Musik­ge­schich­te.

Oli­ver Bus­lau: „Feu­er im Ely­si­um“ Kri­mi­nal­ro­man (emons Ver­lag)
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen über den Roman: www.emons-verlag
Lese­ter­mi­ne von Oli­ver Bus­lau aus sei­nem Roman: www.oliverbuslau.de

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Ein­sen­de­schluss ist der 18. Juni 2020. Der Rechts­weg ist aus­ge­schlos­sen.

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