Unsere Autorin hat sich ins idyllische ländliche Nirgendwo hinter dem Chiemsee gewagt, um beim Immling Festival Verdis „Don Carlo“ zu sehen.

Besucht man das Immling Fes­ti­val im baye­ri­schen Bad Endorf nahe des Chiem­sees, beginnt das Erleb­nis bereits bei der Anfahrt: Shut­tle­bus­se brin­gen die Gäs­te vom Park­platz im Ort über eine win­zi­ge Wald­stra­ße aben­teu­er­lich ins ver­meint­li­che Nir­gend­wo. Doch gera­de, als man den Anschluss an jeg­li­che Zivi­li­sa­ti­on ver­lo­ren wähnt, schlän­gelt sich das Weg­lein auf eine Anhö­he, die einen herr­li­che Blick über die umlie­gen­de Natur und ein weit­läu­fi­ges Are­al mit Fes­ti­val­haus im Bau­ern­hof-Cha­rak­ter, „Après-Opéra“-Sternenzelt und male­ri­schen Frei­flä­chen zum stil­vol­len Genuss eines Ape­ri­tivs – inklu­si­ve sünd­haft lecke­rer Kuchen – frei­gibt.

Vor dem Ein­gang grü­ßen Lamas und Auer­och­sen
Auf dem Weg zum Fes­ti­val­haus pas­siert man den Strei­chel­zoo des Tier­schutz­ho­fes Immling und kann stau­nend manch gut geklei­de­ten Opern­be­su­cher beim Strei­cheln von Scha­fen, Zie­gen und Co. begut­ach­ten. Die Auer­och­sen erwei­sen sich als respekt­ein­flö­ßend, und die Lamas spu­cken tat­säch­lich – wie manch ein mit nach halb ver­dau­tem Heu müf­feln­den grü­nen Fle­cken bespren­kel­ter Gast leid­voll erfah­ren muss. Bei schö­nem Wet­ter mag man sich den­noch kaum von der ver­füh­re­ri­schen Außen­ku­lis­se – bei der Pre­mie­re inklu­si­ve Alp­horn­blä­ser – tren­nen.

Festspielhaus Immling
Beim Immling Fes­ti­val zählt das Gesamt­erleb­nis
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Drin­nen war­tet ein erstaun­lich gut kli­ma­ti­sier­ter Saal mit einem soli­den Opern­er­leb­nis. Natur­ge­mäß sind bei der­lei Fes­ti­vals Sän­ger­ensem­ble wie Orches­ter ein recht bunt zusam­men­ge­wür­fel­ter Hau­fen ver­schie­dens­ter Natio­nen, der diver­sen Bud­get-Zwän­gen unter­liegt. Doch Inten­dant Lud­wig Bau­mann scheint, ohne Des­po­tis­mus, bereits im 22. Jahr das Bes­te aus der Lage her­aus­zu­kit­zeln und ein gutes Händ­chen für Künst­ler und Spon­so­ren zu haben.

Bei gutem Wet­ter mag man sich kaum von der ver­füh­re­ri­schen Außen­ku­lis­se tren­nen.

Soli­de Ensem­ble-Leis­tung
Für Immling wur­de die ita­lie­ni­sche Fas­sung von Ver­dis Meis­ter­werk „Don Car­lo“ – des­halb auch ohne Schluss-„s“ – gewählt, mit Tei­len der fran­zö­si­schen Fas­sung am Schluss, um dem Chor noch etwas mehr Gewicht zu geben, der orts­an­säs­si­gen Sän­gern ein Podi­um gibt. Über 70 Frau und Mann stark bie­tet die­ser denn auch eine respek­ta­ble Folie, vor der die pri­va­te und öffent­li­che Tra­gö­die zwi­schen Staats­rä­son und mensch­li­cher Ver­nunft ihren Lauf nimmt.

Die Solis­ten lie­fern eine soli­de Gesangs­leis­tung. Her­vor­zu­he­ben ist Kate Allen als Prin­zes­sin Ebo­li mit ihrem ker­nig-volu­mi­nö­sen Mez­zo­so­pran und ihrer über­zeu­gen­den Cha­rak­ter­dar­stel­lung. Lei­der hapert es ins­be­son­de­re bei den bei­den Prot­ago­nis­ten – Hec­tor Lopez als Don Car­lo und Anna Patrys als Eli­sa­bet­ta – am Schau­spiel: Trotz hüb­scher Stim­men mag man den bei­den ihre Lei­den­schaf­ten lei­der nicht glau­ben, wir­ken sie teils immo­bil, teils ohne Feu­er, was auch nicht mit dem kurz­fris­ti­gen Ein­sprin­gen Lopez’ für den erkrank­ten Efe Kis­la­li und der ins­ge­samt etwas sta­ti­schen Per­so­nen­füh­rung von Regis­seur Ste­fa­no Simo­ne Pin­tor ent­schul­digt wer­den kann.

Ein kla­rer, schlich­ter, aber durch­dach­ter Büh­nen­raum (Ste­fa­no Simo­ne Pin­tor und Wal­ter Ulrich) mit hüb­schen, domi­nie­rend insze­nier­ten Licht­ma­le­rei­en (Maxi­mi­li­an Ulrich) schafft den Dar­stel­lern eine wür­di­ge Kulis­se. Für die erkrank­te Cor­ne­lia von Kers­sen­brock, die das Fes­ti­val zusam­men mit Lud­wig Bau­mann lei­tet, über­nahm Loren­zo Cola­dona­to das Diri­gat und hat­te sein Ensem­ble gut und fest im Griff.

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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