Oper mit FlüchtlingenVon Instrumentalisierung, Politisierung und Integration

Foto: A. T. Schäfer

Sie waren Pioniere in Sachen „Oper mit Flüchtlingen“: Seit mehreren Jahre begleitet unsere Autorin die Projekte des Vereins Zuflucht Kultur e.V. – und ist immer wieder sprachlos über die Reaktionen, die dessen Projekte hervorrufen.

2014 hat alles ange­fan­gen. Damals kräh­te noch kein Hahn nach dem The­ma „Flücht­lin­ge“.  Das ers­te Pro­jekt mit Pro­du­zen­tin und Opern­sän­ge­rin Cor­ne­lia Lanz, aus dem spä­ter der Ver­ein Zuflucht Kul­tur e.V. her­vor­ge­hen soll­te, war eine Pro­duk­ti­on von Mozarts „Così fan tut­te“. Eigent­lich als Pro­jekt mit einem zusam­men­ge­wür­fel­ten Ensem­ble aus jun­gen Opern­sän­gern mit viel Lei­den­schaft und wenig Bud­get gedacht, hat­te der Regis­seur die Idee, die Oper insze­na­to­risch im Flücht­lings­kon­text anzu­sie­deln. Man war ohne­hin noch auf der Suche nach einem adäqua­ten Pro­ben­raum und – schwupps! – kam der Gedan­ke, doch ein­fach ein paar „ech­te“ Flücht­lin­ge dazu ein­zu­la­den… Man lan­de­te in einem ober­schwä­bi­schen Klos­ter, dass zur Erst­auf­nah­me-Ein­rich­tung umfunk­tio­niert wor­den war und in dem die Bewoh­ner ein­fach mal hin­ein­schnup­pern konn­ten in das, was im gro­ßen Saal geschah. Mit viel Enthu­si­as­mus, gna­den­lo­ser Nai­vi­tät und gro­ßer Offen­heit stol­per­te man also in das ers­te Pro­jekt sei­ner Art, nichts ahnend von der bis heu­te andau­ern­de Ket­ten­re­ak­ti­on, die das aus­lö­sen wür­de…

Flüchtlingsprojekte als PR-Masche?

Die ers­ten Pro­ben ver­lie­fen unauf­ge­regt und ohne gro­ße media­le Beach­tung. Eine erwart­ba­re ers­te Serie von kul­tu­rel­len Miss­ver­ständ­nis­sen konn­te mit bei­der­sei­ter Geduld und viel Humor auf­ge­deckt wer­den. Da war eine erstaun­li­che Offen­heit der Geflüch­te­ten gegen­über dem The­ma „Oper“, denn für die meis­ten der Syrer, Afgha­nen, Ira­ner, Ira­ker, Nige­ria­ner und Men­schen ande­rer Her­kunft war die­se Art von Musik so neu, dass sie ihr völ­lig vor­be­halts­los begeg­ne­ten. Viel vor­be­halts­lo­ser, als manch ein Euro­pä­er. Als dann jemand durch fal­sches Goo­geln das Gerücht ver­brei­te­te, bei „Così fan tut­te“ hand­le es sich um einen Por­no, blie­ben die Flücht­lin­ge plötz­lich den Pro­ben fern – Klä­rung kam glück­li­cher­wei­se rasch. Die unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen von Pünkt­lich­keit wur­den zunächst mit­tels diver­gie­ren­der Pro­ben­plä­ne abge­fan­gen, Pro­ben­zei­ten ver­län­gert, um ein­zu­kal­ku­lie­ren, dass alle Ansa­gen vier­spra­chig gemacht wer­den muss­ten (in Deutsch, Eng­lisch, Ara­bisch und Far­si) und die (auch bei Euro­pä­ern) übli­chen Schwie­rig­kei­ten bei der Zusam­men­ar­beit von Pro­fis und Lai­en erfah­rungs­reich über­brückt. Fra­gen nach der Stel­lung der Frau stell­ten sich schlicht­weg wenig, da es sich beim über­wie­gen­den Teil der Bewoh­ner um jun­ge Män­ner zwi­schen 20 und 30 han­del­te, mit all den Stär­ken und Schwä­chen, die tes­to­ste­ron­ge­flu­te­te, jun­ge Män­ner auch hier­zu­lan­de haben: unbän­di­ge Ener­gie, kraft­strot­zen­de (Bühnen-)Präsenz, aber auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Unzu­ver­läs­sig­keit und viel Unfug im Kopf.

Und dann kam kurz vor der Pre­mie­re die gro­ße „Will­kom­mens-Kul­tur“. Men­schen schwenk­ten Blu­men an den Bahn­hö­fen, Eupho­rie mach­te sich breit, die Bericht­erstat­tung explo­dier­te. Plötz­lich surf­te die klei­ne, fei­ne, aber sonst bestimmt wie fast alle frei­en Opern­pro­jek­te beharr­lich medi­enigno­rier­te Pro­duk­ti­on auf der Stim­mungs­wel­le oben auf – und wur­de regel­recht über­rum­pelt: die FAZ kam eben­so wie die Süd­deut­sche, der Spie­gel, der Focus, und dann das Fern­se­hen von RTL bis Al Jaze­e­ra. Für ihren Auf­tritt mit dem Flücht­ling­s­chor „Zuflucht“ im Rah­men der ZDF-Sen­dung „Die Anstalt“ wur­de 2015 der Grim­me-Preis ver­lie­hen.

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Und mit den Medi­en kamen die Nei­der. Und die Auch-was-vom-Kuchen-abha­ben-woller. Man ätz­te, Lanz habe sich nur Flücht­lin­ge in die Pro­duk­ti­on geholt, um Auf­merk­sam­keit zu bekom­men.

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Und die Küm­me­rer. Die, die bes­ser zu wis­sen glaub­ten, was einem Geflüch­te­ten gut tut, als der Geflüch­te­te selbst, bis zu bizar­rer sozi­al­päd­ago­gi­scher Ent­mün­di­gung. Da war Lanz bei­spiels­wei­se an einem „Titanic“-Projekt mit Schrift­stel­ler­le­gen­de Hans Magnus Enzens­ber­ger betei­ligt, für das eine Mit­wir­kung der Geflüch­te­ten gar nicht vor­ge­se­hen war. Als die­se vom Pro­jekt erfuh­ren – zu 80% übers Meer Geflo­he­ne – sag­ten ein jun­ger Syrer: „Wenn sich jemand mit Schiff­bruch aus­kennt, dann ja wohl wir! Ich bin 45 Minu­ten im Mit­tel­meer geschwom­men, konn­te nur über­le­ben, weil ein Freund von mir Schwimm­leh­rer ist und mich und ein klei­nes Mäd­chen über Was­ser hielt. Lass uns mit­ma­chen“. Doch von außen immer wie­der kru­de Atta­cken: „Wie könnt ihr die Geflüch­te­ten das noch ein­mal durch­le­ben las­sen? Man kann doch nicht ankom­men, und ein­fach so Oper mit den Geflüch­te­ten machen. Das muss über Mona­te vor­be­rei­tet wer­den, mit the­ra­peu­ti­scher Beglei­tung und zahl­rei­chen Gesprächs­run­den“.

Ja, das Leben brach tat­säch­lich immer wie­der in die Pro­duk­tio­nen ein (auf „Così fan tut­te“ folg­ten mit „Zai­de“ und „Ido­me­neo“ zwei wei­te­re Mozar­t­opern), als etwa zwei Tage vor der „Zaide“-Premiere der Vater einer der drei Prot­ago­nis­tin­nen in der Hei­mat erschos­sen wur­de und die­se sich nicht in der Lage sah, zu spie­len, als wäh­rend der Pro­ben immer wie­der Todes­nach­rich­ten ein­tra­fen, Asyl­ge­su­che abge­lehnt wur­den oder Ver­wand­te vom IS ein­ge­schlos­sen und tage­lang ver­schol­len waren. Doch soll­te man einem Geflüch­te­ten ver­bie­ten, sich an einem Pro­jekt zu betei­li­gen, selbst wenn er es selbst möch­te? Soll­te man Men­schen in Wat­te packen, die mün­dig und stark Krie­ge durch­lebt und erbar­mungs­lo­se Fluch­ten auf sich genom­men haben?

Kann Oper mit Flüchtlingen unpolitisch sein?

Und plötz­lich muss­te man auf­pas­sen, dass eine der vie­len Gast­spiel­ein­la­dun­gen nicht eine Wahl­ver­an­stal­tung oder Par­tei­ver­samm­lung war. Plötz­lich war neben dem Vor­wurf, selbst zu instru­men­ta­li­sie­ren, auch die Gefahr da, für poli­ti­sche Zwe­cke instru­men­ta­li­siert zu wer­den. Jeder woll­te sich mit den Pro­jek­ten schmü­cken. Dabei woll­te man ja genau das nicht: poli­tisch sein. Man woll­te durch Musik bunt und ohne Gren­zen Men­schen einen: Lai­en und Pro­fis, Euro­pä­er und Außer­eu­ro­pä­er, Geflüch­te­te und Nicht-Geflüch­te­te, Men­schen aller Reli­gio­nen, Ideo­lo­gi­en und Geschlech­ter.

Zwei-Klassen-Integration

Bis heu­te liegt es nicht an den Betei­lig­ten, son­dern an Bun­des­ge­setz­ge­bung und ande­ren Fak­to­ren, dass dies nicht voll­stän­dig gelin­gen kann. Gera­de war Zuflucht Kul­tur mit „Ido­me­neo“ beim renom­mier­ten Lucer­ne Fes­ti­val ein­ge­la­den. In die­ser Pro­duk­ti­on haben die Geflüch­te­ten alle­samt gro­ße Rol­len mit lan­gen Mono­lo­gen und umfang­rei­chen Bewe­gungs­cho­reo­gra­phi­en. In die Schweiz rei­sen durf­ten aller­dings nur die Syrer, nicht jedoch die Geflüch­te­ten ande­rer Natio­nen.

Die Stel­lung­nah­me dazu im Auf­trag des Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Kret­sch­mann, übri­gens Schirm­herr der vor­he­ri­gen Pro­duk­ti­on, lobt Lanz in einem Brief blu­mig: „Mit Ihrem Pro­jekt zei­gen Sie in ein­drucks­vol­ler Wei­se die inte­gra­ti­ve Kraft der Kunst auf. Sie geben Geflüch­te­ten im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes eine Stim­me und tra­gen so dazu bei, Berüh­rungs­ängs­te ab- und Ver­ständ­nis auf­zu­bau­en.“ Es fol­gen zwei DIN4-Sei­ten para­gra­phen­strot­zen­de Tira­den, bevor zum Ergeb­nis gekom­men wird, dass lei­der hier kei­ne Aus­nah­me gemacht wer­den kann: Syrer dür­fen zum Auf­tritt aus­rei­sen, gedul­de­te Geflüch­te­te ande­rer Natio­nen jedoch nicht. Höh­ni­sche Schluss­poin­te: „Auch wenn der von Ihnen geplan­te Auf­tritt beim Lucer­ne Fes­ti­val nun aus recht­li­chen Grün­den wohl nicht wird statt­fin­den kön­nen, hof­fe ich, dass dies Ihrem wei­te­ren Enga­ge­ment kei­nen Abbruch tut. Denn die Inte­gra­ti­on der vie­len Men­schen, die in den letz­ten Jah­ren in unser Land gekom­men sind, um hier Schutz vor Krieg und Ver­fol­gung zu fin­den, ist für die Zukunft unse­rer Gesell­schaft von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Initia­ti­ven wie die Ihre kön­nen hier­zu einen gro­ßen Bei­trag leis­ten.“ Natür­lich fand der Auf­tritt den­noch statt – nicht etwa, weil sich doch noch die deut­sche oder schwei­zer Poli­tik ein­ge­schal­tet hät­te, son­dern weil Zuflucht Kul­tur im Eil­ver­fah­ren neue (syri­sche) Geflüch­te­te ein­lern­te.

Erst, die Syrer, dann andere Araber, dann Afghanen, Schwarzafrikaner und ganz zum Schluss Sinti und Roma

Unter die­sen Vor­zei­chen ist es fast erstaun­lich, dass intern nicht noch mehr Span­nun­gen zwi­schen den Geflüch­te­ten spür­bar sind. Bun­des­po­li­tisch wer­den die Syrer fort­wäh­rend bevor­zugt. Ihre Anträ­ge gehen in weni­gen Mona­ten durch, wäh­rend längst bes­tens inte­grier­te Men­schen ande­rer Natio­na­li­tä­ten Jah­re war­ten müs­sen oder heim­ge­schickt wer­den. So ging etwa die Geschich­te des Afgha­nen und bil­der­buch­haft inte­grier­ten Zuflucht-Kul­tur-Dar­stel­lers Ahmad Shakib Pou­ya, der trotz Ein­satz sei­nes Arbeit­ge­bers IG Metall, deutsch­land­wei­ten Unter­schrif­ten­ak­tio­nen und neben Zuflucht Kul­tur auch dem Ein­satz vie­ler wei­te­rer Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen wie den Münch­ner Kam­mer­spie­le und dem Münch­ner Gärt­ner­platz­thea­ter, groß durch die Pres­se. Den­noch  muss­te Pou­ya aus­rei­sen, durf­te nun zwar befris­tet für ver­schie­de­ne Kul­tur­pro­jek­te wie­der ein­rei­sen, muss aber täg­lich um sei­ne Abschie­bung fürch­ten – sobald ein­mal nicht naht­los ein wei­te­rer Gast­spiel­ver­trag folgt. Kein Wun­der, dass es Neid gibt auf die Syrer, die sol­chen Psy­cho­ter­ror nicht aus­zu­hal­ten haben. Kein Wun­der, dass es inner­halb der Geflüch­te­ten eine Art Natio­na­li­tä­ten-Hier­ar­chie gibt, befeu­ert von der euro­päi­schen Poli­tik.

Ein­mal erschie­nen bei Zuflucht Kul­tur die Nicht-Syrer plötz­lich nicht mehr zur Pro­be. Was war gesche­hen? Tags zuvor wur­de die „Idomeneo“-Szene mit Elek­t­ras Tod insze­niert, gespielt von einer der deut­schen Pro­fi­sän­ge­rin­nen. Der Regis­seur ließ sie von den vier nächst­ste­hen­den Geflüch­te­ten fei­er­lich von der Büh­ne tra­gen. Zufäl­lig waren es Syrer. Die Geflüch­te­ten ande­rer Natio­na­li­tä­ten fühl­ten sich benach­tei­ligt – und blie­ben belei­digt daheim. Die Hier­ar­chi­en füh­ren so immer wie­der zu uner­war­te­ten Her­aus­for­de­run­gen auch für die Regie­teams.

Du hast mich angefasst!

Die künst­le­ri­sche Arbeit mit Geflüch­te­ten gleicht zuwei­len einem Tanz auf glü­hen­den Koh­len – doch mehr wegen des Ver­hal­tens Außen­ste­hen­der als der Teil­neh­men­den. Unend­lich vie­le Brü­cken wur­den hier in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gebaut. Neben der eigent­li­chen künst­le­ri­schen Arbeit wur­den über Zuflucht Kul­tur Woh­nun­gen ver­mit­telt oder mit Büro­kra­tie gehol­fen, inni­ge Freund­schaf­ten geschlos­sen und Sti­pen­di­en beschafft. Und immer wie­der rüh­ren­de Sze­nen: Von der aus­län­der­feind­li­chen Klein­städ­te­rin, die jeden Ter­ror­an­schlag mit den Wor­ten „Das ist jetzt die Quit­tung dafür, dass wir eine Mil­li­on Flücht­lin­ge rein­ge­las­sen haben“ quit­tier­te, und die sich bei der gemein­sa­men Zube­rei­tung von Häpp­chen für eines der Pro­jek­te herz­lich mit einem geflüch­te­ten Afgha­nen anfreun­de­te, von jun­gen männ­li­chen Geflüch­te­ten, die der Pro­du­zen­tin im Rama­dan nicht die Hand geben woll­ten, und am Ende, über die Kör­per­lich­keit des Thea­ters ver­bun­den, gemein­sam mit ihr tanz­ten und san­gen, von Ver­schmel­zun­gen in der und durch die Musik, wenn eine Mozart­sche Kolo­ra­tur plötz­lich in ara­bi­schen Gesang über­geht und umge­kehrt. Und immer wie­der die Erkennt­nis, dass es „die Flücht­lin­ge“ nicht gibt. Denn plötz­lich sind da Ahmad, Rami, Ayden oder Sar­mad, jun­ge, cha­rak­ter­star­ke Men­schen, die genau so ger­ne Chips essen und Was­ser­pfei­fe rau­chen wie ihre euro­päi­schen Pen­dants, die gemein­sam haben, dass sie ihre Hei­mat ver­las­sen muss­ten, ja, aber die in ers­ter Linie eins sind: ken­nen­ler­nens­wer­te Indi­vi­du­en, denen man ohne Pro­jek­te wie die von Zuflucht Kul­tur viel­leicht gar nie begeg­net wäre.

 

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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