Operetta Research CenterDie Fundgrube der Genregeschichte

Operetta Research Center

„Warum haben wir von vielen Stücken ein so katastrophales Bild?“, fragt Kevin Clarke vom Operetta Research Center (ORC). Der Musikwissenschaftler und Journalist erforscht die kurze, aber wechselvolle Geschichte dieser oft belächelten Gattung.  

crescendo: Wo liegt heutzutage das Problem der Operette?

Kevin Clarke: Es gibt dieses Klischee, dass Operette banal sei, dass es da nichts zu entdecken gibt, weder inhaltlich noch musikalisch noch im Hinblick auf den historischen Kontext. Eines der Ziele des ORC ist es darauf hinzuweisen, dass es diesen interessanten Kontext doch gibt.

Was macht das ORC genau?

Wir versuchen als weitgehend privat finanzierte Institution, Informationen rund um das Thema Operette zusammenzutragen. Dabei ist das Ziel zum einen, möglichst auf die Verbindung von Operette und Musical hinzuweisen, und zum anderen, das Genre auch als international zu begreifen, also sich zum Beispiel nicht nur auf die Wiener Operette oder Offenbach zu beschränken, sondern zu zeigen, dass es zwischen all diesen Arten der Operette Verbindungs­linien gibt.

Was ist denn überhaupt eine Operette? Wie kann man dieses Genre historisch und gattungsgeschichtlich fassen?

Die Operette ist vor allem als historische Form des kommerziellen Unterhaltungstheaters zu definieren. Das, was wir heute als Operette verstehen, geht im Wesentlichen auf das zurück, was circa 1850 in Paris durch Offenbach und Hervé entstanden ist. Das war eine sehr spezielle Spielart des Musiktheaters, die auch an anderen Bühnen und nicht nur an der Opéra comique lief, sondern in sogenannten Off-Theatern, wie man heute sagen würde. Bei Emile Zola werden beispielsweise Theater beschrieben, die auch als „Bordell“ bezeichnet wurden. Da verkehrte ein sehr elitäres männliches Publikum um sich mit Halbwelt-Damen zu treffen. Man setzte sich aber auch ab von den Etablissements, die das Bürgertum frequentierte. Diese besondere gesellschaftliche Situation hat es erst möglich gemacht, dass in der Operette Geschichten erzählt werden konnten, die von der Norm abweichen. Es gab sehr viel mehr sexuelle Freiheiten. Dadurch waren gerade die frühen Stücke von Offenbach und Hervé oft ein Skandal, aber auch unglaublich populär, vornehmlich bei einem Männerpublikum. Das war die Urform der Operette.

Wie kam es dann zu diesem Bedeutungsschwund, unter dem die Operette bis heute leidet?

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In den 1880er-Jahren kam es zu einem Umschwung. Das Genre wurde populär, immer mehr Menschen wollten Operetten sehen. Und in dem Moment, in dem der Mainstream dort ankam und Wiener-Walzer-Seligkeit haben wollte, verschoben sich die Koordinaten, weil dieser Mainstream natürlich ganz andere Moralvorstellungen hatte. Es entwickelte sich eine andere Form der Operette, die sehr viel moralischer war und in die „gute alte Zeit“ zurückblickte. Ein erotischer Kitzel sollte bleiben, aber zum Schluss sollten die Helden dann doch im Hafen der Ehe landen. Die Operette vom Typus Offenbachs und Hervés wanderte ab den 1890er-Jahren in Form von Vaudeville- oder Cabaret-Operetten auf kleinere Bühnen ab. Im weiteren Verlauf bewegt sich die Operettengeschichte zwischen diesen beiden Extrempolen, allerdings gibt es viele verschiedene Spielarten, zum Beispiel die Revue-Operette, die Walzer-Operette, die Jazz-Operette. In Deutschland ging die Entwicklung bis 1933, weil die Nationalsozialisten die elitäre, eigentlich auch sehr innovative Form der Operette dann komplett gekappt und die nostalgische Operette protegiert haben. Und dieses Bild lebt seitdem leider fast ausschließlich fort.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund denn die Diskussion um die Inszenierung der Operette Die große Sünderin von Eduard Künnecke in Leipzig, die derzeit in der Presse sehr kontrovers diskutiert wird? Die Operette ist einerseits als populäres Unterhaltungsstück in der Nazi-Zeit entstanden, andererseits war das zeitweilige NSDAP-Mitglied Künnecke bis zu seinem Parteiausschluss wegen „nichtarischer Versippung“ auch unter den Nazis noch mit Sondergenehmigung tätig.

Ich finde sehr spannend, dass das Theater das macht. Es ist nicht nur legitim, sondern auch gut, dass diese Werke zur Diskussion gestellt werden. In diesem Fall vermisse ich aber ein bisschen die Diskussion, was das eigentlich für ein Werk ist, wieso etwa dieses Werk 1935 an der Staatsoper Unter den Linden aufgeführt worden ist. Historisch ist das wahnsinnig spannend. Wenn man das aber als 08/15-Operette aufführt, dann fällt man wieder auf diese fatale Nazi-Falle rein, dass Operette eben keinen intellektuellen Anspruch habe und dass das nur eine Berieselungsmusik sei. Das ist sehr schade. Das spricht mich ästhetisch nicht an und verharmlost ein Stück, bei dem es sehr viel mehr rauszuholen gäbe. Es hätte Möglichkeiten gegeben, ein Bewusstsein für den Kontext zu schaffen.

Spielt die Operette bis auf die Aufführung von historischen Werken heutzutage noch eine Rolle oder wird sie durch das Musical als kommerzielles Unterhaltungstheater abgelöst?

Das ist schon lange passiert. In Deutschland haben wir dabei eine besondere Situation, da die Geschichte der Operette ab 1933 politisch vorgegeben war. In Amerika und England gibt es eine andere Situation. Da beginnt schon in den 1920er-Jahren eine Aufteilung. Bis in die 1930er-Jahre bleibt die Operette am Broadway das kommerziell erfolgreichste Genre. Dann wird dort die Operette zunehmend zu einem nostalgischen Genre und gleichzeitig entwickelt sich das Musical als zeitgenössische Form mit zeitgenössischen Geschichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg trennt sich das radikal: Ab dann hat die Operette den Ruf weg, altmodisch zu sein und von einem älteren Publikum konsumiert zu werden, während sich das Musical als das hippe, innovative Genre weiterentwickelt. Ab den 1950er-Jahren ist die Operette als Genre tot. Die kreativen neuen Kräfte im Unterhaltungstheater sind alle im Musical-Bereich. In den letzten 10 bis 15 Jahren gab es vereinzelt aber durchaus interessante Versuche, mit dem Genre zu spielen, etwa 2006 in Los Angeles The Beastly Bombing.

Welche vernachlässigten Werke lohnte es dennoch zu entdecken?

Gerade um Offenbach und Hervé gibt es noch vieles! Hervé war seinerzeit genauso erfolgreich wie Offenbach und ist heute fast völlig vergessen. Zum anderen gibt es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Berliner Operette um Jean Gilbert und Victor Hollaender. Da gibt es auch viele Schätze zu heben.

operetta-research-center.org

Guido Krawinkel
Guido Krawinkel schreibt über alles, was mit Musik zu tun hat. Dem Studium der Musikwissenschaften in Bonn folgten Tätigkeiten in der Tonträgerbranche, beim Radio und im Verlagswesen sowie eine Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker. Als freier Journalist arbeitet Guido Krawinkel für Zeitungen, Zeitschriften und Konzerthäuser, schreibt Rezensionen, CD-Booklets und Programmeinführungen und ist Mitglied in der Jury des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Der begeisterte Chorsänger hält es mit Loriot: Ein Leben ohne Chor ist möglich, aber sinnlos.

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