Iveta Apkalna war die erste Orgelstudentin in Lettland nach dem Zerfall der streng atheistischen Sowjetunion. Heute bringt sie regelmäßig das Instrument in der Hamburger ­Elbphilharmonie zum Erbeben.

CRESCENDO: Perfekte Frisur, Etuikleid, Designerhand­tasche … Wenn ich Sie ansehe, verstehe ich, dass sogar die Modezeitschrift Vogue über Sie geschrieben hat. Über eine Organistin! Für Puristen muss das an ein Sakrileg gegrenzt haben.

Iveta Apkalna: Aber dem Instrument hat es genützt! Seit einigen Jahren erlebt die Orgel eine richtige Revolution. Früher sagten die großen Festivals regelmäßig, Orgelkonzerte sind nicht rentabel. Inzwischen nehmen sie sie ins Programm. Und ich hoffe, dass ich dazu beigetragen habe.

Wie kam das?

Ich habe immer an einen bestimmten Stil geglaubt und für ihn gekämpft. Meine Programme wurden oft zensiert. Poulencs Orgelkonzert und Saint-Saëns’ Orgelsinfonie, das kennen die Leute. Ich liebe beide Werke sehr, aber es gibt so viel mehr fantastische Orgelmusik.

Crossover? Blockbuster-Filmmusik?

Das wäre nicht ich. Nur wenn ich mir treu bleibe, kann ich auch das Publikum erreichen. Die Authentizität ist entscheidend.

Die Authentizität liegt in der Programmwahl?

Genau. Man muss nicht alles von der Renaissance bis in die Gegenwart spielen. Bei Signierstunden rede ich mit den Leuten und frage sie, was ihnen gefallen hat und was nicht. Das bestärkt mich in meiner Erkenntnis: Es geht darum, das eigene Repertoire zu finden. Ein Recital soll eine Geschichte erzählen. Danach suche ich bei jedem Konzert, auch als Hörerin, und natürlich auch bei meinen CD-Einspielungen.

Es geht darum, das eigene Repertoire zu finden. Ein Recital soll eine Geschichte erzählen“

Im September erscheint Ihr Album „Light and Dark“, die erste Orgel-Soloaufnahme aus der Elbphilharmonie. Sie haben dafür fast nur Werke zeitgenössischer oder wenig bekannter Komponisten gewählt, ähnlich wie bei Ihrem Debüt als Titularorganistin des Hauses. Nun ist es ja eine Sache, so ein Programm live zu erleben, aber eine ganz andere, es zu Hause aufzulegen.

Da ist mir nicht bange. Ich denke an diejenigen, die die Orgel hören wollen und noch nicht in der Elbphilharmonie waren. Außerdem ist das Publikum viel klüger und weniger konservativ, als manche Veranstalter meinen. Gerade ältere Leute sagen mir oft, dass ihnen das Zeitgenössische am besten gefallen hat.

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Ohne Sendungsbewusstsein geht es wohl nicht. Wie kamen Sie überhaupt dazu, Orgel zu spielen?

Das kann man nicht planen. Es liegt mir im Blut. Meine Mutter ist Pianistin, mein Großvater und Urgroßvater waren Musiklehrer und Organisten. Aber das wusste ich als Kind nicht. Man hat es mir nicht erzählt, damit ich es nicht ausplaudere. Orgel hatte ja mit Kirche zu tun, und Lettland war ein sowjetisches Land, Atheismus war vom Staat verordnet. Wer zum Gottesdienst ging, machte sich verdächtig.

Dann konnten Sie vor der Wende nicht Orgel lernen?

Nein, aber gleich danach. Die Musikschule in meiner Heimatstadt Rezekne hat die erste Orgelklasse in Lettland eingerichtet. Ich war die erste Orgelstudentin.

Orgel hatte ja mit Kirche zu tun, und Lettland war ein sowjetisches Land, Atheismus war vom Staat verordnet“

Sie hätten doch auch einfach mit Klavier weitermachen können.

Mir hat beim Klavier das Körperliche gefehlt. Als Kind wollte ich Tänzerin werden. Oder Eiskunstläuferin. Das habe ich immer geliebt, ich habe manchmal die Schule geschwänzt, um zum Schlittschuhlaufen zu gehen. Ich machte immerzu Luftsprünge und Drehungen!

Sie haben als 16-Jährige bei dem Gottesdienst gespielt, den Papst Johannes Paul II. in Lettland besuchte. Seither waren Sie immer wieder Pionierin: 2005 haben Sie als erste Organistin den ECHO Klassik als „Instrumentalistin des Jahres“ gewonnen. Und nun sind Sie Titularorganistin der Elbphilharmonie. Das klingt fast wie Bundespräsidentin. Wie geht es Ihnen mit dem Amt?

Es ist immer noch ein Hochgefühl, als wären wir noch in der Eröffnungsphase. Diese Festlichkeit ergreift mich jedes Mal, wenn ich herkomme.

Wie läuft das praktisch, haben Sie einen Schlüssel für die Elbphilharmonie?

Überhaupt nicht! Es ist nicht einfach, da das Haus sehr stark ausgelastet ist. Meine Übezeiten bekomme ich zugeteilt. Für mein Konzert im November kann ich am 22. August von 23 bis 3 Uhr morgens üben.

Nehmen Sie jemanden mit, der den Klang abhört?

Das mache ich immer allein. Das ist Erfahrungssache, da muss man auch mal scheitern. Es hat viel mit Klangvorstellung zu tun. Man hört sich selbst ja viel weniger als ein Streicher oder Bläser. In der Elbphilharmonie ist die Orgel sehr hoch. Ich sitze ganz unten und weiß nicht genau, wie es in Etage 15 klingt.

2,3 Sekunden Nachhallzeit, das ist perfekt. Die Musik verschwimmt nicht.“

Was halten Sie von der viel diskutierten Akustik?

Ich finde es gut, dass der Saal wenig Nachhall hat. 2,3 Sekunden Nachhallzeit, das ist perfekt. Die Musik verschwimmt nicht. Man muss halt sehr gut vorbereitet sein.

Für so einen riesigen Saal braucht es ein großes Klangvolumen. Wird der Klang mit zunehmender Lautstärke nicht leicht hart?

Seltsamerweise nicht. Dieses Instrument entwickelt eine Wärme, die man im ganzen Körper spürt.

Ist Ihnen die Orgel der Elbphilharmonie stilistisch variabel genug?

Sie kann einfach alles. Man fühlt sich wie ein Kind im Bonbonladen! Manche Organisten nehmen dann von allem, um den ganzen Reichtum in einer halben Stunde zu zeigen. Da wird dem Publikum irgendwann schlecht. Alle Register ziehen, das mache ich nie!

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