Der Geist der Romantik ist in Frankreichs Hauptstadt noch immer zu spüren. In einem versteckten Winkel des Pigalle-Viertels am Montmartre liegt das Musée de la Vie Romantique, das seine Besucher auf eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert schickt. In der kleinen Villa des Malers Ary Scheffer gibt es Bilder, Möbel und Schmuck zu sehen, unter anderem von der Schriftstellerin George Sand, die hier mit ihrem Geliebten Frédéric Chopin ein- und ausging. Auf einem Gemälde ist die legendäre Operndiva Maria Malibran verewigt. Charles Gounod fühlte sich schon als Kind derart in ihren Bann gezogen, dass er sein Leben der Musik widmen wollte. Ihre Schwester, die Sängerin Pauline Viardot, führte den jungen Gounod nicht nur in Scheffers Zirkel ein, sondern öffnete ihm auch die Türen der Pariser Oper.

Kerzenausblasen zum zehnten Geburtstag des Zentrums für französische Musik der Romantik.
(Foto und Foto oben: © Nicola Bertasi)

Nicht alle seine Kreationen wurden allerdings so große Erfolge wie Faust oder Roméo et Juliette. Dass auch ein lang vergessenes Werk wie Le tribut de Zamora inzwischen wiederaufgeführt wird, ist dem venezianischen Palazzetto Bru Zane und seiner engagierten Mäzenin Nicole Bru zu verdanken. Zum 200. Geburtstag des Komponisten hatte das Münchner Rundfunkorchester 2018 Gounods letztes Bühnenwerk im Prinzregententheater auf CD eingespielt. Als das Zentrum für französische Musik der Romantik jetzt seinen zehnten Geburtstag feierte, erklang beim Gala-Konzert im Théâtre des Champs-Élysées ein zackiger spanischer Tanz aus dieser Oper.

Eine großartige Sängerriege stellte mit dem Orchestre de Chambre de Paris
unter Hervé Niquet zahlreiche Trouvaillen vor.

(Foto: © Nicola Bertasi)

Mit Verve stellte eine großartige Sängerriege mit dem Orchestre de Chambre de Paris unter Hervé Niquet zahlreiche Trouvaillen vor, die der Palazzetto seit 2009 ausgegraben hat. Für ihre unermüdliche Forschungsarbeit erhielt die Stiftung in diesem Jahr einen International Opera Award und einen Preis des Magazins Oper! Links und rechts von der Bühne des Théâtre des Champs-Élysées prangten bunte Opernplakate, die das Publikum auf den musikalischen Querschnitt einstimmen sollten. Der zeitliche Bogen spannte sich vom späten 18. Jahrhundert bis zur Belle Époque.

ANZEIGE

 

Virtuos interpretierte der international preisgekrönte Solist Emmanuel Ceysson das „Concertstück“ von Gabriel Pierné auf der Harfe.
(Foto: © Nicola Bertasi)

Heiter-Skurriles wechselte sich an dem kurzweiligen Abend mit Tragik ab. So sang die Sopranistin Judith von Wanroij eine Trauerarie aus Jean-Baptiste Lemoynes Phèdre von 1786, danach lamentierte der Tenor Rodolphe Briand über einen verlorenen Hut. Dem absurden Lied J’viens d’perdr‘ mon gibus von Félix Chaudoir folgte ein dramatisches Duett der Sopranistin Véronique Gens mit dem Tenor Cyrille Dubois aus der 1900 entstandenen Oper Lancelot von Victorin Joncières, der sich von Wagner inspirieren ließ. Der stimmgewaltige Bariton Tassis Christoyannis beeindruckte mit dem Lied Extase von Camille Saint-Saëns. Einer der musikalischen Höhepunkte war das „Concertstück“ von Gabriel Pierné, das der international preisgekrönte Solist Emmanuel Ceysson virtuos auf der Harfe interpretierte.

Regisseur Romain Gilbert sorgte für Kontraste.
(Foto: © Nicola Bertasi)

Auch Regisseur Romain Gilbert sorgte für Kontraste. Am linken Bühnenrand ließ er eine Gruppe ernster, zumeist schwarzgekleideter Sänger zehn Kerzen auf einer Geburtstagstorte auspusten. Rechts vergnügte sich ein Trupp schrill kostümierter Scherzbolde zwischen bunt zusammengewürfelten Möbeln. Erst nach anfänglichem Misstrauen fanden beide Lager zueinander. Der Schauspieler und Regisseur Olivier unterhielt das Publikum mit quirligen Sprecheinlagen und gab, als Frau verkleidet, mit Briand ein Duett aus Edmond Audrans komischer Oper La mascotte zum Besten.

Heiter-Skurriles wechselte sich mit Tragik ab.
(Foto: © Nicola Bertasi)

Nicht fehlen durfte auch der Wahl-Pariser Jacques Offenbach, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag gefeiert hätte. Gleich zu Beginn spielte das Orchester die schwungvolle Ouvertüre aus seiner späten Operette Madame Favart, die in diesem Sommer von der Pariser Opéra Comique in Kooperation mit dem Palazzetto Bru Zane gezeigt wurde. In ausgelassener Champagnerlaune endete der Abend mit dem Finale aus Offenbachs La vie parisienne, zu dem alle Künstler noch einmal gemeinsam auf die Bühne kamen. Als Zugabe gab es dann noch einen Refrain aus Hervés turbulenter Komödie Les Chevaliers de la table ronde. Das Publikum liebe das Fröhliche an der Kunst, hatte Offenbach seinerzeit der Zeitung Le Figaro gesagt. Der begeisterte Applaus der Gäste im Théâtre des Champs-Élysées gab ihm wieder einmal Recht.

Weitere Informationen zum Zentrum für französische Musik der Romantik: www.bru-zane.com

Vorheriger ArtikelLöschmeister Wasserhose muss ausrücken
Nächster ArtikelBegnadeter Barde
Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here