Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

Wenn da nicht die Ego-Inten­dan­ten wären, hät­ten wir die­ser Tage wenig zu lachen: Unsi­cher­heit, war­ten auf Hilfs­gel­der und Kata­stro­phen­mel­dun­gen aus Bay­reuth. Da ist man ja fast dank­bar für ein wenig Wahn­sinn!

UNSERE KLEINEN KEVINS

Unter Para­si­ten: Uwe Eric Lau­fen­bergs Solo-Dis­kur­se im Dop­pel.

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Mein klei­ner vir­tu­el­ler Video-Schlag­ab­tausch mit Mün­chens Staats­opern­in­ten­dant Niko­laus Bach­ler hat für erschre­ckend viel Wir­bel gesorgt. In unse­rem lus­ti­gen Mail-Ver­kehr waren wir am Ende ledig­lich uneins, ob ich sei­ne You­Tube-Steil­vor­la­ge blö­de gegen die Lat­te geknallt oder in ein Wem­bley-Tor ver­wan­delt habe. Inzwi­schen hat Regie-Enfant-ter­ri­ble Frank Cas­torf nach­ge­zo­gen und dem Spie­gel erklärt, dass er sich von Ange­la Mer­kel nicht dik­tie­ren las­sen will, wann er sei­ne Hän­de wäscht. Ach, Mut­ti, drück Dei­ne ver­wöhn­ten ver­lo­re­nen Kin­der in der Kri­se doch ein­fach mal fest an Dei­nen Busen – das brau­chen sie offen­bar! Und dann hat mich noch ein ande­rer Kevin-ist-allein-zu-Haus-Inten­dant als „Para­sit“ beschimpft und mit „Klo­pa­pier“ ver­gli­chen – sei­ne Mail schick­te er in CC an den Kol­le­gen Bach­ler, qua­si um aus dem fer­nen Hes­sen nach Mün­chen zu schrei­en: „Ich, ich, ich – bin auch noch da!“ Aller­dings rief Uwe Eric Lau­fen­berg damit den Wies­ba­de­ner Kurier und Hes­sens Kunst­staats­mi­nis­te­rin Ange­la Dorn-Rancke (Grü­ne) auf den Plan, die ihn zu sich zitier­te.

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Anschlie­ßend ließ sie wis­sen, sie habe Lau­fen­berg „bei einem Dienst­ge­spräch im Minis­te­ri­um erläu­tert, dass sein Ver­hal­ten einen schwer­wie­gen­den Ver­stoß gegen dienst­li­che Pflich­ten dar­stellt“. Immer­hin! Vie­le Mit­ar­bei­ter des Wies­ba­de­ner Thea­ters haben in die­sen Tagen bei mir durch­ge­klin­gelt und mir mit Sicher­heits­ab­stand vom All­tag am Hau­se berich­tet – hei­ei­ei­ei, da braut sich eini­ges zusam­men. Ich ver­mu­te ja, dass der klei­ne Uwe Eric in Wahr­heit auch nur ein Video wie der gro­ße Niko­laus woll­te. Mei­net­we­gen. Hier, lie­ber Uwe Eric – aber damit Du nicht noch grö­ßen­wahn­sin­ni­ger wirst, habe ich den Film für Dich gut ver­steckt. Also, wenn Du es wirk­lich, wirk­lich willst – dann schau: hier

VORSICHTIGES ÖFFNEN

Ein Zei­chen, immer­hin – aber nicht viel mehr: Das Euro­pa-Kon­zert der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker

Die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker waren nicht die Ers­ten, sind aber das pro­mi­nen­tes­te Orches­ter, das ein öffent­li­ches Zei­chen gege­ben hat: In Kam­mer­mu­sik-For­ma­ti­on haben sie ihr Euro­pa-Kon­zert gege­ben, das eigent­lich in Isra­el statt­fin­den soll­te: zwei Meter Abstand zwi­schen den Strei­chern, fünf zwi­schen den Blä­sern, jeder Musi­ker wur­de auf Coro­na getes­tet – und das alles natür­lich ohne Publi­kum. Aus­ge­strahlt wur­de es im Fern­se­hen. Ein Zei­chen der Hoff­nung. Aber eben auch nicht viel mehr. So, wie die anhal­ten­de Sehn­sucht von Mar­kus Hin­ter­häu­ser und ande­ren Inten­dan­ten, dass die Salz­bur­ger Fest­spie­le irgend­wie statt­fin­den. Aber sei­en wir ehr­lich: Der­ar­ti­ge Kon­zer­te sind gut für die Moral der Musi­ker und viel­leicht auch für das Stamm­pu­bli­kum – aber sie sind kei­ne lang­fris­ti­ge Lösung, weil sie viel zu teu­er, zu exklu­siv und am Ende auch musi­ka­lisch zu begrenzt sind.

Luzern jeden­falls hat inzwi­schen sein Som­mer­fes­ti­val abge­bla­sen, und auch Simon Ratt­le sag­te in einem Zoom-Gespräch mit Alan Gil­bert, dass er nicht vor Novem­ber an Kon­zer­te den­ke – wenn über­haupt. Noch rea­lis­ti­scher sind da die pri­va­ten Ver­an­stal­ter: Peter Schwen­kow macht mit sei­ner DEAG der­zeit monat­lich erheb­li­che Ver­lus­te, erklärt aber, dass nicht ein­mal die poli­ti­sche Ent­schei­dung das Ende sei­ner Sor­gen bedeu­tet: „Selbst danach ist offen, ob die Fans noch Angst haben und vor den Besu­chen zögern und ob die Künst­ler ver­füg­bar sind. Vor dem Früh­jahr 2021 wird sich wohl nichts wesent­lich ändern.

DIE LASCHETISIERUNG DER KULTUR

Will im Sep­tem­ber wie­der spie­len: die Mai­län­der Sca­la

Die „Lascheti­sie­rung“ der Kul­tur schrei­tet vor­an. Vie­len Inten­dan­ten kann es mit der Öff­nung der­zeit nicht schnell genug gehen: Die Opern in Nord­rhein-West­fa­len wol­len die Poli­tik zu kon­kre­ten Aus­sa­gen zwin­gen. „Ziel muss“ es sein, heißt es, „den Vor­stel­lungs­be­trieb bald­mög­lichst, jedoch spä­tes­tens ab dem 1. Sep­tem­ber 2020, wie­der­auf­zu­neh­men“. Als ob Viren sich an For­de­run­gen hal­ten. Ähn­lich drän­gend der Brief der Gene­ral­mu­sik­di­rek­to­ren an Moni­ka Grüt­ters: Sie for­dern „jetzt drin­gend kla­re und belast­ba­re Rah­men­be­din­gun­gen und Vor­ga­ben sei­tens der Poli­tik bzw. der Gesund­heits­äm­ter“.

Wie stel­len sich die Inten­dan­ten den Betrieb denn vor? Wel­ches Publi­kum ist dabei, wenn jeder zwei­te oder drit­te Platz frei­blei­ben muss? Der Chef des durch sei­ne inter­na­tio­na­len Musi­ker beson­ders gebeu­tel­ten Gus­tav Mah­ler Jugend­or­ches­ters, Alex­an­der Meraviglia, schrieb mir nicht ganz zu Unrecht: „Also, wenn die Luft­han­sa (natür­lich aus rei­nen Kos­ten­über­le­gun­gen) argu­men­tiert, dass Mund­schutz statt frei­em Neben­sitz für die Gesund­heit aus­reicht– dann soll­te das auch für Zuschau­er in Oper und Kon­zert gel­ten.“ 

Frag­lich, ob Domi­ni­que Mey­er Wort hal­ten kann und sei­ne Mai­län­der Sca­la im Sep­tem­ber mit Ver­dis Requi­em eröff­net – auf jeden Fall stell­te er schon Mal außer­plan­mä­ßig die „Volks­opern“ Aida, Tra­via­ta und Bohè­me auf das Pro­gramm.

GUTE IDEEN

Erklärt gro­ße Wer­ke mit Kam­mer­mu­sik­ensem­bles: Joana Mall­witz.

Prag­ma­tisch dage­gen: Die Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker hel­fen der Stadt in Tele­fon­hot­lines oder im Lager aus. Der Orga­nist Came­ron Car­pen­ter pack­te sei­ne Giga-Tou­ring­or­gel in Ber­lin auf einen Las­ter, hielt vor Alten­hei­men und ande­ren Ein­rich­tun­gen und spiel­te. Das Augs­bur­ger Staats­thea­ter ver­schickt per­sön­li­che musi­ka­li­sche Gruß­bot­schaf­ten. Sehens­wert: Nürn­bergs Gene­ral­mu­sik­di­rek­to­rin Joana Mall­witz erklärt in Kam­mer­mu­sik-Ver­si­on die Sieb­te Sin­fo­nie von Beet­ho­ven. Und dann ist da noch das DRIVE&LIVE der Musik­land­schaft West­fa­len: Ein Klas­sik-Auto­ki­no, in dem vom 15. Mai an neben Jus­tus Frantz auch Felix Klie­ser oder Chris­toph Eschen­bach live in Bor­ken auf­tre­ten wer­den.

HORROR-JAHR FÜR BAYREUTH 

Sor­ge um Bay­reuths Fest­spiel­che­fin Katha­ri­na Wag­ner, die auf län­ge­re Frist erkrankt ist und die Bay­reu­ther Geschäf­te der­zeit nicht wahr­neh­men kann – Heinz-Die­ter Sen­se wird ihre Auf­ga­ben zwi­schen­zeit­lich wahr­neh­men. Alex­an­der von Schön­burg von BILD ist der wohl beknack­tes­te Kom­men­tar in einer der­ar­ti­gen Situa­ti­on gelun­gen: „Ganz Bay­reuth hofft auf eine schnel­le Erho­lung Katha­ri­na Wag­ners. Nicht unbe­dingt aber auf ihre Rück­kehr auf den Chef­ses­sel.“ Was für ein Jahr: Pres­se­spre­cher Peter Emme­rich ist ver­stor­ben, und die Fest­spie­le muss­ten wegen Coro­na ver­scho­ben wer­den – ich wün­sche Katha­ri­na Wag­ner viel Kraft für eine bal­di­ge und gute Gene­sung.

HILFE, WO BLEIBT DIE HILFE?

Wer­den ihre Ankün­di­gun­gen auch umge­setzt – über Moni­ka Grüt­ters spal­ten sich die Mei­nun­gen.

Vor­an ging es in der letz­ten Woche beim Run­den Tisch des Deut­schen Bühe­nen­ver­eins. Dort wur­de ein Kurz­ar­bei­ter-Tarif­ver­trag für Stadt­thea­ter (und für Gäs­te) abge­schlos­sen. Ange­stell­te mit weni­ger als 2.757 € brut­to bekom­men 100% vom Net­to, zwi­schen 2.757 und 4.990 € brut­to min­des­tens 95%, mehr als 4.990 € brut­to min­des­tens 90%. (Alle Ver­ein­ba­run­gen hier). Wäh­rend die Ber­li­ner Zei­tung schon über den neu­en Vor­stoß von Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters jubel­te (ein Fonds für Pro­jek­te, die Mög­lich­keit, Aus­fall­ho­no­ra­re zu zah­len und die Abstim­mung eines Bun­des­fonds), macht sich nun Ernüch­te­rung breit. Die Initia­ti­ve Kul­tur­schaf­fen­der erklärt, dass es – anders als von der Minis­te­rin ange­kün­digt – kein bun­des­ein­heit­li­ches Ver­fah­ren beim Sozi­al­schutz­pa­ket gebe. Den Wor­ten von Grüt­ters wür­den kei­ne Taten fol­gen: „Lei­der muss­ten wir … fest­stel­len, dass das Sozi­al­schutz­pa­ket in diver­sen Fäl­len nicht greift. Ver­mö­gens­prü­fun­gen fin­den grund­sätz­lich trotz­dem statt und sind nicht aus­ge­setzt. Neben der all­ge­mei­nen Ver­mö­gens­gren­ze von 60.000 Euro der Per­son selbst exis­tie­ren wei­te­re Ein­zel­gren­zen, z.B. darf ein pri­va­tes Kraft­fahr­zeug mit einem Zeit­wert von mehr als 7.500 Euro nicht behal­ten wer­den. Dar­über hin­aus irri­tier­te vor allem, dass wil­li­ge Antrag­stel­ler immer wie­der bei Ein­rei­chung des ver­ein­fach­ten Antrags auf den nor­ma­len Antrag vor dem Sozi­al­schutz­pa­ket ver­wie­sen wer­den – in unter­schied­li­chen Kon­stel­la­tio­nen.“ Vor­bild­lich trans­pa­rent geht das Kon­zert­haus Ber­lin vor, das die Rege­lun­gen der Stif­tung Oper in Ber­lin auf sei­ner Sei­te ver­öf­fent­licht: Für Vor­stel­lungs­ga­gen unter 1.000 € brut­to erfolgt eine Aus­zah­lung von bis zu 70 % pro Vor­stel­lung, maxi­mal jedoch 300 € pro Vor­stel­lung, für Vor­stel­lungs­ga­gen ab 1.000 € brut­to erfolgt eine Aus­zah­lung von bis zu 25 %, maxi­mal jedoch 10.000 € je Gast­künst­ler pro Spiel­zeit, Nach­ge­wie­se­ne nicht stor­nier­ba­re Rei­se- und Über­nach­tungs­kos­ten wer­den erstat­tet, die Rege­lung fin­det rück­wir­kend ab dem 13.03.2020 Anwen­dung.

UND SONST SO?

Lynn Har­rell – eine Cel­lis­ten-Legen­de ist tot.

Alex­an­der Buhr von DECCA wird neu­er A&R‑Chef bei Sony Clas­si­cal und damit einer der wich­tigs­ten Mit­ar­bei­ter für Sonys Klas­sik-Chef Per Hau­ber. +++ Mit der Ver­län­ge­rung des Beet­ho­ven-Jubi­lä­ums­jah­res BTHVN2020 soll auch – so ist zu hören – der Ver­trag von Beet­ho­ven­fest-Inten­dan­tin Nike Wag­ner um ein Jahr ver­län­gert wer­den. Die Suche nach einer Nach­fol­ge­rin oder einem Nach­fol­ger scheint sich zu stre­cken. +++ Der Münch­ner Kon­zert­ver­an­stal­ter Georg Hört­na­gel ist gestor­ben. Die SZ ruft ihm nach: „Auf­ge­wach­sen auf einem Bau­ern­hof im All­gäu lern­te Hört­na­gel früh alle mög­li­chen Instru­men­te spie­len, mit 14 Jah­ren mach­te er heim­lich die Auf­nah­me­prü­fung am Augs­bur­ger Kon­ser­va­to­ri­um. (…) Die Agen­tur, die sei­nen Namen trägt, betrieb und lei­te­te Hört­na­gel bis vor weni­gen Jah­ren selbst. Er wur­de 93 Jah­re alt.“ +++ Abschied auch von der Cel­lis­ten-Legen­de Lynn Har­rell,: „Sein Erken­nungs­zei­chen: die­ser wei­che, sam­ti­ge Ton, der das Ohr anweht wie ein Luft­hauch und dabei eine kla­re, fest­ge­füg­te Bot­schaft trans­por­tiert“, schreibt der BR, „Für Lynn Har­rell war das Cel­lo eine wei­te­re Stim­me – weni­ger ein Instru­ment als mehr ein Organ, mit dem der Mensch all das äußern konn­te, was sei­ne See­le bewegt. Ganz nah sol­le der Musi­ker sei­nem Instru­ment sein.

Und nun noch ein Lese-Tipp: Die Schau­spie­le­rin Maria Schra­der, die in der Net­flix-Serie Unor­tho­dox Regie geführt hat, spricht mit mei­nem Kol­le­gen Rüdi­ger Sturm über ihre musi­ka­li­sche Sei­te: „Ich wünsch­te, ich hät­te gelernt, wie man impro­vi­siert. Dann wäre ich unter Umstän­den dem Kla­vier auch treu­er geblie­ben.

Und weil wir mit den Inten­dan­ten begon­nen haben: auch die­se Woche geht der Preis für den ver­ant­wor­tungs­volls­ten, cools­ten und läs­sigs­ten Chef wie­der an die Komi­sche Operauch wegen die­ses Inter­views.

In die­sem Sin­ne: Hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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