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Foto: Rafael Toussaint IN+OUT Records

Er war „Der Mann am Klavier“: Paul „Paulchen“ Kuhn widmete sich sein Leben lang der Musik. Als Pianist, Bandleader, Komponist und Sänger gab er seine Begeisterung an das Publikum weiter. Seine Karriere begann, als ihm der Onkel zu Weihnachten ein Akkordeon schenkte, mit dem der erst sechsjährige Junge auf Festen und in Kneipen spielte, um die kleine Familienkasse aufzubessern. Als der Krieg kam, ließ er sich mit einem Freund in die Brandwache des musischen Gymnasiums einteilen, um heimlich auf dem Dachboden Radio hören zu können. In den verbotenen Programmen der BBC lauschten sie – unter einer Decke versteckt  – die Musik von Glenn Miller und anderen Jazzkünstlern. Da beschloss Paul Kuhn, sobald der Krieg vorbei wäre, Jazzmusiker zu werden. Nach Kriegsende begann er jedoch ein klassisches Musikstudium am Wiesbadener Konservatorium. Seine Eltern wünschten sich, dass er Konzertpianist würde. So spielte Paul Kuhn tagsüber Bach und nachts Duke Ellington. Mit selbst gegründeten Ensembles trat er in Bars für die GIs auf. Die Gage waren Zigaretten, Kaffee und Notenhefte aus Amerika. Als einziger Deutscher wurde er beim Soldatensender AFN als Bandleader angestellt. In den fünfziger Jahren komponierte Kuhn Unterhaltungsmusik und wurde durch den von Horst-Heinz Henning komponierten Schlager „Der Mann am Klavier“ einem breiten Publikum bekannt. Obwohl sein Herz weiterhin dem Jazz und insbesondere dem Swing gehörte, folgten weitere Schlager wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ und „Jeden Tag, da lieb ich dich ein kleines bisschen mehr“. Seine unglaubliche Bühnenpräsenz verhalf ihm zu eigenen Formaten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. In Sendungen wie „Pauls Party“ und „Hallo Paulchen“ zeigte sich sein Talent als Entertainer. Auch als Schauspieler hatte er Erfolg: Im Fernsehfilm „Der Mann am Klavier“ verkörperte sich Paul Kuhn 1985 selbst. Zwölf Jahre lang leitete er das Unterhaltungsorchester des Senders Freies Berlin. Als das Orchester 1980 aufgelöst und sein Plattenvertrag gekündigt wurde, wagte er mit seinem eigenen Orchester und dem „Paul Kuhn Trio“ einen Neuanfang. Nach 50 Jahren bekam er endlich die volle Anerkennung als Jazzmusiker. 2011 erfüllte Paul Kuhn sich einen großen Traum: zum 85. Geburtstag reiste er nach Los Angeles und nahm gemeinsam mit John Clayton und Jeff Hamilton sein Album „The L.A. Session“ auf. Die drei Jazzgrößen spielten in den Capitol-Studios, wo schon Frank Sinatra und Nat King Cole musizierten. „Meine Auftritte machen mich glücklich. Ich mache weiter, bis der liebe Gott mir beim Klavierspielen auf die Finger klopft und sagt: Jetzt reicht‘s!“, sagte Kuhn einmal mit seinem verschmitzten Lächeln. Er spielte bis zuletzt.

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