Paula Bosch Von Winzern, Wein und Weisheit

Paula Bosch ist die bekannteste Sommelière Deutschlands. Kein Wunder: Sie lebt ihre Passion. Ohne Seitenblicke auf Eitelkeit und laue Moden.

Aus ihrem Fai­ble für fran­zö­si­schen Bor­deaux, deut­schen Ries­ling und Grü­nen Velt­li­ner aus Öster­reich macht Pau­la Bosch kein Geheim­nis. Dar­über hin­aus lässt sie sich aber nicht auf einen Lieb­lings­wein fest­le­gen. Statt­des­sen fahn­det sie stän­dig nach Trop­fen von hoher Qua­li­tät – rund um den Glo­bus, bei eta­blier­ten Win­zern oder jun­gen Talen­ten, auf Mes­sen, in Restau­rants oder im Rah­men von Ver­kos­tun­gen. Ist sie fün­dig gewor­den, lässt sie es aber nicht bei einer Pro­be bewen­den. Idea­ler­wei­se beob­ach­tet und degus­tiert sie Wei­ne über Jah­re hin­weg. Denn nur im Ver­gleich kön­nen die von ihr aus­er­wähl­ten bewei­sen, dass sie kei­ne Ein­tags­flie­gen waren, son­dern Dau­er­bren­ner auf gleich­blei­bend hohem Level sind. Ihr stren­ges Urteil fällt Pau­la Bosch stets nach Kri­te­ri­en wie Far­be, Geruch, Geschmack und Tex­tur, die sie seit Beginn ihrer Kar­rie­re akri­bisch in Notiz­bü­chern fest­hält und spä­ter samt ver­tie­fen­den Infor­ma­tio­nen aus­for­mu­liert.

Ent­de­cken und emp­feh­len – in die­ser kur­zen For­mel lässt sich die Pas­si­on von Pau­la Bosch zusam­men­fas­sen. Bis vor sie­ben Jah­ren tat die 1956 Gebo­re­ne das als fest­an­ge­stell­te Som­me­liè­re, die sich mit breit gefä­cher­tem Wis­sen, uner­müd­li­chem Fleiß und gro­ßem Ehr­geiz als ers­te Frau der Bran­che ihren Weg in die Spit­zen­gas­tro­no­mie erkämpf­te: ange­fan­gen in der Wein­stu­be Lei­meis­ter im Tau­nus über das Hotel Inter-Con­ti­nen­tal in Köln und das Düs­sel­dor­fer Restau­rant Vic­to­ri­an bis hin zum Gour­met­tem­pel Tan­tris in Mün­chen, wo Pau­la Bosch 20 Jah­re blieb. 2011 ent­schied sie sich von hier aus zum Schritt in die Selbst­stän­dig­keit, weil ihrer Ansicht nach „jeder Star recht­zei­tig von der Büh­ne abtre­ten soll­te“. Seit­her hat sie zwei Bücher für den Call­wey Ver­lag geschrie­ben, pro­fes­sio­nel­lem Nach­wuchs eben­so wie inter­es­sier­ten Lai­en Kur­se gege­ben, zahl­lo­se Wein­pro­ben orga­ni­siert und mode­riert, Gas­tro­no­men bera­ten, Wei­ne für Events aus­ge­wählt – von der pri­va­ten Fei­er bis hin zu Fes­ti­vals wie „Kuli­na­rik & Kunst“ am Arl­berg – und ihre Inter­net­sei­te auf­ge­baut. „Vie­le Ver­su­che, die nicht alle gut gelau­fen sind“, resü­miert sie. „Zum Glück hat­te ich durch Erspar­nis­se von frü­her finan­zi­ell Luft für eini­ge Jah­re. Offen­sicht­lich muss man für sei­nen Erfolg vor allem viel Zeit inves­tie­ren und auch war­ten kön­nen.“

Offen­sicht­lich muss man für sei­nen Erfolg vor allem viel Zeit inves­tie­ren und auch war­ten kön­nen“

Momen­tan hat sie meh­re­re Eisen gleich­zei­tig im Feu­er: Für eine Inter­net-Platt­form wird sie als Con­sul­tant Wein­emp­feh­lun­gen geben und Wei­ne beur­tei­len, in die Anle­ger im Stil von Blue Chips inves­tie­ren kön­nen. Für Sicher­heit sor­gen dabei die Garan­tie auf ori­gi­nal­ver­pack­te Fla­schen und fach­ge­mä­ße Lage­rung der edlen Trop­fen. Ergän­zend zu einer Spi­ri­tuo­sen-Edi­ti­on, die sie bereits in Koope­ra­ti­on mit Brand­statt „r“ von Rei­set­bau­er Juni­or anbie­tet, geht eine wei­te­re mit Wei­nen in Serie: Peu à peu sucht Pau­la Bosch die Trop­fen per­sön­lich aus, ver­sieht sie – zusätz­lich zum Eti­kett des Win­zers – mit ihrem Sie­gel und ver­treibt sie über Wein­gü­ter und den Fach­han­del. Außer­dem will sie auf ihrer Sei­te Wein-Acces­soires anbie­ten, ab Okto­ber alle sechs bis acht Wochen für ein Dut­zend Gäs­te drei­stün­di­ge Events zu inter­na­tio­na­len Wei­nen aus weni­ger bekann­ten Regio­nen ver­an­stal­ten, von der Schweiz bis Grie­chen­land. Im Visier hat sie über­dies Kräf­te aus der Gas­tro­no­mie, die sich von einem Pro­fi wei­ter­bil­den las­sen wol­len – egal ob in der Aus­wahl von Wei­nen, im Ser­vie­ren oder im Griff zum rich­ti­gen Glas. Über Letz­te­res macht sich Pau­la Bosch näm­lich auch schon lan­ge Gedan­ken und tüf­telt mit Fach­leu­ten hart­nä­ckig an der opti­ma­len Form.

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An Ide­en man­gelt es ihr ein­deu­tig nicht, eben­so wenig an ein­schlä­gi­gen Kon­tak­ten, Ener­gie und Unter­neh­mungs­lust. Und wäh­rend sie all die­se Pro­jek­te ver­folgt, pen­delt sie zwi­schen einer Woh­nung in Mün­chen und ihrem Eltern­haus am Boden­see, dane­ben reist sie regel­mä­ßig. „Ich brau­che immer ein biss­chen Zeit zum Ankom­men, lang­sam fehlt mir ein Lebens­mit­tel­punkt“, räumt sie ein. Ande­rer­seits steckt sie als „Rei­se­tan­te“ vol­ler Neu­gier. Zum Bei­spiel auf Istri­en, wo sie im Herbst noch mehr über Land, Win­zer und Wei­ne erfah­ren will. Zu Recht stolz ist Pau­la Bosch auf ihr Renom­mee als Wein­ken­ne­rin, die sich ihr pro­fun­des Know-how über vier Jahr­zehn­te hin­weg erar­bei­tet hat und wei­ter­hin „nicht locker“ lässt. Gleich­zei­tig sind „bru­ta­les Lam­pen­fie­ber“ und „ein schwa­ches ­Selbst­ver­trau­en“ bis heu­te ihre Weg­be­glei­ter; das im Früh­jahr bei Call­wey erschie­ne­ne Buch „Wein genie­ßen“ ­bezeich­net sie als „Zan­gen­ge­burt“, weil ihr nach all den Vor­ga­ben der Pro­jekt­lei­tung so man­cher Text „schwer aus der Feder geflos­sen ist“ und der eine oder ande­re Bei­trag im Papier­korb lan­de­te. „Beschei­den­heit ist eine Zier, doch wei­ter kommt man ohne ihr“, kom­men­tiert sie ihr Man­ko. Doch lie­ber lebt sie mit die­sem Zwie­spalt, statt selbst­ver­liebt wie so man­cher „Influ­en­cer“ zu sein. „Bald jeder Som­me­lier hat heu­te sei­nen eige­nen Blog. Auch wenn er viel zu wenig Erfah­rung hat, schreibt er über Zusam­men­hän­ge oder Wei­ne, die er nur aus sei­nen Träu­men kennt“, ärgert sie sich. „Oder er ver­wen­det Begrif­fe wie ‚karaf­fie­ren‘ anstel­le von ‚dekan­tie­ren‘ – eine idio­ti­sche Erfin­dung, über­flüs­sig und falsch.“ Für Pau­la Bosch selbst ist die Fas­zi­na­ti­on für Wein ein „lan­ger, nicht enden wol­len­der Lern­pro­zess“. Schön, dass der Stoff Jahr für Jahr neue Über­ra­schun­gen bie­tet.

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Antoinette Schmelter-Kaiser
Drei Studienorte (Freiburg, Paris, München), sieben Umzüge: Antoinette Schmelter-Kaiser ist viel herumgekommen. Für noch mehr Abwechslung sorgt ihr Beruf als Journalistin: Zehn Jahre war sie Redakteurin bei Miss Vogue, ELLE und Allegra. Seit 1998 arbeitet sie als freie Autorin für (Kunden-)Magazine und Internetportale. Kür neben ihrem Pflichtprogramm im Home Office sind Interviews, regelmäßige Besuche von Kulturevents und Reisen.

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