CRESCENDO-Weinkolumnistin Paula Bosch entdeckt Weinperlen in den kleinen Weingütern im Trentino, die man nicht bei jedem Weinkenner im Keller findet. 

Weinfreunden und all jenen, die glauben, es gäbe für sie nichts mehr zu entdecken, empfehle ich einen Abstecher ins Trentino. Ein Besuch bei der Königin des Teroldego, Elisabetta Foradori, beschert einem nicht nur ihren weltweit geschätzten Granato, sondern auch ihren heimlichen Weißweinstar aus der autochthonen Rebsorte Nosiola. Unweit entfernt liegt ein völlig unbekanntes kleines Weinjuwel mit prominenter Verbindung zu Wolfgang Amadeus Mozart, der Palazzo Lodron in Nogaredo.

San Leonardo
Das Weingut San Leonardo in Trentino
(Foto: © Tenuta San Leonardo)

Meine persönliche Überraschung kommt von einem ganz großen, stets leisetretenden Vertreter der großen Rotweinblends à la Bordeaux, der Tenuta San Leonardo. Obwohl ich den Topwein San Leonardo jahrelang serviert habe, ist meine Entdeckung in diesem Jahr ein anderer – der sortenrein ausgebaute Carmenère 2016 ist eine Reise ins Trentino wert.

DIE AZIENDA AGRICOLA FORADORI IN MEZZOLOMBARDO

Die Azienda Agricola Foradori
Von Bozen Richtung Süden sind es bis zum Weingut der Foradoris in Mezzolombaro knapp 50 Kilometer.
(Foto: © Azienda Agricola Foradori)

Mit Fontanasanta geht Elisabetta Foradori, die Grande Dame des einst rustikalen Teroldegos, mit ihren Söhnen Emilio und Theo neue Wege, während Tochter Myrtha eine Gemüsefarm betreibt.

Elisabetta Foradori und ihre Kinder
Elisabetta Foradori mit ihren Söhnen Emilio und Theo sowie ihrer Tochter Myrtha
(Foto: © Azienda Agricola Foradori)

Ihre Vorsätze auf dem Weingut, mit den Weinen, der Natur und dem Menschen die größtmögliche Harmonie und Quelle der Energie zu erreichen, scheinen erfüllt, wenn auch mit naturnaher Bewirtschaftung ein Ende nie erreichbar ist. Natürlich kennt jeder Weinfreund den grandiosen Granato. Beim weißen Fontanasanta bin ich stets auf der Suche.

Weitere Informationen zur Azienda Agricola Foradori unter: www.agricolaforadori.com

Fontanasanta Nosiola 2019

Die Rebsorte Nosiola hat es mir schon lange angetan. Sie begeistert mich mit ihrem ganz eigenen Charakter, welcher irgendwo zwischen Pinot Bianco und Pinot Grigio liegt. Vom Weißburgunder hat er die blumigen Noten, ein Strauß voller weißer und gelber Blüten, und vom Grauburgunder präsentiert er in der Hauptsache seine Haselnuss- und geschmolzene Butternoten mit einem Twist Orangenschale. Dieser reinsortige, jugendlich frische, konzentrierte Nosiola gärt auf den Beerenschalen im Holzfass und wird danach in der Amphore ausgebaut. Neben jeder Menge Wiesenblumen, Frühlingskräutern und Apfelkompott, präsentiert er zitrige Aromen, Blütenhonig im Duft nebst salzigen Noten auf den Lippen. Seine erfrischende Fruchtsäure löscht dank der Leichtigkeit des Weines (10,5 Prozent) problemlos den entstehenden Durst. Voraussetzung ist allerdings, dass man genügend Flaschen von der kleinen Produktion ergattern konnte und das große Reifepotenzial vergisst. Neben dem Flaggschiff Granato ein Tipp für jeden Weinfreak. Unbedingt dekantieren!

Zu beziehen unter: www.gute-weine.de, www.koelner-weinkeller.de, www.weinfurore.de

DAS WEINGUT PALAZZO LODRON IN NOGAREDO

Weingut Palazzo Lodron
Von Mezzolombardo nach Nogaredo der Autostrada gen Süden folgend, erreicht man nach etwa 45 Kilometern den Palazzo Lodron auf dem Anwesen der Familie Volpini in Nogaredo nordwestlich von Rovereto.
(Foto: © Palazzo Lodron)

Das nur drei Hektar kleine Weingut Palazzo Lodron, das seit 400 Jahren im Besitz der Familie Volpini de Maestri ist, liegt im Vallagarina in einem charmanten Dorf nahe dem Gardasee.

Olivia Maestri
Olivia Volpini de Maestri misst mit dem Refraktometer die Oechslegrade
(Foto: © Palazzo Lodron)

Beschäftigt man sich mit seiner weit über 500-jährigen Historie, stößt man 1769 auf Wolfgang Amadeus Mozart, der in diesem Jahr auf seiner Italienreise im benachbarten Rovereto in den Palästen sein Publikum zu begeistern wusste. 1776 schrieb er für Gräfin Antonia Lodron, deren Töchter er auch unterrichtete, ein paar Musikstücke, so auch die Lodron’sche Nachtmusik mit dem Divertimento Nr. 10 KV 247. Das Palais Lodron ist heute die Universität Mozarteum. Divertimento No 10 ist eine Hommage an den hohen Besuch bei der Familie Lodron. Seit dem Jahrgang 2015 werden die Weine unter Aufsicht des Önologen Walter Schullian produziert, der in Kaltern selbst den herausragenden Wein Lacus keltert.

Weitere Informationen zum Weingut Palazzo Lodron unter: www.palazzolodron.it

Divertimento No 10 2018

Diese Rotweincuvée aus Cabernet Sauvignon – Cabernet Franc und Merlot weiß auf den ersten Blick mit ihrem tiefdunklen, strahlenden Granatrot alle Blicke auf sich zu lenken. Der lupenreine, blau- und schwarzbeerige Duft wird begleitet von pfeffrigen Tönen, Gewürznelken, frischgegerbtem Leder, Kakaopulver und Schokopralinen. Aber nicht nur das, er spielt seine Klaviatur perfekt bis zum Ende mit seinen gereiften, feinstrukturierten Tanninen, einer köstlichen, anhaltenden Frische, die bis zum wohlklingenden, langanhaltenden Abschluss im Gaumen schwingt.

Zu beziehen unter: mysommelier.at und weindiele.com

Flaminia Rosato

Seine roséfarbene Schwester Flaminia Rosato ist übrigens ein köstlicher Rosé, der nach roten Johannisbeeren, Hagebutten und Walderdbeeren duftet, total trocken schmeckt und nahezu jeden Roséweingegner zu überzeugen mag – wetten?

Zu beziehen unter: weindiele.com

DIE TENUTA SAN LEONARDO IN AVIO

San Leonardo
Von Nogaredo bis nach Borghetto, quasi von Palazzo zu Palazzo, gelangt man nach ziemlich genau 30 Kilometern ans Ziel, zur Tenuta San Leonardo.
(Foto: © Tenuta San Leonardo)

San Leonardo ist seit mehr als 300 Jahren die Residenz der Familie Marchesi Guerrieri Gonzaga. Aber erst Marchese Carlo Guerrieri Gonzaga hat vor knapp fünfzig Jahren dem Weingut frischen Wind eingehaucht und eine neue Qualitätsstrategie gestartet. Unterstützt von seinem Sohn Anselmo, führt er das vermutlich schönste Weingut in Italien.

Der Marchesi mit seinem Sohn und dem Direktor des Weinguts
Marchese Carlo Guerrieri Gonzaga mit seinem Sohn Anselmo (links) und Luigino Tinelli (rechts), dem Direktor des Weinguts
(Foto: © Tenuta San Leonardo)

Die von den Alpen geschützten Weingärten sind in der Tat Gärten, unzählige Rosen und exotische Blumen säumen nicht nur den gepflegten Rasen rund um die Tenuta. Handwerk, Liebe, Leidenschaft und kompromissloses Tagwerk sind wohl die Geheimnisse der Familie. Die 30 Hektar biologisch bewirtschafteten Weingärten sind eine Augenweide. Der Keller, ein ganz besonderer Ort mit einer eigenen Dynamik für die Reife der Weine, scheint mir einzigartig zu sein. Und dann die Weine – das Flaggschiff San Leonardo ist ein Bordeaux-Blend aus Cabernet Sauvignon, Carmenère und Merlot.

Blick in den Weinkeller von San Leonardo
Blick in den Weinkeller des Weinguts San Leonardo
(Foto: © Tenuta San Leonardo)

Der Marchese hat eine tiefe Zuneigung für Bordeauxweine. Die Jahre 2010 und 2015 haben mich in ihrer ganzen Persönlichkeit derartig überzeugt, dass ich mir die Mühe machte, die Entwicklung beider Jahrgänge aus den geöffneten Flaschen zwei Monate im Keller zu verfolgen. Unbeschädigt, ohne Falten, gereift, aber dennoch frisch, begrüßte mich jeder Schluck aufs Neue, eine kleine Sensation.

Weitere Informationen zum Weingut San Leonardo unter: www.sanleonardo.it

Carmenère 2016

Dieser Wein aus 35 bis 50 Jahre alten Reben, in französischen Eichenfässer erster Wahl gereift, ist für mich bis dato die Überraschung des Jahres. Seine tiefdunkle, purpurrote Farbe strahlt mit den Sternen um die Wette. Der einzigartige, gewürzreiche Duft erinnert nicht nur an einen orientalischen Gewürzbasar. Er lenkt auch einfach um die Ecke in Mutters Küche, auf deren Herd Rindfleisch und Geflügel geschmort, buntes Gemüse angebraten wird. Fleischig saftig passiert der Wein mit gereiften Tanninen den Gaumen, hinterlässt eine schier endlose, sanfte Weinspur, die man so gerne festhalten möchte. 2016 ist mein unvergessliches Weinerlebnis!

Zu beziehen unter: www.sanleonardo.it/shop

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