Am 16. Januar 2020 läuft „CRESCENDO #makemusicnotwar“, der neue Film von Dror Zahavi, mit Peter Simonischek in den deutschen Kinos an.
Der Wiener Burgschauspieler Peter Simonischek (Foto oben: © Xenia Hausner) überzeugt als Dirigent, der ein Orchester aus Palästinensern und Israelis nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich und politisch leitet und begleitet. Im Auftrag der Stiftung für effektiven Altruismus bereitet der Dirigent Eduard Sporck ein Konzert junger Israelis und Palästinenser vor. Das Konzert soll Friedensverhandlungen zwischen Diplomaten aus Israel und Palästina begleiten und ein Zeichen gegen den Hass setzen. CRESCENDO #makemusicnotwar, der neue Film von Dror Zahavi, stellt die Frage nach dem Vermögen von Musik.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Film­sze­ne aus „CRESCENDO #makemu­si­c­not­war“ von Dror Zaha­vi
(Foto: © Oli­ver Oppitz / CCC Film­kunst)

CRESCENDO: Herr Simo­ni­schek, ein Satz aus Ihrem Film: „Ist Musik eine Waf­fe?“
Peter Simo­ni­schek: (singt) „Spa­ni­ens Him­mel brei­tet sei­ne Ster­ne über uns­re Schüt­zen­grä­ben aus …“ Das war das Lied der spa­ni­schen Revo­lu­ti­on gegen die Faschis­ten, inso­fern ist das eine Waf­fe, bis heu­te. Marsch­mu­sik war auch vor­weg­ge­nom­me­nes Kriegs­ge­tö­se. Ob Musik eine Waf­fe sein kann im Kampf um den Frie­den im Nahen Osten? Sagen wir mal so: Alles, was irgend­wie im Ver­dacht steht, dem Frie­den dort auf die Sprün­ge zu hel­fen, ist legi­tim.

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Der Kar­ren ist ja so ver­fah­ren, dass es in 70 Jah­ren nicht gelun­gen ist, ein ver­nünf­ti­ges Agree­ment mit den Nach­barn zu schaf­fen. Das bringt mich auf die ganz bana­le Idee, dass es zwi­schen Nach­barn gele­gent­lich ein­fach mal nicht funk­tio­niert. Weil kei­ner auch nur einen Mil­li­me­ter zurück­ge­hen will. Das ist inhu­man, dafür bezah­len alle den Preis. Und das Schlimms­te ist, dass ihn die jun­gen Leu­te bezah­len müs­sen.

Peter Simonischek

»Ich habe so viel Bewunderung für die jungen Leute, die alle brennen, Träume haben…«

CRESCENDO: Womit wir beim The­ma des Films sind …
Peter Simo­ni­schek: Es war span­nend, dass unse­re Situa­ti­on beim Dre­hen prak­tisch kon­gru­ent war mit dem Plot des Films. Im Film tref­fen sich Israe­lis und Paläs­ti­nen­ser, um zusam­men zu musi­zie­ren. Bei uns tra­fen sich Israe­lis und Paläs­ti­nen­ser, um zusam­men einen Film zu machen. Ich habe so viel Bewun­de­rung für die jun­gen Leu­te, die alle bren­nen, Träu­me haben… Um dann ein Leben lang zur Kennt­nis zu neh­men, dass das alles nicht in ihren Hän­den liegt.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Israe­lis und Paläs­ti­nen­ser sol­len sich jeweils in die ande­re Reli­gi­on hin­ein­ver­set­zen.
Eyan Pin­ko­vich und Meh­di Mes­kar als Shira und Omar
(Foto: © Oli­ver Oppitz / CCC Film­kunst)

CRESCENDO: Wie war denn die Stim­mung unter den Musi­kern? Kann­ten die sich, moch­ten die sich, oder haben Sie da auch Dif­fe­ren­zen gespürt?
Peter Simo­ni­schek: Nun, sie hat­ten ja schon in Isra­el gedreht, als ich nicht da war. Als ich dazu­kam, habe ich kei­ne Span­nun­gen bemerkt. Was ich bewun­derns­wert fand, war, wie toll sie mit­ein­an­der umge­gan­gen sind. Sie haben zusam­men gesun­gen und Spaß gehabt – eine rich­tig gute Zeit. Es war ein biss­chen wie Pfad­fin­der­la­ger.

CRESCENDO: Es gibt aller­dings eine sehr muti­ge, sehr beklem­men­de Sze­ne, in der viel her­aus­bricht, was davor unter­drückt wur­de.
Peter Simo­ni­schek: Ja, da wird ein Seil gespannt, dann müs­sen sie sich beschimp­fen und auf­ein­an­der los­ge­hen. Ein, zwei Tage vor der Sze­ne hat­te ich den Ein­druck, alle hat­ten Bam­mel davor. Weil die gute Stim­mung, die sie bis dahin hat­ten, bestand natür­lich aus rou­ti­nier­tem Aus­klam­mern bestimm­ter The­men. Plötz­lich aber waren die­se The­men Teil der Sze­ne.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Das Pro­jekt eines gemein­sa­men Kon­zert­auf­tritts von israe­li­schen und paläs­ti­nen­si­schen Musi­ke­rIn­nen droht zu schei­tern.
Peter Simo­ni­schek als Diri­gent Edu­ard Sporck und Bibia­na Beglau als Lei­te­rin der Stif­tung für effek­ti­ven Altru­is­mus Kla­ra de Fries
(Foto: © Oli­ver Oppitz / CCC Film­kunst)

Eini­ge waren sehr ver­stört, haupt­säch­lich natür­lich die Lai­en­dar­stel­ler. Die konn­ten sich gar nichts ande­res vor­stel­len, die­sen Text zu sagen, als wäre er ihre Wahr­heit und nicht ein „als ob“. Schau­spie­ler sind ja gewohnt, Din­ge zu sagen, die nicht ihre eige­ne Mei­nung sind. Die­se kul­tu­rel­le Leis­tung: zu sagen, nein, wir wis­sen um die Dif­fe­ren­zen, aber wir haben einen Weg gefun­den, mit­ein­an­der umzu­ge­hen, das klappt ja, solan­ge es nicht bru­tal auf den Prüf­stand gestellt wird.

CRESCENDO: Ein arg fra­gi­ler Zustand…
Peter Simo­ni­schek: Des­halb wird es auch kei­ne Patent- oder Stamm­tisch­lö­sung geben. Das Schreck­li­che ist: Ich bin so alt wie der Kon­flikt. Immer wenn es danach aus­sah, dass etwas wei­ter­geht, ist Blut geflos­sen.

CRESCENDO: Ursprüng­lich ist er fast 2.000 Jah­re alt. Aber offen­bar wird Hoff­nung in die Musik gesetzt. Herr Baren­bo­im ver­sucht mit sei­nem West-Eas­tern Divan Orches­tra nichts ande­res.
Peter Simo­ni­schek: Sicher, das war auch ein Vor­bild für den Gedan­ken. Doch hat Herr Baren­bo­im nicht das Copy­right auf die Sache.

Peter Simonischek»Welche Möglichkeiten gibt es denn, zur Integration zu finden, als den Dialog? Und wir können das ermöglichen!«

CRESCENDO: Wäre aber eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft nicht grund­sätz­lich ein Weg zur Inte­gra­ti­on?
Peter Simo­ni­schek: Das wird eigent­lich auch ver­sucht. Zum Bei­spiel am Maxim Gor­ki Thea­ter in Ber­lin, die aus­schließ­lich Leu­te mit migran­ti­schem Hin­ter­grund enga­giert haben, ob Schau­spie­ler oder Tech­ni­ker. Was ja auch bedeu­tet, dass man die Gesell­schaft damit kon­fron­tiert. Nicht um zu pola­ri­sie­ren, son­dern eher in der Hoff­nung, dass man sich zuhört, wenn man sich gegen­sei­tig ken­nen­lernt.

Der Diri­gent Edu­ard Sporck offen­bart sei­ne eige­ne schwie­ri­ge Geschich­te als Sohn von NS-Ärz­ten
des Ver­nich­tungs­la­gers KZ Ausch­witz-Bir­ken­au

(Foto: © Oli­ver Oppitz / CCC Film­kunst)

Wel­che ande­ren Mög­lich­kei­ten gibt es denn, zur Inte­gra­ti­on zu fin­den, als den Dia­log in irgend­ei­ner Form? Und wir kön­nen das ermög­li­chen! Man kann das mit Thea­ter machen, mit Musik, auch mit Sport – das ist Teil unse­rer Auf­ga­be.

CRESCENDO: Der Sieg des emo­tio­na­len Bewusst­seins über das intel­lek­tu­el­le?
Peter Simo­ni­schek: Ich den­ke, über Frem­den­feind­lich­keit zu sie­gen, bei sich selbst oder über­haupt, ist eine Kul­tur­leis­tung. Men­schen fin­den das, was von außen kommt, bedroh­lich, sie haben Aver­sio­nen gegen Frem­des, das ist nun lei­der eine Tat­sa­che. Das wird von vie­len Sei­ten ver­sucht weg­zu­re­den, aber das ist Quatsch. Es ist nicht unbe­dingt der Intel­lekt, es gibt auch Men­schen, die haben weni­ger Angst oder gar kei­ne. Aber es ist sicher eine Min­der­heit, die Frem­de will­kom­men heißt. Das war offen­sicht­lich immer so.

Peter Simonischek »In den Metamorphosen von Ovid gehen die Götter, Zeus und sein Sohn Hermes, auf Pilgerschaft und suchen nach Menschen, die sie aufnehmen, als Fremde.«

CRESCENDO: Rei­nen Her­zens sozu­sa­gen…
Peter Simo­ni­schek: Ja, ohne Vor­be­hal­te. Den­ken Sie an die Meta­mor­pho­sen von Ovid. Da gehen die Göt­ter, Zeus und sein Sohn Her­mes, auf Pil­ger­schaft und suchen nach Men­schen, die sie auf­neh­men, als Frem­de. Klar pola­ri­siert die­ser Text – unter tau­send fin­den sie nur die­ses eine Paar, Phi­le­mon und Bau­cis. Die sie auf­neh­men, die sie freund­lich bewir­ten und so wei­ter. Und das sind dann die bei­den Gerech­ten, die geret­tet wer­den. Das ist das Motiv der Sint­flut bei den Grie­chen, fest­ge­macht an der Gast­freund­schaft.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Schluss­sze­ne auf dem Flug­ha­fen
(Foto: © Oli­ver Oppitz / CCC Film­kunst)

CRESCENDO: Also die Her­bergs­su­che in der christ­li­chen Reli­gi­on.
Peter Simo­ni­schek: Genau. Aber das ist offen­sicht­lich eine Leis­tung, die man nicht ein­fach so bei jedem Men­schen vor­aus­set­zen kann. Da müss­te man mei­ner Mei­nung nach auch anset­zen. Dass man das nicht ver­teu­felt. Dass sich nicht jeder schlecht fühlt, der nicht die­ser Mei­nung ist. Da bräuch­te es mehr Behut­sam­keit, den Men­schen da hin­zu­füh­ren. Dazu kön­nen wir auch etwas tun, gera­de im Thea­ter. Wenn es die ent­spre­chen­den Stü­cke gibt. The Who and the What von Ayad Akhtar, gera­de am Burg­thea­ter, ist ein tol­les Stück dafür. Aber es gibt vie­le Stü­cke, die sich um das Phä­no­men der Aus­län­der­feind­lich­keit küm­mern.

„CRESCENDO #makemusicnotwar“, der neue Film von Dror Zahavi CRESCENDO #mak­e­mu­si­c­not­war von Dror Zaha­vi
mit Peter Simo­ni­schek (Edu­ard Sporck), Bibia­na Beglau (Kar­la de Fries), Dani­el Dons­koy (Ron), Sabri­na Ama­li (Lay­la), Meh­di Mes­kar (Omar), Eyan Pin­ko­vich (Shira), Götz Otto (Bell­mann) u.a.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: www.camino-film.com

 

 

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Barbara Schulz
Die Zutaten für ein gutes Leben sind für unsere Autorin Barbara Schulz: gute Menschen, gute Musik, gute Bücher, gutes Essen. Und weil sie gern alles auf einmal hat, trifft sie am liebsten interessante Musiker oder Literaten zum Essen und schreibt über sie. Weil sie so mit Musikhören oder Lesen auch noch Geld verdienen kann. Die Literaturwissenschaftlerin, die selbst gern Musikerin geworden wäre, bekommt auf diese Weise alles unter einen Hut. Gut!

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