Peter Simonischek

„Über Frem­den­feind­lich­keit zu siegen,“

von Barbara Schulz

11. Januar 2020

Am 16. Januar 2020 läuft Dror Zahavis neuer Film „CRESCENDO #makemusicnotwar“ mit Peter Simonischek in den deutschen Kinos an.

Am 16. Januar 2020 läuft „CRESCENDO #make­mu­si­c­notwar“, der neue Film von Dror Zahavi, mit Peter Simo­ni­schek in den deut­schen Kinos an.
Der Wiener Burg­schau­spieler Peter Simo­ni­schek (Foto oben: © Xenia Hausner) über­zeugt als Diri­gent, der ein Orchester aus Paläs­ti­nen­sern und Israelis nicht nur musi­ka­lisch, sondern auch mensch­lich und poli­tisch leitet und begleitet. Im Auftrag der Stif­tung für effek­tiven Altru­ismus bereitet der Diri­gent Eduard Sporck ein Konzert junger Israelis und Paläs­ti­nenser vor. Das Konzert soll Frie­dens­ver­hand­lungen zwischen Diplo­maten aus Israel und Paläs­tina begleiten und ein Zeichen gegen den Hass setzen. CRESCENDO #make­mu­si­c­notwar, der neue Film von Dror Zahavi, stellt die Frage nach dem Vermögen von Musik.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Film­szene aus „CRESCENDO #makemusi­c­notwar“ von Dror Zahavi
(Foto: © Oliver Oppitz / CCC Film­kunst)

CRESCENDO: Herr Simo­ni­schek, ein Satz aus Ihrem Film: „Ist Musik eine Waffe?“
: (singt) „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schüt­zen­gräben aus …“ Das war das Lied der spani­schen Revo­lu­tion gegen die Faschisten, inso­fern ist das eine Waffe, bis heute. Marsch­musik war auch vorweg­ge­nom­menes Kriegs­ge­töse. Ob Musik eine Waffe sein kann im Kampf um den Frieden im Nahen Osten? Sagen wir mal so: Alles, was irgendwie im Verdacht steht, dem Frieden dort auf die Sprünge zu helfen, ist legitim.

Der Karren ist ja so verfahren, dass es in 70 Jahren nicht gelungen ist, ein vernünf­tiges Agree­ment mit den Nach­barn zu schaffen. Das bringt mich auf die ganz banale Idee, dass es zwischen Nach­barn gele­gent­lich einfach mal nicht funk­tio­niert. Weil keiner auch nur einen Milli­meter zurück­gehen will. Das ist inhuman, dafür bezahlen alle den Preis. Und das Schlimmste ist, dass ihn die jungen Leute bezahlen müssen.

Peter Simonischek

»Ich habe so viel Bewun­de­rung für die jungen Leute, die alle brennen, Träume haben…«

CRESCENDO: Womit wir beim Thema des Films sind …
Peter Simo­ni­schek: Es war span­nend, dass unsere Situa­tion beim Drehen prak­tisch kongruent war mit dem Plot des Films. Im Film treffen sich Israelis und Paläs­ti­nenser, um zusammen zu musi­zieren. Bei uns trafen sich Israelis und Paläs­ti­nenser, um zusammen einen Film zu machen. Ich habe so viel Bewun­de­rung für die jungen Leute, die alle brennen, Träume haben… Um dann ein Leben lang zur Kenntnis zu nehmen, dass das alles nicht in ihren Händen liegt.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Israelis und Paläs­ti­nenser sollen sich jeweils in die andere Reli­gion hinein­ver­setzen.
Eyan Pinko­vich und Mehdi Meskar als Shira und Omar
(Foto: © Oliver Oppitz / CCC Film­kunst)

CRESCENDO: Wie war denn die Stim­mung unter den Musi­kern? Kannten die sich, mochten die sich, oder haben Sie da auch Diffe­renzen gespürt?
Peter Simo­ni­schek: Nun, sie hatten ja schon in Israel gedreht, als ich nicht da war. Als ich dazukam, habe ich keine Span­nungen bemerkt. Was ich bewun­derns­wert fand, war, wie toll sie mitein­ander umge­gangen sind. Sie haben zusammen gesungen und Spaß gehabt – eine richtig gute Zeit. Es war ein biss­chen wie Pfad­fin­der­lager.

CRESCENDO: Es gibt aller­dings eine sehr mutige, sehr beklem­mende Szene, in der viel heraus­bricht, was davor unter­drückt wurde.
Peter Simo­ni­schek: Ja, da wird ein Seil gespannt, dann müssen sie sich beschimpfen und aufein­ander losgehen. Ein, zwei Tage vor der Szene hatte ich den Eindruck, alle hatten Bammel davor. Weil die gute Stim­mung, die sie bis dahin hatten, bestand natür­lich aus routi­niertem Ausklam­mern bestimmter Themen. Plötz­lich aber waren diese Themen Teil der Szene.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Das Projekt eines gemein­samen Konzert­auf­tritts von israe­li­schen und paläs­ti­nen­si­schen Musi­ke­rInnen droht zu schei­tern.
Peter Simo­ni­schek als Diri­gent Eduard Sporck und Bibiana Beglau als Leiterin der Stif­tung für effek­tiven Altru­ismus Klara de Fries
(Foto: © Oliver Oppitz / CCC Film­kunst)

Einige waren sehr verstört, haupt­säch­lich natür­lich die Laien­dar­steller. Die konnten sich gar nichts anderes vorstellen, diesen Text zu sagen, als wäre er ihre Wahr­heit und nicht ein „als ob“. Schau­spieler sind ja gewohnt, Dinge zu sagen, die nicht ihre eigene Meinung sind. Diese kultu­relle Leis­tung: zu sagen, nein, wir wissen um die Diffe­renzen, aber wir haben einen Weg gefunden, mitein­ander umzu­gehen, das klappt ja, solange es nicht brutal auf den Prüf­stand gestellt wird.

CRESCENDO: Ein arg fragiler Zustand…
Peter Simo­ni­schek: Deshalb wird es auch keine Patent- oder Stamm­tisch­lö­sung geben. Das Schreck­liche ist: Ich bin so alt wie der Konflikt. Immer wenn es danach aussah, dass etwas weiter­geht, ist Blut geflossen.

CRESCENDO: Ursprüng­lich ist er fast 2.000 Jahre alt. Aber offenbar wird Hoff­nung in die Musik gesetzt. Herr Baren­boim versucht mit seinem nichts anderes.
Peter Simo­ni­schek: Sicher, das war auch ein Vorbild für den Gedanken. Doch hat Herr Baren­boim nicht das Copy­right auf die Sache.

Peter Simonischek»Welche Möglich­keiten gibt es denn, zur Inte­gra­tion zu finden, als den Dialog? Und wir können das ermög­li­chen!«

CRESCENDO: Wäre aber eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft nicht grund­sätz­lich ein Weg zur Inte­gra­tion?
Peter Simo­ni­schek: Das wird eigent­lich auch versucht. Zum Beispiel am in , die ausschließ­lich Leute mit migran­ti­schem Hinter­grund enga­giert haben, ob Schau­spieler oder Tech­niker. Was ja auch bedeutet, dass man die Gesell­schaft damit konfron­tiert. Nicht um zu pola­ri­sieren, sondern eher in der Hoff­nung, dass man sich zuhört, wenn man sich gegen­seitig kennen­lernt.

Der Diri­gent Eduard Sporck offen­bart seine eigene schwie­rige Geschichte als Sohn von NS-Ärzten
des Vernich­tungs­la­gers KZ Ausch­witz-Birkenau

(Foto: © Oliver Oppitz / CCC Film­kunst)

Welche anderen Möglich­keiten gibt es denn, zur Inte­gra­tion zu finden, als den Dialog in irgend­einer Form? Und wir können das ermög­li­chen! Man kann das mit Theater machen, mit Musik, auch mit Sport – das ist Teil unserer Aufgabe.

CRESCENDO: Der Sieg des emotio­nalen Bewusst­seins über das intel­lek­tu­elle?
Peter Simo­ni­schek: Ich denke, über Frem­den­feind­lich­keit zu , bei sich selbst oder über­haupt, ist eine Kultur­leis­tung. Menschen finden das, was von außen kommt, bedroh­lich, sie haben Aver­sionen gegen Fremdes, das ist nun leider eine Tatsache. Das wird von vielen Seiten versucht wegzu­reden, aber das ist Quatsch. Es ist nicht unbe­dingt der Intel­lekt, es gibt auch Menschen, die haben weniger Angst oder gar keine. Aber es ist sicher eine Minder­heit, die Fremde will­kommen heißt. Das war offen­sicht­lich immer so.

Peter Simonischek »In den Meta­mor­phosen von Ovid gehen die Götter, Zeus und sein Sohn Hermes, auf Pilger­schaft und suchen nach Menschen, die sie aufnehmen, als Fremde.«

CRESCENDO: Reinen Herzens sozu­sagen…
Peter Simo­ni­schek: Ja, ohne Vorbe­halte. Denken Sie an die Meta­mor­phosen von Ovid. Da gehen die Götter, Zeus und sein Sohn Hermes, auf Pilger­schaft und suchen nach Menschen, die sie aufnehmen, als Fremde. Klar pola­ri­siert dieser Text – unter tausend finden sie nur dieses eine Paar, Philemon und Baucis. Die sie aufnehmen, die sie freund­lich bewirten und so weiter. Und das sind dann die beiden Gerechten, die gerettet werden. Das ist das Motiv der Sint­flut bei den Grie­chen, fest­ge­macht an der Gast­freund­schaft.

Filmszene aus „CRESCENDO #makemusicnotwar“, dem neuen Film von Dror Zahavi mit Peter Simonischek

Schluss­szene auf dem Flug­hafen
(Foto: © Oliver Oppitz / CCC Film­kunst)

CRESCENDO: Also die Herbergs­suche in der christ­li­chen Reli­gion.
Peter Simo­ni­schek: Genau. Aber das ist offen­sicht­lich eine Leis­tung, die man nicht einfach so bei jedem Menschen voraus­setzen kann. Da müsste man meiner Meinung nach auch ansetzen. Dass man das nicht verteu­felt. Dass sich nicht jeder schlecht fühlt, der nicht dieser Meinung ist. Da bräuchte es mehr Behut­sam­keit, den Menschen da hinzu­führen. Dazu können wir auch etwas tun, gerade im Theater. Wenn es die entspre­chenden Stücke gibt. The Who and the What von Ayad Akhtar, gerade am Burg­theater, ist ein tolles Stück dafür. Aber es gibt viele Stücke, die sich um das Phänomen der Auslän­der­feind­lich­keit kümmern.

„CRESCENDO #makemusicnotwar“, der neue Film von Dror Zahavi CRESCENDO #make­mu­si­c­notwar von Dror Zahavi
mit Peter Simo­ni­schek (Eduard Sporck), Bibiana Beglau (Karla de Fries), Daniel Donskoy (Ron), Sabrina Amali (Layla), Mehdi Meskar (Omar), Eyan Pinko­vich (Shira), Götz Otto (Bell­mann) u.a.

Weitere Infor­ma­tionen: www​.camino​-film​.com