Quadro Nuevo lässt sich von musikalischen Wellen zurück zu seinen Anfängen tragen. „Mare“, das neue Album des Ensembles, vermittelt mediterrane Leichtigkeit. 

CRESCENDO: Herr Francel, „Mare“, das neue Album von Quadro Nuevo, weckt Träume von Sonne und glitzernden Wellen. Empfinden Sie das Meer als eine inspirierende Kraft?

Mulo Francel: All die alten Mythen, die unser Abendland geprägt haben, kommen aus dem mediterranen Raum. Sie entzünden unseren Geist und unsere Geschichten. Wir befassen uns seit langem mit der Musik der an das Mittelmeer angrenzenden Kulturräume. Von Spanien, Südfrankreich und Italien über Griechenland bis zur Levante sind wir gereist und haben uns inspirieren lassen. Anregungen aus den Musiktraditionen der Länder des ehemals biblischen Gebiets wie der Türkei, Syriens, Libanons, Israels, Palästinas, Jordaniens und Ägyptens beflügeln unsere Musik.

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Rückkehr zur Unbeschwertheit des Anfangs: Quadro Nuevo spielt von seinem neuen Album „Mare“ die neapolitanische Canzone Torna a Surriento

Mare“ sei der friedliche und beruhigende Klang von etwas Großem, das die unterschiedlichsten Länder und Menschen vereine, beschrieb der Pianist Chris Gall das Album. Kommt da eine Hoffnung zum Ausdruck?

Diese Vision haben wir als reisende Musiker immer. Wir hoffen, dass die Völker einander mit Einfühlungsvermögen und gegenseitigem Verständnis begegnen. Dass wir in dieser geschichtlich so zerrütteten Region Mitteleuropas seit 75 Jahren in Frieden leben, wurde möglich, weil es uns gelungen ist, uns zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen. In diesem alten Kulturkreis um das Mittelmeer herum und dem Meer als Vermittler sehe ich eine Chance für den Frieden. Es kann ein Miteinander geben. Wir müssen nur den Weg dahin finden. Die Musik hat etwas Verbindendes und Beseelendes. In diesem Sinne sehen wir unser Projekt „Mare“ auch.

Jeder Titel des Albums hat eine Geschichte. Kann man das Album auch als einen Rückblick auf die Geschichte von Quadro Nuevo begreifen?

Dieses Album zeichnet sich durch eine große Leichtigkeit aus. Wir nahmen in den vergangenen Jahren Alben auf, bei denen wir uns mit Verve in Themen hineingruben. Für „Flying Carpet“ zum Beispiel arbeiteten wir mit ägyptischen Musikern. Für „Volkslied Reloaded“ hoben wir die alten Volkslieder mit Orchester auf eine neue konzertante Ebene. Diese Projekte waren großartig und mit viel Anstrengung verbunden. „Mare“ dagegen besitzt jene Unbeschwertheit, die uns wieder zu den Anfängen von Quadro Nuevo vor 25 Jahren zurückführt. Damals sammelten wir alle Stücke, die uns gefielen und trafen eine Auswahl, was wir auf die Bühnen bringen wollen. Darunter befanden sich ein Flamenco, italienische Stücke wie Luna Rossa, Südamerikanisches wie Gracias a la Vida, ein Tango und eine Melodie mit orientalischen Anklängen. Geprägt war die Mischung durch den mediterranen Kulturraum. Und zu dieser Art des Musizierens kehrten wir mit „Mare“ zurück. Auch die Aufnahme im Studio fiel uns leicht und bereitete große Freude.

Die Musiker von Quadro Nuevo
Unterwegs als reisende Musiker in vielen Ländern: Andreas Hinterseher, D.D. Lowka, Mulo Francel und Chris Gall

Mit Cinema Paradiso erinnern Sie an den Filmkomponisten Ennio Morricone…

Morricone war ein fantastischer Komponist. Als wir das Stück im Mai einspielten, wussten wir nicht, dass es zum Nachruf werden würde. Aber sechs Wochen später starb er. Ich wollte das Stück immer schon aufnehmen. Im Jahr 2000 veröffentlichten wir das Album „CinéPassion“. Damals aber hatten wir noch nicht die Form für das Stück gefunden. Wenn ich es spiele, ziehen vor meinem geistigen Auge die Filmbilder vorbei. Es ist ein wunderbarer, nostalgischer Film, in dem es um den Niedergang der Kinokultur geht. Für uns Musiker ist es ein schöner weiter Blick in die benachbarte Kunstform Film.

Eine Hommage an das legendäre Café Groppi in Kairo bringt der Oud-Spieler Basem Darwisch, mit dem Sie einst durch Ägypten zogen. Waren Sie in dem Café?

Ja, wir haben es besucht. Das Café Groppi besitzt eine wechselvolle Geschichte. Es entstand zu Anfang des 20. Jahrhunderts und entwickelte sich zu einem Künstler- und Intellektuellentreff, in dem auch Musik gespielt wurde. Das war nicht üblich in Kairo. So stellte das Groppi einen besonderen Ort dar, an dem Musik stattfinden konnte, ohne rituell oder als Begleitung für Bauchtanz funktionalisiert zu sein. Die Musiker kamen, um ihre Musik weiterzubringen und sie einem intellektuellen Publikum vorzustellen. In den 50er- und 60er-Jahren wurde das Café kommerzialisiert. Es fand in der Folge nicht mehr zu der alten Freiheit zurück. Für Ägypter aber, die sich mit Kultur befassen, erinnert es daran, dass es einmal einen solchen Ort gab. Es leben viele kreative Musiker in Ägypten, und pars pro toto luden wir Basem Darwisch ein.

Das Ensemble Quadro Nuevo
Improvisieren und das Leben nicht zu schwer nehmen

Für die neapolitanische Canzone Torna a Surriento greifen Sie zur Mandoline. Wie sind Sie auf das Instrument gestoßen, das so selten geworden ist?

Für die Aufnahme unseres Albums „Canzone della Strada“ wollte ich einen Mandolinenspieler dabei haben. Nachdem ich gehört hatte, dass in Sizilien die alte Form des Mandolinenspiels noch lebendig ist, reiste ich zwei Wochen lang über die Insel. Ich fragte in Plattenläden, Musikschulen, bei Konzertveranstaltern, bis ich in Agrigento im Süden Francesco Buzzurro fand. Ich lud ihn nach München ins Studio ein. Wir spielten auch ein gemeinsames Konzert, und er brachte mir etwas Mandolinenspiel bei. Der Klang der Mandoline fasziniert mich. Er steht für die neapolitanische Lebensart, zu improvisieren und das Leben nicht zu schwer zu nehmen. Auch das Quirlige und manchmal theatralisch Laute liegt darin. Im Tremolo der Mandoline spiegelt sich für mich die flirrende Sonne des italienischen Meeres wider.

Und wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Wir haben noch viele Ideen, die wir gerne umsetzen möchten. Das Thema „Meer“ spinnen wir in unserem nächsten Projekt weiter. Mit anderen Künstlern, Fotografen, bildenden Künstlern, mit einem Filmemacher und einem Zeichner, vielleicht einem Comiczeichner, der auch Texte schreibt, wollen wir auf einem Segelschiff durch das süditalienische Meer fahren. Die Reise soll uns durch die Äolischen Inseln bis in die Ägäis führen, wo wir jene Orte aufsuchen, an denen die alten Sagen stattfanden: die Fahrten des Aeneas, die Irrfahrten des Odysseus, die Fahrt des Jasons. Die Eindrücke dieser Reise, die Erinnerungen an die alten Mythen werden die Musik unseres nächsten Albums nähren.

Weitere Informationen zum neuen Album „Mare“ unter: CRESCENDO.DE
Auftrittstermine des Ensembles Quadro Nuevo und weitere Informationen unter: quadronuevo.de 

Quadro Nuevo: „Mare“ (GLM)

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.