Rafael Fingerlos hat unter dem Titel „Fremde Heimat“ ein neues Album aufgenommen. Mit dem Pianisten Sascha El Mouissi gibt er darauf der Sehnsucht nach Heimat und der Erfahrung des Fremdseins gesanglichen Ausdruck. Im CRESCENDO-Gespräch erzählt er von seiner Kindheit, seinem Leben als Künstler und der Bedeutung der Musik.

Mit seinem warm schwingenden und kraftvollen Bariton, seiner musikalischen Präsenz und Hingabe hat sich der österreichische Sänger Rafael Fingerlos längst auf die großen Bühnen gesungen. Mehrfach wurde der 33-Jährige für seine Kunst ausgezeichnet, seit 2016/17 ist er festes Ensemblemitglied an der Wiener Staatsoper. Nun ist sein neues Album „Fremde Heimat“ erschienen, auf dem er sich zusammen mit seinem festen Partner Sascha El Mouissi mit der Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit und Heimat und der Erfahrung von Fremdheit und Einsamkeit gleichermaßen auseinandersetzt. Eine faszinierende Klangreise – aktueller denn je. Ein Gespräch über Singen als Handwerkskunst, Gefühle auf der Ziehharmonika und den Zauber der Stille nach dem Schluss.

Die Einsamkeit, das Fremdsein, die Sehnsucht

CRESCENDO: Sie haben Ihr neues Album „Fremde Heimat“ genannt. Ein komplexer Titel. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Rafael Fingerlos: Für mich war der Heimatbegriff immer schon etwas, womit ich mich einmal vielschichtig auseinandersetzen wollte. Ein Konzeptalbum gibt mir als Künstler die Möglichkeit, eine Gesamtkomposition zu machen und kreativ tätig zu werden. Mich stört, wenn es nur mehr darum geht, dass sich Künstler inszenieren – wenn auf CDs ein Zirkusstück nach dem anderen kommt, aber die künstlerische Aussage fehlt. Ich sehe uns Sänger weder als Musikwissenschaftler, noch als Sportler, die irgendwas beweisen müssen, sondern als Künstler und Gestalter. Die Stücke für das Album haben wir schon im Juni letzten Jahres aufgenommen und aus verschiedenen Gründen hat es länger gedauert mit der Veröffentlichung. Jetzt passt es unglaublich gut zu dieser besonderen Zeit. Die Einsamkeit, das Fremdsein, die Sehnsucht – das ist etwas, was nun alle Menschen betrifft.

Die Suche nach Heimat

 Wien wurde ihm zur Heimat: Rafael Fingerlos vor der Wiener Staatsoper 
Wien wurde ihm zur Heimat: Rafael Fingerlos vor der Wiener Staatsoper

CRESCENDO: Was verbinden Sie selbst mit dem Begriff „Heimat“?
Rafael Fingerlos: Ich komme aus einem kleinen Dorf im Süden von Salzburg und bin mit einer sehr starken Heimatverbundenheit aufgewachsen. Dann ist mir Wien zur Heimat geworden, und irgendwann sind es auch nicht mehr Orte, die einem Heimat geben, sondern die Menschen, von denen man umgeben ist. Außerdem bin ich auch in meiner Kunst heimisch geworden. Gleichzeitig zieht es einen aber doch auch immer wieder an die Orte seiner Kindheit zurück. Für mich ist die Suche nach Heimat ein persönliches Thema, und ich wollte ein berührendes, authentisches und ehrliches Album machen. Aber es wäre mir zu plump gewesen, das Album einfach „Heimat“ zu nennen.

Die Entwicklung eines Menschen im Laufe seines Lebens

CRESCENDO: Stattdessen kommt mit der „Fremde“ ein anderer Aspekt dazu. Fremde und Heimat im selben Moment?
Rafael Fingerlos: Ja, absolut. Das Album hat viele Aspekte. Als Künstler haben wir das große Privileg, in Länder zu reisen und dort willkommen zu sein. Vielen Menschen geht es nicht so, von daher war auch die Flüchtlingsthematik eine Dimension, die mich sehr berührt hat: die Frage, wie Menschen umgehen mit dem Land, in dem sie wohnen, wie sie davon Besitz ergreifen, obwohl sich die Situation doch auch schnell ändern kann.

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»Wo wir sind, ist gar nicht so wichtig. Die Menschen sind wichtig.«

Ein weiterer Aspekt des Albums ist das Alleinsein, das ja auch nicht immer etwas Schlimmes ist, sondern auch sehr schön sein kann. Letztlich geht es auf dem Album um die Entwicklung eines Menschen im Laufe seines Lebens. Beides – die Fremde und die Heimat – gehören wohl in gleichen Teilen dazu. Diese Suche nach Geborgenheit ist etwas, was jeden von uns begleitet. Wir alle brauchen Berührung, das merken wir ja gerade mehr denn je. Wo wir sind, ist gar nicht so wichtig. Die Menschen sind wichtig.

Etwas, das überrascht und berührt

Immer begleitet von einem österreichischen Volkslied: Rafael Fingerlos
Immer begleitet von einem österreichischen Volkslied: Rafael Fingerlos

CRESCENDO: Besonders außergewöhnlich ist auf Ihrem Album das letzte Stück, eine eigene Bearbeitung des österreichischen Volkslieds Deine Händ möcht ich gspian. Welche Geschichte steckt dahinter?
Rafael Fingerlos: Ich habe dieses Lied als Jugendlicher irgendwann mal in einem Chor im Lungau gesungen, und es hat mich damals unfassbar berührt. Ein Volkslied, das von Moll in Dur moduliert, ist in der alpenländischen Volksmusik sehr selten. Und dann ist da dieser sehr tiefe Text… Das Lied hat mich immer begleitet, und ich wusste: Wenn der Zeitpunkt da ist, möchte ich etwas daraus machen. Nun haben wir es als Klavierlied arrangiert, nach dem Vorbild von Johannes Brahms. Mir war von Anfang an klar, dass es auf das Album soll. Dass ich Brahms, Strauss und Schumann singe, ist erwartbar. Aber dann sollte etwas kommen, das die Leute überrascht und berührt.

Singen als Handwerk

CRESCENDO: Wenn wir von Heimat sprechen: Gibt es ein Repertoire, in dem Sie sich besonders zu Hause fühlen?
Rafael Fingerlos: Das ist schwer zu beantworten. Ich sehe mich nicht als reinen Liedsänger, fühle mich in der Oper ebenso zu Hause wie bei Oratorien. Früher war man als Sänger einfach ein Sänger, da ging es nicht um die einzelnen Genres.

»Meine musikalische Heimat ist das Kunsthandwerk Gesang.«

Für mich kommt dieses Gerücht, dass es Spartensänger gibt, ehrlich gesagt immer von jenen, die die anderen Sparten nicht bedienen können oder wollen. Meine musikalische Heimat ist schlicht das Kunsthandwerk Gesang – der Handwerksbegriff ist mir hier wichtig. Das ist auch nichts, auf das man jetzt stolz sein muss. Ein Bäcker, der tolle Semmerl macht, sagt ja auch nicht, meine Semmeln sind so wunderbar, ich bin so toll. Ich sehe das Singen wirklich als Handwerk, als Gabe, die ich Gott sei Dank bekommen habe und mit der ich im besten Falle Menschen Freude machen darf.

Studiert ein Lied nicht wie ein Gedicht, sondern immer mit der Musik: Rafael Fingerlos
Studiert ein Lied nicht wie ein Gedicht, sondern immer mit der Musik: Rafael Fingerlos

CRESCENDO: Beim Einstudieren eines Stücks – wie erarbeiten Sie sich das Zusammenspiel von Text und Ton?
Rafael Fingerlos: Text und Ton sind untrennbar verbunden. Ich halte überhaupt nichts davon, dass man das wie eine Gedichtinterpretation anlegt – die hat ja zu einem Teil auch schon der Komponist gemacht. Ich beschäftige mich natürlich sehr intensiv mit dem Text, aber wenn es um Liedgesang geht, nur in direkter Verbindung mit der Musik. Die Aufgabe eines Interpreten ist es, dass man mit einer Mischung aus Demut und eigener Kreativität die eigene Erfahrung reinbringt. Im Endeffekt ist nichts größer als das Stück selbst.

Gefühle ausdrücken

CRESCENDO: Um an den Anfang zurückzudenken: Welche Bedeutung hatte in der Heimat Ihrer Kindheit die Musik?
Rafael Fingerlos: Ich komme zum Glück aus einer sehr musikalischen Familie. Die Musik war immer ein wichtiger Lebensbestandteil, mein Vater war Musiklehrer, alle Geschwister musizierten, und wir haben sehr viel Volksmusik gemacht. Ich habe lange und sehr intensiv diatonische Ziehharmonika gespielt – so, dass ich immer gesagt habe, mein großes Ziel mit dem Singen sei es, dass ich meine Gefühle irgendwann einmal genauso gut ausdrücken könne wie mit der Ziehharmonika. Mittlerweile hat sich das verschoben. Nun muss ich wahnsinnig üben, um noch etwas auf der Ziehharmonika zustande zu bringen. Neben dem eigenen Musizieren hatten wir eine riesige Kassettensammlung zu Hause, und ich habe fast täglich etwas angehört – viele Opernaufnahmen, zum Beispiel von Fritz Wunderlich … Das habe ich geliebt.

CRESCENDO: Eine spannende Mischung!
Rafael Fingerlos: Ja, auf jeden Fall. Dazu war mein Vater noch Jazzer, mein Bruder hatte eine Rockband… Aber genau diese Mischung hat mich geprägt. Und wenn ich heute ein Schubertlied singe, hilft es mir sehr, was ich beim Musizieren in der Familie gelernt habe – wenn es um den Rhythmus geht, um den Drive, darum, dass alles schwingt.

Der Körper als Instrument

Sang schon als Kind in Chören und wollte eine eigene Rockband haben: Rafael Fingerlos
Sang schon als Kind in Chören und wollte eine eigene Rockband haben: Rafael Fingerlos

CRESCENDO: Wann haben Sie schließlich das Singen für sich entdeckt?
Rafael Fingerlos: Ich habe schon als Kind sehr viel gesungen, später dann in Vokalensembles und in Chören – bis hin zu meiner Idee einer eigenen Rockband. Nach dem Stimmbruch habe ich dann Gesangsstunden genommen, und diese Arbeit mit dem Körper als Instrument – diese Vorstellung, dass man quasi sein eigenes Instrument baut, das hat mich unglaublich fasziniert.

»Wenn alles funktioniert und schwingt, dann gibt es nichts Schöneres, als auf der Bühne zu stehen und zu singen.«

Als sensibler Mensch hat man beim Singen eine große Möglichkeit, seine Gefühle zu übertragen. Es gibt nichts dazwischen, keinen Bogen, kein Holz, keine Taste. Da ist nur der Mensch, der zum Menschen singt. Das macht es gleichzeitig natürlich auch so schwierig, weil wir von unserer Umwelt und unserer Verfassung wahnsinnig abhängig sind. So manches Mal habe ich mir schon gedacht, ich würde gerne mit einem Geiger tauschen, der jeden Tag sein perfekt gebautes Instrument aus dem Kasten holt. Aber wenn alles funktioniert und schwingt, dann gibt es nichts Schöneres, als auf der Bühne zu stehen und zu singen – und wenn sich das dann auf das Publikum überträgt.

Die Stille nach einem Lied

CRESCENDO: Wie sehr fehlen Ihnen das Publikum und die Bühnensituation angesichts der ausgefallenen Vorstellungen aufgrund der Corona-Pandemie?
Rafael Fingerlos: Gerade jetzt, da ich nicht vor Publikum singen darf, merke ich, wie sehr mir das fehlt. Dabei geht es gar nicht darum, mich feiern zu lassen, sondern darum, dass das, was wir Musiker machen, am besten funktioniert, wenn es für Menschen gemacht wird, die das live hören.

»Der wahre Reichtum einer Gesellschaft liegt in ihrem kulturellen Abdruck.«

Das Musizieren ist einfach immer ein Miteinander – das hat man ja auch deutlich bei Aufführungen gemerkt, die gestreamt wurden ohne Publikum: Es fehlt einfach etwas. Ich vermisse vor allem diese besondere Stimmung im Saal. Der Applaus ist mir eigentlich immer eher unangenehm. Aber wenn es nach einem Lied still ist – diese direkt geteilte Emotion, diese Resonanz, das ist unglaublich.

Halt und Trost

Der Bariton Rafael Fingerlos ist überzeugt, Dass Musik Halt und Trost gibt.
Musik ist ihm ein ständiger Begleiter: Rafael Fingerlos
(Foto: © Theresa Pewal)

CRESCENDO: Kann die Musik, kann Kultur Ihrer Erfahrung nach Halt geben in einer solchen Ausnahmesituation?
Rafael Fingerlos: Hundertprozentig! Ich bin fest davon überzeugt, dass Musik Halt gibt und Trost spendet. Für mich selbst ist die Musik ein ständiger Begleiter, und die Art der Musik, die ich anhöre, ist immer davon abhängig, in welcher Stimmung ich gerade bin. Und wenn man sich anschaut, was die Leute im Moment machen, merkt man: Sie schauen Filme an, sie lesen Bücher und hören Musik. Daran sieht man, wie wichtig die Kultur ist.

CRESCENDO: Also ist Kultur für Sie „systemrelevant“?
Rafael Fingerlos: Natürlich! Kultur ist überlebensnotwendig. Sie ist das, was uns Menschen ausmacht – der wahre Reichtum einer Gesellschaft liegt in ihrem kulturellen Abdruck, das war schon immer so. Systemrelevant ist ein so harter Begriff. Ich würde eher sagen: Kultur ist ein essenzieller Teil des Menschseins. Sie ist Nahrung fürs Herz.

Rafael Fingerlos: „Fremde Heimat“, Sascha El Mouissi (Oehms Classics in Koproduktion mit BR-Klassik)
Zu beziehen u.a. bei: www.amazon.de
Und anzuhören in der NML.

Auftrittstermine von Rafael Fingerlos und weitere Informationen: www.rafaelfingerlos.com

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